Bemerkungen zur Emeritierung von Christoph Bossert an der HfM Würzburg im März 2025
Einige Bemerkungen aus Anlass der Emeritierung von Christoph Bossert an der Musikhochschule Würzburg im März 2025
Stellen Sie sich vor, ein international renommierter Professor für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel sowie Leiter der Abteilung für Kirchenmusik und Orgel seiner Hochschule tritt nach langjähriger Tätigkeit, in der er wichtige Impulse weit über seine Lehrverpflichtungen hinaus gesetzt hat, in den Ruhestand - und die Hochschule verliert darüber: (fast) kein Wort. Keine offizielle Verabschiedung, keine Danksagung, keine akademische Feier, kein Konzert, nicht mal eine offizielle Mitteilung, die seine Verdienste wenigstens erwähnt - wenn sie diese schon nicht in angemessener Öffentlichkeitswirksamkeit zu würdigen bereit ist.
Undenkbar, oder jedenfalls unwahrscheinlich? Keineswegs. Die Rede ist von Christoph Bossert, der im März 2025 nach 18-jähriger erfolgreicher Forschung, Lehre und Projektarbeit an der Würzburger Musikhochschule seinen (Un-)Ruhestand angetreten hat. Lediglich im Hochschul-Newsletter April 2025 war unter "Personalia in der Lehre" die blutleer-administrative Notiz zu lesen: "Verabschiedungen / Prof. Dr. Christoph Bossert, Professor für Orgel".
Nun ist die wenig angemessene, ja würdelose Behandlung selbst von Musikern mit höchsten Verdiensten im Bereich von Orgel und Kirchenmusik durchaus schon öfter vorgekommen. Aktuelle Beispiele stilloser Entlassungen sind in der Organisten- und Kirchenmusikwelt hinlänglich bekannt. Traurige Prominenz erlangte im Jahr 2024 der brüskierende Umgang der Verantwortlichen an Notre-Dame in Paris mit den langjährigen "Titulaires" Philippe Lefebvre (große Orgel) und Johann Vexo (Chororgel) anlässlich der Wiederbesetzung der Organistenstellen der Kathedrale nach Abschluss der Sanierungsarbeiten an Bausubstanz und Orgel nach dem verheerenden Brand. Außer einer dürren Erklärung, in der der eine noch nicht mal erwähnt wurde (Johann Vexo) und es über den anderen (Philippe Lefebvre) nur knapp hieß, er befände sich im Ruhestand, mochte man sich nicht äußern. Gründe? Offizielle Verabschiedung, vielleicht mit Konzert oder Mitwirkung der kalt "Gefeuerten" an den Wiedereröffnungsfeierlichkeiten? Fehlanzeige. Der alsbald einsetzende, sich in einer Petition manifestierende Protest - immerhin waren Lefebvre und Vexo jahrzehntelang Kathedralmusiker an Notre-Dame mit hervorragendem weltweiten Ruf und damit feste Größen im musikalischen Geschehen auf der Ile de la Cité - wurde vom Klerus der Kathedrale so beantwortet, wie es zu erwarten war: mit einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz, die nicht davor zurückschreckte, das Anliegen des internationalen Protests, an dem sich prominente Musikerkollegen beteiligt hatten, auch noch bewusst falsch darzustellen.
Auch der ehemalige Dresdener Frauenkirchenorganist Samuel Kummer (1968 - 2024) - übrigens ein Schüler Christoph Bosserts, von dem hier die Rede ist -, wurde unter Begleitumständen entlassen, die in der Fachwelt Kopfschütteln auslösten (und bei denen die Annahme nicht fernliegt, dass der psychische Schock der Entlassung, die Kummer schwer traf, zu seinem plötzlichen und frühen Tod beitrug).
Man könnte weitere Beispiele nennen, doch genügen schon diese wenigen Namen, um anzuzeigen, wo das Problem liegt: in der Geringschätzung, die Musikern, und seien sie noch so renommiert, von seiten dienstlicher Vorgesetzter in Hochschul- oder Kirchenhierarchien entgegenschlägt. Und zwar selbst dann, wenn die Entscheider ihrerseits eine künstlerische Ausbildung haben (was besonders erschreckt): da mag die Karriere des oder der zu Verabschiedenden noch so überzeugend, die Ausstrahlung über den eigentlichen Wirkungsort noch so groß, die Anziehungskraft als Lehrer/in noch so stark und der künstlerische Horizont noch so disziplinübergreifend sein.
Und das ist bei Christoph Bossert der Fall - ich sage das bewusst im Präsens, denn er ist, wie alle, für die Musik nicht bloß Beruf, sondern Berufung ist, auch im Ruhestand weiter tätig (z.B. im Rahmen des DVVLIO - Projekts zur Digitalisierung, Vernetzung und Vermittlung in der Lehre der internationalen Orgelkunst - https://innovation-orgellehre.digital/). Sein Lebenslauf gibt es beeindruckend wieder: ab 1978 Studium an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart bei Werner Jacob (Orgel), Kenneth Gilbert (Cembalo), Ulrich Süße und Helmut Lachenmann (Komposition), anschließend in Fribourg/Schweiz bei Luigi Ferdinando Tagliavini, einem der damals profiliertesten und prominentesten Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis.
