Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

Wolfgang Gourgé @, Donnerstag, 28. November 2013, 22:04 (vor 4655 Tagen)
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Donnerstag, 28. November 2013, 22:21

.....in den letzten Tagen hatte ich orgelbegeisterten Besuch; wir machten am Montag einen Ausflug nach Lübeck. Klar, welche Kirche als erste auf dem Programm stand....

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Wie schön, die Kirche mal wieder - nach vielen Jahren - bei Tageslicht besichtigen zu können: denn das ist wirklich ein atemberaubend schöner, reich ausgestatteter Bau - trotz der Zerstörungen von 1942.

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(Blick in die Marientidenkapelle mit dem Antwerpener Retabel)

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(Buxtehude ist immer gegenwärtig! - Und wird auch viel gespielt!)

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(im nördlichen Seitenschiff, Blick nach Westen, links Dietrich Buxtehude)

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(Buxtehudes Blick auf die Totentanzorgel von A. Führer, Wilhelmshaven, 1986)

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(ungefähr dort, wo vor dem Brand von 1942 die Totentanzkapelle gewesen sein dürfte)

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(die für mich optisch sehr gelungene Totentanzorgel, gesehen vom südlichen Seitenschiff aus)

Beim näheren Hinsehen fiel uns auf, daß die große Orgel inzwischen unübersehbare deutliche Zeichen von Altersschwäche aufweist: die Prospektpfeifen im Rückpositiv sind durchgehend unansehnlich und fleckig. Dasselbe gilt auch für die übrigen Prospektpfeifen, die alle keinen ästhetischen Eindruck mehr machen.

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(Totentanzorgel - rechts - und große Orgel im Hintergrund)

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Sieht man genau hin, entdeckt man, daß die horizontal gebauten Hauptwerkszungen - Trompete 16', 8' und 4' - wieder mittels Seilen, die ins Hauptwerk führen, gesichert sind; die Tragekonstruktion gibt wohl nach. Das war vor einigen Jahren schon mal so, man sieht es auf einem der Fotos in der Wikipedia noch genauer.

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Was man in der Wikipedia noch nicht sieht: inzwischen scheinen massive statische Probleme der großen Pedal-Prospektpfeifen in den beiden "Kanzeln" links und rechts hinzugekommen zu sein. Die Pfeifen sinken offenbar an den Labien ein; besonders "erwischt" hat es die Pfeifen des C-Pedalturms: das Labium der größten Pfeife links ist deutlich verformt und eingerissen, der linke Bart ist abgebrochen und steckt in einem Riß im Unterlabium; in der Kernspalte steckt eine Art Metallstift. Flecken auf dem Labium (am rechten Rand, an der Lötnaht) legen nahe, daß Risse mit grauem Klebeband notdürftig verschlossen wurden (so genau ist das nicht erkennbar). Auch die anderen Labien sind verformt, die Öffnungen schief, ebenso im nördlichen Pedalturm, wenn dort auch noch nicht so ausgeprägt.

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Interessierte sollten sich den 09. und 10. Mai 2014 notieren: dann findet ein Symposium zur Zukunft der Orgeln in St. Marien statt - so ist es auf der HP von Marienorganist Johannes Unger unter "Neuigkeiten" nachzulesen. Richtig so! Jetzt wird's also wirklich spannend, und man wird wohl vermuten dürfen, daß die Tage der "Kemperin" gezählt sind....

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(Die Kapelle mit dem Eingang, Bücher- und CD-Stand)

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Gelungen übrigens: der wiedereröffnete Eingang in der Halle zwischen den Türmen unter der großen Orgel, lange Jahre als Magazin genutzt - und mit durchaus gelungener Gestaltung.

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Wieder draußen, gönnten wir uns gegen die Winterkälte einen Kaffee - und machten uns an der Petrikirche vorbei auf den Weg zum Dom......

(To be continued....)

