Liebe Forenser,
ich lasse mal aus dem Mander-Forum ein Thema herüberschwappen, das kürzlich Fahrt aufgenommen hat.
Die zweite große Orgel, die ein amerikanischer Orgelbauer in Europa neu errichtet hat, ist Ende November eingeweiht worden. »In Europa« ist cum grano salis zu lesen – das Festland ist nicht betroffen. Die Orgel steht in der Kapelle des Merton College in Oxford, des ältesten College der alten Uni-Stadt. Erbaut hat die Orgel Lynn Dobson mit seinen Leuten, einer der angesehensten von den modern ausgerichteten amerikanischen Orgelbauern, die mechanische Trakturen bauen. (Was in Deutschland normal ist, ist dort eine Fraktion, die immer noch oft als “boutique builders” beargwöhnt werden).
Der Prospekt hat im Mander-Forum Aufsehen erregt. Ein Mitglied fand ihn gleich ganz toll, ein anderer zitiert das Urteil anderer, der Prospekt sei “bling”.
Hier kann man auf sehr schönen Fotos verfolgen, wie die Orgel in Oxford aufgebaut wird (übrigens mit Prospektpfeifen aus Weikersheim). Eindrucksvoll finde ich z. B. den flachen, aber extrem breitgezogenen Schwellkasten des Schwellwerks, der die ganze Prospektbreite einnimmt. Der zum Positiv ist viel kleiner. Man sieht da auch, wie aufwendig die Prospektverzierungen hergestellt werden und wie kleinteilig die Farbgebung angelegt wurde; der insgesamt eher flächige Eindruck des Gehäuses scheint also viele Details bereitzuhalten.
Aber keine Orgel ohne Minus – keine Pedalmixtur … :-(
Persönlich finde ich den Prospekt nicht so den Renner. Da gab es in der anderen Richtung die interessanteren Impulse.
Viele Grüße,
Friedrich
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tiratutti
, Samstag, 07. Dezember 2013, 21:41 (vor 4645 Tagen) @ Friedrich
Hallo,
Der Prospekt hat im Mander-Forum Aufsehen erregt. Ein Mitglied fand ihn gleich ganz toll, ein anderer zitiert das Urteil anderer, der Prospekt sei “bling”.
...
Persönlich finde ich den Prospekt nicht so den Renner. Da gab es in der anderen Richtung die interessanteren Impulse.
mir gefällt der Prospekt gut. Ok, ich mag auch die englischen Prospekte mit decorated pipes ...
Grüße von tiratutti
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untersatz32, Samstag, 07. Dezember 2013, 22:01 (vor 4645 Tagen) @ Friedrich
Wirkt auf mich beim ersten Ansehen etwas zuuu wuchtig und klobig, man hätte die gotischen Strukturen und Gewölbe etwas filigraner aufnehmen können. Muss man aber sicher VOR ORT beurteilen...
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Wolfgang Gourgé
, Samstag, 07. Dezember 2013, 22:32 (vor 4645 Tagen) @ untersatz32
Wirkt auf mich beim ersten Ansehen etwas zuuu wuchtig und klobig, man hätte die gotischen Strukturen und Gewölbe etwas filigraner aufnehmen können. Muss man aber sicher VOR ORT beurteilen...
...ich finde, daß gerade das gut gelungen ist; auf mich wirkt der Prospekt durchaus filigran, auch die Proportionen gefallen mir.
Gruß,
Wolfgang
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untersatz32, Sonntag, 08. Dezember 2013, 09:52 (vor 4645 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
Den Schmuck und die Verzierungen finde ich auch durchaus Klasse.
Die gesamte Proportion wirkt auf dem Foto aber etwas "gedungen" und klotzig/klobig.
Das muss man sicherlich vor Ort ansehen. Auf den Entwurfszeichnungen wirkt es eleganter/schmaler.
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ado
, Sonntag, 08. Dezember 2013, 16:46 (vor 4644 Tagen) @ Friedrich
Der Prospekt hat im Mander-Forum Aufsehen erregt. Ein Mitglied fand ihn gleich ganz toll, ein anderer zitiert das Urteil anderer, der Prospekt sei “bling”.
was heißt "bling"?
Aber keine Orgel ohne Minus – keine Pedalmixtur … :-(
na ja, die disposition ist so konventionell im stil des englischen 19. jahrhunderts, wie es konventioneller gar nicht mehr geht. und GIBT es englische viktorianische orgeln mit pedalmixtur überhaupt? wir sind hier doch nicht bei arp schnitger.
