Von wegen stummer Prospekt...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Dienstag, 24. März 2026, 23:54 (vor 157 Tagen)
bearbeitet von Karl-Bernhardin Kropf, Mittwoch, 25. März 2026, 00:00

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Das war (und ist noch) ein kleiner Schock für mich heute! Nach einer Bälgchenreparatur im Kronwerk fielen mir beim Abstieg jene beiden Pfeifen des stummen oberen Prospekts unserer Orgel in's Auge, die ich mit meinem Kollegen vor ein paar Wochen herausgenommen hatte, um etwas Mitleid bei Kirchenbesuchern zu erregen. Vielen hundert Orgel-Besuchern erzählte ich jahrelang, dass diese Pfeifen stumm wären (auch der barocke Vorgängerprospekt war es mit Ausnahme weniger Töne) und dass diese Pfeifen von der Machart her auch nicht tönen könnten. Diese Einschätzung leitete ich von den, so weit von hinten sichtbar, sehr dünnen Kernspalten, den flachen Kernen und vor allem von einem nicht wirklich zum Körper passenden Fuß ab (eine Nummer zu klein), so dass ich eine nur optisch taugliche Gestaltung unterstellte. Irgendwie juckte es mich heute und ich blies in die kleinere Pfeife hinein - es ist im Bild die im rechtsäußeren Feld zweite Pfeife von links (Bildausschnitt aus einem orthogonalen Photo aus Drohnenaufnahmen, daher Flecken und Retuschen eines Zugankers). Die Pfeife fiel mir fast runter, als ein etwas raues, aber funktionierendes c° ertönte. Mit etwas Mühe fand ich auch eine Auflage für die größere Pfeife (zweite von rechts im rechten mittleren Feld), und hier gab es - zunächst mit Staubwolke aus dem Labium - ein Es! Nicht ganz so gut klingend, aber es war schwer, den passenden Druck zu treffen.
Bei den Kernen müsste ich noch mal vergleichen, aber es scheint, als wäre dieser obere Prospekt vorintoniert bzw. so gebaut, dass er doch tönt!
Das heißt, da oben stehen 12-7-7-7-12 in 8' bis 16'-Lage ungenutzt herum.... Von den anderen Pfeifen kenne ich den Ton bislang nur durch den Klang beim Beklopfen des Körpers. Demnach ist die größte Pfeife ein F in 16'. (Die Pfeifen ragen alle ein kleines Stück hinter den Fries und sind exakt auf gleicher Länge abgeschnitten). Die Pfeifen haben natürlich keine Kernstiche, keine Bärte und offene Fußlöcher bzw. keine Zehe.
Es mag naürlich so sein, dass eine Pfeife, die weitgehend aussieht wie eine Pfeife, auch dann so funktioniert, ohne große Intonationsarbeiten. Denkbar ist auch, dass die Kommunikation innerhalb der großen Sauer-Werkstatt 1938 etwas knapp war und den Pfeifenmachern nicht wirklich klar, dass diese Pfeifen nur für's Auge gemacht wurden. Aber wie gesagt, die Zehe fehlt, das ist ja eindeutig.
Das muss ich jetzt mal näher untersuchen. Was sagen Orgelbauer dazu?

Also, mich hat das schon irgendwie kurz aus der Bahn geworfen. Der Schrott lebt...

Spontane Handyaufnahmen (besser an größeren Boxen anzuhören) gibt es hier ( und Es)

Von wegen stummer Prospekt...

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 25. März 2026, 00:15 (vor 157 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf


Vielen hundert Orgel-Besuchern erzählte ich jahrelang, dass diese Pfeifen stumm wären (auch der barocke Vorgängerprospekt war es mit Ausnahme weniger Töne)

...Du hättest ihnen sagen sollen, dass sie "blind" sind. Üblicherweise werden stumme Pfeifen ja meist als "Blindpfeifen" bezeichnet. Das folgt aus dem kategorischen Imperativ aller führenden Autoritäten: „Formuliere stets nur nach derjenigen Maxime, die Dich niemals zwingen kann, Irrtümer zugeben zu müssen!“. Und blind sind die Pfeifen ja immer noch, auch wenn sie klingen.....

Kann es sein, dass die Pfeifen den ganz normalen Herstellungsprozess durchliefen, inklusive Vorintonation, und damit dieses Stadium im Herstellungsprozess widerspiegeln?

Was wohl alles noch an Überraschungen wartet, wenn das Riesengerät mal abgebaut wird, inklusive DDR-Reliquien, die als Zeitkapseln den Moment ihrer Einlagerung gespeichert haben, bis irgendjemand sie aus der modrigen Vergangenheit exkatakombiert wie die Pharaonen-Gräber in Ägypten....

