Frage Orgelflügel (Türen)
Hallo!
Vielleicht hat jemand ja "Die gemalten Orgelflügel in Europa" zur Hand oder einfach nur Fachwissen....
Eine Quelle spricht von Orgelflügeln (Türen, nicht Instrumente!) mit bemalter Leinwand, ein Fachbuch erwähnt leinenbespannte Rahmen als Flügel - muss man sich das tatsächlich nur als Rahmen (vermutlich incl. div. Querstreben zur Statik) denken, der ein oder zwei Lagen Leinwand dazwischen hat? Oder ist hinter der Leinwand immer auch noch eine Holzplatte?
Gibt es Beispiele/Quellen für leinwandbespannte Flügel, die aber auch die Form von Türmen mit aufgreifen, also nicht nur völlig flach sind?
Danke für Informationen
Frage Orgelflügel (Türen)
Ich denke, die Flügel stellten eine gewisse Parallele zu den Flügelaltären dar. Und diese Flügelaltäre hatten immer Flügel aus Brettern, nicht aus leinwandumspannten Rahmen. Mit dem Abkommen der Flügelaltäre verschwinden ja dann auch langsam (vielleicht etwas später) die Flügeltüren bei den Orgeln. Die neuen Altaraufbauten haben dann weit größere Dimensionen mit einem Riesenbild in der Mitte. Schon aus Gewichts- und Transportgründen waren dies Leinwandbilder: Man konnte sie im Atelier malen und zum Transport einrollen. Und da sie im Retabel nicht mehr bewegt wurden, konnte man sie in einen leichten Rahmen spannen. Aber diese Zuwendung zum Leinwandbild, welches das Tafelbild ja ganz verdrängte, geschah dann in einer Zeit, als Bilder an Orgeln immer weniger angebracht wurden. Folglich konnte sich das Leinwandbild an der Orgel nicht mehr etablieren.
Vermutlich legte die erwünschte Beweglichkeit sowohl bei den Altar-, wie auch den Orgelflügeln eine Massivbauweise nahe. Da man ja nur von unten "schieben" kann, entstehen Scherkräfte, die bei einer Rahmenkonstruktion und hart gehenden Scharnieren die Rahmen leicht beschädigen könnten.
Mir kommt da noch die Frage: Warum wurden die Flügel aufgegeben? Und damit im Zusammenhang: Warum wurden zunächst überhaupt Flügel angebracht? Waren die Flügel ausschließlich eine ästhetische Antwort auf die Altarflügel oder dienten sie wirklich primär als Schutz gegen Fledermäuse u.A. ? Wenn ja: waren dann irgendwann die Kirchen so dicht, daß es diesen Schutz nicht mehr brauchte? Das kann ich mir nicht ganz vorstellen, denn in Weingarten habe ich beispielswiese schon oft halbverhungerte Fledermäuse auf dem Boden gesehen. Dann wären die Flügel eher aus ästhetischen Gründen als aus technischen Schutzgründen angebracht gewesen. Und wenn das so wäre, dann wäre die Aussage doch, daß die Orgel als eine Antwort auf den (Flügel-)Altar gesehen wurde. Die Orgel wäre also stärker im Kontext der Sakraltopographie des Raumes zu sehen. Mit dem Verlust der Flügel würde sie dann diesen Kontext verlieren und sich vom Altar quasi "emanzipieren". Diesen Überlegungen stehen aber die evangelischen Altar-Kanzel-Orgel-Aufbauten entgegen.