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

florianf, Graz (A), Freitag, 29. November 2013, 00:10 (vor 4655 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

vielen Dank für den interessanten, (wie stets) toll bebilderten Bericht. :)

liebe Grüße,
Florian

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

Friedrich @, Freitag, 29. November 2013, 00:32 (vor 4655 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Lieber Wolfgang,

danke für die Nachrichten, ich kann Dir da nur recht geben, was die Themenzeile betrifft. Ich finde das auch hochspannend und bin sehr neugierig, wie sich die Lage in St. Marien entwickeln wird.

Was man in der Wikipedia noch nicht sieht: inzwischen scheinen massive statische Probleme der großen Pedal-Prospektpfeifen in den beiden "Kanzeln" links und rechts hinzugekommen zu sein. Die Pfeifen sinken offenbar an den Labien ein; besonders "erwischt" hat es die Pfeifen des C-Pedalturms: das Labium der größten Pfeife links ist deutlich verformt und eingerissen, der linke Bart ist abgebrochen und steckt in einem Riß im Unterlabium; in der Kernspalte steckt eine Art Metallstift. Flecken auf dem Labium (am rechten Rand, an der Lötnaht) legen nahe, daß Risse mit grauem Klebeband notdürftig verschlossen wurden (so genau ist das nicht erkennbar). Auch die anderen Labien sind verformt, die Öffnungen schief, ebenso im nördlichen Pedalturm, wenn dort auch noch nicht so ausgeprägt.

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Der Metallstift kann ein über den Aufschnitt gelöteter Streifen sein, der die Ansprache bei großen Pfeifen unterstützt. Das habe ich zum ersten Mal in Lausanne an der neuen Fisk-Orgel gesehen, und David Pike hat es mir so erklärt. Im übrigen ist das natürlich ein elender Anblick. Wahrscheinlich ist der Pfeifenkörper von Anfang an statisch prekär gebaut, z. B. nicht nach oben hin ausgedünnt. Dann muss man die Pfeife entweder aufwendig sanieren und neu aufhängen, oder man muss sie wegschmeißen, bestenfalls einschmelzen, wenn sie denn aus brauchbarem Material ist.

Man soll ja nix vorwegnehmen, aber es würde mich nicht wundern, wenn das Urteil der Experten beim Symposium – sagen wir mal – weitaus weniger gespalten ausfällt als seinerzeit bei KBK. Und dann wird es erst recht spannend, denn was immer diese Kirche für eine Orgel bekommt – es wird ein programmatischer, wichtiger Orgelbau werden, mit vielen Bezügen zur Musikgeschichte dieser Kirche und vielfältigen aktuellen und zukünftigen Aufgaben.

Viele Grüße,
Friedrich

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

MAT @, Freitag, 29. November 2013, 08:28 (vor 4655 Tagen) @ Friedrich

Auch von mir vielen Dank für den informativen Bericht und die Fotos. Der Raum ist großartig! Ich hoffe nur, dass da bei einem eventuellen Neubau nix Französisches reinkommt.

Auf die Fortsetzung des Berichtes, mit Impressionen aus dem ebenso beindruckenden Dom, freut sich
MAT

--
Gruß
MAT

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

HenkM @, Freitag, 29. November 2013, 18:00 (vor 4654 Tagen) @ MAT

Auch von mir vielen Dank für den informativen Bericht und die Fotos. Der Raum ist großartig! Ich hoffe nur, dass da bei einem eventuellen Neubau nix Französisches reinkommt.

Auf die Fortsetzung des Berichtes, mit Impressionen aus dem ebenso beindruckenden Dom, freut sich
MAT


... hoffentlich auch nichts Englisches.

HenkM

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

Wolfgang Gourgé @, Freitag, 29. November 2013, 19:36 (vor 4654 Tagen) @ HenkM
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Freitag, 29. November 2013, 19:43

Auch von mir vielen Dank für den informativen Bericht und die Fotos. Der Raum ist großartig! Ich hoffe nur, dass da bei einem eventuellen Neubau nix Französisches reinkommt.

