Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

Moritz @, Mittwoch, 08. Mai 2019, 19:55 (vor 2668 Tagen)
bearbeitet von Moritz, Mittwoch, 08. Mai 2019, 20:15

Hallo zusammen,

angeregt vom kürzlich geposteten Beitrag über Orgeln in Klinikkirchen Münchens habe ich heute mal ein "verstecktes Schätzchen" in einem Würzburger Krankenhaus entdeckt: Die Hindelang-Orgel in der Kapelle des König-Ludwig-Hauses in Würzburg. Generell gibt es in Würzburg ja so einige Kliniken mit Kapellen bzw. Kirchen: Die mit der sicherlich bekanntesten Orgel dürfte die Kirche im Juliusspital sein mit der Vleugels-Orgel, die bewegliche bemalte "Flügeltüren" besitzt. Zudem steht in der Kapelle des dortigen Seniorenstifts eine ehemalige Hausorgel der Fa. Heissler von 2002, die mit einem Teil des Vorgängerinstruments der Kapelle "verheiratet" wurde (ehemals 2. Manual). Im Pedal und 2. Manual wurden hierfür Kontakte eingebaut und ein Registertableau für diese zusätzlichen Register. Das alte Teilwerk befindet sich nun hinter dem Gitter über der Orgel. Die Vorgängerorgel war elektro-pneumatisch mit Freipfeifenprospekt anstelle des Gitters auf einer Art Balkon etwas auskragend. Dieser wurde nun entfernt.
[image]
[image]

In der Kapelle des Krankenkauses der Missionsärztlichen Klinik befindet sich eine relativ unbedeutende mechanische Orgel der Fa. Weise, Plattling, in der Kapelle des Bürgerspitals eine elektro-pneumatische Orgel der Fa. Weiss aus den 50-ern des 20. Jahrhunderts mit zeittypischem Freipfeifenprospekt. Die kürzlich erst gereinigte Weise-Orgel (elektropneumatisch, Freipfeifenprospekt) der Kirche der Uniklinik ist klanglich nicht verkehrt, trotz steiler Disposition aufgrund weiter Mensuren und guter Akustik der Kirche durchaus klangvoll. Technisch sind (elektro-)pneumatische Orgeln der Fa. Weise ohnehin fast unverwüstlich...

Ebenfalls hinter einem Freipfeifenprospekt versteckt befindet sich nun auch die oben bereits erwähnte elektro-pneumatische Orgel der Fa. "Gebr. Hindelang - Orgelbau-Anstalt Ebenhofen Allgäu" aus den 1950-er Jahren.
[image]
Die Fa. Hindelang hatte lt. der Diplomarbeit von Stefan Kohler (siehe auch unter Wikipedia-Eintrag zu Gebrüder Hindelang) sogar eine zeitlang eine Filiale in Würzburg. Bereits vor dem 2. Weltkrieg war die Firma in Würzburg und Unterfranken bereits mit Instrumenten vertreten, die zahlreichen Nachkriegsorgeln waren häufig Teilbauten und wurden mittlerweile bis auf drei mir bekannte Instrumente (eben diese, St. Elisabeth - 3-manualig, nur noch eingeschränkt spielbar, St. Josef - kaum noch spielbar) der Würzburger Orgellandschaft ersetzt. Über die Orgel im König-Ludwig-Haus konnte ich vor der Besichtigung nur in Erfahrung bringen, dass ebenfalls Probleme bestehen, vor allem wegen der sehr niedrigen Luftfeuchtigkeit. Da ich heute Zugang zum Instrument bekam, konnte ich mir nun selbst ein Bild machen: Noch vor Einschalten des Motors ein Blick auf die Disposition:
[image]
[image]
[image]

Liest sich auf den ersten Blick auch erstmal eher orgelbewegt, obwohl die bei Orgeln der Fa. Hindelang fast immer anzutreffende Harmonieflöte auch hier vertreten ist. Ich hatte die Orgel von St. Josef (s. o.) ebenfalls mal kurz (und schon desolat, hatte u. a. Heuler und Ausfälle, zudem stark verstimmt) gehört, ähnliche Disposition, fast zeitgleich erbaut und war damals positiv überrascht, wie romantisch und kraftvoll diese kleine Orgel klang und die große Kirche (nach dem Dom die flächenmäßig zweitgrößte in Würzburg!) auszufüllen imstande war. Dennoch war die Orgel als Notorgel konzipiert und offensichtlich nach der Errichtung der großen Orgel auf der Empore (46 Register, 1988) nicht mehr benutzt worden. Sie ist aber nach wie vor nicht abgebaut, da in Altarnähe an der Wand hängend und nicht "störend".