Frage Orgelflügel (Türen)
Mir kommt da noch die Frage: Warum wurden die Flügel aufgegeben? Und damit im Zusammenhang: Warum wurden zunächst überhaupt Flügel angebracht? Waren die Flügel ausschließlich eine ästhetische Antwort auf die Altarflügel oder dienten sie wirklich primär als Schutz gegen Fledermäuse u.A. ? Wenn ja: waren dann irgendwann die Kirchen so dicht, daß es diesen Schutz nicht mehr brauchte? Das kann ich mir nicht ganz vorstellen, denn in Weingarten habe ich beispielswiese schon oft halbverhungerte Fledermäuse auf dem Boden gesehen. Dann wären die Flügel eher aus ästhetischen Gründen als aus technischen Schutzgründen angebracht gewesen. Und wenn das so wäre, dann wäre die Aussage doch, daß die Orgel als eine Antwort auf den (Flügel-)Altar gesehen wurde. Die Orgel wäre also stärker im Kontext der Sakraltopographie des Raumes zu sehen. Mit dem Verlust der Flügel würde sie dann diesen Kontext verlieren und sich vom Altar quasi "emanzipieren". Diesen Überlegungen stehen aber die evangelischen Altar-Kanzel-Orgel-Aufbauten entgegen.
mein verständnis war immer, daß die flügel akustischen zwecken dienten? verbesserung der schallabstrahlung (mehr schall wird nach vorne geworfen und daran gehindert, hinter der orgel zu verhallen)? meine, soetwas gelesen zu haben. was natürlich nicht erklärt, warum die flügel aufgegeben wurden. hier könnte ich mir vorstellen, daß es mit der größe der orgeln zu tun hatte: bei größeren (und klangmächtigeren) instrumenten waren flügel sowohl technisch schwer machbar als auch wohl überflüssig, insbesondere dann, wenn das instrument seinen aufstellungsort (etwa eine westempore) ohnehin weitgehend ausfüllte. das war nun zur zeit der leinwandbilder wohl oft der fall, und der rückgriff auf flügel verbot sich auch bei kleineren orgeln dann vielleicht schon deshalb, weil sie altmodisch gewirkt hätten.
Frage Orgelflügel (Türen)
Ich glaube alles ist richtig. Die Flügeltüren boten zum einen Schutz gegen Ungeziefer, andererseits hatten sie eine liturgische (verhüllende) Funktion, in dem sie während der Bußzeiten, gleich den Altarflügeln, geschlossen wurden. Vermutlich wurden die Instrumente während dieser Zeiten auch weniger bespielt.
--
Gruß
MAT
Frage Orgelflügel (Türen)
nachtrag: wobei, vielleicht wurden sie ja gar nicht aufgegeben. siehe hier: die orgel der dorfkirche gapinge in seeland. die stammt von etwa 1755 und HAT flügel. allerdings handelt es sich hier eigentlich um eine hausorgel: so daß, wenn die flügel aus der erbauungszeit stammen, meine akustik-vermutung in frage gestellt scheint. fledermäuse dürften den durchschnittlichen salon des 18. jhs. allerdings auch nicht in nennenswerter zahl bevölkert haben! in die kirche wurde die orgel erst ende des 19. jhs. gestiftet (und inzwischen übrigens an das orgelmuseum elburg verkauft).
Frage Orgelflügel (Türen)
Gerade bei einer Kleinorgel könnten Türen ja weiterhin eine Schutzfunktion gehabt haben. Z.B. gegen unbeaufsichtigte Kinderchens, die sich in der guten Stube gelegentlich tummelten. Wenn ich es recht in Erinnerung habe, besitzen auch die Toggenburger Hausorgeln Türen.
Frage Orgelflügel (Türen)
Noch eine Frage: Sind dann die barocken "Ohren" der letzte und degenerierte Rest der einstigen Flügel?
Frage Orgelflügel (Türen)
Hallo!
Vielleicht hat jemand ja "Die gemalten Orgelflügel in Europa" zur Hand oder einfach nur Fachwissen....
Eine Quelle spricht von Orgelflügeln (Türen, nicht Instrumente!) mit bemalter Leinwand, ein Fachbuch erwähnt leinenbespannte Rahmen als Flügel - muss man sich das tatsächlich nur als Rahmen (vermutlich incl. div. Querstreben zur Statik) denken, der ein oder zwei Lagen Leinwand dazwischen hat? Oder ist hinter der Leinwand immer auch noch eine Holzplatte?