Auf die Fortsetzung des Berichtes, mit Impressionen aus dem ebenso beindruckenden Dom, freut sich
MAT

... hoffentlich auch nichts Englisches.

HenkM

....warum nicht? Es waren 1942 englische Bomben, die auch die Marienkirche zerstörten, nachdem die deutsche Luftwaffe mit den Bombardierungen von Rotterdam, Warschau und Coventry die Lawine losgetreten hatte. Ich finde, eine "englische Beteiligung" - in welcher Form auch immer - hätte ihren symbolischen Reiz, wie bei der Frauenkirche in Dresden, deren neues Kuppelkreuz von vielen englischen Spendern mitfinanziert und von einem englischen Schmied, der Sohn eines Bomberpiloten ist, hergestellt wurde. Vielleicht hätte auch eine neue Marien-Orgel über den 1942 abgestürzten Glocken im Südturm das Potential zu einer solchen Symbolik, und sei es in Form einer englischen Hochdruck-Tuba. Der Raum verträgt es allemal, und eine moderne Großorgel kann auch durchaus ein paar französische Zungen haben (die ich dort in den Konzerten immer sehr vermißt habe....). Entscheidend ist, daß am Ende eine homogene Synthese der verschiedenen Stile steht.

Gruß,
Wolfgang

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

jori @, Freitag, 29. November 2013, 20:40 (vor 4654 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Auch von mir vielen Dank für den informativen Bericht und die Fotos. Der Raum ist großartig! Ich hoffe nur, dass da bei einem eventuellen Neubau nix Französisches reinkommt.

Auf die Fortsetzung des Berichtes, mit Impressionen aus dem ebenso beindruckenden Dom, freut sich
MAT

... hoffentlich auch nichts Englisches.

HenkM


....warum nicht? Es waren 1942 englische Bomben, die auch die Marienkirche zerstörten, nachdem die deutsche Luftwaffe mit den Bombardierungen von Rotterdam, Warschau und Coventry die Lawine losgetreten hatte. Ich finde, eine "englische Beteiligung" - in welcher Form auch immer - hätte ihren symbolischen Reiz, wie bei der Frauenkirche in Dresden, deren neues Kuppelkreuz von vielen englischen Spendern mitfinanziert und von einem englischen Schmied, der Sohn eines Bomberpiloten ist, hergestellt wurde. Vielleicht hätte auch eine neue Marien-Orgel über den 1942 abgestürzten Glocken im Südturm das Potential zu einer solchen Symbolik, und sei es in Form einer englischen Hochdruck-Tuba. Der Raum verträgt es allemal, und eine moderne Großorgel kann auch durchaus ein paar französische Zungen haben (die ich dort in den Konzerten immer sehr vermißt habe....). Entscheidend ist, daß am Ende eine homogene Synthese der verschiedenen Stile steht.

Gruß,
Wolfgang

Von mir aus gerne englisches Klangbild.
Wenn das die Engländer bezahlen, umso besser.

Gruß
jori

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

Muenti @, Samstag, 30. November 2013, 15:07 (vor 4653 Tagen) @ jori

Hallo,
folgende Aufnahmen habe ich im April 2011 gemacht:

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Die Pfeifen sahen also auch schon vor 2,5 Jahren so schlimm aus. Mich hat es verwundert, daß auf den Pfeifen so viele Fingerabdrücke zu sehen sind (2.Bild). Auf dem dritten Bild sieht es so aus, als würde Lack über dem Labium abblättern: Was ist das? Bildet sich durch Korrosion eine Schicht auf dem Metall oder sind die Pfeifen tatsächlich "lackiert"?

