Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Dienstag, 03. Dezember 2013, 14:31 (vor 4651 Tagen)

Hallo Forum,

Thierry Escaich spielte am 02.12.2013 in St. Lambertus ein Orgelkonzert mit fünf verschiedenen Improvisationen.

Nun räume ich freimütig ein, daß ich wenig Sinn darin sehe, sich in dieser Art als Konzertorganist zu betätigen. Klar ist, daß man als Kirchenmusiker Kenntnisse und Fertigkeiten im Improvisieren haben muß: Das liturgische Geschehen erfordert mitunter Überbrückungen mit Orgelspiel. Auch in Standartsituationen wie Ein- und Auszug kann man schon aus Zeitgründen nicht immer auf Literaturstücke zugreifen. Und es ist natürlich schön, wenn der Organist beim Gemeindegesang das Vorspiel selbst frei gestaltet und bei der Begleitung nicht an irgendwelchen Vorlagen klebt. Insofern hat das Improvisieren beim Orgelspiel also seine volle Berechtigung. Und muß daher auch gelehrt und studiert werden.

Was bekommt man als Improvisation im Konzert geboten? Da gibt es häufig Stilkopien. Es werden Suiten nach franz. Manier; ganze Orgelsymphonien à la Widor oder romantische Fantasien gespielt. Erkenntniswert: Man erfährt, daß der Organist diese Stile kennt. Musikalisch ist das meist nicht sehr ergiebig. Wie sollte es auch? Schließlich wird ad hoc gespielt, es kann nicht gegrübelt werden. Denkpausen sind bei einer Improvisation nicht drin. Es muß weitergehen. Man nimmt bewußt das Minus zu einer Komposition in Kauf und ergötzt sich am Circensischen.

Ja, das wird immer wieder als besonderer Reiz des Improvisieren hervorgekehrt: Die Einmaligkeit dessen, was da produziert wird. Nun ist Eizigartigkeit noch kein Garant für Qualität. Und das mit der Einmaligkeit ist oft nur die halbe Wahrheit. Dort, wo der Spieltisch vom Publikum einsehbar ist, kann man nämlich beobachten, daß die Registrierungen mittels Sequenzer fortgeschaltet werden. Mit anderen Worten: Die Registrierungen hat der Spieler vor dem Konzert einprogrammiert. Und das geht ja wohl nur, wenn er die Musik bereits im Kopf hat. Wir hören also als Improvisation häufig auswendig gelernte Eigenkompositionen.

Praemissis praemittendis komme ich zum Konzert! Escaich begann mit einer Paraphrase improvisée sur un thème gregorienne. Das Thema wurde, wie dann auch bei den weiteren Programmnummern, von einem Solosopran aus der Turmorgel angesungen; in passender Tonhöhe, so daß Escaich, am Zentralspieltisch im Chorraum sitzend, nahtlos anschließen konnte. Das Thema konnte in verschiedenen Lagen wiedererkannt werden. Leider habe ich nicht verstanden, um welches Thema es sich handelte (Es wurde bei der Begrüßung angesagt).

An zweiter Stelle stand ein Choral varié “Nun kommt der Heiden Heiland” en style classique, wobei klassisch hier barock meinte. Der Stil war bestens getroffen.

Danach folgte eine Improvisation libre sur une theme de O. Messiaen. Hier näherte sich Escaich Messiaen an, ein paar Vogelstimmen durften nicht fehlen.

Die Fantaisie et fugue improvisée sur “O komm, o komm, Immanuel” war en style romantique gehalten. Wild auffahrender Beginn, langer hoher Halteton am Ende. Gewiß auch sehr stilsicher, wenn auch mitunter an der Grenze zum Kitsch.

Schließlich Thème et Variations sur “Maria durch ein Dornwald ging”. Hier muß man leider sagen: Thema verfehlt! Bereits beim Einstieg schärfte Escaich Tempo und Rhythmik des Liedes so, daß “Die Liebe vom Zigeuner stammt” (Bizet, Carmen) herauskam. Und diesen ersten Eindruck vermochte er dann im folgenden nicht mehr zu verwischen. Von dem zarten Lied blieb nichts übrig.

Daß Escaich über fulminante Technik und viel Klangsinn verfügt, daß er die Orgel in St. Lambertus wirkungsvoll zu nutzen wußte, sei nicht verschwiegen. Etwa 120 Hörer applaudierten stark, aber nicht sehr lang. 70 Minuten, keine Zugabe.

Gruß Clemens Schäfer

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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

MAT @, Dienstag, 03. Dezember 2013, 15:04 (vor 4651 Tagen) @ Clemens Schäfer

Ich finde, die Improvisation gehört zu den Königsdisziplinen der Organisten und sollte auch gern konzertant in Töne gehoben werden. Wer außer Jazz-Musikern verfügt noch über dieses Können?

Bekanntermaßen wurde zu allen Zeiten vor Publikum improvisiert, Bach tat es, Mozart tat es und viele mehr. Warum sollten wir jetzt davon lassen? Nur die Liturgie damit zu "beglücken" würde der Improvisation m. E. nicht gerecht.

--
Gruß
MAT

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

otto krämer, Dienstag, 03. Dezember 2013, 15:22 (vor 4650 Tagen) @ Clemens Schäfer

Guten Tag zusammen!

Lieber Herr Schäfer,
so gerne ich sonst Ihre wunderschönen Kritiken lese, umso mehr bin ich heute erstaunt über Ihre Eindrücke und Ihre grundsätzliche Meinung zur konzertanten Improvisation.

Hallo Forum,

Thierry Escaich spielte am 02.12.2013 in St. Lambertus ein Orgelkonzert mit fünf verschiedenen Improvisationen.

