Debattenbeitrag zum Thema "Lobpreismusik"
Ähnlich ist es ja auch mit der vielbeschworenen Toleranz, die dann doch oft keine ist: Gerade auch im kirchlichen Umfeld äußert sich die Toleranz dergestalt, dass man die Unschärfe von Positionen anstrebt - milde ausgedrückt. Alles ist erlaubt (und erwünscht), sofern es kein herausgearbeitetes Profil hat. Sei es konservativ oder progressiv.
Da treffen Sie den Nagel auf den Kopf. Kritisiert man diese Praxis, hört es allerdings mit der Toleranz schlagartig auf. Sofort ist man d-Moll Dreiklang abwärts, Antisemit o. Ä.
Zum Beitrag:
Janik Hollaender untersucht das Phänomen und seine Versprechungen musikwissenschaftlich.
Da fehlt mir dann doch einiges. Aber egal.
Der Autor kritisiert (meiner Meinung zu Recht) die Versprechen der "Lobpreismusik".
Das Ziel von Lobpreismusik ist aber kein künstlerisch-ästhetisches.
Das kann man ihr nicht vorwerfen. Das gilt auch für die traditionelle Kirchenmusik. Als diese gleichsam autonom wurde (die Messe als komponierter Zyklus wichtiger wurde als die Messe als Gottesdienst), gab es große Probleme.
Der Mainstream wird aber nicht nur kopiert, sondern gleichzeitig auf eine Weise geglättet, die ihn möglichst gefällig und massentauglich macht.
Den Mainstream massentauglich machen. Was kann der Kreis dafür, dass er rund ist?
Bei den meisten pop-affinen Hörer*innen aus dem kirchenfernen Milieu dürfte Lobpreismusik daher eher an gefälligen Teenie-Pop als an wirklich innovative Popmusik erinnern.
Innovative Popmusik gab es immer (oder auch nie!) - nur halt nicht kritisch. War sie kritisch, kannte sie keiner (keine Regel ohne Ausnahmen). Heute findet man sie auf Bayern 2 - das hört aber keiner.
Im Zentrum steht die (theologische wie ästhetische) Sehnsucht nach Eindeutigkeit: nach klaren Antworten, eindeutigen Gotteserfahrungen und alternativlosen Theologien.
Das ist die katholische Kirche seit Jahrtausenden. So what?
Wenig überraschend ist der Kunstbegriff für Johannes Hartl daher nicht primär mit Vieldeutigkeit, sondern mit „Schönheit“ und „Wahrheit“ verknüpft.
Die Vorgeschichte der Ästhetik (vor 1750) beruht auf Schönheit und Wahrheit. Das sollte doch eine Kritik werden, auch an Johnny Hartl!?
Gott wird in diesen Gemeinschaften nicht gedacht oder erhofft, sondern erfahren. Dahinter steht wiederum das Verlangen nach Verbindlichkeit, nach Eindeutigkeit und Unmittelbarkeit.
Gott denken: machen die Theologen. Wenn Sie zuviel gedacht haben, landeten Sie auf dem Scheiterhaufen, wurden exkommuniziert oder die Lehrerlaubnis entzogen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie meine Großeltern die Gottesbeweise während des Kochens auf lateinisch diskutierten. Dazwischen gab es Marienlieder. Was ist an Unmittelbarkeit schlecht? Jeder sucht sie (bitte jetzt nicht das gesamte dialektische Fass aufmachen). Und ohne Eindeutigkeit sind wir überhaupt nicht lebensfähig, gerade auch im ästhetischen Bereich.
Auch wenn der Authentizitätsbegriff zunächst positiv besetzt ist, tritt er doch das normative Erbe des Wahrheitsbegriffs an.
Das gilt aber überall. Die Substitution von Rationalität durch Emotionalität geht durch die gesamte Gesellschaft.
Um nicht missverstanden zu werden: Es geht in keiner Weise um die Diskreditierung populärer Musik von der Warte einer vermeintlichen Hochkultur. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, für eine Musik zu werben, die die Zuhörer*innen zu eigenen Deutungen herausfordert und ihnen so ermöglicht, in Freiheit über die existentiellen Themen des Lebens nachzudenken und sich inspirieren zu lassen. Dafür braucht es vor allem in den Kirchen Mut für neue und kreative Kunst-, Musik und Literaturprojekte. Und es braucht Menschen, die bereit sind, auch popkulturelle Kunstformen jenseits der ausgetretenen Pfade vereindeutigender Lobpreismusik zu fördern und zu ermöglichen. Das Versprechen einer solchen Kunst ist bescheiden, aber ungleich verlockender: die Erfahrung von Freiheit, in der sich ein Gott der Befreiung denken und erhoffen ließe.
Humor hat er! Zumindest die katholische Kirche ist an Kunst (inkl. Messiaen und Gregorianik), nur noch dann interessiert, wenn sie auf dem "synodalen Weg" schöne Bilder oder Sounds liefert.
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