Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Friedrich @, Freitag, 17. Januar 2014, 18:58 (vor 4605 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 17. Januar 2014, 20:58

Liebe Forenser,

ich habe gerade eine neue CD auf den Ohren: Volker Ellenberger spielt »Bach hétérodoxe«. Er meint damit, dass er jede Interpretation als Hommage an einen anderen Komponisten anlegt. Das C-Dur-9/8-Präludium macht er so zum “Trumpet Tune” (»Hommage à Purcell«), die F-Dur-Toccata zur « Hommage à Jeanne Demessieux – Pièce brillante de concert » usw.

Das Es-Dur-Präludium heißt bei ihm « Hommage à Lully – Ouverture royale ». Er zitiert damit eine sehr verbreitete Meinung, das Präludium sei als französische Ouvertüre angelegt. Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe. (In der Madeleine ist das natürlich “a glorious noise”!)

Ehrlich gesagt war ich mit solchen Interpretationen nie zufrieden. Ich weiß nicht, wer die Ouvertüren-Hypothese in die Welt gesetzt hat, aber meiner Ansicht nach hatte er Unrecht, zumindest teilweise. Eine Lully-Ouvertüre ist etwas anderes. Sie beginnt und endet mit einem majestätischen Marsch – was wir im Musikunterricht als »langsamer Teil« lernen – und kontrastiert ihn mit einem lebhafteren Abschnitt, manchmal fugiert, dann kehrt sie zum Marsch zurück; dieser Wechsel findet auch mehrmals statt. Bach hat selber solche Ouvertüren geschrieben, in den Goldbergvariationen kommt eine an 16. Stelle vor, im 2. Teil der Clavier-Übung zu Beginn der h-Moll-Suite, als Ganze Ouvertüre genannt wie auch die Orchester-Suiten mit vier Paradenbeispielen.

Bach hätte also gewusst, wie es geht, und er hat es nicht gemacht. Es gibt in BWV 552 keinen Tempowechsel, keinen Doppelstrich und keine neue Tempovorschrift. Es gibt ein rasches Fugato mit Laufthema, aber im Grundmetrum. Das ist ein nettes Moment von metrischer Spannung und Kontrast, aber es ist kein Ouvertüren-Fugato, denn das Tempo bleibt dank dem Tetrachord-Thema immer hörbar. In einer französischen Ouvertüre muss das Orchester eine gute Tempo-Proportion finden, aber es braucht nicht im selben Tempo zu bleiben.

Ich halte es für überzeugender, das Präludium in den Ritornellen und den Echo-Abschnitten als Marsch zu betrachten, der durch das Fugato aufgelockert wird. Als Marsch funktioniert es auch ohne die Überpunktierungen, die immer alle machen und die früher oder später in die rhythmische Bredouille führen. Sicher, man kann sie von den Pedal-Punktierungen ableiten, aber sie machen in meinen Ohren das Stück nicht besser, nur kapriziöser – besonders beim Wiedereintritt des Ritornells, der überpunktiert oft grotesk klingt – dabei könnte es so schön sein :-) ! Es gibt ja Spieler, die sich der Sitte nicht unterwerfen und bei denen es trotzdem grandios klingt: Ander-Donath, Walcha oder, besonders schön, der fabelhafte Andreas Liebig (in Groningen, Martini, und im Chorton).

Wie seht, hört oder spielt ihr die Sache?

Viele Grüße,
Friedrich

P. S.
Hier kann man übrigens schön sehen, wie genau Bach seine Vorschläge notiert. Je nach musikalischem Kontext macht er es anders. Und hier, im Druck des Stücks (Abklatschverfahren, eine Art Abpausen der Reinschrift, deswegen sieht es autograph aus) kann man sehr gut erkennen, wie präzise er die Pausen setzt.

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

perotin, Freitag, 17. Januar 2014, 22:04 (vor 4605 Tagen) @ Friedrich

Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe.

Und dieses - im Grundschlag - sehr langsame Tempo hält er durch?

Das wäre wohl schon eine Leistung für sich, aber ob's noch schön ist?

... fragt sich
perotin

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Friedrich @, Freitag, 17. Januar 2014, 22:10 (vor 4605 Tagen) @ perotin

Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe.