Nun räume ich freimütig ein, daß ich wenig Sinn darin sehe, sich in dieser Art als Konzertorganist zu betätigen. Klar ist, daß man als Kirchenmusiker Kenntnisse und Fertigkeiten im Improvisieren haben muß: Das liturgische Geschehen erfordert mitunter Überbrückungen mit Orgelspiel. Auch in Standartsituationen wie Ein- und Auszug kann man schon aus Zeitgründen nicht immer auf Literaturstücke zugreifen. Und es ist natürlich schön, wenn der Organist beim Gemeindegesang das Vorspiel selbst frei gestaltet und bei der Begleitung nicht an irgendwelchen Vorlagen klebt. Insofern hat das Improvisieren beim Orgelspiel also seine volle Berechtigung. Und muß daher auch gelehrt und studiert werden.

Das ist schon einmal alles soweit korrekt; allerdings bewegt sich ein improvisierender Musiker auch auf dem Weg der Findung der eigenen Musiksprache, wenn er es denn mit der Improvisation ernst nimmt. Allein das ist nicht unbedingt an liturgische Situationen gebunden - das gibt es Text/Lyrik/Bilder/Filme/Farben/etc., über die man in allen möglichen Situationen und Konstellationen etwas "aus dem Ärmel schütteln" kann. Und mit Orgelspiel lit. Situationen lediglich zu überbrücken, das ist mir zu einfach - man muss sich in die jeweilige Situation auch hineinspüren können, nicht nur ein paar Akkorde dahinspielen.
Das ist nicht so einfach - ja - deshalb sollte man ja auch das Fach studieren.
Das heißt ja dann auch Liturgisches Orgelspiel die andere Seite heißt Improvisation!


Was bekommt man als Improvisation im Konzert geboten? Da gibt es häufig Stilkopien. Es werden Suiten nach franz. Manier; ganze Orgelsymphonien à la Widor oder romantische Fantasien gespielt. Erkenntniswert: Man erfährt, daß der Organist diese Stile kennt. Musikalisch ist das meist nicht sehr ergiebig. Wie sollte es auch? Schließlich wird ad hoc gespielt, es kann nicht gegrübelt werden. Denkpausen sind bei einer Improvisation nicht drin. Es muß weitergehen. Man nimmt bewußt das Minus zu einer Komposition in Kauf und ergötzt sich am Circensischen.

Ich muss hier widersprechen, leider.
Ich habe sicherlich hunderte Stunden improvisierter Musik genossen, zu allererst an der Konsole in Kevelaer. Großmeister Wolfgang Seifen hat mich tausende Male überrascht mit seiner Gabe, Musik tatsächlich so zu erfinden, dass sie nicht nur spontan wirkte, sonder tatsächlich auch überlegen konstruiert. Sehr wohl hatte ich immer den Eindruck bei ihm - wie auch bei den anderen Großmeistern, dass sie die Gabe des Sprechredens in der Improvisation meisterlich beherrschten:
Weiter zu spielen und gleichzeitig weiter zu denken.
Die andere Gabe ist, eine gegebene Großform wie den Sonaten-Hauptsatz klar vor Augen zu haben, daher den Zuhörer durch diese Form zu führen und so den roten Faden in der Hand zu behalten.
Freilich gelingt dies nicht immer, und auch nicht jedem.


Ja, das wird immer wieder als besonderer Reiz des Improvisieren hervorgekehrt: Die Einmaligkeit dessen, was da produziert wird. Nun ist Eizigartigkeit noch kein Garant für Qualität. Und das mit der Einmaligkeit ist oft nur die halbe Wahrheit. Dort, wo der Spieltisch vom Publikum einsehbar ist, kann man nämlich beobachten, daß die Registrierungen mittels Sequenzer fortgeschaltet werden. Mit anderen Worten: Die Registrierungen hat der Spieler vor dem Konzert einprogrammiert. Und das geht ja wohl nur, wenn er die Musik bereits im Kopf hat. Wir hören also als Improvisation häufig auswendig gelernte Eigenkompositionen.

Nein!
Ein improvisierender Organist hat das Recht, sein Instrument gebührend kennen zu lernen und die Klänge, die er dann benutzt, auch vor zu bereiten.
Man stelle sich einen Pianisten vor, der den Flügel nicht zu sehen bekommt, bevor er spielt.
Und den Sequenzer zum Crescendo und zum Decrescendo zu benutzen mit einer gut ausgeklügelten Registrierung ist genauso legitim wie Reger mit oder ohne Walze zu spielen - oder Bach mit Hacke und Spitze oder was auch immer.

Der Interpret macht die Musik, die Komponisten der meisten Alten Musik sind meines Wissens schon tot. ;-)

Improvisatoren, die die zu bespielende Orgel sich zu eigen gemacht haben, sind mir im Übrigen persönlich die liebsten; sie brauchen nicht zu überlegen, wie das Instrument wohl klingen wird, während sie spielen - meistens schimmert erst dann ihre Seele hervor.


Praemissis praemittendis komme ich zum Konzert! Escaich begann mit einer Paraphrase improvisée sur un thème gregorienne. Das Thema wurde, wie dann auch bei den weiteren Programmnummern, von einem Solosopran aus der Turmorgel angesungen; in passender Tonhöhe, so daß Escaich, am Zentralspieltisch im Chorraum sitzend, nahtlos anschließen konnte. Das Thema konnte in verschiedenen Lagen wiedererkannt werden. Leider habe ich nicht verstanden, um welches Thema es sich handelte (Es wurde bei der Begrüßung angesagt).

An zweiter Stelle stand ein Choral varié “Nun kommt der Heiden Heiland” en style classique, wobei klassisch hier barock meinte. Der Stil war bestens getroffen.

das ist doch schon wieder eine tolle Leistung, das ist doch gar nicht selbstverständlich!


