Zwei romantische Orgeln

Orlos, Dienstag, 03. Januar 2012, 23:32 (vor 5352 Tagen)

Da Wiesbaden im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde, sind viele Orgeln aus dem 19. Jahrhundert erhalten geblieben, die meisten wurden jedoch in der Nachkriegszeit klanglich umgestaltet. Zwei Instrumente wurden vor kurzem verändert, ich möchte sie Euch hier vorstellen.
1)
Die 1912 erbaute Lutherkirche erhielt schon zur Einweihung eine große Walcker-Orgel. Die Orgel wurde nach dem Zweiten Weltkrieg "aufgenordet" und 1987 von Klais restauriert. Dabei behielt man jedoch den nicht original erhaltenen Spieltisch bei. Im Herbst 2011 wurde nun ein neuer Spieltisch eingebaut nach historischem Vorbild, aber mit zusätzlicher elektronischer Setzeranlage.
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Dabei wurden auch neue Klaviaturen, Registerwippen und Knöpfe eingebaut.
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Auf der linken Seite finden sich die Register zum Schwellwerk (3. Manual, blau) und zum Hauptwerk (1. Manual, weiß).
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Auf der rechten Seite sind die Wippen vom Positiv (2. Manual, rosa) und Pedal (grün) untergebracht.
Über dem 3. Manual befinden sich die Koppeln. Da das Schwellwerk komplett tatsächlich bis a4 (!) ausgebaut ist, sind die Oktavkoppeln sinnvoll einsetzbar. So ist zum Beispiel das Fagott 16' ein sehr schönes Soloregister, wenn man es eine Oktave höher spielt. Sinnvoll ist auch die Superkoppel im Pedal, so hat man auch beim geforderten Doppelpedal einen Fuß frei, um Schweller oder Walze zu betätigen.
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Unter dem 1. Manual betätigt man die typischen Walcker-Knöpfe (hier nur ein Ausschnitt sichtbar), dabei ist der Sequenz-Schalter der Setzeranlage unauffällig integriert.
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Die Setzeranlage ist rechts über dem 3. Manual untergebracht:
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Beim Spielen von Gottesdiensten bin ich froh, dass auch die beiden freien Kombinationen vorhanden sind, so kann man immer schnell auf eine vorher eingestellte Registrierung zurückgreifen. Da es unter dem 1. Manual keine Knöpfe gibt, um einzelne Setzeranlagen direkt aufzurufen, kommt man schnell durcheinander. In der Praxis hat es sich meines Erachtens sehr bewährt, beide Systeme zu besitzen. So ist es bei der neuen Klais-Orgel in Karlsruhe auch praktiziert worden.
Bei den im Sommer 2011 durchgeführten Arbeiten wurde die Orgel auch neu intoniert. Im Jahr 1987 war man da noch nicht authentisch und mutig genug, jetzt klingt die HW-Gambe endlich wieder wie eine spätromantische Sologambe! Insgesamt ist es eine sehr gelungene Sache geworden. Es macht noch mehr Freude als vorher, an dieser phantastischen Orgel zu spielen!

2)
Die Kirche St. Marien in Wiesbaden-Biebrich wurde 1876 erbaut und erhielt eine Orgel von Heinrich Voigt aus Igstadt, der in der Region viele robuste Orgeln baute. Dieses Instrument wurde mehrfach umgebaut, unter anderem 1926 von Klais.
Im Jahr 1981 baute die Firma Mayer aus Heusweiler ein neues Gehäuse und neue Windladen, diesmal nach dem Prinzip der mechanischen Schleiflade.
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Dabei wurde ein Großteil des vorhandenen Pfeifenmaterials übernommen. Neu kamen Prinzipale und Mixturen sowie einige Zungenstimmen und Einzelaliquote hinzu. Links auf dem Photo befinden sich Hauptwerk und Großpedal, rechts das Schwellwerk (hinter Oktavbass 8'). Als Rückpositiv fungiert das Kleinpedal.
1985 kam noch eine elektrisch angespielte Chororgel dazu. Von ihrem Spieltisch lässt sich auch das Hauptwerk der Hauptorgel anspielen.
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Ganz zufriedenstellend war die Lösung damals nicht. Die durchschlagende Klarinette 8' klang auf der neuen Schleiflade mit relativ niedrigem Winddruck nicht befriedigend; die neuen Register waren mit ziemlich enger Mensur gebaut worden und mischten sich nicht alle mit den alten Registern. Dazu kam eine im gekoppeltem Spiel sehr schwergängige Traktur.
Als in Bayern eine alte Orgel mit elektrischer Kegellade zum Verkauf angeboten wurde, schlug die Gemeinde zu und erwarb das Instrument. Es wurde im Turmraum hinter der Orgel aufgestellt, von unten sind die Register nicht sichtbar. Das bisherige Koppelmanual wurde aufgegeben. Von nun an wird das Hauptwerk mechanisch vom 1. Manual und das Schwellwerk wie bisher mechanisch vom 3. Manual aus angespielt. Das neue Turmwerk liegt auf dem 2. Manual, ebenso die Chororgel. Das Schwellwerk erhielt Elektromagnete, damit das Koppeln angenehmer wurde. Dabei baute man auch Oktavkoppeln ein, die allerdings nicht ausgebaut sind. In der Praxis führt das zu gewaltigen Brüchen (anders als in der Lutherkirche!). Beim Improvisieren kann man damit aber tolle Effekte hervorrufen.
Hier die aktuelle Disposition:
*=1981 neu eingebaut