Wieder zurück zum König-Ludwig-Haus: Ich war nun nach der Erfahrung in St. Josef auf den Klang des Instruments gespannt, zumal auch in der bereits erwähnten Diplomarbeit ausdrücklich erwähnt wird, dass die Fa. Hindelang auch in der Nachkriegszeit am romantischen Klangideal festhielt, was schließlich letztendlich (neben evtl. sicherlich weiteren Gründen) zum Erlöschen der Firma geführt hat.
Und auch hier wie in St. Josef: Tragende Intonation, gut auf den Raum abgestimmt, charakteristisch, ausgeglichen, gut verschmelzend, absolut frei von Schärfe, selbst die Quinte im 2. Manual klanglich eher eine Sifflöte oder Nachthornquinte, sehr rund. Das Tutti nicht schreiend und festlich, beinahe mächtig, die Orgel klingt "viel größer". Hat mir alles sehr gut gefallen und mich eine Stunde gefesselt bzw. zum Improvisieren angeregt. Nicht schlecht. Technisch hat die Orgel mit der bereits erwähnten niedrigen Luftfeuchte zu kämpfen. Der Zartbass war funktionslos, ebenso wie die Unteroktavkoppel II/I, die Superoktavkoppel II/P, die Walze und der "Tonschweller" (war evtl. vielleicht sogar ein Generalschweller? Keine Ahnung, ob der Prospekt klingend ist). Ebenso wurde wohl eine ehemals weitere Zusatzfunktion entfernt (siehe Bild). Ausserdem klemmen einige Tasten des 2. Manuals (auch wegen der Luftfeuchte?) und einige Töne sind ausgefallen (aber nur in einzelnen Registern - vermutlich Membran bzw. Tasche defekt), was natürlich alles schade ist, die grundsätzliche Spielbarkeit jedoch nicht sehr stark beeinträchtigt. Wie ich heute erfahren habe, wird die Orgel erfreulicherweise noch jeden Sonntag (!) durch einen pensionierten Orgelbaumeister zum Gottesdienst gespielt, der sich nach Aussage der Pfarrerin auch für die grundsätzliche Spielbarkeit der Orgel einsetzt, d. h. dringende Reparaturen "schnell mal" ausführt. Insgesamt wäre meiner Meinung nach die Orgel auf jeden Fall einer umfassenden Reparatur bzw. Sanierung wert, dies ist jedoch offensichtlich nicht geplant. Ausserdem wäre sie ein erhaltenswertes Zeugnis der Arbeit dieser sonst nicht mehr in Würzburg vertretenen Firma. Mit St. Josef meiner Ansicht nach sanierbar.

Viele Grüße,
Moritz

P. S. Der (ehemals fahrbare) Spieltisch steht im Kirchenraum in der letzten Ecke unter der Empore. Man hört die Orgel also "mit Raum". Klangliche Verzögerung fällt kaum in's Gewicht.

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

ado ⌂ @, Donnerstag, 09. Mai 2019, 17:45 (vor 2667 Tagen) @ Moritz

Schöner Bericht!

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

Moritz @, Donnerstag, 09. Mai 2019, 19:42 (vor 2667 Tagen) @ ado

Schöner Bericht!

Oh, vielen Dank! :-)

Viele Grüße,
Moritz

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

quintade, Donnerstag, 09. Mai 2019, 19:47 (vor 2667 Tagen) @ Moritz

Danke auch von mir, immer interessant! Und immer schade, wenn kleinere Orgeln quasi unbeachtet bleiben. (Ich versuche, meine besuchten Orgeln demnächst auch auf organindex einzustellen, soweit ich die Daten habe..)

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

Moritz @, Mittwoch, 03. Juni 2020, 16:30 (vor 2276 Tagen) @ Moritz
bearbeitet von Moritz, Mittwoch, 03. Juni 2020, 17:16

... ich habe heute aus erster Hand erfahren, dass die Kapelle im König-Ludwig-Haus in Kürze aufgegeben wird. Das hat sich leider schon vor einem Jahr abgezeichnet. Schade um die Orgel, die entweder vielleicht an Ort und Stelle verbleibt (falls die Kapelle evtl. ungenutzt bestehen bleiben sollte) oder vermutlich in den Container wandert. Das wäre schade. Das Material ist nachkriegsbedingt nicht das beste, aber der Klang ist/war nicht übel... Falls jemand eine restaurierungsbedürftige Hindelang-Orgel mit romantischem Klangbild und Taschenladen brauchen kann, sie wäre bestimmt gegen geringes Entgeld zu haben.