Danach folgte eine Improvisation libre sur une theme de O. Messiaen. Hier näherte sich Escaich Messiaen an, ein paar Vogelstimmen durften nicht fehlen.

In welchem Modus spielte Escaich?


Die Fantaisie et fugue improvisée sur “O komm, o komm, Immanuel” war en style romantique gehalten. Wild auffahrender Beginn, langer hoher Halteton am Ende. Gewiß auch sehr stilsicher, wenn auch mitunter an der Grenze zum Kitsch.

Schließlich Thème et Variations sur “Maria durch ein Dornwald ging”. Hier muß man leider sagen: Thema verfehlt! Bereits beim Einstieg schärfte Escaich Tempo und Rhythmik des Liedes so, daß “Die Liebe vom Zigeuner stammt” (Bizet, Carmen) herauskam. Und diesen ersten Eindruck vermochte er dann im folgenden nicht mehr zu verwischen. Von dem zarten Lied blieb nichts übrig.

Daß Escaich über fulminante Technik und viel Klangsinn verfügt, daß er die Orgel in St. Lambertus wirkungsvoll zu nutzen wußte, sei nicht verschwiegen. Etwa 120 Hörer applaudierten stark, aber nicht sehr lang. 70 Minuten, keine Zugabe.

Gruß Clemens Schäfer

Nichts für ungut, Improvisation ist ein Ergebnis langer, harter Arbeit mit dem Thema.
Sie können sich denken, warum ich so stark gegenargumentiere..

Viele Grüße!
Otto Krämer

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Rochus Schmitz ⌂ @, Münster, Dienstag, 03. Dezember 2013, 18:21 (vor 4650 Tagen) @ otto krämer

Ja, das wird immer wieder als besonderer Reiz des Improvisieren hervorgekehrt: Die Einmaligkeit dessen, was da produziert wird. Nun ist Eizigartigkeit noch kein Garant für Qualität. Und das mit der Einmaligkeit ist oft nur die halbe Wahrheit. Dort, wo der Spieltisch vom Publikum einsehbar ist, kann man nämlich beobachten, daß die Registrierungen mittels Sequenzer fortgeschaltet werden. Mit anderen Worten: Die Registrierungen hat der Spieler vor dem Konzert einprogrammiert. Und das geht ja wohl nur, wenn er die Musik bereits im Kopf hat. Wir hören also als Improvisation häufig auswendig gelernte Eigenkompositionen.


Nein!
Ein improvisierender Organist hat das Recht, sein Instrument gebührend kennen zu lernen und die Klänge, die er dann benutzt, auch vor zu bereiten.
Man stelle sich einen Pianisten vor, der den Flügel nicht zu sehen bekommt, bevor er spielt.
Und den Sequenzer zum Crescendo und zum Decrescendo zu benutzen mit einer gut ausgeklügelten Registrierung ist genauso legitim wie Reger mit oder ohne Walze zu spielen - oder Bach mit Hacke und Spitze oder was auch immer.

Nur mal diesen Aspekt herausgegriffen - das hat mich auch immer gestört: Ich kann nicht nachvollziehen, daß es mit dem Stegreifspiel vereinbar sein soll, am Vorabend Registrierungen vorzubereiten und während des Spiels (evtl. über fünf Minuten vorher bekanntgegebene Themen!) abzurufen. Klar soll der Improvisator sein Instrument, insbesondere die vorhandenen Stimmen, kennen (da hinkt der Vergleich mit dem Pedalspiel etwas, oder?). Aber die einzelnen Kombinationen vorbereiten kann ich sinnvollerweise nur, wenn ich weiß, was kommt. Oder es handelt sich um ein Schema, das der jeweiligen "Improvisation" übergestülpt wird.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

kjz1, Dienstag, 03. Dezember 2013, 18:52 (vor 4650 Tagen) @ Rochus Schmitz
bearbeitet von kjz1, Dienstag, 03. Dezember 2013, 18:59

Aber die einzelnen Kombinationen vorbereiten kann ich sinnvollerweise nur, wenn ich weiß, was kommt. Oder es handelt sich um ein Schema, das der jeweiligen "Improvisation" übergestülpt wird.

Das habe ich mir auch gedacht. Letztendlich geht so etwas doch nur, wenn ich bereits ein relativ fertiges 'Grundgerüst im Kopf' habe, in das dann nur noch das jeweils gegebene Thema 'hineingestrickt' wird. Auch das ist natürlich Kunst, aber auch viel 'Handwerk'.

Sagte nicht Cochereau einmal, er könne tausend versch. Scherzi improvisieren? Das geht aber doch wohl nur, wenn man bestimmte 'Grundmuster' zu immer neuen 'Permutationen' zusammenstellt.

Getreu nach T. A. Edison: Genie ist 1 % Inspiration und 99 % Transpiration.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Rolf @, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:31 (vor 4650 Tagen) @ Rochus Schmitz

Nur mal diesen Aspekt herausgegriffen - das hat mich auch immer gestört: Ich kann nicht nachvollziehen, daß es mit dem Stegreifspiel vereinbar sein soll, am Vorabend Registrierungen vorzubereiten und während des Spiels (evtl. über fünf Minuten vorher bekanntgegebene Themen!) abzurufen. Klar soll der Improvisator sein Instrument, insbesondere die vorhandenen Stimmen, kennen (da hinkt der Vergleich mit dem Pedalspiel etwas, oder?). Aber die einzelnen Kombinationen vorbereiten kann ich sinnvollerweise nur, wenn ich weiß, was kommt. Oder es handelt sich um ein Schema, das der jeweiligen "Improvisation" übergestülpt wird.