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untersatz32, Sonntag, 08. Dezember 2013, 17:48 (vor 4644 Tagen) @ ado
Ich brauch übrigens - bei toller Zungenbesetzung 16 8 4 und starken Principalen 8 und 4 eigentlich keine Pedalmixtur - ich schätze eher das Aubertin'sche-Gaillard'sche und Gaida'sche Duo "Theorbe" oder Bass-Sesquialtera II-fach 10 2/3' & 6 2/5'
Macht einen streichenden Wahnsinns-32' Klang, sowohl in Labial- wie auch in Lingualmischungen, welcher unglaublich exakt ist, mitwächst und nie aufdringlich wirkt.
Olivier Vernet benutzt diesen in Vichy bei irgendeinem Bach-Trio-Choralvorspiel, wo eigentlich 8' oder 4'-c.f. vorgeschrieben ist - ein Super-Sound.
Liebe Grüsse
Thomas
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Friedrich
, Sonntag, 08. Dezember 2013, 22:53 (vor 4644 Tagen) @ ado
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 08. Dezember 2013, 23:38
was heißt "bling"?
Ungefähr das.
Aber keine Orgel ohne Minus – keine Pedalmixtur … :-(
na ja, die disposition ist so konventionell im stil des englischen 19. jahrhunderts, wie es konventioneller gar nicht mehr geht. und GIBT es englische viktorianische orgeln mit pedalmixtur überhaupt? wir sind hier doch nicht bei arp schnitger.
*seufz* Hättich wohl doch ein ;-) setzen müssen – Pedalmixtur, das ist doch mein persönlicher Fetisch. William Hill fand sie übrigens auch zeitlebens gut.
Sooo konventionell im englischen Stil des 19. Jahrhunderts ist diese Orgel übrigens keineswegs. Ich finde sie viele eher typisch für eine mechanische Schleifladenorgel des späten 20. Jahrhunderts. Lynn Dobson schreibt hier selber sehr schön über seine Orgel.
Englisch an ihr ist
– der Aufbau mit Great, Swell und Choir;
– die Grundstimmenbesetzung, die allerdings auch auf andere Traditionen verweist – doppelte 8'-Prinzipale, Flöte und Rohrflöte (-gedeckt) baute z. B. auch Gonzales, und ein First Open von Dobson dürfte ein erheblich anderes Tier sein als einer von Willis oder Harrison & Harrison;
– die Besetzung des Swell – im Umriss, denn z. B. gibt es keine abgetrennte Zungenlade mit höherem Druck, und statt geschlossener Kehlen für runden englischen Zungenklang haben Dobsons Trompeten offene Parallelkehlen,
– die Zungenbesetzung von Choir und Swell – wiederum grob gesehen, denn beide passen ebenfalls in andere Traditionen, und das schwellbare Choir ist im englischen 19. Jahrhundert keineswegs so weit verbreitet gewesen, wie das heute gern unterstellt wird – bzw. gebaut;
– die Major Trumpet als Gegenregister zu den Plena von Great und Swell, die aber nach Dobsons Beschreibung keineswegs eine Tuba ist, sondern einfach eine lautere Trompete mit offenem Klang.
Komplett unenglisch, stattdessen modern-eklektisch ist aber viel mehr:
– der Werkaufbau mit allen Manualwerken und seitlichem Pedal in der Front, der von der
– grundsätzlich mechanisch geplanten Traktur bestimmt wird,
– dafür ein freistehendes, selbsttragendes Holzgehäuse mit dem
– eingebauten Spielschrank am technisch am besten geeigneten Platz,
– charakteristische Prinzipalchöre in allen Manualen, nicht nur in Great und Swell,
– überhaupt die Gewichtung des Choir als Gegenwerk zu Great und Swell mit prinzipalischer Sesquialtera II, ein Klang, der in viktorianischen Orgeln im Great und Swell zuhause ist,
– ein leichtes Hauptwerksplenum ohne Twelfth und offenen 16', gestützt (nicht dominiert) von einer einzigen Trompete 8',
– der zinnene Prospekt-16' mit enger Mensur als einziges offenes Register in dieser Funktion,
– das (trotz meines Maulens) selbstständige Pedalwerk ohne Extensionen und Transmissionen, dagegen mit klarer Prinzipallinie 16-8-4,
– ein durchgeführter Weitchor im Hauptwerk inklusive Nasat und Terz: Das kommt im gesamten englischen 19. Jahrhundert überhaupt nicht vor, der Cornet décomposé kam erst mit der Neoklassik in England wieder auf, und dann meistens als sehr dezente Zusatzlade zum Choir; hier soll er offenbar Duopartner zu Sesquialter und Bassetthorn im Choir sein, eine Idee, auf die kein Orgelbauer im 19. Jahrhundert je gekommen wäre (“Triosonaten? Ich erbitte Ihre Verzeihung?”);
– eine nette amerikanische Dreingabe wie die Nason Flute 4' (Quintade aus Holz mit gebohrten Spundgriffen) auf einem Platz, der in den meisten englischen Dispositionen dieser Größenordnung einfach leer geblieben wäre.
