Mushel - eine Enttäuschung?

Friedrich @, Sonntag, 26. Januar 2014, 22:30 (vor 4596 Tagen) @ Orlos

Von Georgi Mushel kannte ich nur die Toccata. Die finde ich sehr schön und spiele sie gern. Vor etwa einem Jahr wurde hier im Forum auf die anderen Orgelwerke hingewiesen und ziemlich angepriesen.
Als ich dann diese neue CD entdeckte, habe ich sie gleich bestellt. Immerhin eine neue Klais-Orgel (mit altem Material) in England. Da war ich schon auf den Orgelklang gespannt. Und auf die Musik sowieso.

Darf ich hierauf verweisen?

Jetzt habe ich die CD mehrmals angehört, aber die große Begeisterung ist nicht ausgebrochen. Die Orgel klingt auf der CD sehr gediegen, alles perfekt, aber irgendwie uninteressant. Das Gleiche lässt sich auch zum Spiel des Organisten sagen, da fehlt mir ein gewisses Feuer und Leidenschaft, sogar bei der Toccata. Vielleicht lädt die Orgel mit den getrennten Werken, der elektrischen Traktur und der Entfernung zum Spieltisch auch nicht zum flotten Spiel ein. Und so wie er spielt und die Orgel klingt, hat mich die Musik von Mushel auch nicht vom Hocker gerissen. Ich würde mir jetzt jedenfalls keine Noten besorgen.
Bin ich da allein mit meiner Meinung?
Die Hörbeispiele sind gar nicht so kurz.

Was die Orgel angeht: Es ist einer der Klais’schen »Reorganisationen«. Soweit ich weiß, ein Teilneubau in technischer Hinsicht, das Pfeifenwerk ist aber im Hauptteil der Orgel (Nave Organ) vorwiegend alt, von 1904. In den Darstellungen zur Orgel wird betont, dass die originale Intonation das Leitbild war. Norman and Beard arbeiteten unter anderem mit Hope-Jones zusammen, was einiges über die Herkunft dieses Klangs sagt.

Der Klang ist wohl typisch für englische Orgeln jener Zeit – grundtönig, weich, einheitlich, warm, aber auch ein wenig unscharf. Fast ohne jegliche etwas aufregendere Würze. Wer z. B. Aufnahmen aus Eton kennt, hört da etwas Ähnliches, wenn auch auf höherem Niveau – Hill war eben ein anderer Schnack als Norman & Beard. (Erst 1916 tat man sich übrigens zusammen.) Wenn man den Klang eine Weile hört und bedenkt, dass in jener Zeit viele große Kathedralorgeln gebaut wurden – England war damals ein extrem reiches Land –, dann versteht man vielleicht besser, warum so viele Orgel später umgebaut wurden. Heute wird der Jahrhundertwendeklang wieder durch Restaurierungen geradezu gesucht; das könnte auf Dauer ein ernüchterndes Erwachen geben.

Die Musik kommt auf so einer Orgel etwas gemütlich rüber, das stimmt. Ich finde sie aber ziemlich ansprechend, so ein bisschen wie ein Whitlock, der ein bisschen zuviel Zeit vorm Kamin verbracht hat. Wenn Orgel und Spieler mehr Biss haben, ist da sicher noch etwas rauszuholen. Dankenswert an der Aufnahme finde ich besonders, dass man einen Begriff vom Kontext der berühmten Toccata bekommt.

Viele Grüße,
Friedrich


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