Was man hier hört, ist jedenfalls deutlich kühner und nonkonformistischer als die Einweihung der Würzburger Orgel. War da früher vielleicht sogar mehr Mut bei Komponisten und Interpreten vorhanden als heute? (Aber, um es ganz klar zu sagen: nix gegen das Würzburger Projekt, Christoph Bossert hat sich diese Orgel sehr gut überlegt, man sollte seine Vorstellungen ernstnehmen.)
Ob da mehr Mut vorhanden war als in Würzburg? - Das ist aus meiner Sicht nicht die Frage. Ein Instrument vorzuführen, von dem man schon einige der unzähligen spannenden Seiten entdeckt und verstanden hat, ist Eines. Eine Veranstaltung durchzuführen, die das Gegenteil beweist, ein Anderes.
Was bei der Einweihung des II. Bauabschnitts der Würburger Orgel vorgeführt wurde, hatte nicht viel mit den Spezifika der Orgel zu tun.
Mit drei Midi-Tastaturen ein Instrument anzuspielen, ist nichts Neues. Das hätte man schon vor 40 Jahren vorführen können, eine „Fernsteuerung“ über das Internet auch schon vor über 30 Jahren. Alle über Midi hinausgehenden Spielmöglichkeiten sind nur direkt an der Orgel in Würzburg verfügbar, weitgehend nur am Spieltisch. Davon wurde aber (wenn ich es nicht übersehen habe) nichts relevantes vorgeführt.
Und der eigentliche Kern dieses Instruments, seine Qualitäten als Multiästhetikon, wurden bei der Veranstaltung völlig ignoriert. Man betrachte beispielsweise einen der Kerne des Registerbestands, denjenigen der Wender-Orgel in Arnstadt. Diesen Bereich klanglich vorzuführen mit einer Komposition Bachs aus seiner Arnstädter Zeit, hätte Aussagekraft gehabt. Das über vierminütige Gedudel der wenig gehaltvollen Komposition von P. Davide hingegen hatte keinen Bezug zum Instrument. Die Chance, die wirklich interessanten Aspekte der Würzburger Orgel den zahlreich erschienenen Interessierten zu präsentieren, hat man völlig vergeigt.
Befremdlich ist für mich auch der Satz aus der Rede des Präsidenten (um die Minute 12 des Videos), in dem er sich zu erinnern meint, wie er zusammen mit Prof. Bossert zwei besuchenden Abgeordneten das Konzept des Ausbaus der Orgel und ihre Alleinstellungsmerkmale vorgestellt habe. Da der Präsident eben diese Alleinstellungsmerkmale offensichtlich bis heute nicht durchdrungen bzw. verinnerlicht hat (sonst hätte er die Einweihung niemals so durchführen lassen), ist davon auszugehen, dass er sich nie ernsthaft mit dem Instrument beschäftigt hat, was bei einem promovierten und habilitierten Wissenschaftler kaum an mangelnder intellektueller Kapazität liegen kann.
Wenn aber schon der Präsident einer Hochschule sich nicht die Mühe macht, die Alleinstellungsmerkmale einer solchen Investition und deren Bedeutung für die von ihm geleitete Ausbildungsstätte zu verstehen, dann ist es geradezu folgerichtig, dass er auch die sich aus dem Instrument ergebenden Chancen für die Hochschule und die durch das Instrument berührten Studiengänge ebenso leichtfertig verspielt, wie er das bei der weiter fortdauernden Verzögerung der Neubesetzung der Bossert-Professur tut.
denkt, resigniert grüßend,
Oliver