– Es gibt keinen labialen 32', nicht einmal eine Quinte 10 2/3'. Das würde kein traditionell horchender Engländer als viktorianisch-romantisch akzeptieren, ganz zu schweigen von fast allen Amerikanern, die notfalls bedenkenlos Digitalregister einbauen (dem Feldwaldwiesenorganisten dort ist der 32' das, was das SUV dem Suburb-Bewohner ist – braucht keiner, ist aber geiler).
Der Klang von Dobsons Orgeln würde vielen von uns vertraut vorkommen, denn er ähnelt sehr dem, den die guten Orgelbauer hierzulande in den letzten 30 bis 40 Jahren kultiviert haben. Der Prinzipalchor hat die Führungsrolle, alle Register sprechen mit deutlicher, aber kultivierter Artikulation an, die Flöten klingen rund und hell, das Pedal deutlich und linienstark, aber nicht sehr schwer. Das ist Lichtjahre von Willis entfernt und verdankt wahrscheinlich Beckerath immer noch mehr als z. B. Hill oder auch Walker.
Über diesen Orgelbaupartner dürfte Paul Hale, der Sachverständige, hocherfreut gewesen sein.
Viele Grüße,
Friedrich
US-Import, die Zweite
Martin Kondziella, Montag, 09. Dezember 2013, 00:00 (vor 4644 Tagen) @ Friedrich
Tja, das ist ein bisschen schade alles. Orgeln der beschriebenen Ausrichtung stehen in Oxford einige, aber eine typisch britische habe ich nicht gefunden. Vertane Chance, meine ich. Aber mal sehen. Ich fahre nächstes Jahr wieder hin, dann werde ich mal sehen, ob ich rankomme.
US-Import, die Zweite
Friedrich
, Montag, 09. Dezember 2013, 00:46 (vor 4644 Tagen) @ Martin Kondziella
Tja, das ist ein bisschen schade alles. Orgeln der beschriebenen Ausrichtung stehen in Oxford einige, aber eine typisch britische habe ich nicht gefunden. Vertane Chance, meine ich.
Das würde ich so nicht sagen. Ob eine Orgel englisch ist, wäre mir im Zweifelsfall egal – ob sie gut ist, nicht. Das kann schon eine gute sein. Dobson hat schon oft gezeigt, was er kann.
Gruß,
Friedrich
Dobson, war: US-Import, die Zweite
Contrebasson 32'
, Wien, Montag, 09. Dezember 2013, 01:09 (vor 4644 Tagen) @ Friedrich
Sooo konventionell im englischen Stil des 19. Jahrhunderts ist diese Orgel übrigens keineswegs. Ich finde sie viele eher typisch für eine mechanische Schleifladenorgel des späten 20. Jahrhunderts. Lynn Dobson schreibt hier selber sehr schön über seine Orgel.
Der Klang von Dobsons Orgeln würde vielen von uns vertraut vorkommen, denn er ähnelt sehr dem, den die guten Orgelbauer hierzulande in den letzten 30 bis 40 Jahren kultiviert haben. Der Prinzipalchor hat die Führungsrolle, alle Register sprechen mit deutlicher, aber kultivierter Artikulation an, die Flöten klingen rund und hell, das Pedal deutlich und linienstark, aber nicht sehr schwer. Das ist Lichtjahre von Willis entfernt und verdankt wahrscheinlich Beckerath immer noch mehr als z. B. Hill oder auch Walker.
Über diesen Orgelbaupartner dürfte Paul Hale, der Sachverständige, hocherfreut gewesen sein.
Ich habe ich mal durch die Fotos gewühlt und muss sagen, dass das alle sehr hochwertig aussieht, Kunsthandwerk im besten Sinne des Wortes (auch wenn die Prospektpfeifen zugeliefert wurden).