Und dieses - im Grundschlag - sehr langsame Tempo hält er durch?

Das wäre wohl schon eine Leistung für sich, aber ob's noch schön ist?

Dann solltest Du erstmal sein großes e-Moll hören!
Ich habe bisher nur bei Rübsam ein ähnlich langsames Tempo im Es-Dur gehört.
Und ja, er hält durch.

Gruß,
Friedrich

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

perotin, Freitag, 17. Januar 2014, 22:41 (vor 4605 Tagen) @ Friedrich

Dann solltest Du erstmal sein großes e-Moll hören!

Es ist - öhhm - nicht zu schnell.
;-)

Zu den diversen Es-Dur-Ausschnitten gäbe es, wenn man's genau nimmt, so viel zu sagen, das schaffe ich heut' abend nicht mehr.

Allgemein zum Präludium: Die punktierten Achtel vertragen eine "geschärfte" Ausführung (quasi doppelt-punktiert) durchaus. Die auftaktigen Achtelnoten (Takte 1, 3, 17 usw.) habe ich bisher einfach so gespielt, wie sie da stehen: als Achtel.

Grüße über den Teich,

perotin

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Friedrich @, Samstag, 18. Januar 2014, 03:00 (vor 4605 Tagen) @ perotin

Allgemein zum Präludium: Die punktierten Achtel vertragen eine "geschärfte" Ausführung (quasi doppelt-punktiert) durchaus. Die auftaktigen Achtelnoten (Takte 1, 3, 17 usw.) habe ich bisher einfach so gespielt, wie sie da stehen: als Achtel.

Das finde ich im Prinzip nachvollziehbar – zumal er den ersten Auftakt so herrlich breit aufs Papier gesetzt hat. Allerdings bleiben dann die Stellen überzeugend zu lösen, an denen die Sechzehntel der Punktierungen mit Sechzehntelketten zusammenfallen, wie in T. 30 und dann wiederholt in T. 52ff. Wenn der Anfang sehr zackig war, dann klingen diese Partien oft ein wenig bieder – außer man biegt diese Ketten zu echten Rouladen, quasi glissando, und lässt sie wie Zeus’ höchstpersönliche Blitze einherfahren. Das fände ich dann aber zuviel des Guten. Handelt man sich da nicht unnötig Probleme ein?

Mein Fazit: Alles wird einfacher und, in meinen Ohren, freundlicher, wenn man’s spielt, wie’s steht – Musikalität und Finger-und-Fuß-Fertigkeit immer vorausgesetzt.

Viele Grüße,
Friedrich

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Axel, Samstag, 18. Januar 2014, 09:37 (vor 4605 Tagen) @ Friedrich

Ich finde, Überpunktierungen sind im Verlauf des Stückes ausgesprochen schwierig zu realisieren. Auf der ersten Seite kein Problem, aber später bingt man sich in Teufels Küche.
Ein weiteres Argument gegen eine französische Ausführung scheinen mir die Bögen zu sein. Inegalité gehen immer zur nächsten schweren Zeit und gehören mehr zu dieser, als zur vorausgehenden punktierten Note. Bachs Bögen besagen genau das Gegenteil, was 2 Gründe haben kann: Entweder er hat das mit dem inegalen Spiel nicht ganz verstanden (schließlich war er nie in Frankreich und kannte die Musik nur durch Abschriften) oder er will es einfach anders haben.

Grüße
Axel

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Wolfgang Gourgé @, Samstag, 18. Januar 2014, 00:41 (vor 4605 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Samstag, 18. Januar 2014, 01:47

Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe.

Und dieses - im Grundschlag - sehr langsame Tempo hält er durch?

Das wäre wohl schon eine Leistung für sich, aber ob's noch schön ist?


Dann solltest Du erstmal sein großes e-Moll hören!
Ich habe bisher nur bei Rübsam ein ähnlich langsames Tempo im Es-Dur gehört.
Und ja, er hält durch.

Gruß,
Friedrich

....klingt wie Zeitlupe. Als ob die Noten versehentlich unters Nudelholz geraten und breitgewalzt worden sind....