Bei Escaich konnte man gestern sehen, dass es zumindest bei ihm so genau nicht funktionierte. Während der Impros wechselte er permanent zwischen verschiedenen Setzerebenen hin und her - da wurden höchstens mal vier, fünf Registrierungen per Reihenschalter abgerufen, spätestens dann ging es wieder auf eine andere Setzerebene oder Kombinationen aus der Reihe wurden übersprungen. Escaich hatte sich also wohl ein großes Reservoir an Klangfarben vorbereitet, dass er eben nicht einfach der Reihe nach, sondern spontan, "wie es gebraucht wurde", abrief. Schon das eine großartige Gedächtnisleistung, denn auf dem Notenpult standen nur die musikalischen Themen.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:45 (vor 4650 Tagen) @ Rochus Schmitz
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:49


Nur mal diesen Aspekt herausgegriffen - das hat mich auch immer gestört: Ich kann nicht nachvollziehen, daß es mit dem Stegreifspiel vereinbar sein soll, am Vorabend Registrierungen vorzubereiten und während des Spiels (evtl. über fünf Minuten vorher bekanntgegebene Themen!) abzurufen. Klar soll der Improvisator sein Instrument, insbesondere die vorhandenen Stimmen, kennen (da hinkt der Vergleich mit dem Pedalspiel etwas, oder?). Aber die einzelnen Kombinationen vorbereiten kann ich sinnvollerweise nur, wenn ich weiß, was kommt. Oder es handelt sich um ein Schema, das der jeweiligen "Improvisation" übergestülpt wird.

....dann wären sämtliche musikalischen Formen, in denen improvisiert wird, gleichermaßen "Schemata", die der jeweiligen Improvisation "übergestülpt" werden: Sonatensatz, Fuge, Scherzo, Ragtime usw. ....

Und überhaupt: auch unser Tonsystem mit Dur/Moll, und erst Recht die festgelegten Töne der Tasteninstrumente! Neinneinnein, wenn schon Improvisation, dann bittesehr mit Instrumenten ohne festgelegte Töne und jenseits unserer Tonalität, wenn ich bitten darf....

Im Ernst: wie die in Regeln (Rechtschreibung, Grammatik, Mimik, Gestik, Betonung, Lautstärke.....) gefaßte menschliche Sprache das Verständigen erst ermöglicht, so gebrauchen große Improvisatoren wie Franz Lehrndorfer, Thierry Escaich, Wolfgang Seifen, Philippe Lefebvre, Olivier Latry oder Daniel Roth bestimmte Ausdrucksformen, um dem musikalischen Gedanken eine nachvollziehbare Gestalt zu geben - denn sonst würden sie nur herumzwirnen. Diese Formen dienen der bewußten Ausgestaltung einer musikalischen Idee. Daß man sich ihrer bedient, widerspricht nicht prinzipiell der Improvisation, sondern ist deren Bedingung. Es würde auch niemand einem Schriftsteller bei einem neuen Titel vorwerfen, dieser sei ja nicht neu, weil es die Gattung - Novelle, Roman, whatever - schon längst gebe und er zudem dieselben Buchstaben und Worte wie in seinen vorherigen Romanen verwende.

Und daß ein Improvisator vorher bei großen Instrumenten Kombinationen vorbereitet, um diese im Bedarfsfall abrufen zu können, ist doch ebenso eine Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit - wie hätte denn W.S. sonst seine grandiose Improvisation über Murnaus "Faust" diesen (Orgel-)Sommer im Hamburger Mariendom überhaupt bewältigen sollen? Mit Registranten, die seine Gedanken voraussehen? Wie sollte ein Olivier Latry sonst eine derart brillante Improvisation umsetzen können?

Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, daß das stets festgelegte Schema dann jedem Thema "aufgepfropft" wird. Ab da ist es dann eben keine wirkliche Improvisation mehr. Aber das ändert überhaupt nichts daran, daß es völlig zutrifft, was Otto sagt. Und Escaichs musikalische Sprache ist vielleicht der von Messiaen verwandt, aber das bloße Nachmachen anderer dürfte er kaum nötig haben.

Übrigens: schon mal den Otto Krämer gehört? Der ist nämlich sehr, sehr gut, ich hab' da eine CD von ihm, zusammen mit Matthias Mück.....

Gruß,
Wolfgang

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

untersatz32, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:50 (vor 4650 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Ja, der kann der Otto. Und der Matthias auch...!

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Dienstag, 17. Dezember 2013, 00:50 (vor 4637 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Wie sollte ein Olivier Latry sonst eine derart brillante Improvisation umsetzen können?


Gruß,
Wolfgang


Sorry Wolfgang und alle Katholiken - war selbst einer, aber auch schon damals....:
So sehr ich mich an dieser Impro rein musikalisch und klanglich erfreuen kann, frage ich mich, was uns diese als Auszug aus einer Messe sagen soll?
"Vorsicht, komm dem Kreuz/dem Klerus nicht zu nahe, stell dich nicht in den Weg! Das Unheil wird unermesslich sein!"
"Fluch der Karibik" und "Krieg der Sterne" sehe ich in nächster Nähe dieser Musik - nun, gute Gesellschaft eigentlich, vom Handwerklichen her, ich mag beides.

Aber was dieser Chamadenangriff mit den Emotionen am Ende eines Gottesdienste zu tun hat, erschließt sich mir nicht. Weckruf für die Eingeschlafenen? Sturm auf Atheisten, Islamisten, sonstige?

Das war ja jetzt etwas OT

Ein wenig gebe ich Clemens Schäfer recht bei der Frage:
Was ist das Besondere an improvisierter Musik?
Ein glücklicher Moment scheint mir, wenn es gelingt, zumindest "gefühlt", nicht nur per se etwas Einmaliges zu schaffen (manchmal ist man ja auch dankbar, dass eine Wiederholung ausgeschlossen ist), sondern etwas einzufangen, was genau jetzt und in diesem Raum, an diesem Zeitpunkt, "in der Luft liegt". Das ist auf jeden Fall ein Argument.