Ob es neben der hochwertinge Ausführung Merkmale gibt, die für Dobsonorgeln typisch sind, müsste man ernsthaft untersuchen. Ich kenne von Dobson sowohl mechanische als auch elektrische Orgeln, Orgeln mit typisch amerikanischer Disposition und Orgeln mit ganz eindeutiger französischer Klangsprache usw.
Ihnen allen ist aber gemein, dass Qualität ihren Preis hat, ich meine bspw. mich daran erinnern zu können, dass die Orgel für das Kimmel Center for the performing arts in Philadelphia (IV/97/124) knapp 6 Mio.$ gekostet hat...
Beste Grüße
Contrebasson 32'
Dobson, war: US-Import, die Zweite
MAT
, Montag, 09. Dezember 2013, 10:56 (vor 4643 Tagen) @ Contrebasson 32'
Ob hier zu Lande der Denkmalsschutz einen solchen Neubau zugelassen hätte? Ich meine wg. des Fensters dahinter.
Mir gefällt der Prospekt gut, passt in den Raum.
--
Gruß
MAT
Dobson, war: US-Import, die Zweite
ado
, Montag, 09. Dezember 2013, 18:06 (vor 4643 Tagen) @ MAT
ich finde den prospekt eigentlich auch gelungen, habe aber ebenfalls bedenken ob der plazierung, die den raumeindruck doch recht stark beeinträchtigt, indem einer der querarme komplett von der vierung abgetrennt wird. das war beim vorgängerinstrument zwar bereits ähnlich, es war aber kleiner. (aber damit konnte man vielleicht den denkmalschutz beruhigen.) was ich mich auch frage ist, ob diese position eigentlich akustisch glücklich ist?
daß der KLANG der orgel vermutlich nicht konventionell britisch sein wird, kann ich mir gut vorstellen. schon die verwendung von zinnpfeifen im prospekt ist ja eine sichtbare abweichung vom in england hergebrachten, allerdings im sinne einer aufwertung, nicht einer abkehr. und ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, daß bei der disposition bewußt versucht wurde, ein grundsätzlich traditionsverhaftetes bild zu bieten. ausgebaute prinzipalchöre: ist das in der choir organ wirklich einer? ein gemshorn ist doch kein prinzipal? spire flute und nason flute mögen etwas ungewöhnlich sein, aber für den, der es nicht so genau nimmt mit den details ist flöte eben flöte, das paßt schon noch. recherche ergibt im übrigen, daß die nason flute offenbar auch von willis gebaut wurde (zB westminster cathedral, 1932: choir organ hat nason flute 4' neben gemshorn 4') (akzeptiert man dieses gemshorn als prinzipal, dann hat auch hier die choir organ einen ausgebauten prinzipalchor, wie ebenso die swell organ).
ur-viktorianisch die unsinnige doppelung des 8'-fuß-prinzipals im hauptwerk, eine englische marotte, die sich jeder rationalen erklärung entzieht. wenn ich thistlethwaite in "the making of the victorian organ" richtig verstanden und in erinnerung habe, ist dies ein relikt der versuche im frühen 19. jh., die englischen orgeln lauter zu machen. das funktioniert so gar nicht, trotzdem wurde hier eine tradition geschaffen, an der das spätere 19. und noch das 20. jh. eisern festhielt (ausnahmen bestätigen die regel). es mag eine rolle gespielt haben, daß die doppelung dieses registers auch im englischen orgelbau des 17. jhs. üblich war, bei lettnerorgeln, aber selbst bei solchen, die an einer wand standen -- was die erklärung hinfällig macht, man habe eben auf jeder der beiden prospektseiten einen prinzipal gebraucht. darüber, daß dobson das hier jetzt auch wieder macht, kann man nur den kopf schütteln. (und es möge mir bitte keiner erzählen, die seien doch unterschiedlich mensuriert. geschenkt. ich hätte trotzdem lieber verschiedene register.)
mechanische traktur ist heutzutage zwar in england eher exotisch, war es aber bis zu beginn des 20. jhs. noch nicht. "father" willis mischte gern pneumatische und mechanische traktur, ging aber zumal bei kleineren instrumenten von der mechanischen traktur nie ganz ab. und ein orgelbauer wie j.j. binns baute etwa noch 1901 die dreimanualige orgel der old independent church in haverhill, suffolk -- von den dimensionen her der neuen dobson-orgel in oxford vergleichbar -- komplett mechanisch.