Ehrlich gesagt, gefällt mir auch sein Es-Dur nicht. Nichts ansonsten gegen den Interpreten, der ja kein ganz Unbekannter ist, und auch Chamaden kann man dabei durchaus verwenden, warum nicht: man interpretiert auch die Orgel (Cochereau hat's bei seinen "Bächen" auch gemacht, und seine Version der Epidemischen finde ich bis heute "grand"...).

Aber die Musik wird hier komplett "verdreht", sie "stimmt" einfach nicht mehr. Für mich genauso schnell nervig wie die leider ebenso notorischen wie langweiligen Oplenol-Interpretationen der Passacaglia, die sich inzwischen zu Dutzenden auf youtube finden. Als ob eine ganze Organistengeneration das Registrieren verlernt hat.....

Gruß,
Wolfgang

PS: "Oplenol" = "Organoplenononlegato"

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

orgelwilli @, Samstag, 18. Januar 2014, 12:59 (vor 4604 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Friedrich @, Samstag, 18. Januar 2014, 20:04 (vor 4604 Tagen) @ orgelwilli

http://www.youtube.com/watch?v=vSGKhzpqgwY

Wo Du recht hast …

Das singt und schwingt einfach. So klingt das Stück in meinen Ohren herrlich – entspannt, großzügig, groß und trotzdem freundlich. Und jeder Auftakt klingt anders, auch wenn alle so klingen, wie sie müssen. Der Musik wird keine Maske übergezogen, sie darf einfach sein, wie sie ist.

Und dann noch einer solchen Technik zuzuschauen … Muss ein kinderleichtes Stück sein, sollte man mal selber versuchen.

Danke!

Gruß,
Friedrich

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Janus, Montag, 26. Dezember 2016, 00:47 (vor 3532 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Janus, Montag, 26. Dezember 2016, 01:33

Ich habe bisher nur bei Rübsam ein ähnlich langsames Tempo im Es-Dur gehört.

Gemeint ist vermutlich die Naxosaufnahme aus 08/1988, für die Rübsam insgesamt außerordentlich beachtliche 12:12 Min. benötigt hat. Der Philips-Rübsam war da im Jahr 1977 noch wesentlich geschwinder unterwegs mit 8:33 Min. Gibt es eigentlich eine Erklärung von Rübsam, mit der dieser einmal die Änderung seiner Anschauungen zur Tempogestaltung bei der Interpretation der Orgelwerke des Thomaskantors erläutert hat? Denn auffällig ist, dass sich die späteren Bach-Naxoslesarten von den früheren Aufnahmen bei Philips generell durch wesentlich gedehntere Tempi unterscheiden.

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Montag, 26. Dezember 2016, 11:21 (vor 3532 Tagen) @ Janus

Ich habe bisher nur bei Rübsam ein ähnlich langsames Tempo im Es-Dur gehört.


Gemeint ist vermutlich die Naxosaufnahme aus 08/1988, für die Rübsam insgesamt außerordentlich beachtliche 12:12 Min. benötigt hat. Der Philips-Rübsam war da im Jahr 1977 noch wesentlich geschwinder unterwegs mit 8:33 Min. Gibt es eigentlich eine Erklärung von Rübsam, mit der dieser einmal die Änderung seiner Anschauungen zur Tempogestaltung bei der Interpretation der Orgelwerke des Thomaskantors erläutert hat? Denn auffällig ist, dass sich die späteren Bach-Naxoslesarten von den früheren Aufnahmen bei Philips generell durch wesentlich gedehntere Tempi unterscheiden.

Im Forum gibt es (mindestens) zwei "Meisterschüler" von Wolfgang Rübsam, die vielleicht hierzu Auskunft geben könnten.

Gruß
Karsten

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Janus, Dienstag, 18. Juli 2017, 15:08 (vor 3327 Tagen) @ Janus

Philips (1977) vs. Naxos (1988 - 1995)

In dem Zusammenhang ein interessantes Interview mit Wolfgang Rübsam vom 08.10.2015.

