Beckerath-Orgel Münchberg
Am letzten Samstag wurde unter großer Teilnahme der Bevölkerung die ehemalige Laeiszhallenorgel in der Münchberger Stadtkirche eingeweiht. Hinter dem neuen von Lothar Zimmermann gestalteten Prospekt erklingen nun insgesamt 61 Register, die ihre klangliche Herkunft aus den frühen fünfiziger Jahren nicht verleugnen, sondern einen besonderen Akzent in der Oberfränkischen Orgelandschaft setzen werden.
Zu diesem Projekt gebe ich gerne Informationen weiter, die sowohl die Geschichte als auch die aktuelle Disposition betreffen weiter.
Von der Vision zum Klang- die Beckerath-Orgel der Münchberger Stadtkirche
Artikel aus der Festschrift:
"Eine Hamburger Königin zieht um - die neue „alte“ Orgel der Münchberger Stadtkirche
Im Jahr 1925 fand in Hamburg und Lübeck die erste bedeutende Orgeltagung statt – initiiert vom Schriftsteller und Orgelkenner Hans Henny Jahnn. Deutschlands renommierteste Organisten reisten in die Hansestadt, um den wiederentdeckten Klang der historischen Arp-Schnitger-Orgel in der St. Jacobi-Kirche zu erleben. Ihr klar strukturierter Aufbau – mit Rückpositiv, Haupt-, Ober-, Brust- und Pedalwerk – wurde bald zum Vorbild der neobarocken Orgelbewegung. Fortan galt sie als Idealbild des Orgelbaus, an dem sich namhafte Firmen wie Kemper (Lübeck), Sauer (Frankfurt/Oder) und Furtwängler & Hammer (Hannover) bei ihren Neubauten orientierten.
Doch wie kam es dazu, dass eine Orgel nach Arp-Schnitgers Vorbild in die Hamburger Musikhalle gelangte?
Eine Orgel zwischen Trümmern und Neubeginn
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Orgellandschaft Hamburgs in einem desolaten Zustand: Die Hauptkirchen St. Katharinen und St. Jacobi lagen in Trümmern, von ihren berühmten Barockorgeln blieben nur wenige Pfeifenfragmente (St. Katharinen) bzw. Teile des Orgelinneren (St. Jacobi) erhalten. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt voraussehen, ob die klangprächtige Schnitger-Orgel je wieder auferstehen würde.
Ironischerweise hatten ausgerechnet die großen romantischen Orgeln in den Hauptkirchen St. Michaelis und St. Petri den Krieg fast unversehrt überstanden – ebenso wie die monumentale Walcker-Orgel in der Musikhalle. In ihr sah die neue Generation Hamburger Organisten jedoch nicht mehr das geeignete Instrument. Vielmehr entstand die Idee, an diesem unversehrten Ort ein modernes Klangideal zu realisieren: eine Orgel mit mechanischer Spieltraktur, inspiriert vom Aufbau und Klangbild der Jacobi-Orgel – kurz: eine Orgel des 20. Jahrhunderts mit den Prinzipien des Barock.
Zwar musste der Prospekt – also das äußere Erscheinungsbild – der vorhandenen Walcker-Orgel beibehalten werden, doch im Inneren wurde das Schnitger'sche Vorbild konsequent umgesetzt: Unten das Rückpositiv, flankiert vom Pedalwerk, darüber Haupt- und Oberwerk, sowie Kronwerk, das dem Brustwerk der Jacobi-Orgel entspricht.
Gutachten gegen die Romantik
Um den Abbruch der funktionstüchtigen Walcker-Orgel zu rechtfertigen, wurden Gutachten eingeholt – unter anderem vom Organologen und Pastor Christhard Mahrenholz sowie vom staatlich bestellten Sachverständigen KMD Friedrich Brinkmann, dem Kantor der Hauptkirche St. Michaelis. Beide sprachen der Walcker-Orgel aufgrund ihrer pneumatischen Traktur und romantischen Klangdisposition jegliche Eignung zur Interpretation Bachscher Musik ab – das Urteil war damit gefällt.
Rudolf von Beckerath – der Architekt des Neubeginns
Mit Rudolf von Beckerath fand sich ein prädestinierter Orgelbauer für das ambitionierte Projekt. In München geboren, hatte er zunächst Maschinenbau studiert. Auf Empfehlung von Hans Henny Jahnn ging er nach Frankreich, wo er den französischen Orgelbau intensiv kennenlernte. Weitere Stationen führten ihn nach Dänemark zu Frobenius und erneut nach Frankreich zu Gonzales, ehe er 1936 als freier Orgelberater nach Deutschland zurückkehrte. Im selben Jahr war er federführend an der Planung der ersten großen mechanischen Orgel Hamburgs in der Othmarscher Christuskirche beteiligt.