Von wegen stummer Prospekt...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 25. März 2026, 07:38 (vor 156 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Kann es sein, dass die Pfeifen den ganz normalen Herstellungsprozess durchliefen, inklusive Vorintonation, und damit dieses Stadium im Herstellungsprozess widerspiegeln?

Ja, das wäre meine Frage in die Orgelbauer-Zunft, ob das so die Praxis ist oder früher war. Ich kann mir auch denken, dass ein Pfeifenmacher oder Zulieferer sagen würde, dass er doch nicht deswegen unsauber oder mit dünnerem Material arbeiten würde, nur weil man von der Pfeife nachher nichts zu hören braucht...

Von wegen stummer Prospekt...

friedemannw @, Gießen, Mittwoch, 25. März 2026, 07:56 (vor 156 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)
Wichtigstes Kriterium zum Erkennen, ob die Pfeife als stumme Pfeife geplant war: hat sie eine Stimmvorrichtung oder erkennt man an ihr irgendwelche Stimm-Manipulationen?

Von wegen stummer Prospekt...

elias.orgel, Mittwoch, 25. März 2026, 09:06 (vor 156 Tagen) @ friedemannw
bearbeitet von elias.orgel, Mittwoch, 25. März 2026, 09:20

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)
Wichtigstes Kriterium zum Erkennen, ob die Pfeife als stumme Pfeife geplant war: hat sie eine Stimmvorrichtung oder erkennt man an ihr irgendwelche Stimm-Manipulationen?

Das wundert mich - natürlich habe ich hier wieder einmal das Problem der eigenen Wahrnehmung...
aber
die stummen Pfeifen die ich kenne, sind tatsächlich stumm, da sie keinen Kern haben
- etwa die Hälfte der Pfeifen im Mittelfeld sind in Marten so gebaut worden
und selbstverständlich habe ich bei Orgelführungen immer erklärt,
dass man daher die stummen Pfeifen ziemlich einfach erkennen kann...
(was natürlich im Prinzip nicht ganz verkehrt ist ;-)

leider erinnere ich mich nicht daran ob ich das schon einmal anderswo
"anders" gesehen habe (siehe SuperOktavkoppel I/I)

möglicherweise ist das eine Frage der Menge

"Wenn ich mal EINE stumme Prospektpfeife hergestellt habe"

ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich bei 20, 30 oder mehr "nur für die Optik Pfeifen" rechnet,
diese komplett zu bauen...
andererseits ist der Aufwand vielleicht gar nicht so groß wie ich vermute

https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelische_Immanuel-Kirche_Marten

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Von wegen stummer Prospekt...

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 25. März 2026, 12:42 (vor 156 Tagen) @ elias.orgel

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)
Wichtigstes Kriterium zum Erkennen, ob die Pfeife als stumme Pfeife geplant war: hat sie eine Stimmvorrichtung oder erkennt man an ihr irgendwelche Stimm-Manipulationen?


Das wundert mich - natürlich habe ich hier wieder einmal das Problem der eigenen Wahrnehmung...
aber
die stummen Pfeifen die ich kenne, sind tatsächlich stumm, da sie keinen Kern haben
- etwa die Hälfte der Pfeifen im Mittelfeld sind in Marten so gebaut worden
und selbstverständlich habe ich bei Orgelführungen immer erklärt,
dass man daher die stummen Pfeifen ziemlich einfach erkennen kann...
(was natürlich im Prinzip nicht ganz verkehrt ist ;-)

leider erinnere ich mich nicht daran ob ich das schon einmal anderswo
"anders" gesehen habe (siehe SuperOktavkoppel I/I)

möglicherweise ist das eine Frage der Menge

"Wenn ich mal EINE stumme Prospektpfeife hergestellt habe"

ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich bei 20, 30 oder mehr "nur für die Optik Pfeifen" rechnet,
diese komplett zu bauen...
andererseits ist der Aufwand vielleicht gar nicht so groß wie ich vermute


...ich denke mal, es rechnet sich eher nicht, die Produktionsroutine und -abläufe für stumme Pfeifen zu ändern, denn mitunter ist der Aufwand beim Ändern eingespielter Abläufe größer als beim Beibehalten des Gewohnten, auch wenn es im Einzelfall etwas "überschießt" - und aufgeschnitten werden müssen auch stumme Pfeifen, damit sie optisch harmonisch wirken; die paar Handgriffe, die der Pfeifenmacher dann noch braucht, um sie auf Ansprache zu bringen, dürften kaum ins Gewicht fallen. Und Sauer war damals ein großer Betrieb. Anders mag es bei komplett stummen Prospekten aussehen, da hier dann auch keine Rücksicht auf Mensuren und Proportionen nötig sind.