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Janus, Samstag, 10. März 2018, 23:06 (vor 3092 Tagen) @ Janus

Gibt es eigentlich eine Erklärung von Wolfgang Rübsam, mit der dieser einmal die Änderung seiner Anschauungen zur Tempogestaltung bei der Interpretation der Orgelwerke des Thomaskantors erläutert hat? Denn auffällig ist, dass sich die späteren Bach-Naxoslesarten von den früheren Aufnahmen bei Philips generell durch wesentlich gedehntere Tempi unterscheiden.

Dazu Wolfgang Rübsam selbst in diesem aufschlußreichen Telefoninterview vom 08.10.2015.

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Montag, 26. Dezember 2016, 11:54 (vor 3532 Tagen) @ Friedrich

Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe.

Und dieses - im Grundschlag - sehr langsame Tempo hält er durch?

Das wäre wohl schon eine Leistung für sich, aber ob's noch schön ist?


Dann solltest Du erstmal sein großes e-Moll hören!
Ich habe bisher nur bei Rübsam ein ähnlich langsames Tempo im Es-Dur gehört.
Und ja, er hält durch.

Ähnlich breite Tempi für BWV 552 realisiert Daniel Chorzempa (kennt den eigentlich noch jemand?) in seiner Philips-Aufnahme (1982, an der Hinsz-Orgel in Kampen). Präludium hat eine SPielzeit von 12:04, die Fuge 11:13. Die Fuge scheint er aus einer Ausgabe mit dem Alla-Breve-Druckfehler (Peters?) zu spielen.

Gruß
Karsten

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Janus, Montag, 26. Dezember 2016, 12:54 (vor 3531 Tagen) @ Karsten

Ähnlich breite Tempi für BWV 552 realisiert Daniel Chorzempa (kennt den eigentlich noch jemand?) in seiner Philips-Aufnahme (1982, an der Hinsz-Orgel in Kampen). Präludium hat eine SPielzeit von 12:04, die Fuge 11:13. Die Fuge scheint er aus einer Ausgabe mit dem Alla-Breve-Druckfehler (Peters?) zu spielen.

Gruß
Karsten

Das kennen wir ja - bisweilen neigen eben offenbar auch Organisten zu mehr oder weniger extremen Lesarten, ob nun Rübsam, Chorzempa oder Newman. Hier ein recht interessanter Artikel aus der NYT unter der Überschrift EXCESS AND ALLURE AT THE ORGAN vom 12.06.1983, in dem sich u.a. auch einige amüsante Bemerkungen zu Chorzempas 552er Lesart finden lassen.

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

oHo, Montag, 26. Dezember 2016, 15:51 (vor 3531 Tagen) @ Karsten

Ellenberger spielt extrem in den Überpunktierungen, abgesetzten Schleifern usw., aber er übertreibt nur eine Spielweise, die ich schon oft gehört habe.

Und dieses - im Grundschlag - sehr langsame Tempo hält er durch?

Das wäre wohl schon eine Leistung für sich, aber ob's noch schön ist?


Dann solltest Du erstmal sein großes e-Moll hören!
Ich habe bisher nur bei Rübsam ein ähnlich langsames Tempo im Es-Dur gehört.
Und ja, er hält durch.


Ähnlich breite Tempi für BWV 552 realisiert Daniel Chorzempa (kennt den eigentlich noch jemand?) in seiner Philips-Aufnahme (1982, an der Hinsz-Orgel in Kampen). Präludium hat eine SPielzeit von 12:04, die Fuge 11:13. Die Fuge scheint er aus einer Ausgabe mit dem Alla-Breve-Druckfehler (Peters?) zu spielen.

Gruß
Karsten

Ja - ich kenne Aufnahmen von ihm und die mit den Triosonaten hat für mich Referenzqualität..!

meint, festlich grüßend,
Oliver

Liebig; war: Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Samstag, 18. Januar 2014, 13:04 (vor 4604 Tagen) @ Friedrich

oder, besonders schön, der fabelhafte Andreas Liebig (in Groningen, Martini, und im Chorton).

Ja, der Liebig hat mich auch sofort überzeugt. Und er hat mich an die alte und mir seit Kindertagen vertraute Walcha-Einspielung aus Cappel (Ca. 1952, LP 25cm, mono) erinnert. Als hätte er sich dort die Registrierungen abgeschaut. Im Tempo ist Liebig etwas zügiger.