(WIE mechanisch ist die dobson-orgel eigentlich wirklich? daß von "mechanical action" die rede ist und abstrakten vorhanden sind, muß offenbar noch nicht allzuviel heißen. ich war etwas verblüfft, hier zu lesen, daß vermeintlich "mechanische" traktur bei vielen neueren englischen orgeln in wahrheit "electrically assisted" ist, dies aber gern verschwiegen wird.)
in der tat findet sich die sesquialtera in viktorianischen orgeln üblicherweise im hauptwerk. ihre verlagerung in die choir organ als "komplett unenglisch" zu bezeichnen ist vielleicht etwas stark ausgedrückt. die choir organ übernimmt hier wohl funktionen des traditionellen britischen "solo"-manuals mit -- wo sich dann zB eine vox humana finden könnte.
@ martin kondziella: verstehe ich das jetzt richtig, die kritik ist, daß es in oxford keine echte typisch britische orgel gebe? aber da fallen mir jetzt spontan zB sofort die orgel in der kapelle von wadham college und die große orgel in der town hall ein, beide von "father" willis und beide meines wissens vollkommen original erhalten und in regelmäßigem gebrauch. (die in wadham hat übrigens eine "spitzflöte", genau das also, was bei dobson jetzt spire flute heißt.)
korrigieren muß ich mich in dieser hinsicht: nasard und terz sind allerdings unviktorianisch (dafür wurden sie in englischen orgeln aber in den 50er und 60er jahren reihenweise nachgerüstet -- in diesem weiteren sinne wären sie also doch "traditionell"). NICHT unviktorianisch indes ist entgegen meiner früheren meinung die pedalmixtur. "father" willis baute sie zB 1876 in salisbury cathedral, aber auch in kleineren orgeln (st dominic's priory, london, 1883).
Dobson, war: US-Import, die Zweite
Friedrich
, Montag, 09. Dezember 2013, 20:21 (vor 4643 Tagen) @ ado
bearbeitet von Friedrich, Montag, 09. Dezember 2013, 21:08
Danke für die ausführliche Antwort!
ich finde den prospekt eigentlich auch gelungen, habe aber ebenfalls bedenken ob der plazierung, die den raumeindruck doch recht stark beeinträchtigt … Was ich mich auch frage ist, ob diese position eigentlich akustisch glücklich ist.
Ich habe schon mal beim Mander-Forum Neugier angemeldet. Bin gespannt, was die Kollegen dort zu berichten haben. Die Vorgängerorgel scheint vor allem klanglich zu klein dimensioniert gewesen zu sein, und mit der Chorbegleitung kam sie wohl auch nicht gut klar.
daß der KLANG der orgel vermutlich nicht konventionell britisch sein wird, kann ich mir gut vorstellen. schon die verwendung von zinnpfeifen im prospekt ist ja eine sichtbare abweichung … und ich kann mich des eindrucks nicht erwehren, daß bei der disposition bewußt versucht wurde, ein grundsätzlich traditionsverhaftetes bild zu bieten. ausgebaute prinzipalchöre: ist das in der choir organ wirklich einer? ein gemshorn ist doch kein prinzipal?
Kommt in manchen Orgeln im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert als Stellvertreter vor. Hier nehme ich an, dass sie sich mit dem Geigen und der Mixtur mischen soll. Ich meine auch, dass da ein englisches Dispositionsbild angestrebt wurde, worauf Paul Hale wahrscheinlich einigen Einfluss hatte.
spire flute und nason flute mögen etwas ungewöhnlich sein, aber für den, der es nicht so genau nimmt mit den details ist flöte eben flöte, das paßt schon noch. recherche ergibt im übrigen, daß die nason flute offenbar auch von willis gebaut wurde (zB westminster cathedral, 1932: choir organ hat nason flute 4' neben gemshorn 4')
Das Register hat sich Willis III, soweit ich weiß, von Æolian-Skinner abgeschaut. (Der Dritte scheint nicht der hellste und originellste der Dynastie gewesen zu sein, und er lieh sich viel bei Skinner und G. Donald Harrison.)
ur-viktorianisch die unsinnige doppelung des 8'-fuß-prinzipals im hauptwerk, eine englische marotte, die sich jeder rationalen erklärung entzieht. wenn ich thistlethwaite in "the making of the victorian organ" richtig verstanden und in erinnerung habe, ist dies ein relikt der versuche im frühen 19. jh., die englischen orgeln lauter zu machen.