Gibt es Beispiele/Quellen für leinwandbespannte Flügel, die aber auch die Form von Türmen mit aufgreifen, also nicht nur völlig flach sind?
Danke für Informationen
Hallo Forum,
das erwähnte Buch beschäftigt sich vornehmlich mit der Beschreibung des Bildinhaltes der jeweiligen Orgelflügel, wobei der Text für meinen Geschmack eher oberflächlich daherkommt. Dafür gibt es teils sehr gute Abbildungen, teils auch auf Amateur-Niveau.
Zu den gestellten Fragen habe ich im Buch keine befriedigende oder auch nur ansatzweise Überblick bietende Abhandlung gefunden (obwohl das der Titel erwarten ließe), im Text zu den Einzelbeschreibungen ist manchmal von Leinwandbildern die Rede, manchmal von bemalten Holzflügeln, wobei mir scheint, dass es sich bei der Leinwand-Technik um die vornehmere Methode handelt. Anhand der Fotos kann man nicht immer sicher entscheiden, worum es sich handelt.
Beispiele für Leinwand: Kunstmuseum Basel, Flügelbilder von Hans Holbein d. J. um 1528. Sie werden mit den Flügeln der Valeria-Orgel in Sion als "Spitzenwerke der sogenannten Tüchleinmalerei" bezeichnet, "einer über Jahrhunderte hinweg angewandten, jedoch unbeständigen Maltechnik auf ungrundierter Leinwand, deren Werke im Laufe der Zeit nahezu vollständig verschlissen und untergegangen sind." Auf Abbildungen aus Sion kann man auf der Leinwand Abdrücke, bzw. farbliche Veränderungen erkennen, die aus dem Rahmenwerk des Flügels resultieren könnten (wobei innerhalb des Rahmenwerkes theoretisch auch Füllungen vorhanden sein könnten; ich persönlich würde aus Gewichts- und Beweglichkeitsgründen eher einen einfachen Rahmen erwarten).
Zum Thema "Tüchleinmalerei" findet sich ein Beitrag in dem informationsreichen Buch über die Valeria-Orgel, von dem ich mir früher mal Teile kopiert habe, aber leider nicht über die Flügel.
Weitere Beispiele: Brustwerkstüren Lübeck, Stellwagen-Orgel: Türen aus Holz (Text sagt nicht, ob Rahmen oder Tafeln), beidseitig mit Leinwand bespannt, Basedow: Mitteilung, von den Flügeln des RP seien nur noch die Holzrahmen auffindbar gewesen. Die Pedaltürme verfügen interessanter Weise nicht über Flügel, sondern über bemalte Leinwandvorhänge, die gleich einer Gardine zugezogen werden können.
Die Frage nach plastischen Flügeln kann man aus dem Buch heraus auch nicht erschöpfend klären. Auf Fotos aus Alkmaar sieht man ebene Bildbereiche zwischen den Turmrundungen, die ringsum mit Nieten befestigt zu sein scheinen, was auf Leinwand hindeutet. Auf den Türmen kann ich dergleichen nicht erkennen. Hier scheint eine Art Mischtechnik zwischen Leinwand- und Holzmalerei vorzuliegen. In einem niederländischen Buch über die große Orgel in Alkmaar fand ich Abbildungen von Röntgenaufnahmen, die anlässlich der Restaurierung in den 80ern entstanden. Sie zeigen u. a. rechteckige Felder mit Querstreben, also ein ausgesteiftes Rahmenwerk. Den niederländischen Text verstehe ich nicht im Detail, hatte auch nicht viel Zeit, mich damit zu beschäftigen.
