Hallo,
auf der Internetseite der Stadtkirche Celle bin ich eben auf folgendes gestoßen:
Klangretter gesucht.
Hier gibt es offenbar neben Bleifraß an den historischen Pfeifen grundsätzliche Probleme mit der Stabilität des rekonstruierten Pfeifenwerks.
Bleifraß scheint ja in letzter Zeit ein häufigeres Problem zu sein, aber was ist da mit den 2000 anderen Metallpfeifen los, dass danach kurzer Zeit ein Ersatz erforderlich wird?
Die West-Orgel ist ja noch recht neu und der Orgelbauer scheint doch recht anerkannt zu sein.
Viele Grüße aus München
Gerd
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Samstag, 06. August 2016, 12:12 (vor 3693 Tagen) @ grs
Klingt eher so, als ob das nicht direkt West anzulasten ist, sondern daß West mit zugekauftem Pfeifenwerk gearbeitet hat, dessen Qualität sich mittelfristig als minderwertig herausgestellt hat.
Vielleicht weiß da jemand mehr.
Stadtkirche Celle
grs
, München / Seesen, Samstag, 06. August 2016, 21:00 (vor 3693 Tagen) @ Poupoulcorouse
Klingt eher so, als ob das nicht direkt West anzulasten ist, sondern daß West mit zugekauftem Pfeifenwerk gearbeitet hat, dessen Qualität sich mittelfristig als minderwertig herausgestellt hat.
Das hört sich tatsächlich auf der oben verlinkten Kirchenseite so an.
Ich habe heute noch etwas im Netz gestöbert. Auf der Seite vom Orgelbauer unter Projekt Celle wird dagegen recht ausführlich auf die Pfeifenherstellung eingegangen.
Zitat von dort: [...] Wir haben es aber dennoch mit der Pfeifenherstellung sehr genau genommen: Alle Pfeifenmetallplatten sind auf die richtige Stärke hier gegossen worden. Dabei hat der leinenbespannte Gießtisch, der sonst üblich war, keine Verwendung mehr gefunden [...].
Viele Grüße
Gerd
Stadtkirche Celle - Pfeifenbau
grs
, München / Seesen, Samstag, 06. August 2016, 21:45 (vor 3693 Tagen) @ Poupoulcorouse
In einem CD-Booklet (The Organ of the Stadtkirche St. Marien,
Celle, Der Aufstieg der norddeutschen Orgelschule, Brett Leighton) habe ich noch einen Artikel von Rowan West zum Orgelbau gefunden:
Anhand von den gleichnamigen Registern in Stade konnten wir alle Pfeifenreihen für
die Orgel in Celle bis ins kleinste Detail nachbauen und ausgehend vom originalem Klangbild
der Krögerschen Prospektpfeifen die Intonation rekonstruieren. [...]
Mein besonderer Dank gilt Terry Shires und George Fowler, Leeds England, für deren
großartige Arbeiten bei der Rekonstruktion der neuen Register und der Restaurierung der
Prospektpfeifen. Alle Pfeifen wurden in monatelanger Arbeit von Hand ausgehobelt.
Also hat Rowan West möglicherweise den Pfeifenbau oder zumindest einzelne Arbeitsschritte bei der Pfeifenwerkstatt Terry Shires durchführen lassen.
Das ist ja nicht unüblich, bei Restaurationen oder Rekonstruktionen hätte ich - aufgrund der Darstellung auf der Homepage auch in diesem Fall - allerdings etwas anderes erwartet.
Viele Grüße
Gerd
PS: Ich kenne das aus dem beruflichen Umfeld leider zu genau, wie schwierig es ist, da im Nachgang noch klar zu bekommen, wer hier was zu verantworten hat. Ein beliebter Grund für Zoff zwischen den Beteiligten.
Hier dürfte die Gewährleistungsfrist aber um sein, so dass es "nur" noch um die Außenwirkung des Malheurs geht.
Nichts desto trotz liest sich die Beschreibung der Orgel sehr hörens- und sehenswert. Wenn ich mal im Norden bin, werde ich wohl mal einen Besuch einplanen müssen.