Nach dem Krieg ließ er sich endgültig in Hamburg nieder – nicht zuletzt aufgrund seiner zahlreichen persönlichen Verbindungen. 1949 erhielt er zwei entscheidende Aufträge: den Neubau einer kleinen Orgel für die St.-Elisabeth-Kirche und – weit bedeutender – den Auftrag für die neue Orgel in der Musikhalle.
Eine neue Zeit beginnt
Für das Projekt wurden nur zwei Angebote eingeholt: von der ursprünglichen Erbauerfirma Walcker sowie von Beckerath. Während Walcker lediglich eine klangliche Umgestaltung des alten Instruments anbot, überzeugte Beckerath mit einem radikal neuen Konzept: eine rein mechanische Orgel nach dem Ideal der Schnitger-Orgel von St. Jacobi – ergänzt durch moderne Elemente wie eine elektrische Registertraktur, einen Schwellkasten für das Oberwerk, entlegenen Aliquoten und einen Barkerhebel zur Erleichterung des Spiels.
Das Gutachten Friedrich Brinkmanns fiel eindeutig aus: Nur Beckerath sei imstande, eine Orgel zu bauen, die dem Werk Johann Sebastian Bachs würdig sei.
Der ursprünglich geplante opulente Dispositionsentwurf mit 75 Registern wurde schließlich auf 59 Register reduziert – noch immer ein beeindruckendes Klangspektrum.
Am 13. Februar 1951 wurde die Orgel nach bestandener Abnahmeprüfung durch KMD Brinkmann feierlich an den Schul- und Kultursenator Heinrich Landahl übergeben. Die Orgel verfügte nun über vier Manuale, Pedal und 4.527 Pfeifen. In der Abnahme hieß es stolz, es handle sich um „die erste große Orgel nach dem Kriege, die nach modernen Orgelbauprinzipien erbaut wurde“.
Bereits am 1. Februar hatte die Einweihung mit einem reinen Bach-Programm durch Prof. Helmut Walcha stattgefunden. Sein Spiel begeisterte Publikum und Presse gleichermaßen. In der Kritik von Broesicke-Schoen hieß es:
„Es war ein prachtvoller, objektiver, sozusagen instruktiver Bach, den er mit überlegener Meisterschaft aus dem streng neubarocken Klangbild herausformte.“
Von der Konzertorgel zum Stiefkind – und zur Wiedergeburt
Mit dem Wiederaufbau der Orgeln in den Hauptkirchen und der wachsenden orchestralen Nutzung der Musikhalle verlor das Instrument zusehends an Bedeutung. Die feine, vielfarbige Klangsprache der Orgel konnte sich gegen das Volumen eines vollen Sinfonieorchesters kaum behaupten. Auch die akustisch eher trockene Musikhalle erwies sich als klanghemmend – ein Umstand, der dem sensiblen Instrument zunehmend zusetzte.
Der Umzug in die Münchberger Stadtkirche markiert daher eine glückliche Wende: In der hervorragenden Akustik des neuen Raumes kann die Orgel erstmals ihre ganze Klangschönheit entfalten. Lediglich wenige Anpassungen an der Disposition waren notwendig: Im Hauptwerk wurde die Flachflöte zu einem Terzregister gerückt, im Schwellwerk fand eine bereits 1949 vorgesehene offene Holzflöte – aus der alten Steinmeyer-Orgel Münchbergs – ihren Platz, ergänzt um eine lyrische Oboe als Soloregister. Als klangliche Glanzpunkte erhielt das Instrument noch eine Spanische Trompete sowie eine Soloflöte. Natürlich wurde auch ein Zimbelstern integriert.
Erstmals spiegelt auch der Prospekt den inneren Aufbau wider – eine gestalterische Hommage an den „Hamburger Prospekt“, den der Orgeldesigner Lothar Zickermann gestaltet hat. Eine Besonderheit ist zudem die doppelte Spielmöglichkeit: Das Instrument kann sowohl von der Empore als auch vom Kirchenschiff aus gespielt werden.