Noch eine letzte Beobachtung: die Flügel der großen Orgel in der Nieuwe Kerk in Amsterdam zeigen zummindest an der Außenseite ringsum eine Nietenreihe, ebenso vertikal an den die Türme flankierenden Knicken. Ich wäre geneigt anzunehmen, dass hier große Leinwandbilder plastisch an den Flügeln befestigt sind.
Hoffe, Interessantes beigetragen zu haben.
Christoph
Frage Orgelflügel (Türen)
Basedow: Mitteilung, von den Flügeln des RP seien nur noch die Holzrahmen auffindbar gewesen. Die Pedaltürme verfügen interessanter Weise nicht über Flügel, sondern über bemalte Leinwandvorhänge, die gleich einer Gardine zugezogen werden können.
Diese Vorhänge sind derzeit aber nicht an den Pedaltürmen angebracht, oder? Womöglich eingelagert?
Gruß, Florian
Frage Orgelflügel (Türen) und Orgelohren
Vermutlich legte die erwünschte Beweglichkeit sowohl bei den Altar-, wie auch den Orgelflügeln eine Massivbauweise nahe. Da man ja nur von unten "schieben" kann, entstehen Scherkräfte, die bei einer Rahmenkonstruktion und hart gehenden Scharnieren die Rahmen leicht beschädigen könnten.
Ich habe mal eine sehr hübsche neue Orgel gesehen, die hatte gerade mal einen 6'-Prospekt in der Emporenbrüstung, und auf Wunsch der Sachverständigen oder Organisten hatte der Orgelbauer Flügeltüren gebaut. Für eine nicht gerade hohe und breite Orgel, wohlgemerkt. Und er hatte – Wertarbeit – massiv gebaut. Das erwies sich dann ganz schnell als richtig blöde Idee, denn sie begannen sofort, sich aus den Scharnieren zu drehen. Viel zu schwer. Die Flügel verschwanden dann ganz schnell wieder.
Anders als mit hauchdünner Rahmenbauweise oder mit Leinwand sind die auftretenden Kräfte nicht zu beherrschen. Wenn man sich die riesigen Türen in Alkmaar und Amsterdam ansieht, dann wirken die in diesen Dimensionen eierschaldünn.
Der Richteffekt tritt übrigens bei Leinwandflügeln ebenso auf wie bei Holzflügeln. Die aufgetragene Farbe macht die Leinwand erstens steif und glatt, und zweitens werden die hohen Frequenzen, die fürs Richtungshören entscheidend sind, von dieser Oberfläche immer noch deutlich reflektiert.
Weil das Thema »Ohren« angesprochen wurde: Die These, dass das in akustischer Hinsicht Schwundstufen von Türen seien, gibt es schon lange, z. B. bei Supper. Es wäre vielleicht mal den Versuch wert, eine Orgel mit und ohne seitliche Knorpelornamente zu hören. Supper hat, meiner Erinnerung nach in der Kreienbrink-Jubiläumsschrift aus den Sechzigern, außerdem behauptet, dass die »Ohren« dort am stärksten auslüden, wo der Klang am kräftigsten sei; er meinte damit wohl die Labienzohne.
Gruß,
Friedrich
Frage Orgelflügel (Türen)
Danke Christoph, da war doch viel Interessantes dabei.
Wozu Flügel? Das Bemalen war, denke ich, Nebeneffekt. Wer Akten von alten Orgeln in großen Kirchen untersucht, findet massenweise Berichte über stumme Pfeifen, verschmutzte Pfeifen. Stellt Euch doch mal eine Kirche wie hier vor (Rostock St. Marien):
Beleuchtung: Kerzen, schlimmstenfalls sogar Fackeln. Kohlheizungen für Musiker, VIPs, für Arbeiten (z. B. Leimkochen)
Staubige Bauarbeiten: ständig, wegen Reparaturen oder Umbauten am Gebäude
Offene Fenster: Häufig, Glasbruch wegen Sturmschäden (und der Aufbau von Reparaturgerüsten war schwieriger als heute)
Begräbnisse in der Kirche mit Erd- bzw. Sandarbeiten: ebenfalls häufig.