Stadtkirche Celle - Pfeifenbau
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Sonntag, 07. August 2016, 01:34 (vor 3693 Tagen) @ grs
Etwas, das man besten Gewissens zu diesem Thema beitragen kann:
Stadtkirche Celle
Wolfgang Gourgé
, Donnerstag, 11. August 2016, 17:06 (vor 3688 Tagen) @ Poupoulcorouse
Klingt eher so, als ob das nicht direkt West anzulasten ist, sondern daß West mit zugekauftem Pfeifenwerk gearbeitet hat, dessen Qualität sich mittelfristig als minderwertig herausgestellt hat.
Vielleicht weiß da jemand mehr.
...kleines juristisches Einmaleins: mit wem hat die Kirchengemeinde als Auftraggeber den Orgelbauvertrag geschlossen, mit dem Orgelbauer oder mit dem Pfeifenmacher, der zugeliefert hat? Alleine darauf kommt es an. Wenn die von der Autowerkstatt eingesetzten neuen Zündkerzen nach 10 Kilometern ihren Geist schon wieder aufgeben, braucht sich der Kunde auch nicht an den Hersteller der Kerzen verweisen zu lassen.
West ist übrigens ein klanglich sehr feinsinniger, wenn auch nicht gerade kommunikativ geschickter Orgelbauer. Die Furtwängler-Orgel in Buxtehude/St. Petri hat durch seine Überarbeitung enorm gewonnen, geradezu ein Quantensprung gegenüber dem vorher eher mittelmässigen Niveau. Für einen so ambitionierten und jedenfalls in klanglich-musikalischer Hinsicht sehr fähigen Orgelbauer ist die Entwicklung in Celle alles andere als erfreulich (dasselbe trifft für die Gemeinde zu).
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Donnerstag, 11. August 2016, 17:31 (vor 3688 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
Juristisch stimmt das natürlich. Aber wenn die Pfeifenwerkstatt geschludert hat, müsste der Orgelbauer doch auch Regressansprüche gegenüber der Pfeifenwerkstatt geltend machen können.
Und völlig unabhängig von einer möglicher Haftung: Es wird ja vermutlich die Gemeinde gewesen sein, die sich aus Kostengründen dafür entschieden hat, daß West die Pfeifen nicht selbst anfertigt. Dazu wäre er ja sehr wohl in der Lage gewesen, wenn mich nicht alles täuscht.
Stadtkirche Celle
Wolfgang Gourgé
, Donnerstag, 11. August 2016, 19:24 (vor 3688 Tagen) @ Poupoulcorouse
Juristisch stimmt das natürlich. Aber wenn die Pfeifenwerkstatt geschludert hat, müsste der Orgelbauer doch auch Regressansprüche gegenüber der Pfeifenwerkstatt geltend machen können.
Und völlig unabhängig von einer möglicher Haftung: Es wird ja vermutlich die Gemeinde gewesen sein, die sich aus Kostengründen dafür entschieden hat, daß West die Pfeifen nicht selbst anfertigt. Dazu wäre er ja sehr wohl in der Lage gewesen, wenn mich nicht alles täuscht.
...ich glaube nicht, daß Shires "billiger" als West war.
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Donnerstag, 11. August 2016, 22:15 (vor 3688 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
Mhm. Dann weiß ich auch nicht, was dazu geführt haben könnte.
Ach, ich hätte sowieso nicht drauflos spekulieren sollen.
Schade ist es natürlich trotzdem. Ich kenne keinen anderen Fall, in dem an einem historisierenden Neubau so gravierende Probleme aufgetreten sind. Ärgerlich ist das in jedem Fall.
Stadtkirche Celle
kjz1, Samstag, 06. August 2016, 13:51 (vor 3693 Tagen) @ grs
Hier gibt es offenbar neben Bleifraß an den historischen Pfeifen grundsätzliche Probleme mit der Stabilität des rekonstruierten Pfeifenwerks.
