Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?
Liebe Forenser,
ich habe gerade eine neue CD auf den Ohren: Volker Ellenberger spielt »Bach hétérodoxe«. Er meint damit, dass er jede Interpretation als Hommage an einen anderen Komponisten anlegt. Das C-Dur-9/8-Präludium macht er so zum “Trumpet Tune” (»Hommage à Purcell«), die F-Dur-Toccata zur « Hommage à Jeanne Demessieux – Pièce brillante de concert » usw.
Das Es-Dur-Präludium heißt bei ihm « Hommage à Lully – Ouverture royale ». Er zitiert damit eine sehr verbreitete Meinung, das Präludium sei als französische Ouvertüre angelegt. Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe. (In der Madeleine ist das natürlich “a glorious noise”!)
Ehrlich gesagt war ich mit solchen Interpretationen nie zufrieden. Ich weiß nicht, wer die Ouvertüren-Hypothese in die Welt gesetzt hat, aber meiner Ansicht nach hatte er Unrecht, zumindest teilweise. Eine Lully-Ouvertüre ist etwas anderes. Sie beginnt und endet mit einem majestätischen Marsch – was wir im Musikunterricht als »langsamer Teil« lernen – und kontrastiert ihn mit einem lebhafteren Abschnitt, manchmal fugiert, dann kehrt sie zum Marsch zurück; dieser Wechsel findet auch mehrmals statt. Bach hat selber solche Ouvertüren geschrieben, in den Goldbergvariationen kommt eine an 16. Stelle vor, im 2. Teil der Clavier-Übung zu Beginn der h-Moll-Suite, als Ganze Ouvertüre genannt wie auch die Orchester-Suiten mit vier Paradenbeispielen.
Bach hätte also gewusst, wie es geht, und er hat es nicht gemacht. Es gibt in BWV 552 keinen Tempowechsel, keinen Doppelstrich und keine neue Tempovorschrift. Es gibt ein rasches Fugato mit Laufthema, aber im Grundmetrum. Das ist ein nettes Moment von metrischer Spannung und Kontrast, aber es ist kein Ouvertüren-Fugato, denn das Tempo bleibt dank dem Tetrachord-Thema immer hörbar. In einer französischen Ouvertüre muss das Orchester eine gute Tempo-Proportion finden, aber es braucht nicht im selben Tempo zu bleiben.
Ich halte es für überzeugender, das Präludium in den Ritornellen und den Echo-Abschnitten als Marsch zu betrachten, der durch das Fugato aufgelockert wird. Als Marsch funktioniert es auch ohne die Überpunktierungen, die immer alle machen und die früher oder später in die rhythmische Bredouille führen. Sicher, man kann sie von den Pedal-Punktierungen ableiten, aber sie machen in meinen Ohren das Stück nicht besser, nur kapriziöser – besonders beim Wiedereintritt des Ritornells, der überpunktiert oft grotesk klingt – dabei könnte es so schön sein :-) ! Es gibt ja Spieler, die sich der Sitte nicht unterwerfen und bei denen es trotzdem grandios klingt: Ander-Donath, Walcha oder, besonders schön, der fabelhafte Andreas Liebig (in Groningen, Martini, und im Chorton).
Wie seht, hört oder spielt ihr die Sache?
Viele Grüße,
Friedrich
P. S.
Hier kann man übrigens schön sehen, wie genau Bach seine Vorschläge notiert. Je nach musikalischem Kontext macht er es anders. Und hier, im Druck des Stücks (Abklatschverfahren, eine Art Abpausen der Reinschrift, deswegen sieht es autograph aus) kann man sehr gut erkennen, wie präzise er die Pausen setzt.