Gruß Clemens Schäfer

--
Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)

Liebig; war: Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

untersatz32, Dienstag, 27. Dezember 2016, 18:13 (vor 3530 Tagen) @ Clemens Schäfer

Wunderbar!!! Nach langem mal wieder rausgekramt: toll!

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Dienstag, 27. Dezember 2016, 13:02 (vor 3530 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Karsten, Dienstag, 27. Dezember 2016, 14:59

Hallo!

Ich zitiere mal eine Fundstelle zu dieser Problematik:

Der vieldiskutierte 8tel-Auftakt im Hauptthema des Praeludioums in ES (552/1) kann ebenfalls später als notiert gespielt werden. Eine doppelpunktierte Ausführung als regelrechtes 16tel wird durch die Notationsweise in T. 52 nahegelegt; der "goldene Mittelweg" ist eine triolische Ausführung.
Die triolische Ausführung ist trotz der Lage in T.52 verantwortbar. Die Stelle in diesem Takt ist insofern ein anderer Fall, als der Baß gleichzeitig 16tel aufweist - was nur hier vorkommt -, welcher Umstand zur Anpassung des Manuals an das Pedal zwingt.
Die Verzierung Mezza tirata kann etwas später als notiert gebracht werden:
[Notenbeispiel 415]
Was die Punktierung der 8tel in diesem Stück angeht, ist eine Doppelpunktierung wie in Beispiel 413c) [Ausführung für "Grave", 8tel punktiert + 16tel: "Grave", punktierte 8tel, 32tel Pause, 32tel, punktierte 8tel, 32tel Pause, 32tel]" nicht angebracht. Ausreichende Artikulationspausen genügen, um den gravitätischen Ouverturen-Charakter zu erzeugen (vgl. Bsp. 387 und 388) [Ausführung der 8tel-Punktierung: 8tel, 16tel Pause, 16tel...].
In T.32 und 111 muß natürlich der Es-Dur-Akkord vor Anfang der darauffolgenden Auftaktfigur beendet werden.

- Laukvik, Orgelschule zur historischen Aufführungspraxis Band I, Seite 261

Gruß
Karsten

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Dienstag, 27. Dezember 2016, 14:01 (vor 3530 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Karsten, Dienstag, 27. Dezember 2016, 16:38

[...] Es gibt ja Spieler, die sich der Sitte nicht unterwerfen und bei denen es trotzdem grandios klingt: Ander-Donath, Walcha oder, besonders schön, der fabelhafte Andreas Liebig (in Groningen, Martini, und im Chorton).

Ich hab mal ein bisschen reingehört, wie das andere so machen. Einige weitere Spieler, die den Rhythmus nicht (zu stark) punktieren:

Ullrich Böhme (Clavierübung III, querstand, 2005)
Maurice Duruflé (Bach: Freie Orgelwerke, EMI France)
Hans Fagius (Bach-Gesamtaufnahme, BIS-Records/Brilliant Classics)
Jean Guillou (Philips, sowohl frühe Aufnahmen als auch spätere Live-Gesamtaufnahme)
Christopher Herrick (2x für Hyperion im Rahmen der Bach-Gesamtaufnahme)
Werner Jacob (Bach Gesamtaufnahme, EMI)
Kay Johannsen (Bach-Gesamtaufnahme, Hännsler, 1999)
Jeremy Joseph (Clavierübung III, NCA, 2011)
Kei Koito (Clavierübrung III, Harmonic Classics, 2001)
Ewald Kooiman (Bach Gesamtaufnahme, Coronata, 1994) (sehr stark akzentuiert)
Ton Koopman (Bach-Aufnahmen Novalis, 1986)
Ton Koopman (Bach-Gesamtaufnahme, Teldec, 1996)
Walter Kraft (Bach-Gesamtaufnahme 1960er Jahre))
Edgar Krapp (Orgelportrait Wagner-Orgel Brandenburg, Koch-Schwann 1995)
Reinhard Menger (Orgelportrait Wenzelskirche Naumburg, Eule, 2001)
Stefano Molardi (Bach Gesamtaufnahme, Brilliant Classics, 2014)
Simon Preston (Bach Gesamtaufnahme, DGG)
Karl Richter (Jagerborg-Kirche, DGG, )
Michael Schönheit (Orgelportrait Leipziger Gewandhaus, querstand, 2007)
Jaroslaw Tuma (Bach: Great Organ Works, Arta, 2014)
Knud Vad (Bach-Gesamtaufnahme, 2002)
Olivier Vernet (Bach-Gesamtaufnahme, Ligia Digital, 1999)
Gerhard Weinberger (Bach-Gesamtaufnahme, cpo, 2002)