Könnte es sein, dass man hier 'zu stark historisiert' hat? (z. Bsp. zu hoher Bleigehalt) Nicht alles ist gut, nur weil es historisch ist, auch unsere Vorfahren haben Fehler gemacht. Muss man die zwangsläufig bei einer Restaurierung wiederholen?
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Samstag, 06. August 2016, 14:24 (vor 3693 Tagen) @ kjz1
Wenn's danach ginge, dann wäre von 'ner Vielzahl historischer Orgeln heute nur noch Bleizucker übrig.
Daran kann's nicht liegen. War da nicht mal was mit geflößtem vs. "neuem" Eichenholz? Ausgeschwemmte Essigsäure usw.?
Stadtkirche Celle
kirnberger, Donnerstag, 11. August 2016, 21:07 (vor 3688 Tagen) @ Poupoulcorouse
Gibt es alles. Irgendwann müssen wir uns trotzdem mal alle an den Kopf fassen und überlegen, wie lange "historisch" noch weiter Trumpf ist. Ich schätze Rowan West und seine Orgeln, aber als Orgelbauer, nicht als Guru. Wir reden über Handwerk, nicht über Religion. Das war, mit Verlaub, unter OSV-Kollegen viel zu lange anders...
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Donnerstag, 11. August 2016, 22:27 (vor 3688 Tagen) @ kirnberger
Ich würde nicht Geschmacks- mit Glaubensfragen verwechseln. Zu welchem anderen Ergebnis hätte man hier und anderswo denn notwendigerweise kommen müssen, wenn man diesen Rat beherzigt hätte?
Und wann war denn, wenn man mal die Breite der Orgelneubauten betrachtet, "historisch" jemals wirklich Trumpf, also wenn man mal von den ideologischen Selbstzuschreibungen der Orgelbewegung oder der 80er-Romantiker absieht? Ich lebe in Wuppertal. Hier gibt es keinen einzigen historisierenden Neubau, keine einzige Orgel für alte Musik, keinen Teschemacher- oder Ibach-Nachbau. Auch in der Region nicht. Diese Gegend hier würde ein bischen "Historisches" durchaus verkraften. Schon allein deshalb finde ich solche Pauschalaussagen problematisch. Muss man denn immer das, was man selbst nicht in Auftrag geben würde, zur Seuche erklären?
An solchen Stellen rächt sich dann vermutlich der ganze Marketingkäse, der Orgelneubauten immer wieder begleitet, vom Ars-Organi-Werbetext (denn was anderes sind die "Artikel" darin ja nicht) bishin zu Festschriften. Immer wird so getan, als habe man die einzig gültige Orgel gebaut und dabei das Rad neu erfunden. Und so bleibt die Orgelkultur in dieser ermüdenden Endlosschleife aus orgelbaulichen Ideologien und Moden gefangen, anstatt daß man sich leben lässt und auf vielfältige Orgellandschaften hinarbeitet.
Aber das ist ja ein alter Hut.
Stadtkirche Celle
kirnberger, Donnerstag, 11. August 2016, 22:42 (vor 3688 Tagen) @ Poupoulcorouse
Das ist es. Trotzdem gibt es regionale Unterschiede. In Schleswig-Holstein war der Einbau eines Schwellwerks bis 1995 nur mit Mühe (oder als BW mit Türen) denkbar, auch moderne Nrubauten mussten lebendigen Wind, Werkmeister und historisierenden Pfeifenbau haben. Ich erinnere einen Kollegen, der in den 90ern einem Neubau die Abnahme mangels Sandguß (nicht im Vertrag gefordert!) verweigerte. Darauf bezieht sich meine Kritik.
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Donnerstag, 11. August 2016, 22:49 (vor 3688 Tagen) @ kirnberger
Die ist durchaus verständlich.
Ich erlebe nur, daß das auch durchaus ins Gegenteil umschlagen kann.
Das ist eben das Problem, wenn sich Entwicklung immer nur als Gegensatz zum Vorher vollzieht und nicht nach einer nüchternen, ausgewogenen Bestandsaufnahme.