Dazu eine Menge Leute und Kram, unter Umständen sogar (Nutz)Tiere.
Dann durch Gewölbeöffnungen/defekte Fenster einfliegende Vögel, Fledermäuse, eindringende Nagetiere, ihnen folgend kleine Raubtiere (der letzte Marder wurde hier Anfang der 80er-Jahre als schlimmer Orgelschädling beobachtet. Er endete allerdings in einem Posaunentrichter...).
Es gab also viel Grund, die Orgeln zu verschließen. Und dann hat man natürlich die Nebeneffekte genutzt: Die herrlichen Flächen, die man nur dekorativ oder auch verkündend bemalen konnte. Und man schätzte sicher auch die klanglenkende Wirkung.
Aber dann die mechanischen Probleme: Wir bewegen hier in Rostock regelmäßig zwei Flügelaltäre (Beginn/Ende Passionszeit). Es ist ein Nervenkitzel, und man fragt sich, wie lange die Teile durchhalten.
Selbst heute ist es nicht einfach, die Last einer schweren Tür exakt auf mehrere Scharniere zu verteilen. Kein Wunder also, dass die Türen, zumindest, wenn man sie auch mal bewegt, Stress machen.
Gelegentlich wurden die Flügel in der offenenen Stellung auf Wandstützen aufgelegt (einige sind noch erhalten). Mancherorts wird man auf ein Schließen irgendwann verzichtet haben, weil man die "ungestützte" Phase nicht mehr wagte. Und wenn dann die Optik litt - in unseren Akten heißt es beispielsweise auch, dass die Flügelbilder gar zerstört wären und man ihnen zu Hülffe kommen müsste - dann war der Abbau schon fast zwingend.
Frage Orgelflügel (Türen) und Orgelohren
Und er hatte – Wertarbeit – massiv gebaut. Das erwies sich dann ganz schnell als richtig blöde Idee, denn sie begannen sofort, sich aus den Scharnieren zu drehen. Viel zu schwer.
Nunja, Holzflügel sind auch keine Seltenheit (z. B. in Rysum, Kiedrich, Amsterdam Nieuwe Kerk Chororgel). Die Massivholzkonstruktion scheint sich in diesen und vielen anderen Fällen durchaus zu bewähren. Es wäre interessant, was das beschriebene Beispiel von den funktionierenden Beispielen unterscheidet.
Anders als mit hauchdünner Rahmenbauweise oder mit Leinwand sind die auftretenden Kräfte nicht zu beherrschen. Wenn man sich die riesigen Türen in Alkmaar und Amsterdam ansieht, dann wirken die in diesen Dimensionen eierschaldünn.
In der Tat wirken diese Flügel sehr filigran. Die plastischen Partien für die Türme scheinen mir in Alkmaar jedoch eher massiv ausgeführt zu sein. Wen könnte man da Fragen?
Der Richteffekt tritt übrigens bei Leinwandflügeln ebenso auf wie bei Holzflügeln. Die aufgetragene Farbe macht die Leinwand erstens steif und glatt, und zweitens werden die hohen Frequenzen, die fürs Richtungshören entscheidend sind, von dieser Oberfläche immer noch deutlich reflektiert.
Hier würde mich interessieren, ob es dazu wissenschaftliche Untersuchungen gibt. Kann es sein, dass Leinwandflächen als Tiefenabsorber wirken, d. h. tiefe Frequenzen schlucken (wie auch große Fensterflächen, Holzpodeste unter Kirchenbänken u. ä.)?
