Wenig OT: Kultur als Gesundheitsvorsorge in Schweden
Im Auto hörte ich einen NDR-Bericht dazu - mir kamen fast die Tränen, als der Initiator sagte: Wir sehen, wie die Leute aufrechter, gestärkter aus den Konzerten herauskommen...
Ja, man muss sich bei uns oft schon schämen, das zu glauben, und darf - z. B. in meiner Stadt - in gewissen Kreisen nicht sagen, dass man den fast 50 Jahre ausstehenden Theaterneubau befürwortet.
Den NDR-Beitrag fand ich irgendwie nicht mehr, aber Schwedisches. In kurz: Der Indendant des Acusticums (mit der fetten Woehl-Orgel drin) vereinigte bereits 20 Unternehmen, die den friskvårdsbidrag für ihre Mitarbeiter in Kultur ausgeben wollen. Friskvård ist Gesundheitsvorsorge. Derartige Angeobte werden schon jetzt im klassischen Bereich (Fitness etc.) gemacht, nun soll Kultur dazu kommen. Details bleiben den Unternehmen überlassen. Der Initiator will eine Änderung der Steuergesetzgebung erwirken, so dass die steuerliche Absetzbarkeit für die Unternehmen der der bisherigen Angebotsformen entspricht.
Der "Express", eher BILD als SZ, lässt immerhin folgenden Kommentar zu:
https://www.expressen.se/debatt/debatt-lat-kultur-bli-en-del-av-friskvarden/
"Kultur als Teil der Gesundheitsvorsorgeleistungen anzuerkennen, wäre ein einfacher und kosteneffektiver Weg, sowohl die Volksgesundheit zu verbessern wie auch das Überleben der Kulturszene langfristig zu stärken."
Nun, das schrieb eine Theaterregisseurin, sicher befangen, aber immerhin durfte sie. (Ist länger, aber man kann es selbst übersetzen).
Hier gibt's ein Video von SVT dazu,
https://www.svt.se/nyheter/lokalt/norrbotten/har-blir-pitea-unika-med-kultur-som-friskvard
in dem auch die Orgel auftaucht. Im Video darunter sagt eine Steuerjuristin, warum Kultur nicht anerkannt wird - es wird als zu privat gesehen. Sie räumt ein, dass Erkenntnisse über den Wert von Kulturkonsum für einzelne Personen immer bekannter werden (die Inituative gründet sich auch auf eine entsprechende Studie) und hält es für möglich, dass die Gesetzgebung aus den 80er-Jahren veraltet ist und vereinfacht, jedenfalls geprüft werden sollte.
Hier sagt ein Unternehmner (Holz-Fertighäuser), warum er die Initiative unterstützt.
https://www.svt.se/nyheter/lokalt/norrbotten/foretagare-i-pitea-vill-forandra-friskvard...
Er kritisiert im Video, dass die bisherigen Leistungen vor allem "Unwohlsein" vorbeugen würden, vor allem physischem. Doch dabei übersehe man vieles von dem, was Unwohlsein im heutigen Schweden wirklich bedeute, und das wäre das seelische Unwohlsein. Allgemein sieht er, das diejenigen seiner Arbeitnehmer, die die Zuzahlung für Fitness nutzen, schon vorher Geld für Fitnessstudios ausgegeben haben. Andere Arbeitnehmer würde er aber auch mit zehn Mal höheren Zuzahlungen nicht zum Fitnessstudio motivieren können, etwas sei an dem Angebot also nicht richtig. Eine Arbeitnehmerin würde Kultur als Gesundheitsvosrorge gerne ausprobieren, bezeichnet sich allerdings auch als bereits sehr kulturinteressiert. Sie müsste aber mal etwas tun, was sie normalerweise nicht tun würde, "wie ein Orgelkonzert besuchen oder Ähnliches".
Es geht zur Zeit um maximal 5.000 Kronen jährlich, also 454 Euro. Nun, in Konzertkarten umgerechnet, nicht schlecht. Aktuell darf man das nur für körperliche Entspannung oder Sportliches nutzen (die inhaltliche Entscheidung liegt anscheinend beim Arbeitgeber).
Naja, schauen wir mal, ob was Größeres draus wird. In Sachen Lebensqualität läuft in Schweden ja doch vieles sehr gut.