Von wegen stummer Prospekt...

friedemannw @, Gießen, Mittwoch, 25. März 2026, 13:15 (vor 156 Tagen) @ elias.orgel

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)
Wichtigstes Kriterium zum Erkennen, ob die Pfeife als stumme Pfeife geplant war: hat sie eine Stimmvorrichtung oder erkennt man an ihr irgendwelche Stimm-Manipulationen?


Das wundert mich - natürlich habe ich hier wieder einmal das Problem der eigenen Wahrnehmung...
aber
die stummen Pfeifen die ich kenne, sind tatsächlich stumm, da sie keinen Kern haben
- etwa die Hälfte der Pfeifen im Mittelfeld sind in Marten so gebaut worden
und selbstverständlich habe ich bei Orgelführungen immer erklärt,
dass man daher die stummen Pfeifen ziemlich einfach erkennen kann...
(was natürlich im Prinzip nicht ganz verkehrt ist ;-)

Wie immer im Orgelbau- es gibt selten "die" eine Lösung. Natürlich kenne ich auch stumme Pfeifen ohne Kern, aber eben auch mit Kern. Im meinem Heimatort ist z.B. eine Furtwängler&Hammer-Orgel von 1914: Alle Prospektpfeifen aus Zink und stumm. Hier wurde bei allen Pfeifen ein Zinkblech als "Ersatz-Kern" eingelötet.
Der Kern sorgt bei größeren Pfeifen auch für Stabilität, besonders bei Sn/Pb-Pfeifen. Eine 8'-Pfeife ohne Kern knickt vermutlich schneller im Labienbereich ein.

leider erinnere ich mich nicht daran ob ich das schon einmal anderswo
"anders" gesehen habe (siehe SuperOktavkoppel I/I)

möglicherweise ist das eine Frage der Menge

"Wenn ich mal EINE stumme Prospektpfeife hergestellt habe"

ich kann mir nicht vorstellen, dass es sich bei 20, 30 oder mehr "nur für die Optik Pfeifen" rechnet,
diese komplett zu bauen...
andererseits ist der Aufwand vielleicht gar nicht so groß wie ich vermute

https://de.wikipedia.org/wiki/Evangelische_Immanuel-Kirche_Marten

Von wegen stummer Prospekt...

Florian-L @, Mittwoch, 25. März 2026, 09:14 (vor 156 Tagen) @ friedemannw

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)

Hier (Kögler-Orgel in der Bruder-Klaus-Kirche in Graz) sind u. a. die Pfeifenfelder links und rechts vom Brustwerk nicht anspielbar, die Pfeifen sind dennoch voll ausgearbeitet und lassen beim Anblasen auch Töne hören.

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Von wegen stummer Prospekt...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 25. März 2026, 09:21 (vor 156 Tagen) @ Florian-L

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)

Hier (Kögler-Orgel in der Bruder-Klaus-Kirche in Graz) sind u. a. die Pfeifenfelder links und rechts vom Brustwerk nicht anspielbar, die Pfeifen sind dennoch voll ausgearbeitet und lassen beim Anblasen auch Töne hören.

Ja, die müssen ja auch einer näheren Betrachtung standhalten. Die Rostocker sind von vorn ohne Drohne/Gerüst uneinsehbar und beginnen in 23 Meter Höhe oberhalb des Kirchen- bzw. 10 Meter oberhalb des Emporenbodens.
Aber "kernlos" wären die unsrigen wohl zu instabil geworden.

Von wegen stummer Prospekt...

Friedrich @, Mittwoch, 25. März 2026, 10:06 (vor 156 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Aber "kernlos" wären die unsrigen wohl zu instabil geworden.

Das dürfte doch der Hauptgrund sein, oder? Dort kommt man nicht gut ran, aber wenn eine von diesen dicken Pfeifen gurkt, sieht man das sofort. Die sind doch aus Zink, oder? Wäre denn die Materialdicke so, dass sie musikalisch einsetzbar wären?

Von wegen stummer Prospekt...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 25. März 2026, 09:15 (vor 156 Tagen) @ friedemannw

Wenn ich mal eine stumme Prospektpfeife hergestellt habe, dann habe ich sie als ganz normale Pfeife hergestellt, dann auch entsprechend aufgeschnitten etc. Und zum Spaß etwas vorintoniert ;)
Wichtigstes Kriterium zum Erkennen, ob die Pfeife als stumme Pfeife geplant war: hat sie eine Stimmvorrichtung oder erkennt man an ihr irgendwelche Stimm-Manipulationen?

Danke! Nein, die Mündungen sind völlig unbehandelt-. Ich komme demnächst mit Detail-Fotos der offiziell stummen und offiziell klingenden Pfeifen rum.

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