Weil das Thema »Ohren« angesprochen wurde: Die These, dass das in akustischer Hinsicht Schwundstufen von Türen seien, gibt es schon lange, z. B. bei Supper. Supper hat, meiner Erinnerung nach in der Kreienbrink-Jubiläumsschrift aus den Sechzigern, außerdem behauptet, dass die »Ohren« dort am stärksten auslüden, wo der Klang am kräftigsten sei; er meinte damit wohl die Labienzohne.
Diese These halte ich für nicht sonderlich plausibel. Darüberhinaus bin ich auch eher skeptisch was die bewusst eingesetzte akustische Richtwirkung von Flügeltüren angeht. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass Fügeltüren zunächst als Schutz vor Staub und Tieren eingeführt wurden und quasi parallel ihr gestalterisches Eigenleben entfalteten, das die Schutzfunktion sehr schnell zur Nebensache werden ließ. Durch aufwendig gestaltete Flügeltüren wurde die Orgel zum illustren Ausstattungsgegenstand des mittelalterlichen Kirchenraums geadelt. In anderen Worten: ich vermute, dass das Deko-Argument alle anderen Gründe verblassen lässt.
Zum Thema Akustik möchte ich folgendes zu bedenken geben: um den Klang des Pfeifenwerkes im Gehäuse lenken zu können, dürfen die Flügel nicht völlig geöffnet werden. Stehen sie nahezu in einer Linie mit der Prospektfront (wie auf den meisten Fotos aus Sion), sind sie wahrscheinlich akustisch völlig unwirksam. Hab´s mir eben mal aufskizziert: nach meiner Schätzung dürfte ein akustisch guter Öffnungswinkel ca. 110° betragen, um den Schall nach vorne in die Kirche zu schicken (Ihr könnt ja zum Vergleich auch mal zeichnen und messen). Bloß: von wo aus soll man dann die Flügel angemessen betrachten können? Die meisten Flügel sind (zumindest heute) wesentlich weiter geöffnet. In Alkmaar sind die großen Flügel tatsächlich nicht sonderlich weit geöffnet, es ginge aber auch gar nicht weiter. Reflektieren die Flügel wirklich so viel günstiger als die verdeckte Langhauswand? Beim Rückpositiv auf Höhe der Arkaden zu den Seitenschiffen könnte ich mir eine verbesserte Präsenz durch die Flügel eher vorstellen (sofern der Öffnungswinkel stimmt!). Wie sieht es bei der klassischen, seitlichen Schwalbennestposition aus? Jetzt könnte man sagen: ha, Türen weiter auf, Schall besser gestreut! Wirklich? Wenn man die Pfeifenpositionen und die Gehäusetiefe berücksichtigt, kommt man zu dem Ergebnis, dass die Hälfte des Pfeifenwerkes zur einen Seite reflektiert wird, die andere Hälfte zur anderen Seite, und zwar je stärker, desto weiter die Pfeifen vorne stehen. Soll das, wenn es überhaupt einen merklichen akustischen Effekt von Flügeltüren gibt, eine anzustrebende Verbesserung sein? Und auch hier gilt meine Frage: wie weit sollen die Türen nun eigentlich geöffnet werden?
Anderes Thema: In den Niederlanden waren die Orgeln städtisches Eigentum und wurden durch calvinistischen Einfluss zunächst nur außerhalb des Gottesdienstes gepielt, was sich laut Orgelflügelbuch nach 1620 zögernd änderte. Die Orgel der Nieuwe Kerk (Türen von 1655) sieht im geschlossen Zustand, den ich für die calvinistischen Gottesdienste nicht ausschließen möchte, mit ihrer graubetonten hellen Farbe aus wie ein edles Monument, jedoch trotz der enormen Größe verhältnismäßig zurückhaltend. Der Inhalt ist demgegenüber umso prächtiger geraten. In einem Konzert, das ich dort miterleben durfte, wurden zum Beginn nur die Prospektregister gespielt, wobei sich die Flügel durch neuzeitliche Automatik ganz langsam und theatralisch öffneten. Es war umwerfend und vom Grad des Staunens her wie eine weihnachtliche Bescherung aus alten Zeiten!