Und wenn Geschmacksfragen immer als die "zeitgemäße" Lösung verkauft werden.
Überhaupt ... dieser Begriff. Ich hatte eben Harald Vogels Ars-Organi-Bericht über die Ahrend-Orgel in Worpswede im Sinn, vielleicht hast du den ja zur Hand. Das ist auch für mich "Historisch zum abgewöhnen". Nicht das Ergebnis, Gott bewahre, aber die Art und Weise, wie es verkauft wird. Ich verstehe also durchaus, worauf du hinauswillst.
Im selben Blatt wird allerdings auch schonmal behauptet, die stilgetreue Wiedergabe französischer Orgelromantik sei heute conditio sine qua non im Orgelbau. Und das ist natürlich genauso großer Blödsinn, wie die alles viertel Jahr neu erfundene ultimative "Bach-Orgel".
Stadtkirche Celle
Wolfgang Gourgé
, Donnerstag, 11. August 2016, 23:02 (vor 3688 Tagen) @ kirnberger
Das ist es. Trotzdem gibt es regionale Unterschiede. In Schleswig-Holstein war der Einbau eines Schwellwerks bis 1995 nur mit Mühe (oder als BW mit Türen) denkbar, auch moderne Nrubauten mussten lebendigen Wind, Werkmeister und historisierenden Pfeifenbau haben. Ich erinnere einen Kollegen, der in den 90ern einem Neubau die Abnahme mangels Sandguß (nicht im Vertrag gefordert!) verweigerte. Darauf bezieht sich meine Kritik.
....wenn der Sandguß nicht vereinbart ist, muß die Orgel auch mit "Leinwandguß" abgenommen werden. Da fährt, wie man in Österreich so schön sagt, "die Eisenbahn drüber".
Gruß,
Wolfgang
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Donnerstag, 11. August 2016, 23:08 (vor 3688 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
Zum Glück. Fordern kann man ja viel.
Stadtkirche Celle
kirnberger, Donnerstag, 11. August 2016, 23:14 (vor 3688 Tagen) @ Poupoulcorouse
Ja. Ich hoffe, dass sich in Celle alles sauber klären lässt, ggf. über einen Vergleich.
Stadtkirche Celle
Solcena
, Montag, 15. August 2016, 17:58 (vor 3684 Tagen) @ grs
bearbeitet von Solcena, Montag, 15. August 2016, 18:20
Daniel Kunert wies in seinem Forum darauf hin, dass sich auch der Musikwissenschaftler R. Eberlein zu der Thematik geäußert hat.
Stadtkirche Celle
Wolfgang Gourgé
, Montag, 15. August 2016, 22:14 (vor 3684 Tagen) @ Solcena
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Montag, 15. August 2016, 22:24
Daniel Kunert wies in seinem Forum darauf hin, dass sich auch der Musikwissenschaftler R. Eberlein zu der Thematik geäußert hat.
....si tacuisses, philosophus mansisses.....(bezieht sich auf R.E., nicht auf Dich....)..
Stadtkirche Celle
Solcena
, Montag, 15. August 2016, 22:15 (vor 3684 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
Ich oder Eberlein? ;-)
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Montag, 15. August 2016, 23:48 (vor 3684 Tagen) @ Solcena
bearbeitet von Poupoulcorouse, Dienstag, 16. August 2016, 01:11
Als hätte er nur drauf gewartet.
Niemand würde klaren Verstandes behaupten, daß es bei solchen Verfahren keine Rückschläge geben könnte. Um so etwas aber als "Blamage" zu bezeichnen, die den ganzen Ansatz infragestellt, kommt man nicht ohne bösen Willen aus. Und der ist kein guter Ratgeber.
Auch daß Eberlein zwar die diesbezügliche Quelle zitiert, aber unterschlägt, daß nicht der von ihm erwähnte Rowan West, sondern der englische Zulieferer die Pfeifen angefertigt hat, riecht irgendwie nach etwas zuviel Mißgunst und zu wenig Seriosität.