Das stimmt zwar, aber im Lauf des 19. Jahrhunderts haben diese Prinzipale unterschiedliche Funktionen entwickelt. No. 1 ist oft das lauteste, dann wird nach unten gestaffelt. Meistens ist die No. 2 das normale Prinzipal, auf dem der Prinzipalchor in Mensur und Stärke aufbaut; No. 1 sollte dem Gemeindegesang extra Fahrt verleihen. Das führte zu den berüchtigten No. 1 von Hope-Jones, mit Ultra-Hochdruck, hohen Aufschnitten und belederten Oberlabien, die den übrigen Klang komplett auffraßen. Im günstigen Fall hat man einfach eine dynamische Staffelung edlen Prinzipalklangs.
Hier habe ich ein Beispiel aus Truro, den Anfang der Elegy von Thalben-Ball. Wenn ich mich nicht täusche, hört man zu Anfang das Grundstimmenensemble des Great ohne No. 1, das abregistriert wird; dann Wechsel aufs Swell, und No. 1 allein mit der Melodie, der solistisch so stark ist wie das ganze Ensemble vorher akkordisch.
Dies sind die vier Open Diapasons der Orgel in der Woolsey Hall (OK – New Haven, USA), nach Lautstärke und Farbe gestaffelt.
… und ein orgelbauer wie j.j. binns baute etwa noch 1901 die dreimanualige orgel der old independent church in haverhill, suffolk -- von den dimensionen her der neuen dobson-orgel in oxford vergleichbar -- komplett mechanisch.
Interessant, muss ich mir mal ansehen.
(WIE mechanisch ist die dobson-orgel eigentlich wirklich? daß von "mechanical action" die rede ist und abstrakten vorhanden sind, muß offenbar noch nicht allzuviel heißen. ich war etwas verblüfft, hier zu lesen, daß vermeintlich "mechanische" traktur bei vielen neueren englischen orgeln in wahrheit "electrically assisted" ist, dies aber gern verschwiegen wird.)
Danke für den Link, sehr interessant. Balanciers usw. sind ja auch bei uns oft im Einsatz, das macht mir persönlich keine Kopfschmerzen. Halbmechanische Lösungen für große Orgeln finde ich auch nicht uninteressant. Ich habe einen Aufsatz, ich glaube von Kenneth Jones, gelesen, in dem er von einer Zwei-Ventile-Lösung schrieb. Ein kleineres Ventil funktioniert rein mechanisch und gibt das entsprechende Spielgefühl. Nun wird jedem Register, je nach Windverbrauch, ein Wert 1 oder 2 zugewiesen (Bourdon 16' = 2, Flute 8' = 1, Principal 4' = 1 usw.). Das größere, elektrisch aufgezogene Ventil wird aktiviert, wenn die (elektronisch gesteuerte) Registrierung eine bestimmte Summe überschreitet. Finde ich bei großen Orgeln nicht uneben, wenn man davon ausgeht, dass es bei mechanischer Traktur vielen Spielern vor allem um das präzise Spielgefühl geht.
in der tat findet sich die sesquialtera in viktorianischen orgeln üblicherweise im hauptwerk. ihre verlagerung in die choir organ als "komplett unenglisch" zu bezeichnen ist vielleicht etwas stark ausgedrückt. die choir organ übernimmt hier wohl funktionen des traditionellen britischen "solo"-manuals mit -- wo sich dann zB eine vox humana finden könnte.
… wie in Salisbury nach dem Mander-Umbau in der Siebzigern, wo die Tuba vom 1. Manual mitgespielt wird. Das soll sich übrigens bald ändern, Harrison & Harrison haben etwas Fünfmanualiges in Planung.
korrigieren muß ich mich in dieser hinsicht: nasard und terz sind allerdings unviktorianisch (dafür wurden sie in englischen orgeln aber in den 50er und 60er jahren reihenweise nachgerüstet -- in diesem weiteren sinne wären sie also doch "traditionell"). NICHT unviktorianisch indes ist entgegen meiner früheren meinung die pedalmixtur. "father" willis baute sie zB 1876 in salisbury cathedral, aber auch in kleineren orgeln (st dominic's priory, london, 1883).
Ist schon interessant, dass sich dann doch ein differenzierteres Bild ergibt.
Viele Grüße,
Friedrich
Dobson, war: US-Import, die Zweite
dhm
, Rochester GB, Mittwoch, 01. Januar 2014, 19:44 (vor 4620 Tagen) @ Friedrich
… wie in Salisbury nach dem Mander-Umbau in der Siebzigern, wo die Tuba vom 1. Manual mitgespielt wird. Das soll sich übrigens bald ändern, Harrison & Harrison haben etwas Fünfmanualiges in Planung.