Beim Jazz ist es wiederum so, dass überwiegend mehr als einer musiziert, da ist dann das Moment der Kommunikation und des Dialoges viel ausgeprägter und entsprechende Berechtigung.

Die Verteidigung der Setzerkombinationen durch die Vorredner finde ich angebracht. Das ist im Prinzip nicht verwerflichere Vorbereitung als sein Cembalo selbst zu stimmen.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 17. Dezember 2013, 02:49 (vor 4637 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Dienstag, 17. Dezember 2013, 03:07

Wie sollte ein Olivier Latry sonst eine derart brillante Improvisation umsetzen können?


Gruß,
Wolfgang

Sorry Wolfgang und alle Katholiken - war selbst einer, aber auch schon damals....:
So sehr ich mich an dieser Impro rein musikalisch und klanglich erfreuen kann, frage ich mich, was uns diese als Auszug aus einer Messe sagen soll?

....jetzt antworte ich mal etwas despektierlich: wenn OL den Besuchern der Kathedrale etwas hätte sagen wollen, hätte er wohl zum Mikrophon gegriffen und eine Rede gehalten....;--).....

Er steht mit dieser Impro über den "Marche de Rois" (für die nicht-Wissenden: französisches Weihnachtslied) ja in der Cohereau-Tradition, der über dasselbe Lied ebenfalls eine recht bekannte Improvisation "geliefert" hat. Klar geht's da nicht um feinsinnige Unterscheidungen, sondern um den dramatischen Auftritt....aber mei, warum nicht einfach an der vorwärtsdrängenden, kraftvollen Dynamik und dem vollgriffigen "in-die-Orgel-langen" freuen?

Ich kann mich noch an einen NDR-Film aus den 1980ern erinnern, produziert vom Dir sicher wohlbekannten und auch beim NDR angestellten Uwe Röhl, dem Alt-Domorganisten von Lübeck: "Orgelromantik". Da kam Weingarten dran, Passau, St. Florian/Linz, natürlich St. Bavo/Haarlem, wo Hans Haselböck eine Mendelssohn-Sonate spielte (die zweite) - natürlich gut. Dann ein Einspieler, in dem Hans Haselböck Fragen eines Interviewers beantwortete (wirkte ein wenig hölzern) und zu Paris überleitete: "....wenn wir die große Zeit der romantischen Orgel erleben wollen, müssen wir nach Paris gehen." - Nächste "Szene": Notre Dame, die Orgel von unten - markerschütternde Tutti-Akkorde, Schwenk nach oben: Lefebvre ließ seine Hände und Füße in die Tasten fallen, die Contrebombarde donnerte, die Chamaden röhrten, es war unglaublich, ein Quantensprung gegenüber allem vorangegangenen - als ob Dracula in Transsylvanien gerade aufwacht, dann ein decrescendo, gefolgt von einem "Klangteppich", dazu Paris-Impressionen, bis der "Teppich" allmählich im ppp ausklang und es nach ein wenig Text mit dem 1. Satz aus Viernes 2. Symphonie weiterging (wohl eins der "Paradestücke" von Lefebvre).

[image]
(PL im Dezember 2009 in ND, eigenes Foto)

Hans Haselböck und Augustin Kropfreiter, die vor Lefebvre zu hören waren, wirklich in Ehren (H.H.'s Verdienste um die österreichische Orgelkultur kann man gar nicht hoch genug einschätzen), aber Lefebvre war wie eine Explosion (schade, daß das noch niemand auf youtube hochgeladen hat!) - das man *so* Orgelspielen kann, war mir damals völlig neu. Und das macht für mich eine gelungene Improvisation eben auch aus: sie fesselt den aufgeschlossenen Zuhörer vom ersten Augenblick an, man kommt gar nicht zum Nachdenken, sondern ist sofort elektrisiert, wie beim "Bolero" oder der Widor-Toccata (die PL am Ende des Films dann in einem irrwitzigen Tempo spielte - und beim Pedal-Einsatz verdoppelte sich mein Blutdruck nochmal....) oder bei Strawinskys "Sacre". Die Frage, was der Improvisator "sagen will", hat sich in so einem Moment, in dem man von der Musik elektrisiert wird, schon von selbst beantwortet....

Und ich finde, daß OL hier genau so ein Moment gelingt, der unmittelbare Zugriff auf die Psyche des Hörers: ganz großes Kino und Latry at it's best. Da mag ich gar nicht lange darüber nachdenken, was er "sagen will".....

Das war ja jetzt etwas OT

Ein wenig gebe ich Clemens Schäfer recht bei der Frage:
Was ist das Besondere an improvisierter Musik?
Ein glücklicher Moment scheint mir, wenn es gelingt, zumindest "gefühlt", nicht nur per se etwas Einmaliges zu schaffen (manchmal ist man ja auch dankbar, dass eine Wiederholung ausgeschlossen ist), sondern etwas einzufangen, was genau jetzt und in diesem Raum, an diesem Zeitpunkt, "in der Luft liegt". Das ist auf jeden Fall ein Argument.

....es können ja ganz verschiedene Klänge "in der Luft liegen", je nach dem Augenblick. Zum Beispiel finde ich diese Choralimprovisationen von Juliane Ilgner - augenscheinlich eine Schülerin Deines Kollegen Danksagmüller - hervorragend, sie passen perfekt zum Raum und dessen Atmosphäre. So wie es OL in dem besagten Clip trifft, so Juliane Illgner im Lübecker Dom.