Viele Grüße,
Moritz

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

Moritz @, Dienstag, 11. Mai 2021, 13:08 (vor 1934 Tagen) @ Moritz

... ich habe heute aus erster Hand erfahren, dass die Kapelle im König-Ludwig-Haus in Kürze aufgegeben wird. Das hat sich leider schon vor einem Jahr abgezeichnet. Schade um die Orgel, die entweder vielleicht an Ort und Stelle verbleibt (falls die Kapelle evtl. ungenutzt bestehen bleiben sollte) oder vermutlich in den Container wandert. Das wäre schade. Das Material ist nachkriegsbedingt nicht das beste, aber der Klang ist/war nicht übel... Falls jemand eine restaurierungsbedürftige Hindelang-Orgel mit romantischem Klangbild und Taschenladen brauchen kann, sie wäre bestimmt gegen geringes Entgeld zu haben.

Viele Grüße,
Moritz

Hallo zusammen,

wie schon damals absehbar, wurde die Kapelle zwischenzeitlich leider profaniert. Sollte jemand Interesse am Erhalt der klanglich interessanten Hindelang-Orgel haben, ist vermutlich mittlerweile Eile geboten... Kontakt kann ich gerne herstellen!
Anmerkung: Die Orgel ist sehr kräftig intoniert und auch von den Abmessungen her als Hausorgel eher nicht geeignet, wohl aber für kleine bis mittelgroße Kirchenräume.

Viele Grüße,
Moritz

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

Moritz @, Montag, 29. Juni 2026, 13:36 (vor 59 Tagen) @ Moritz

... ich habe heute aus erster Hand erfahren, dass die Kapelle im König-Ludwig-Haus in Kürze aufgegeben wird. Das hat sich leider schon vor einem Jahr abgezeichnet. Schade um die Orgel, die entweder vielleicht an Ort und Stelle verbleibt (falls die Kapelle evtl. ungenutzt bestehen bleiben sollte) oder vermutlich in den Container wandert. Das wäre schade. Das Material ist nachkriegsbedingt nicht das beste, aber der Klang ist/war nicht übel... Falls jemand eine restaurierungsbedürftige Hindelang-Orgel mit romantischem Klangbild und Taschenladen brauchen kann, sie wäre bestimmt gegen geringes Entgeld zu haben.

Viele Grüße,
Moritz


Hallo zusammen,

wie schon damals absehbar, wurde die Kapelle zwischenzeitlich leider profaniert. Sollte jemand Interesse am Erhalt der klanglich interessanten Hindelang-Orgel haben, ist vermutlich mittlerweile Eile geboten... Kontakt kann ich gerne herstellen!
Anmerkung: Die Orgel ist sehr kräftig intoniert und auch von den Abmessungen her als Hausorgel eher nicht geeignet, wohl aber für kleine bis mittelgroße Kirchenräume.

Viele Grüße,
Moritz


Hallo zusammen,

wie ich heute erfahren habe wurde die Orgel einer katholischen Gemeinde in Kiew geschenkt und November 2025 bereits von einer polnischen Orgelbaufirma ausgebaut. Sie soll in einem Kirchenneubau wieder errichtet werden.

Viele Grüße,
Moritz

Orgeln in Würzburger Krankenhäusern - war: Versteckte Schätzchen

MCVL @, Dienstag, 30. Juni 2026, 20:51 (vor 58 Tagen) @ Moritz

Hallo Moritz,

danke für den Beitrag, zu diesem Thema habe ich im Bistumsarchiv Augsburg ein interessantes Schreiben der Firma Hindelang gefunden.
Sie bat beim Augsburger Generalvikariat 1929 um ein Empfehlungsschreiben, da man - zusammen mit Koulen, Schwarzbaur und Steinmeyer - ab 1900 nach und nach nahezu alle katholischen Kirchen in Bayerisch Schwaben mit modernen Orgeln ausgestattet hätte und deshalb kaum noch Bedarf an Neubauten in dieser Region bestand.
Das Empfehlungsschreiben sollte bei der Erschließung neuer Absatzmärkte, u.a. eben Unterfranken behilflich sein.
In Hinblick auf einen fairen Wettbewerb sah das Generalvikariat Augsburg aber von der Ausfertigung des Empfehlungsschreiben ab.

Viele Grüße

Mark

--
__________
Das Gesamtresultat der Prüfung war ein äußerst günstiges, was zur wohlverdienten Weiterempfehlung des in seinem Fache großen Plattlinger Meisters förmlich drängt. (Mariakirchen 1905)

powered by my little forum