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

JRorgel @, Mittwoch, 09. April 2014, 22:21 (vor 4523 Tagen) @ Muenti

Soweit ich weiß, sind die Pfeifen tatsächlich irgendwie beschichtet,
mit Silberbronze oder soetwas.
Ich oute mich mal als Fan der großen Kemper-Orgel, einfach deswegen, weil
sie auf ihre Art und Weise wunderschön ist. Auch wenn sie in der heutigen
Zeit nicht mehr schön ist in den Augen einiger Leute, ich finde sie schön.
Mit all ihren 10fachen Mixturen, mit den absturzgefährdeten Horizontal-
Zungen, mit allen Fehlern und aber auch Vorteilen. Sie klingt beeindruckend.
Sie ist immerhin eines der größten Nachkriegsinstrumente. Ich mag diese Orgel
sehr und oute mich auch gern dafür ;)
Soweit meine Laudatio auf die Kemper-Orgel :)
Zerreißt mich! :P

Gruß Johannes

Lübeck, St. Marien: es wird spannend.....

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 30. November 2013, 16:40 (vor 4653 Tagen) @ jori

Auch von mir vielen Dank für den informativen Bericht und die Fotos. Der Raum ist großartig! Ich hoffe nur, dass da bei einem eventuellen Neubau nix Französisches reinkommt.

Auf die Fortsetzung des Berichtes, mit Impressionen aus dem ebenso beindruckenden Dom, freut sich
MAT

... hoffentlich auch nichts Englisches.

HenkM


....warum nicht? Es waren 1942 englische Bomben, die auch die Marienkirche zerstörten, nachdem die deutsche Luftwaffe mit den Bombardierungen von Rotterdam, Warschau und Coventry die Lawine losgetreten hatte. Ich finde, eine "englische Beteiligung" - in welcher Form auch immer - hätte ihren symbolischen Reiz, wie bei der Frauenkirche in Dresden, deren neues Kuppelkreuz von vielen englischen Spendern mitfinanziert und von einem englischen Schmied, der Sohn eines Bomberpiloten ist, hergestellt wurde. Vielleicht hätte auch eine neue Marien-Orgel über den 1942 abgestürzten Glocken im Südturm das Potential zu einer solchen Symbolik, und sei es in Form einer englischen Hochdruck-Tuba. Der Raum verträgt es allemal, und eine moderne Großorgel kann auch durchaus ein paar französische Zungen haben (die ich dort in den Konzerten immer sehr vermißt habe....). Entscheidend ist, daß am Ende eine homogene Synthese der verschiedenen Stile steht.

Gruß,
Wolfgang


Von mir aus gerne englisches Klangbild.
Wenn das die Engländer bezahlen, umso besser.

Gruß
jori

John Mander würde das sicher sehr gerne machen. Er würde gerne mal groß in Deutschland bauen, er hält seine deutsche Meister-Ausbildung sehr in Ehren. Und würde er es machen, wäre die Orgel so etwas dazwischen - typisch englisch, aber doch keine Harrison beispielsweise (das war keineswegs abwertend, aber die sind m. E. noch traditioneller englisch). Das soll man hier sicher nicht schreiben, aber im Gespräch signalisierte er die Absicht, im Falle des Falles sich so weit als möglich kontinentalen Preisen annähern zu wollen...

Ich war heute selbst wieder in Lübeck - jedes Jahr am 1. Adventssamstag (sonst schaffe ich es nicht) zum wunderbaren MArkt im Heiligen-Geist-Hospital. Die Stadt ist wirklich unglaublich, besonders die Viertel östlich des Zentrums, wo die Altstadt kaum beschädigt war.
Und auf vielen, vielen Häusern/Objekten steht drau: Erbaut/renoviert im Jahre XXXX von der Possehl-Stiftung.... (Possehl war Bauunternehmer in alten Zeiten, er vermachte eine riesige Summe zum Wohl der Stadt).

Die werden's wohl auch mit der Marienorgel wuppen, wenngleich da sicher noch Zuzahler dringend gefragt sind...

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