Gruß,
Wolfgang

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

ado ⌂ @, Dienstag, 17. Dezember 2013, 17:50 (vor 4636 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Lefebvre ließ seine Hände und Füße in die Tasten fallen, die Contrebombarde donnerte, die Chamaden röhrten, es war unglaublich, ein Quantensprung gegenüber allem vorangegangenen - als ob Dracula in Transsylvanien gerade aufwacht, dann ein decrescendo, gefolgt von einem "Klangteppich", dazu Paris-Impressionen, bis der "Teppich" allmählich im ppp ausklang...

nett, klar (wer´s mag). nur: musik ist dann nochmal was anderes, in meinen ohren. da sollte man nichts verwechseln ;o)

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

kjz1, Dienstag, 17. Dezember 2013, 18:20 (vor 4636 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Notre Dame, die Orgel von unten - markerschütternde Tutti-Akkorde, Schwenk nach oben: Lefebvre ließ seine Hände und Füße in die Tasten fallen, die Contrebombarde donnerte, die Chamaden röhrten, es war unglaublich, ein Quantensprung gegenüber allem vorangegangenen - als ob Dracula in Transsylvanien gerade aufwacht, dann ein decrescendo, gefolgt von einem "Klangteppich", dazu Paris-Impressionen, bis der "Teppich" allmählich im ppp ausklang und es nach ein wenig Text mit dem 1. Satz aus Viernes 2. Symphonie weiterging (wohl eins der "Paradestücke" von Lefebvre).

So ging es mir auch, als ich das erste Mal die Orgel von NDdP live (mit Cochereau) in einem sehr großen Festgottesdienst hörte. Mit Säuseln war es da nicht getan. Um es mal mit Werner auszudrücken: 'Das muss kesseln!' Und Cochereau liess es 'kesseln', und wie... Alles andere wäre in dieser Situation und an diesem Ort spürbar inadäquat gewesen.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

elsenp @, Dienstag, 17. Dezember 2013, 20:24 (vor 4636 Tagen) @ kjz1


So ging es mir auch, als ich das erste Mal die Orgel von NDdP live (mit Cochereau) in einem sehr großen Festgottesdienst hörte. Mit Säuseln war es da nicht getan. Um es mal mit Werner auszudrücken: 'Das muss kesseln!' Und Cochereau liess es 'kesseln', und wie... Alles andere wäre in dieser Situation und an diesem Ort spürbar inadäquat gewesen.

Wenn beim Einzug ein 12 Meter hohes Kreuz, gefolgt von mehreren 6 Meter langen Flambeaus, einem Weihrauchfass in Größe einer normalen Hausmülltonne, 50 Messdienern, 25 Priestern, Kaplänen, Diakonen und einem Erzbischof durch diese Kathedrale schreiten, ist alles, was sich orgeltechnisch unter 120 Dezibel bewegt, unpassend....
[Ironiemodus aus]. Im Ernst: Wer das mal live erlebt hat, weiß, was ich meine.

Gruß
Peter

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 12:45 (vor 4636 Tagen) @ elsenp


So ging es mir auch, als ich das erste Mal die Orgel von NDdP live (mit Cochereau) in einem sehr großen Festgottesdienst hörte. Mit Säuseln war es da nicht getan. Um es mal mit Werner auszudrücken: 'Das muss kesseln!' Und Cochereau liess es 'kesseln', und wie... Alles andere wäre in dieser Situation und an diesem Ort spürbar inadäquat gewesen.


Wenn beim Einzug ein 12 Meter hohes Kreuz, gefolgt von mehreren 6 Meter langen Flambeaus, einem Weihrauchfass in Größe einer normalen Hausmülltonne, 50 Messdienern, 25 Priestern, Kaplänen, Diakonen und einem Erzbischof durch diese Kathedrale schreiten, ist alles, was sich orgeltechnisch unter 120 Dezibel bewegt, unpassend....
[Ironiemodus aus]. Im Ernst: Wer das mal live erlebt hat, weiß, was ich meine.

Gruß
Peter

Hmjaaa, aber ich bleibe dabei: Mir ist das am Gottesdienst zu sehr vorbei.
Mir geht es nicht um Dezibel, sondern um die Faktur. "L'apparition de l'Eglise eternelle" ist auch sehr laut, aber doch ganz anders!

Cochereau höre ich gerne, habe extra CDs nachgekauft, um diesen Stil (Wolfgang, ich hatte einst ähnliche Empfindungen wie Du bei diesem Film) besser kennenzulernen. Aber es sind ganz überwiegend Konzertmitschnitte, nicht Gottesdienste.
Und ja, ich war auch selbst in Notre-Dame, kenne die Anforderungen des Raumes etc.
Ich hab ja nicht gesagt, dass man Postludien nur auf Prz. 8' 4' spielen soll.

Aber so ein Selbstzweck-Gepolter, so scheint es mir, ist nicht meins. Vielleicht ist das aber einfach eine Charakterfrage. Das meine ich nicht wertend, aber der eine findet es so angebracht, andere anders.

Und in unseren Breiten hörte ich auch viel zu oft irgend so ein Gedröhne und Geratter, mag es handwerklich gut gewesen sein oder nicht. (Die besten davon werden vermutlich in NDdP gespielt, sage ich mit großer Anerkennung).

Als Protestant ist man vielleicht eher auf dem Trip "Es kann nicht jeder Tag ein Sonntag sein...", während der Katholik das ganze Jahr über am Buffet gerne auch den Chamadenauflauf mitnimmt.

Vom Orgel-Marketing her dürfte die ND-Ästhethik auch die Interessen der Mehrheit treffen. Na dann.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

kjz1, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 15:48 (vor 4635 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Als Protestant ist man vielleicht eher auf dem Trip "Es kann nicht jeder Tag ein Sonntag sein...", während der Katholik das ganze Jahr über am Buffet gerne auch den Chamadenauflauf mitnimmt.