Frage Orgelflügel (Türen)
Basedow: Mitteilung, von den Flügeln des RP seien nur noch die Holzrahmen auffindbar gewesen. Die Pedaltürme verfügen interessanter Weise nicht über Flügel, sondern über bemalte Leinwandvorhänge, die gleich einer Gardine zugezogen werden können.
Diese Vorhänge sind derzeit aber nicht an den Pedaltürmen angebracht, oder? Womöglich eingelagert?Gruß, Florian
Zur GdO-Tagung 2006 in Güstrow waren sie noch da:
![[image]](images/uploaded/2013112818324652978c4ebb07d.jpg)
Besonders witzig finde ich die gebogene Gardinenstange und ihr Pendant vor den Labien.
Gruß von Christoph
Frage Orgelflügel (Türen)
Basedow: Mitteilung, von den Flügeln des RP seien nur noch die Holzrahmen auffindbar gewesen. Die Pedaltürme verfügen interessanter Weise nicht über Flügel, sondern über bemalte Leinwandvorhänge, die gleich einer Gardine zugezogen werden können.
Diese Vorhänge sind derzeit aber nicht an den Pedaltürmen angebracht, oder? Womöglich eingelagert?Gruß, Florian
Zur GdO-Tagung 2006 in Güstrow waren sie noch da:
Besonders witzig finde ich die gebogene Gardinenstange und ihr Pendant vor den Labien.
Ach, dafür ist der Bügel da, der mir auf Fotos schon früher aufgefallen ist. Sehr originell.
Demnach dient der Bügel vor den Labien als Abstandhalter, sodass die Pfeifen auch bei Verhüllung noch gut aussprechen können.
Weißt du, wie die Pedaltürme zugezogen aussehen, d. h. mit welchen Motiven die Leinwände bemalt sind?
Gruß, Florian
Frage Orgelflügel (Türen)
Basedow: Mitteilung, von den Flügeln des RP seien nur noch die Holzrahmen auffindbar gewesen. Die Pedaltürme verfügen interessanter Weise nicht über Flügel, sondern über bemalte Leinwandvorhänge, die gleich einer Gardine zugezogen werden können.
Diese Vorhänge sind derzeit aber nicht an den Pedaltürmen angebracht, oder? Womöglich eingelagert?Gruß, Florian
Zur GdO-Tagung 2006 in Güstrow waren sie noch da:
Besonders witzig finde ich die gebogene Gardinenstange und ihr Pendant vor den Labien.
Ach, dafür ist der Bügel da, der mir auf Fotos schon früher aufgefallen ist. Sehr originell.
Demnach dient der Bügel vor den Labien als Abstandhalter, sodass die Pfeifen auch bei Verhüllung noch gut aussprechen können.
Weißt du, wie die Pedaltürme zugezogen aussehen, d. h. mit welchen Motiven die Leinwände bemalt sind?Gruß, Florian
Hallo,
trotz Abstandshalter-Bügel werden die Pfeifen bei zugezogenem Vorhang in ihrer Stimmung hörbar tiefer.
Gruß
jori
Frage Orgelflügel (Türen)
Weißt du, wie die Pedaltürme zugezogen aussehen, d. h. mit welchen Motiven die Leinwände bemalt sind?
Auf den Vorhängen sind zu sehen: David mit der Schleuder vor dem doppelt so großen Riesen Goliath mit Schild und Speer, auf der anderen Seite Simson, der mit bloßen Händen den Löwen bezwingt, Hintergrund jeweils mit schön grüner hügeliger Lanschaft und Wölkchenhimmel wie im Bilderbuch (gemeint ist hier natürlich das Buch über die Orgelflügel).