I Hauptwerk C-g3 (mechanische Schleiflade)
Bourdon 16'
Principal 8' *
Hohlflöte 8'
Salicional 8'
Quintatön 8'
Octave 4' *
Rohrflöte 4'
Superoctave 2' *
Cornet 4fach 4' * ab f°
Mixtur 5fach 1 1/3' *
Trompete 8'
Tremulant

II Turmwerk (elektrische Kegellade)
Bordun 16'
Principal 8'
Tibia 8'
Gedackt 8'
Gambe 8'
Salicional 8'
Vox coelestis 8'
Flöte 4'
Gemshorn 4'
Cornettmixtur
Clarinette 8'

III Schwellwerk (mechanische Schleiflade)
Gedackt 8'
Harmonieflöte 8'
Gemshorn 8'
Aeoline 8' ab fis°, schwebend
Principal 4' *
Flauto-Traverso 4'
Nazard 2 2/3'
Hohlflöte 2' *
Terz 1 3/5' *
Quinte 1 1/3'
Scharff 4fach 1' *
Basson 16' *
Oboe 8'
Tremulant

Pedal C-f1
Violon 16'
Subbaß 16'
Echobass 16'
Quinte 10 2/3'
Octavbaß 8'
Violoncello 8' (noch nicht angeschlossen)
Rohrgedackt 8'
Octave 4'
Nachthorn 4'
Mixtur 4fach 2 2/3'
Posaune 16'
Baßtrompete 8'

II Chororgel
Metallgedackt 8'
Blockflöte 4'
Principal 2'
Cymbel 2fach 2/3'

Normal- und Oktavkoppeln
Die durchschlagende Klarinette 8' ist noch nicht wieder angeschlossen. Im Turmwerk steht eine andere, aufschlagende Clarinette.

In der Kirche, die über eine beeindruckende Kathedral-Akustik verfügt, verbindet sich die bisherige Orgel mit dem neuen Turmwerk erstaunlich gut. Die weichen Register ergänzen sich wunderbar, auch die Cornettmixtur integriert sich in den romantischen Klang. Störend sind immer noch der Prinzipal 8' von 1981 und die hohen Mixturen bemerkbar. Mit ihnen lässt sich zwar gut Bach und Buxtehude spielen, aber es ergibt sich kein überzeugender Gesamtklang.
Symphonischer Klang lässt sich mit den Oktavkoppeln erzeugen, dann kommt auch das Turmwerk sehr mächtig daher. Allerdings ist dann das Pedal zu schwach, hier fehlen ein Principalbass 16' und eine Posaune 16' mit voller Länge.
Die sehr spitze Chororgel bietet hübsche Effekte bei Barockmusik oder Improvisationen.
Leider reichte das Geld noch nicht für eine Setzeranlage. Mit zwei freien Kombinationen und Walze lässt sich der Registerbestand nicht gut beherrschen.
Das größte Problem für ungeübte Organisten ist der Bruch der Spielweise: 1. und 3. Manual mechanisch mit ordentlichem Kraftaufwand, das 2. Manual elektrisch ohne jeglichem Druckpunkt. Da müsste man künstlich einen Druckpunkt erzeugen, damit man als Spieler nicht so irritiert ist.
Es bleibt also noch einiges zu tun. Interessant ist diese Lösung aber schon.


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