Nachtrag:
Sietze de Vries
Balazs Szabo
Sebastian Küchler-Blessing (eine "Jugendsünde"?, keine Ahnung, ob Sebastian das immer noch so macht ;) )
Lisa Hummel
Michael Murray
Els Biesemans
Herbert Tachezi

Gruß
Karsten

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

MAT @, Dienstag, 27. Dezember 2016, 17:50 (vor 3530 Tagen) @ Karsten

Hoffentlich kommen nicht noch alle dran, die das Werk drauf haben... ;-)

--
Gruß
MAT

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Dienstag, 27. Dezember 2016, 17:53 (vor 3530 Tagen) @ MAT

Hoffentlich kommen nicht noch alle dran, die das Werk drauf haben... ;-)

Wieso "hoffentlich"? So schlimm ist das Stück doch nun wirklich nicht...

Gruß
Karsten

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

MAT @, Dienstag, 27. Dezember 2016, 19:36 (vor 3530 Tagen) @ Karsten

Nein natürlich nicht, aber die Liste könnte seeeeeeeehr lang werden.

--
Gruß
MAT

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Dienstag, 27. Dezember 2016, 21:26 (vor 3530 Tagen) @ MAT

Nein natürlich nicht, aber die Liste könnte seeeeeeeehr lang werden.

Es ging ja um die Frage einer bestimmten Spielweise. Das grenzt den Personenkreis natürlich ein.
Ich finde es schade, dass gerade bei solchen spielpraktischen Fragen so wenig "Rücklauf" von den hier durchaus angemeldeten aktiven Organisten kommt. Sicher, es besteht keine Verpflichtung, sich einzubringen. Bei manchen können ja die Aufnahmen und Auftritte für sich sprechen.

Gruß
Karsten

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

hardy @, Mittwoch, 28. Dezember 2016, 00:09 (vor 3530 Tagen) @ Karsten

Ein ganz kleines bißchen langsamer als die von orgelwilli angegebene Latry-Aufnahme wäre so "mein" Tempo.

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Florian-L @, Mittwoch, 28. Dezember 2016, 09:19 (vor 3530 Tagen) @ Karsten

Sebastian Küchler-Blessing (eine "Jugendsünde"?, keine Ahnung, ob Sebastian das immer noch so macht ;) )

Wieso "Jugendsünde"? Auf dieser Orgel eine durchaus angemessene Interpretation.

Herbert Tachezi

Wobei Herbert Tachezi auf dieser Aufnahme doch recht stark punktiert.

Gruß, Florian

Bachs Präludium Es-Dur – »Ouvertüre«?

Karsten @, Mittwoch, 28. Dezember 2016, 11:10 (vor 3530 Tagen) @ Florian-L

Sebastian Küchler-Blessing (eine "Jugendsünde"?, keine Ahnung, ob Sebastian das immer noch so macht ;) )


Wieso "Jugendsünde"? Auf dieser Orgel eine durchaus angemessene Interpretation.

Die Anführungszeichen sollten Ironie implizieren. Sebastian ist ja nun nicht wirklich "alt" und die Aufnahme schon sieben Jahre her. Das ist und bleibt eine tolle Aufnahme.

Herbert Tachezi


Wobei Herbert Tachezi auf dieser Aufnahme doch recht stark punktiert.

Ja, er spielt sehr akzentuiert. Er spielt die 8tel sehr kurz aber mit deutlicher Pause. Jedenfalls meiner Meinung nach nicht so extrem wie von Friedrich kritisiert.

Gruß
Karsten

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