Vielleicht kommt da aber noch etwas Anderes dazu: NDdP ist quasi DIE Staatskirche in Frankreich (so ähnlich ist es wohl noch bei St. Pauls Cathedral oder auch Westminster Abbey in England). Und da werden dann auch Staatsakte zelebriert, wo der 'Stolz der Grande Nation' voll mitschwingt. Eine Kirche mit dieser (nationalstaatlichen) Bedeutung gibt es meines Wissens nach in Deutschland (glücklicherweise?) nicht. Bei dem Festakt, den ich erlebt habe, wurden 2 neue französische Kardinäle in ihr Amt eingeführt. Also ein Akt nationaler Bedeutung für Frankreich und da war dann selbstverständlich 'Pomp and Circumstances' angesagt. Und das war halt mit Cochereau und dieser Orgel möglich.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

ado ⌂ @, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 18:01 (vor 4635 Tagen) @ kjz1

Vielleicht kommt da aber noch etwas Anderes dazu: NDdP ist quasi DIE Staatskirche in Frankreich (so ähnlich ist es wohl noch bei St. Pauls Cathedral oder auch Westminster Abbey in England). Und da werden dann auch Staatsakte zelebriert, wo der 'Stolz der Grande Nation' voll mitschwingt. Eine Kirche mit dieser (nationalstaatlichen) Bedeutung gibt es meines Wissens nach in Deutschland (glücklicherweise?) nicht. Bei dem Festakt, den ich erlebt habe, wurden 2 neue französische Kardinäle in ihr Amt eingeführt. Also ein Akt nationaler Bedeutung für Frankreich und da war dann selbstverständlich 'Pomp and Circumstances' angesagt. Und das war halt mit Cochereau und dieser Orgel möglich.

Notre-Dame de Paris ist keine Staatskirche. Soetwas ist in einem dezidiert laizistischen Staat wie der République francaise nicht möglich, von daher paßt der Vergleich mit England nicht. Die Staats-"Kirche" der Republik ist das Pantheon.

In der Tat allerdings wird die Kathedrale als global bekanntes ikonisches Objekt auch von eigentlich kirchenfremder Seite zur Selbstdarstellung "mitgenutzt". So erfreut sich die Orgel offenbar staatlicher Unterstützung (oder gehört gar dem Staat?) und gerät tendenziell zum Prestigeobjekt regierungsamtlicher Stellen. Mit, zum Beispiel, den bekannten Folgen, als in den 90ern diese neue Prestige-Vorzeige-Elektronik installiert wurde... Vergleichbar dem mittlerweile nun doch begrabenen Minitel: viel Trara und letztlich eine Sackgasse.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 18:22 (vor 4635 Tagen) @ ado

Vielleicht kommt da aber noch etwas Anderes dazu: NDdP ist quasi DIE Staatskirche in Frankreich (so ähnlich ist es wohl noch bei St. Pauls Cathedral oder auch Westminster Abbey in England). Und da werden dann auch Staatsakte zelebriert, wo der 'Stolz der Grande Nation' voll mitschwingt. Eine Kirche mit dieser (nationalstaatlichen) Bedeutung gibt es meines Wissens nach in Deutschland (glücklicherweise?) nicht. Bei dem Festakt, den ich erlebt habe, wurden 2 neue französische Kardinäle in ihr Amt eingeführt. Also ein Akt nationaler Bedeutung für Frankreich und da war dann selbstverständlich 'Pomp and Circumstances' angesagt. Und das war halt mit Cochereau und dieser Orgel möglich.


Notre-Dame de Paris ist keine Staatskirche. Soetwas ist in einem dezidiert laizistischen Staat wie der République francaise nicht möglich, von daher paßt der Vergleich mit England nicht. Die Staats-"Kirche" der Republik ist das Pantheon.

In der Tat allerdings wird die Kathedrale als global bekanntes ikonisches Objekt auch von eigentlich kirchenfremder Seite zur Selbstdarstellung "mitgenutzt". So erfreut sich die Orgel offenbar staatlicher Unterstützung (oder gehört gar dem Staat?) und gerät tendenziell zum Prestigeobjekt regierungsamtlicher Stellen. Mit, zum Beispiel, den bekannten Folgen, als in den 90ern diese neue Prestige-Vorzeige-Elektronik installiert wurde... Vergleichbar dem mittlerweile nun doch begrabenen Minitel: viel Trara und letztlich eine Sackgasse.

...der französische Staat ist Eigentümer der Orgel.

Gruß,
Wolfgang

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

kjz1, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 20:17 (vor 4635 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

...der französische Staat ist Eigentümer der Orgel.

Also quasi eine 'Staatsorgel'; wobei ich 'Staatskirche' natürlich in übertragenem Sinne meinte, d.h. große staatliche Ereignisse (z. Bsp. Staatsbegräbnisse) mit mehr oder weniger kirchlichem Hintergrund werden bevorzugt in dieser Kirche zelebriert.

In Deutschland war wohl mal dem Berliner Dom von den Preußen diese Funktion zugedacht. Laut Wikipedia:

Heute finden im Berliner Dom neben den regelmäßigen Gemeindegottesdiensten auch Gottesdienste anlässlich von Staatsakten oder wichtigen politischen Ereignissen der Bundesrepublik Deutschland statt.

Allerdings habe ich den Berliner Dom nie in einer so dominierenden Rolle gesehen wie NDdP, oder irre ich mich da?

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

stein @, Donnerstag, 19. Dezember 2013, 08:33 (vor 4635 Tagen) @ kjz1

Mit dem Gesetz von 1904 vielen fast alle Kirchen incl. Einrichtung an den Staat.
Und das ist bis heute so. Wenn auf der Orgelbühne eine Lampe kaputt ist, ruft man nicht den Pfarrer, Elektriker oder frickelt selbst daran herum, sondern ein Elektriker der Stadt kümmert sich um alles. Keine Rechnung ... das ist daran die praktische Seite.