Viele Grüße,
Friedrich
Meinen Sie wirklich Salisbury, oder soll es vielleicht Canterbury sein?
Gruß,
Douglas.
Dobson, war: US-Import, die Zweite
Friedrich
, Mittwoch, 01. Januar 2014, 20:14 (vor 4620 Tagen) @ dhm
Meinen Sie wirklich Salisbury, oder soll es vielleicht Canterbury sein?
Sie haben recht, ich meinte Canterbury. Salisbury bleibt zum Glück so schön, wie sie ist.
Danke und alles Güte für 2014,
Friedrich
Dobson, war: US-Import, die Zweite
Friedrich
, Montag, 09. Dezember 2013, 19:11 (vor 4643 Tagen) @ Contrebasson 32'
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 06. Juli 2014, 11:59
Ob es neben der hochwertinge Ausführung Merkmale gibt, die für Dobsonorgeln typisch sind, müsste man ernsthaft untersuchen.
Ich möchte keinen Anspruch auf letzte Ernsthaftigkeit erheben, aber ich habe mich auf der Website mal umgesehen. Fast alle seine Orgeln hat er dort mit Bild und Disposition dokumentiert.
Dabei fällt mir vor allem auf, dass seine Orgeln offenbar immer so einfach wie irgend möglich angelegt sind. Zum Beispiel die beiden hier, nur zwei von vielen ähnlichen: Manualwerke übereinander, Spieltafel angebaut, wahrscheinlich hängende Traktur; das Pedal, das eine robustere Traktur verträgt, nach links weggeführt. Vergleicht man bei diesen und anderen seiner Orgeln Gehäuse und Disposition, so findet man in den Dispositionen nichts, wovon man sich fragt, wie er das nun wieder untergebracht hätte. Im Gegenteil, der Platz scheint eher großzügig genutzt zu werden – da lässt er offensichtlich lieber ein oder zwei Register weg, die vielleicht nahegelegen hätten.
Diese Orgel habe ich 1998 mal gesehen und gehört. Sie klang schön, lebhaft, plastisch und kräftig. Das Gehäuse hat Dobson, wie wohl meistens, selber entworfen. Die Anlage ist geradezu verblüffend einfach: In der Front stehen Schwell- und Hauptwerk nebeneinander (die Trakturen werden also diagonal zu den Wellenbrettern geführt), die drei Pedalregister mit jeweils 32 + 12 Tönen frei dahinter. Sie werden nicht extendiert, stattdessen wird das Pedal in Normallage, in der Oberoktave oder in beiden Lagen an die Klaviatur gekoppelt. (Die Prospektpfeifen kommen übrigens aus Göttingen; die dortige Chefin, 1998 ebenfalls anwesend, begrüßte sie als alte Bekannte. Schade, dass es diese Geschäftsverbindung nun nicht mehr gibt.)
Über diese Orgel hier habe ich mal einen Dobson-Aufsatz im American Organist gelesen und war fasziniert. Es gab keinen anderen Platz für das Instrument. Also wurde das Positiv unter den Bogen gehängt, dahinter die Traktur frei und leicht schräg nach hinten geführt; vor der Brüstung hängt die Pedallade (Subbass, Octave, Trombone) mit Great-16' im Prospekt (@ado: ich glaube, elektrisch angeschlossen), dahinter erhöht die des Hauptwerks, und auf der Empore dahinter der Schwellkasten sowie der offene Pedal-16'. Das Pedal ist diesmal extendiert. Auch wenn es unorthodox ist, die Pedallade vor die des Hauptwerks zu stellen: Unter den gegebenen Umständen ist das wohl die einfachste Lösung. So konnte selbst bei diesen ungünstigen Umständen die Tastentraktur mechanisch bleiben (@ado: bei der sparsamen Besetzung von Swell und Great mit abgeführtem 16' kann sie auch gut ohne Abzugshilfe auskommen, selbst wenn die Federn eine ungewöhnlich lange Traktur tragen müssen).
Was das Kimmel Center angeht: Das ist natürlich eine Konzertsaalorgel, deren Disposition sich wie die vieler anderer liest. Aber auch hier fällt mir auf, dass alle Werke zunächst komplett mit Prinzipalchören besetzt sind, auch das Solo und das Pedal (man muss sich ein bisschen durch die vielen Transmissionen wursteln, dann erkennt man das klassische Gerüst). Und auch hier ist die Anlage konsequent von der mechanischen Traktur her gedacht, auch wenn man bei solchen Größenordnungen mit Recht fragen darf, ob das noch sinnvoll ist.
