Ein schöner Text – Vorrede

Friedrich @, Sonntag, 19. Januar 2014, 07:16 (vor 4604 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 19. Januar 2014, 08:51

Liebe Forenser,

ich durchforste manchmal Online-Archive nach Orgeltexten und bin dabei auf einen gestoßen, der mir so gefiel, dass ich ihn vom Englischen ins Deutsche übersetzt habe. Er stammte aus einem Posting von Stephen Bicknell (†) auf Piporg-L. Ich bin so frei, ihn hier zu posten, weil unser Forum nur registrierten Benutzern offensteht, der Text also nicht ohne weiteres zu allgemeiner Kenntnis kommt. Er erschien am 17. Mai 2005 auf Piporg-L.

Der Standpunkt ist charakteristisch für einen englischen Orgelbauer, der für Amerikaner schreibt – die Briten legten schon immer Wert auf sorgfältig getischlerte Gehäuse, und viele halten eine klassische, also an Vitruv geschulte Architektur immer noch für das Maß der Dinge, so auch Stephen; seine Bezüge auf elektrische Traktur, Pitman- und Austin-Laden sind auch vor diesem Hintergrund zu sehen.

Der Text macht, finde ich, sehr schön deutlich, wieviel Auslauf unser Lieblingstier eigentlich braucht.

Viel Spaß beim Lesen.

Gruß,
Friedrich

Ein schöner Text – Teil I

Friedrich @, Sonntag, 19. Januar 2014, 07:16 (vor 4604 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Donnerstag, 19. Mai 2016, 22:34

Im Anschluss an unseren Thread über Orgelplanung möchte ich dazu anregen, sich ein Bild davon zu machen, wie groß alles wirklich ist.

Wieviel Platz braucht man für ein 8’-Register? Die meisten werden antworten: Naja, acht Fuß eben.

Wenn man eine bodenständige Orgel baut, dann muss die Pfeife über Kopfhöhe stehen, damit sie in den Raum klingt und nicht in die *räusper* Hintern der Leute, die in der letzten Bank sitzen. Also so etwa auf zwei Meter Höhe, wenn man Schmerzensgeldklagen von Leuten mit angehauenen Schädeln vermeiden möchte. Die Pfeife – nehmen wir mal an, sie ist abgeführt – braucht ein Objekt von fünf Zentimetern Höhe, auf dem sie stehen kann, und wenn der Prospekt im barocken Stil gehalten ist, kommen eine ganze Menge Profile hinzu. Aber gehen wir erst einmal von einem modernen Prospekt aus. Der Fuß der tiefsten Pfeife wird mindestens 50 Zentimeter hoch sein, wenn das Ding ansprechen soll. Das Labium der Pfeife befindet sich also mindestens 2,46 Meter über dem Boden. Die Pfeife selbst, ja, ist etwa acht Fuß lang – vielleicht etwas länger, wenn sie einen Stimmschlitz hat –, aber sie braucht Raum zum Sprechen. Eineinhalb Pfeifendurchmesser reichen gerade aus, besser sind zwei; also etwa 2,72 Meter.

Ja, stimmt. Ich behaupte, dass die Mindesthöhe für eine ganz normale, bodenständige 8’-Orgel nicht weniger als 17 Fuß beträgt, 5,20 Meter. Hausorgeln werden weniger Raum beanspruchen, aber normale Kirchenorgeln brauchen mindestens so viel, und mit 20 Fuß, etwas mehr als sechs Metern, kommt man weitaus bequemer aus. Ab 7,60 Metern hat ein echtes Gehäuse mit Profilen eine Chance.

Betrachten Sie nun das Zimmer, in dem Sie sitzen. Ich nehme an, die meisten sitzen in einer Wohnung von – also meine misst zweieinhalb Meter, aber das Haus ist auch von 1858. Viele werden in Räumen von 2,30 Metern Höhe wohnen. Eine 8’-Orgel in voller Höhe braucht das Dreifache. Ja, die Höhe eines zweistöckigen Hauses. Nein, ich mache keine Witze.