Schade. Gerade bei solchen kleinen Rückschlägen sollte ja eigentlich die Stunde der vernunftbetonten Pragmatiker und nicht die Stunde der Ideologen gekommen sein. Aber was in der Politik nicht funktioniert, funktioniert in der Orgelwelt eben auch nicht.
Stadtkirche Celle
Orlos
, Dienstag, 16. August 2016, 00:24 (vor 3684 Tagen) @ Poupoulcorouse
Die ganze Richtung anzuzweifeln, halte ich auch für Unsinn.
Es gibt nun seit einigen Jahrzehnten hervorragende Beispiele historisierender Restaurierungen bzw. Neuschöpfungen "im alten Stil". In meiner Region zum Beispiel haben Klais, Förster&Nicolaus sowie Rainer Müller viele Stumm-Orgeln mit Materialien und Arbeitsweisen der Zeit restauriert bzw. rekonstruiert. Der Denkmalschutz bestand da auch darauf, beispielsweise Holzschrauben herzustellen und Scharniere zu schmieden. Ich habe nie von irgendwelchen Problemen gehört.
Allerdings gab es eine Kontroverse, die Herr West mit verursacht hat, ob die Stumms auch auf Sand gegossen haben, was andere Orgelbauer und Orgelsachverständige verneinen, Herr West aber wohl behauptet. Ich kenne die Details nicht. Man muss aber aufpassen, dass man es im Historitätsfuror nicht übertreibt.
Stadtkirche Celle
Wolfgang Gourgé
, Dienstag, 16. August 2016, 17:52 (vor 3683 Tagen) @ Poupoulcorouse
Schade. Gerade bei solchen kleinen Rückschlägen sollte ja eigentlich die Stunde der vernunftbetonten Pragmatiker und nicht die Stunde der Ideologen gekommen sein. Aber was in der Politik nicht funktioniert, funktioniert in der Orgelwelt eben auch nicht.
...in Anbetracht der voraussichtlichen Kosten der Sanierung der gerade mal 17 Jahre alten Orgel (warum werden wohl "Klangretter" gesucht?) habe ich allerdings Zweifel, ob die Formulierung "kleiner Rückschlag" in Celle uneingeschränkte Zustimmung fände.....
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Dienstag, 16. August 2016, 18:05 (vor 3683 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
Bei der Gemeinde vermutlich nicht. Und da dann auch zu Recht nicht. Aber das war hier ja auch nicht der Maßstab, sondern der historisch orientierte Orgelbau allgemein.
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Dienstag, 16. August 2016, 00:20 (vor 3684 Tagen) @ Solcena
Ich habe zusätzlich nochmal ein paar andere Beiträge Eberleins zur Stimmungsfrage durchgelesen. Warum muss in diesem Metier eigentlich jeder seine Hypothesen als "Ergebnis" verhökern, obwohl die Quellenlage eben nicht mehr hergibt, als weitere Hypothesen? Damit schadet man der Wissenschaft allgemein. Und man untergräbt den Anspruch, verschiedene Hypothesen einem Plausibilitätswettbewerb auszusetzen, so wie es sich für seriöse Wissenschaftler eigentlich gehört.
Ich habe in der Vergangenheit sicherlich auch mit gesundem Eifer mit Hypothesen um mich geworfen. Aber ich habe ja auch irgendwann begriffen, daß auch die schönsten Hypothesen erstmal nur Hypothesen sind. Und ich bin schließlich 32-jähriger Theologe und kein arrivierter Musikwissenschaftler. Gerade als Theologe musste ich nur allzu schnell lernen, daß man mit Hypothesen sehr demütigig umzugehen hat.
Warum fällt das im Orgelfach vielen so schwer?
Mal werden aus Einzelfällen wie der Bremer Sieburg-Orgel Präzedenzfälle konstruiert, mal werden aus ein paar zeittypisch barock-pathetischen Beschwerden über schlechte Organisten plötzlich nüchterne Zustandsbeschreibungen der Orgelkultur eines ganzen Jahrhunderts. Meine Güte, da könnte man doch auch gleich behaupten, daß die bessere Verfügbarkeit des Tabaks im 18. Jahrhundert das Hanfrauchen verdrängt hat und daß darunter die Kreativität der Organisten und die Improvisationskunst gelitten hätte. Das wäre auch keine viel steilere These als so manches, was in der Orgelwelt in den letzten Jahrzehnten erfolgreich postuliert wurde.