Lynn Dobson scheint mir ein Orgelbauer mit Hirn und Ideen zu sein. Mich beeindruckt diese Konsequenz jedenfalls sehr. Letztlich kommt diese streng durchgehaltene Einfachheit doch dem Klang zugute. Und eine klassische Design-Maxime ist sie außerdem. Hochachtung auch vor dieser Haltung in einem Land, in dem immer noch elektrische Laden quer durch Kirchenbauten gewürfelt werden und die Ganzganzvieleknöppchen-Mode nach wie vor den Alltag bestimmt.
Gruß,
Friedrich
Dobson, war: US-Import, die Zweite
ado
, Dienstag, 10. Dezember 2013, 08:15 (vor 4643 Tagen) @ Friedrich
die erbauer stellen ihre neue orgel in merton college in diesem artikel vor. hier heißt es ausdrücklich, die spieltraktur sei "entirely mechanical" -- freilich bewahre ich mir nach lektüre des oben verlinkten aufsatzes von colin pykett ein gewisses mißtrauen.
die orgel steht auch gar nicht, wie ich annahm, vor einem der querarme, sondern, ebenso wie das vorgängerinstrument, vor dem westfenster, das sich dort befindet, wo das ursprünglich wohl geplante, aber nie gebaute langhaus angeschlossen hätte, so daß sich der später für oxforder college-kapellen typisch gewordene T-förmige grundriß ergibt. die neue orgel verdeckt dieses westfenster praktisch komplett, im unterschied zum vorgängerinstrument -- die alte situation sieht man gut hier.
ich gebe sofort zu, daß ich auch nicht leicht zu sagen wüßte, wo man in diesem raum eine größere orgel sonst hinstellen sollte. trotzdem habe ich bei diesem standort vor dem westfenster ein unbehagliches gefühl. die orgel wird ausdrücklich beschrieben als vorrangig zur begleitung des chorgesangs gedacht und in zweiter linie erst für literaturspiel. vom chor ist das instrument allerdings durch das querhaus getrennt, so daß sich sein klang doch sicherlich zu einem beträchtlichen teil seitlich verliert. und die kommunikation zwischen organist und chorleiter erfolgt über monitore und ein spezielles audiosystem! die in oxford in dieser baulichen situation andernorts gewählte lösung ist die, die orgel auf den lettner zu stellen, der chor und querhaus trennt, wie in magdalen college und new college (beide mit orgel aus jüngerer zeit, die orgel dort stand aber schon immer auf dem lettner).
auch die kapelle von merton college hatte in vorreformatorischer zeit offenbar einen steinernen lettner, der sicherlich standort der 1484 errichteten ersten orgel war. aktuell gibt es aber nur einen hölzernen "screen" zur abtrennung des chors. dummerweise wurde dieser 1671 von christopher wren entworfen, was es schwierig machen dürfte, ihn gegen etwas solideres auszutauschen. immerhin hätte man die (oder eine -- etwas weniger wuchtige) orgel vielleicht auf stelzen darüber stellen können?
das wäre doch vermutlich akustisch wie auch klimatisch besser gewesen. schließlich wird doch vor der aufstellung von orgeln vor westfenstern immer gewarnt.
die orgelbauer haben die rückwand der orgel mit einer anderthalb zoll dicken faserplatte versehen, um sie vor zug und sonneneinstrahlung zu schützen. ob das reicht?
sie verweisen darauf, daß die form des gehäuses -- an den seiten höher als in der mitte -- einen teil des fensters sichtbar lasse. hm. und daß man vom "laufgang des schwellwerks" (the swell walkway) einen besseren blick auf das mittelalterliche glas habe als jemals vorher...
"It is always our goal to build instruments for the ages." so soll es sein! aber allein schon die viele elektronik auch in dieser orgel läßt mich da zweifeln -- "holistisch" in pyketts sinne ist das nicht wirklich.
US-Import, die Zweite
Contrebasson 32'
, Wien, Sonntag, 23. März 2014, 21:22 (vor 4539 Tagen) @ Friedrich
Auf yt kann man sich endlich einen Höreindruck von der Dobson-Orgel im Merton College machen. Mir gefällt der Klang auch noch im zweiten Durchgang, wenn auch der amerikanische Akzent unüberhörbar ist...
Mit besten Grüßen
Contrebasson 32'