Nach Lehrtätigkeiten an der Stuttgarter Musikhochschule und an der Hochschule für Kirchenmusik in Esslingen (heute die Evangelische Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen) wurde er 1991 Professor für Orgel und Leiter der Studienkommission Evangelische Kirchenmusik an der Musikhochschule Trossingen und ab 2007 Professor für künstlerisches und liturgisches Orgelspiel sowie Leiter der Abteilung Kirchenmusik und Orgel an der Hochschule für Musik Würzburg.
Besonders hervorzuheben ist sein Engagement für den Studiengang OrganExpert an der Musikhochschule Trossingen, ein Herzensprojekt Bosserts, für das er sich sprichwörtlich "ins Zeug legte": die Idee, einen disziplinübergreifenden Studiengang zu etablieren, der über das bloß spieltechnisch-interpretatorische hinaus Auge und Gehör der Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den Orgelbau in allen seinen Epochen und Stilen - einschließlich seiner handwerklichen Dimension - schult, um so einen umfassenden Blick auf das Instrument insbesondere für künftige Sachverständige zu ermöglichen, illustriert Bosserts ganzheitlichen künstlerischen Ansatz. Doch zeichnete sich nach seinem Wechsel nach Würzburg auch hier schon die erste Geringschätzung seiner Leistungen und seines Ideenreichtumgs ab: weder sein Nachfolger noch die Hochschulleitung vermochten die Chancen eines solchen Studiengangs, der ein Alleinstellungsmerkmal für die Trossinger Hochschule dargestellt hätte, zu erkennen - und warfen alsbald die Flinte ins Korn, als sich Probleme entwickelten, die lösbar gewesen wären. Welche Gelegenheit hier vertan wurde, vermag der Verfasser durchaus zu beurteilen: er ist, wie andere Schüler Bosserts, Absolvent dieses Studiengangs und bis heute tief dankbar für die dabei erworbenen Kenntnisse.
Nicht nur seine Studenten konnten von seiner tief durchdrungenen Hermeneutik-Forschung zu so unterschiedlichen Komponisten wie Bach, Mendelssohn, Reger u.v.m. profitieren. So fand er beispielsweise die von der Fachwelt lange gesuchte Lösung zur Frage der Gruppierung von Johann Ulrich Steigleders (1593 - 1635) 40 Variationen über „Vater unser im Himmelreich“: sie ergeben grafisch einen Abendmahlskelch, was auch erklärt, warum die prächtigste Variation in der Mitte der letzten Gruppe liegt: Dort berührt der Mund den Kelch.
Natürlich war und ist Christoph Bossert auch als konzertierender Künstler präsent, und er hat zahlreiche Einspielungen vorgelegt. Insbesondere eine Gesamteinspielung der Werke Max Regers an authentischen Instrumenten der Reger-Zeit zählt hier zu seinen großen Leistungen, wie überhaupt das Werk Regers einen persönlichen Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildet. Seine Offenheit für Projekte jenseits des "Mainstreams" zeigt seine Rolle als Mitbegründer des Halberstädter John-Cage-Orgelprojekts mit der geplanten 639-jährigen Aufführung von Cages Komposition ORGAN²/ASLSP, ein von Anfang an und bis heute (und wohl auch in Zukunft) kontrovers diskutiertes Vorhaben. Doch was kann der Orgelmusik und -kultur in einer sich immer weiter säkularisierenden Gesellschaft besseres passieren als öffentlich kontrovers diskutierte Projekte?
Die wohl größte Leistung Bosserts für die Würzburger Hochschule: die neue Klais-Orgel im Konzertsaal, die er mit der Erbauerfirma konzipierte - sein künstlerisches Vermächtnis in Form eines hoch innovativen, ebenso wie das Cage-Projekt avantgardistische Aspekte umsetzenden Instruments, von dem es an deutschen Musikhochschulen kein vergleichbares zweites gibt; eine Orgel, die dem Studium in Würzburg besondere Anziehungskraft und Attraktivität verleiht, weit über die Amtszeit eines Hochschullehrers hinaus.
Was soll man von einer Hochschule, deren Leitungsgremien und Repräsentanten bis hin zum Präsidenten halten, die sich bis heute nicht mal zu einer verbalen Verabschiedung eines ihrer Kollegen mit solcher internationaler Ausstrahlung durchringen kann, dessen Schüler prominente Positionen wie z.B. Professuren in Wien (Balazs Szabo) oder Krakau (Filip Presseisen) oder Weimar (Martin Sturm) sowie nicht minder prominente Organistenstellen (Samuel Kummer, Sebastian Küchler-Blessing, Christian Bischof, um nur einige Namen zu nennen) erreicht haben?
Die Frage beantwortet sich eigentlich von selbst. - Christoph Bossert wird sich hoffentlich nun auch wieder dem Komponieren widmen können, nachdem er darauf in der Vergangenheit aus Zeitgründen immer mehr verzichten musste.
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