Stadtkirche Celle
Orlos
, Dienstag, 16. August 2016, 00:30 (vor 3684 Tagen) @ Poupoulcorouse
Hm. Manchmal ist die Quellenlage gar nicht mal so schlecht, aber kaum einer macht sich die Mühe, sie vollständig zur Kenntnis zu nehmen. Bei der Orgel kommt halt schnell der persönliche Geschmack dazu, dann blendet man gerne widersprechende Quellen aus. So gibt es zum Beispiel recht viele Quellen über historische Winddrücke, die oft erstaunlich hoch waren, was aber in der Mitte des 20. Jahrhunderts (und bei manchen heute noch) nicht dem Klangideal einer "Barockorgel" entsprach, also wurden diese Quellen umgedeutet oder ignoriert. Da wurden dann viele Orgeln verändert, die originaler waren als gedacht!
Stadtkirche Celle
abstrakte
, Dienstag, 16. August 2016, 01:23 (vor 3684 Tagen) @ Poupoulcorouse
Ich habe zusätzlich nochmal ein paar andere Beiträge Eberleins zur Stimmungsfrage durchgelesen. Warum muss in diesem Metier eigentlich jeder seine Hypothesen als "Ergebnis" verhökern, obwohl die Quellenlage eben nicht mehr hergibt, als weitere Hypothesen? Damit schadet man der Wissenschaft allgemein. Und man untergräbt den Anspruch, verschiedene Hypothesen einem Plausibilitätswettbewerb auszusetzen, so wie es sich für seriöse Wissenschaftler eigentlich gehört.
Ich habe in der Vergangenheit sicherlich auch mit gesundem Eifer mit Hypothesen um mich geworfen. Aber ich habe ja auch irgendwann begriffen, daß auch die schönsten Hypothesen erstmal nur Hypothesen sind. Und ich bin schließlich 32-jähriger Theologe und kein arrivierter Musikwissenschaftler. Gerade als Theologe musste ich nur allzu schnell lernen, daß man mit Hypothesen sehr demütigig umzugehen hat.
Warum fällt das im Orgelfach vielen so schwer?
Etwas provokante Antwort: weil sich dort nicht allzu viele Wissenschaftler tummeln.
Jetzt die etwas nüchterne Betrachtung, die vielleicht auch ein bißchen generalisiert:
reine Musiker, die nicht Musikwissenschaft studiert haben, sind nicht zwingend wissenschaftlich ausgebildet. Bei der Instrumentalausbildung - und dazu zähle ich auch das Kirchenmusikstudium - geht es hauptsächlich darum, das musikalische Handwerk zu erlernen. Dazu zählt nicht der Umgang mit Hypothesen und historischen Quellen. Und wie Du selbst schreibst, braucht es wenig Zeit, die nötige Demut im Umgang mit Hypothesen und Theorien zu entwickeln. Derartige Forschung wird eben von der Musikwissenschaft betrieben. Dazu kommt weiterhin, dass sich auch viele Orgelbauer gerade zum historischen Orgelbau äußern. Aber auch da gehört das wissenschaftliche Arbeiten mit historischen Quellen nicht zur Ausbildung.
Vor diesem Hintergrund sind wissenschaftliche Arbeiten wie die des OrganArt-Center in Göteborg von großer Wichtigkeit, weil derartige Projekte eben genau diese wissenschaftliche Arbeit leisten können. Und zu derartiger Arbeit gehört vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Lagerung von Eichenholz in Wasser vielleicht notwendig sein kann, um dauerhafte Orgeln damit bauen zu können. Mag sein.
Und ansonsten würde ich der von Dir angesprochenen Äußerungen cum grano salis nehmen - mitunter kann man zwischen den Zeilen doch manchmal eine Erkenntnis draus ziehen.