Die Flügeltüren des HW zeigen innen Christi Auferstehung und Himmelfahrt, außen zwei Schlachtenszenen, die die Macht der Musik demonstrieren sollen: "links die Einnahme Jerichows duch Posaunenschall (Josua 6: 1-20), rechts, nach Christian Bunners (Berlin), die Schlacht zwischen Jerobeam und Abia, die zugunsten des letzteren durch Gottvertrauen und Trompeten entschieden werden konnte (2. Chroniken 13: 12-20).", zitiert aus "Die bemalten Orgelflügel in Europa". Dort steht übrigens auch, dass die Vorhänge aus konservatorischen Gründen abgenommen wurden. Das Buch wurde 2001 veröffentlicht, entweder wurden die Vorhänge rechtzeitig vor der GdO-Tagung wieder angebracht oder es handelt sich um Repliken.
Frage Orgelflügel (Türen)
…"links die Einnahme Jerichows duch Posaunenschall (Josua 6: 1-20) …"
Steht das da wirklich? Das würde erklären, dass da bis heute keine Mauer steht. (Staatsratsvorsitzender Josua: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer niederzublasen.«)
Lustig. Erinnert mich an den Geigenbauer »Guaneri« im »Orgelführer Europa«.
Gruß,
Friedrich
Frage Orgelflügel (Türen)
…"links die Einnahme Jerichows duch Posaunenschall (Josua 6: 1-20) …"
Steht das da wirklich? Das würde erklären, dass da bis heute keine Mauer steht. (Staatsratsvorsitzender Josua: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer niederzublasen.«)Lustig. Erinnert mich an den Geigenbauer »Guaneri« im »Orgelführer Europa«.
Das ist vielleicht den umliegenden Ortschaften geschuldet, die da heißen: Teterow, Gülzow, Gielow, Malchow, Kargow,...
Gruß, Florian
Frage Orgelflügel (Türen)
…"links die Einnahme Jerichows duch Posaunenschall (Josua 6: 1-20) …"
Steht das da wirklich? Das würde erklären, dass da bis heute keine Mauer steht. (Staatsratsvorsitzender Josua: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer niederzublasen.«)Lustig. Erinnert mich an den Geigenbauer »Guaneri« im »Orgelführer Europa«.
Gruß,
Friedrich
Und wo hat "Guaneri" seine Werkstatt? Richtig, in der Geigenbaumstraße! Mein Cousin berichtete mal, er sei als Schüler täglich an der Geigenbaumstr. vorbeigekommen, bis ihm auffiel, dass es sich um eine Abkürzung handelte und ein Geigenbaumeister dort sein Atelier betrieb...
Frage Orgelflügel (Türen)
Selbst heute ist es nicht einfach, die Last einer schweren Tür exakt auf mehrere Scharniere zu verteilen. Kein Wunder also, dass die Türen, zumindest, wenn man sie auch mal bewegt, Stress machen.
Gelegentlich wurden die Flügel in der offenenen Stellung auf Wandstützen aufgelegt (einige sind noch erhalten). Mancherorts wird man auf ein Schließen irgendwann verzichtet haben, weil man die "ungestützte" Phase nicht mehr wagte. Und wenn dann die Optik litt - in unseren Akten heißt es beispielsweise auch, dass die Flügelbilder gar zerstört wären und man ihnen zu Hülffe kommen müsste - dann war der Abbau schon fast zwingend.
Jepp, genau das ist auch ein Problem in FR, Ludwigskirche. Hier hat die Orgel auch Flügel, die halten aber nicht und klappen selbständig wieder zurück. Die Dinger wurden IMHO v. A. wegen der Klangabstrahlung montiert.
Der Kirchenbau besteht innen aus quergelegten Lochziegeln und hat somit keinen Nachhall. Im Emporenbereich wurden transparente Platten (Plexi?) vor die Ziegel geschraubt, um den Chor- und Orgelklang etwas nach Vorne zu bringen.
VG
OQ