Ein Traum wird Wirklichkeit
Exakt 100 Jahre nach der legendären Hamburger Orgeltagung steht nun in Münchberg ein Instrument, das den damaligen Visionen in jeder Hinsicht gerecht wird. Ein Traum, der nun in Oberfranken zu neuem Glanz erwacht – als leuchtender Höhepunkt in einer ohnehin reichen Orgellandschaft.
KMD Gerd Hennecke (Sulzbach-Rosenberg)
Orgelsachverständiger der ELKB"
Technische Daten:
Orgel: 1951/2025 Firma Rudolf von Beckerath / Hamburg
Prospekt: Lothar Zimmermann / Hannover
Musik: Zwischen Zeiten und Tönen – Variationen über Greensleeves
Organist: KMD Gerd Hennecke (Sulzbach-Rosenberg
I Oberwerk
(Quintadena 16´, vacant)
Prinzipal 8´ (teilw. Prospekt, neu)
Quintadena 8´
Gedackt 8´
Prinzipal 4´ (teilw. Prospekt, neu; C-H Steinmeyer)
Rohrflöte 4´
Quinte 2 2/3´
Sesquialtera 2 2/3´
Ital. Prinzipal 2´
Quinte 1 1/3´
Scharf 1´
Dulcian 16´
Bärpfeife 8´
Tremulant
IV-I
III-I
III16-I
III4-I
II-I
Solo an I
II Hauptwerk
Prinzipal 16´ (teilw. Prospekt, neu)
Oktave 8´ (teilw. Prospekt, neu)
Rohrflöte 8´
Oktave 4´
Nachthorn 4´
Rauschpfeife 2 2/3´
Oktave 2´
Terz 1 3/5´
Mixtur 1 1/3´
Trompete 16´
Trompete 8´
IV-II
III-II
III16-II
III4-II
I-II
Solo an II
III Schwellwerk
Holzprinzipal 8´
Koppelflöte 8´
Violflöte 8´
Viol céleste 8´ (ab c°, Steinmeyer)
Violflöte 4´
Blockflöte 4´
Nasat 2 2/3´
Waldflöte 2´
Nonencornet 1 3/5´
Nachthorn 1´
Scharf 1´
Trompete 8´
Oboe 8´
Vox Humana 8´
Tremulant
IV-III
III Unisono off
III16
III4
Solo an III
IV Rückpositiv
Holzgedackt 8´
Holzprinzipal 4´
Kleinflöte 2´
Terzian 1 3/5´
Sifflöte 1´
Scharf 2/3´
Dulcian 8´
Tremulant
IV Solo
Paulusflöte 8´ (Prospekt RP neu; C-H Steinmeyer)
Michaelstrompete 8´ (horizontal)
Pedal
Prinzipal 32´ (elektr. Schaltung)
Prinzipal 16´ (teilw. Prospekt, neu)
Subbaß 16´
Quinte 10 2/3´
Oktave 8´ (teilw. Prospekt, neu)
Gedackt 8´
Oktave 4´
Rauschpfeife 4´
Nachthorn 2´
Mixtur 2´
Posaune 32´
Posaune 16´
Trompete 8´
Trompete 4´
Cornet 2´
IV-P
III-P
II-P
I-P
Sequenzer
Setzeranlage
Sustenuto
Walze
Emporenspieltisch
Kirchenschiffspieltisch
Zungen ab
Mixturen ab
gesamter Thread:
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Gerd,
20.10.2025, 07:27
- Beckerath-Orgel Münchberg - Florian-L, 20.10.2025, 08:35
- Beckerath-Orgel Münchberg - otto krämer, 20.10.2025, 15:08
- Beckerath-Orgel Münchberg -
fluteceleste,
20.10.2025, 15:24
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Friedrich,
20.10.2025, 15:45
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Gerd,
20.10.2025, 16:15
- Beckerath-Orgel Münchberg - fluteceleste, 20.10.2025, 16:19
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Gerd,
20.10.2025, 16:15
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Friedrich,
20.10.2025, 15:45
- Beckerath-Orgel Münchberg -
elias.orgel,
20.10.2025, 16:35
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Friedrich,
20.10.2025, 16:46
- Beckerath-Orgel Münchberg - elias.orgel, 20.10.2025, 17:55
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Friedrich,
20.10.2025, 16:46
- Beckerath-Orgel Münchberg -
Sweelinck,
22.10.2025, 21:33
- Beckerath-Orgel Münchberg - JSBach, 25.10.2025, 21:26