Grüße,
Abstrakte
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Dienstag, 16. August 2016, 15:09 (vor 3683 Tagen) @ abstrakte
"Und ansonsten würde ich der von Dir angesprochenen Äußerungen cum grano salis nehmen - mitunter kann man zwischen den Zeilen doch manchmal eine Erkenntnis draus ziehen."
Unbestritten! Nicht nur zwischen den Zeilen. Aber sich im Überschwang des Erkenntnisgewinns zu vergaloppieren, sollte man halt trotzdem vermeiden.
Gewässertes Holz
Karsten
, Sonntag, 21. August 2016, 10:41 (vor 3678 Tagen) @ abstrakte
bearbeitet von Karsten, Sonntag, 21. August 2016, 12:44
[...]
Vor diesem Hintergrund sind wissenschaftliche Arbeiten wie die des OrganArt-Center in Göteborg von großer Wichtigkeit, weil derartige Projekte eben genau diese wissenschaftliche Arbeit leisten können. Und zu derartiger Arbeit gehört vielleicht auch die Erkenntnis, dass die Lagerung von Eichenholz in Wasser vielleicht notwendig sein kann, um dauerhafte Orgeln damit bauen zu können. Mag sein.
[...]
Die Auswirkungen des Wässerns auf die Holzqualität scheinen an sich bekannt zu sein.
Orgelbau Rohlf führt einjähriges Wässern beispielsweise als Station für das dort verwendete Holz an: http://www.orgelbau-rohlf.de/werkstatt/holz.htm
Wie "verbreitet" ist denn diese Holzbehandlungsmaßnahme tatsächlich? Wie wirkt sich das denn preislich aus? (Mancher scheint auf den Zeitpunkt des Holzfällens ja mehr Wert zu legen.)
Gruß
Karsten
Nachtrag:
Auch die Firma Klais (die ja das Mondschlagen gerne betont), lässt (mittlerweile) die Hölzer wässern:
"Nicht immer geht alles nach Plan. Vor einigen Jahren bemerkten die Bonner, dass Pfeifen aus Eichenholz nach der Fertigstellung feine Risse bekamen und sich verzogen. Nach einiger Suche war das Rätsel gelöst. Die Flößer transportierten die Stämme nicht mehr in den Flüssen stromabwärts, sondern luden sie auf Lastwagen. Dadurch enthielt das Holz mehr Gerbsäure, die vorher vom Flusswasser weitgehend herausgelöst worden war. Seither lagert Klais die Stämme bis zu drei Monaten in einem See zwischen, bevor sie nach Bonn kommen. „Damit war das Problem gelöst.“"
Quelle: WirtschaftsWoche Nr.13, 22.3.2008, http://www.kaiser-photography.de/klais-orgeln.pdf
Gewässertes Holz
Oktavkoppler
, Sonntag, 21. August 2016, 12:52 (vor 3678 Tagen) @ Karsten
die Erkenntnis, dass die Lagerung von Eichenholz in Wasser vielleicht notwendig sein kann, um dauerhafte Orgeln damit bauen zu können.
Wenn ich mich recht erinnere, schreibt Dom Bedos auch etwas dazu.
(möglicherweise in einem Nebensatz, weil es wohl selbstverständlich war?)
Ich habe den Wälzer gerade nicht zur Hand, werde aber heute Nachmittag das Kapitel heraussuchen.
Ok
--
Es gibt unzählige Maßnahmen, die eine Orgel teurer, aber nicht unbedingt besser machen.
Stadtkirche Celle
JSBach
, Dienstag, 16. August 2016, 07:26 (vor 3683 Tagen) @ Poupoulcorouse
"Meine Güte, da könnte man doch auch gleich behaupten, daß die bessere Verfügbarkeit des Tabaks im 18. Jahrhundert das Hanfrauchen verdrängt hat und daß darunter die Kreativität der Organisten und die Improvisationskunst gelitten hätte."