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

3rd_astronaut, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 15:56 (vor 4635 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Um mal auf Herrn Schäfers Ausführungen zurück zu kommen...

Es gibt Stellen im Gottesdienst, wo Improvisation einfach Vorteile hat, z.B. wenn man nach der Predigt etwas spielen will. Insbesondere, wenn der Prediger auch frei spricht, kann das ja sehr unterschiedliche Richtungen annehmen.

Aber beim Postludium an Epiphanie wusste doch OL sicherlich auch schon am Vorabend, wohin die Richtung geht. Was macht also die Improvisation besser als eine im OL-Stil von OL niedergeschriebene und aufgeführte Toccata sur les 3 Rois? Wie Otto aus sehr berufenem Munde schreibt, steckt hinter Improvisationsvermögen harte Arbeit...

OL-Impros; war: Thierry Escaich in St. Lambertus

Contrebasson 32' @, Wien, Donnerstag, 19. Dezember 2013, 02:06 (vor 4635 Tagen) @ 3rd_astronaut

Was für ein Zufall, dass gestern ein Video mit Improvisationen von OL online gestellt wurde. Zur Orgel muss ich nichts sagen, ich gehe davon aus, dass das Projekt bekannt ist. Viel Spaß beim Bilden einer eigenen Meinung über OLs Improvisationsvermögen.
Das Video findet sich hier.

Beste Grüße
Contrebasson 32'

Juliane Ilgner

Dorforganist, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 00:53 (vor 4636 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Zum Beispiel finde ich diese Choralimprovisationen von Juliane Ilgner ... hervorragend, sie passen perfekt zum Raum und dessen Atmosphäre.

Mit Verlaub: ich auch - und es mag durchaus sein, daß das Live-Erlebnis in NDdP andere Emotionen freisetzt als ein Youtube-Clip, aber zumindest in YT erreichen diese Improvisationen mein Herz eher als die Chamaden-Orgien von OL oder PL...

Juliane Ilgner

MAT @, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 08:54 (vor 4636 Tagen) @ Dorforganist
bearbeitet von MAT, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 09:14

Ich finde das, was man aus NDP auf YT so hören kann, oftmals sehr aggressiv. Ob das zu einem großen Ein- oder Auszug mit Kreuz, Kerzen und Weihrauch passt...na ja, man kann geteilter Meinung sein.

Irgendwer brachte den Vergleich mit der Bavo-Kerk und NDP. Wenn es um Krach geht, hat NDP zweifellos die Nase vorn. Wenn es um Klangpracht geht, sieht es m. E. anders aus.

--
Gruß
MAT

Juliane Ilgner

orgelwilli @, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 12:27 (vor 4636 Tagen) @ Dorforganist

Ist doch klar, daß die Impros von OL und PL einen Dorforganisten nicht erreichen....

Juliane Ilgner

MAT @, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 14:15 (vor 4636 Tagen) @ orgelwilli

Grandiose Einlassung! :-(

--
Gruß
MAT

Juliane Ilgner

perotin, Mittwoch, 18. Dezember 2013, 14:48 (vor 4636 Tagen) @ MAT

Grandiose Einlassung! :-(

Ja, bei unserem Orgelwilli sollte man über (bestimmte) französische Organisten am besten nur Gutes sagen. Ob man nun Dorf-, Stadt- oder gar Nicht-Organist ist....

Adventliche Grüße,

perotin

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

untersatz32, Dienstag, 03. Dezember 2013, 21:48 (vor 4650 Tagen) @ Rochus Schmitz

Naja, wenn jemand beim Literaturspiel Plenum, Basse de Cromorne, Cornette oder Schwebungen mit Flöten oder ein Crescendo/Decrescendo vorbereitet, sagt ja auch niemand etwas. Improvisation heisst ja nicht gleich automatisch Chaos, planloses Registergeziehe oder hektische Spontanität.

Der gewiefte Improvisator kann eine Registrierung mit Voix celeste, Flute solo und 32' und 16' im Pedal a la Lefebure, a la Franck, a la Boellmann, a la Vierne, a la Moderniste oder a la Cochereau improvisieren, das sind jedesmal andere Sprachen, aber immer dieselbe Registrierung.

Ebenso kann ich ein Duo des Cornets im Couperin-Stil, a la Tournemire/Grunenwald, a la Messiaen, a la Bach oder a la Stockhausen improvisieren...
Die Registrierung bleibt, die harmonische Sprache ist jedes Mal völlig anders.

Wo liegt nun also das Problem?

Grüsse

Thomas

Thierry Escaich in St. Lambertus, D-Altstadt

3rd_astronaut, Dienstag, 03. Dezember 2013, 19:28 (vor 4650 Tagen) @ otto krämer

Das ist schon einmal alles soweit korrekt; allerdings bewegt sich ein improvisierender Musiker auch auf dem Weg der Findung der eigenen Musiksprache, wenn er es denn mit der Improvisation ernst nimmt.

Nun hätte sich aber T. Escaich daheim hinsetzen können und eine Bearbeitung von "Nun komm der Heiden Heiland" in seiner eigenen Musiksprache austüfteln, niederschreiben und in Düsseldorf zur Aufführung bringen können.

Ein möglicher Mehrwert für den Zuhörer bei der improvisierten Fassung ist natürlich, dass Escaich das spielen kann, was auf dem Düsseldorfer Instrument am besten umzusetzen ist. Das unterscheidet halt den reisenden Organisten vom reisenden Pianisten. Ob es erfolgt ist bzw ob überhaupt die Zeit dazu da ist, sich soweit auf eine Orgel einzustellen in der Vorbereitung, weiß ich freilich nicht.

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