Ich werde das mal höchstwissenschaftlich austesten, ich wohn ja eh an der niederländischen Grenze ... ;)
Stadtkirche Celle
Poupoulcorouse
, Elberfeld, Dienstag, 16. August 2016, 15:17 (vor 3683 Tagen) @ JSBach
bearbeitet von Poupoulcorouse, Dienstag, 16. August 2016, 15:20
Vorsicht! Die Vergleichsbasis ist heute schwer wiederherzustellen, wenn man nicht auf Eigenanbau älterer niedrigpotenter Sorten setzt. Und damit könnte man hierzulande schnell Probleme bekommen ;-)
Gerade das in den Niederlanden in Verkehr gebrachte Produkt hat heute meistens einen wesentlich höheren Wirkstoffgehalt als vor 300-400 Jahren. Stell dir einen Unterschied vor wie zwischen 0,5 Liter Bier und 0,5 Liter Doppelkorn. Das dürfte ungefähr hinkommen.
Die Kriminalisierung hat zu dieser Entwicklung leider entscheidend beigetragen. Im Amerika zur Prohibitionszeit war es auch leichter, an illegalen Schnaps zu kommen, als an ein illegales Glas Bier. Das liegt in der Natur des Schwarzmarktes. Der Schwarzmarkt ist auf den Abhängigen bzw. den Exzesskonsumenten hin ausgerichtet, nicht auf den vernünftigen, wählerischen Genusskonsumenten.
Aber ... das geht doch etwas zu weit vom Thema ab ;-)
Nur soviel: Auch bei Hieronymus Bosch gehen manche davon aus, daß er Hanf geraucht und sich sogar an Waghalsigeres wie Stechapfel gewagt haben soll. Wenig plausibel, daß das in der Musik grundsätzlich anders gewesen sein sollte.
Stadtkirche Celle
JSBach
, Dienstag, 16. August 2016, 15:43 (vor 3683 Tagen) @ Poupoulcorouse
Da ich weiss, wie sehr mein Orgelspiel schon unter einem Glas Bier leidet, muss die Versuche mit 0,5 l Doppelkorn ein Anderer übernehmen.
Stadtkirche Celle
DKunert
, Donnerstag, 22. September 2016, 11:05 (vor 3646 Tagen) @ grs
Guten Tag zusammen,
bei der Kirchengemeinde haben wir, ebenso wie bei Orgelbau Hillebrand, angefragt, was denn nun Stand der Dinge ist und wie es weitergeht.
Bisher kam nur eine Antwort von Orgelbau Hillebrand, dass man nicht öffentlich Stellung beziehen möchte. Ich vermute, dass die ganze Situtation nicht ganz einfach zu handhaben und man daher mit einer Aussage sehr vorsichtig ist.
Von der Gemeinde kam - die Anfrage läuft seit Mitte August - keine Antwort. Der dortge KMD ist derzeit aus persönlichen Gründen außer Dienst und scheint keinen Vertreter zu haben. Das klingt alles sehr durcheinander und chaotisch.
Heute habe ich nun bei der Gemeinde nachgefragt und unser Schreiben vom August (gemeinsam mit dem Blogbeitrag von Herrn Eberlein) nochmals übermittelt. Es geht wohl jetzt an den Pastor und den Kirchenvorstand. Mal schauen, was sich tut.
Herzliche Grüße
Daniel
www.orgel-information.de
www.buch-und-note.de
www.notenkeller.de
Hallo,
auf der Internetseite der Stadtkirche Celle bin ich eben auf folgendes gestoßen:
Klangretter gesucht.Hier gibt es offenbar neben Bleifraß an den historischen Pfeifen grundsätzliche Probleme mit der Stabilität des rekonstruierten Pfeifenwerks.
Bleifraß scheint ja in letzter Zeit ein häufigeres Problem zu sein, aber was ist da mit den 2000 anderen Metallpfeifen los, dass danach kurzer Zeit ein Ersatz erforderlich wird?
Die West-Orgel ist ja noch recht neu und der Orgelbauer scheint doch recht anerkannt zu sein.Viele Grüße aus München
Gerd