Wie oft kam ich als Orgelbauer in eine Kirche, wo der Organist mir die Disposition der erwünschten 32’-Orgel überreichte und mal eben so unter einen Bogen deutete, der kaum eine 4’-Orgel aufnehmen konnte? Wie oft kamen Kollegen, die ein Metermaß hätten benutzen sollen, von einem Ortstermin zurück und sagten mir, da sei »mehr als genug Höhe«, und in Wirklichkeit hatten sie nur fünf oder sechs Meter gesehen? Die meisten Leute sind beeindruckt von einem fünf Meter hohen Raum – so hoch wie ein Londoner Doppeldeckerbus – und haben kaum eine Vorstellung davon, wie ein Raum von über siebeneinhalb Metern Höhe wirkt.

Vielleicht haben ja manche ein Bild der Orgel von St. Ignatius in New York City zur Hand. Hier hatten wir das Glück, einen Raum zur Verfügung zu haben, der die ideale und natürliche Größe für das gewünschte Instrument aufwies. Ich weiß nicht mehr, wie hoch die Empore genau ist, aber ich tippe auf knapp 5 Meter. Die Orgel erhebt sich dann auf eine Höhe von 13,30 Metern über der Empore. Die Bekrönung des Mittelturms, gebildet von Architrav, Fries und Gesimsprofil, sieht von unten ganz niedlich aus. Nicht so, wenn man davorstünde. Sie ist mehr als 81 Zentimeter hoch, und das Gesims hat beiderseits einen Überstand von 35 Zentimetern. Die Pfeifen im Mittelturm, vom 16’-E an (Montre 16’ des Grand Orgue), wiegen eine halbe Tonne.

Da legt man die Ohren an.

Ein schöner Text – Teil II

Friedrich @, Sonntag, 19. Januar 2014, 07:17 (vor 4604 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 25. Oktober 2014, 19:13

Nun zur Grundfläche, die jedes Werk einnimmt. Bei Schleifladen passt ein 8’-Werk mit 61 Tönen (C–c’’’’) auf eine acht Fuß (2,44 m) lange Windlade, aber nicht ohne Widerstand, und für einen mittigen Stimmgang ist auch kein Platz. Pitmanladen brauchen mehr Platz, denn die kleinen Pfeifen können nicht so eng stehen. Noch mehr Platz brauchen Austin Universal Chests, nicht nur, weil ein Mensch hineinpassen soll – ihre Dimensionen passen eben zu den Karossen mit Haifischflossen, die die Fünziger Jahre so liebten.

Die Tiefe hängt von vielen Variablen ab, aber nehmen wir für den Augenblick an, dass die meisten Schleifladenorgeln eine Tiefe von 15 Zentimetern pro Schleife beanspruchen, inklusive flacher Prospekt – Rundtürme kosten extra.

Jetzt bekommen Sie sicher eine Ahnung vom Raumvolumen einer ganz normalen Orgel, und dabei sind Gebläse, Traktur und Regierwerk noch gar nicht mitbedacht (wenn Ihr Orgelbauer sie denn baut und sich nicht mit dem Verkabeln begnügt).

Zurück nach St. Ignatius. Von den vier Manualwerken sind nur das Positif und das »Solo« von sozusagen normaler Größe. Anders Grand-Orgue und Récit. Ausgewachsene 16’-Werke passen nicht auf eine acht Fuß lange Lade und, kurz gesagt, diese Werke beanspruchen beide 16 Fuß Breite; je zwei Stimmgänge sind unerlässlich, wo es zahlreiche 8’-Register gibt und die kleinen Pfeifen in Dreierreihe gestaffelt sind, damit sie hineinpassen. Da bleibt nicht viel Luft. Alles passt ganz gut, aber so einen halben Meter mehr hätten wir auch gebrauchen können.

Und nun zu dieser 100-Register-Orgel, von der wir sprachen. In wessen Hütte soll sie denn reinpassen? Und wo werden die Leute sitzen?

Als ich die Buchholz-Orgel von 1839 in Kronstadt (Brasov) in Siebenbürgen besuchte, war ich fasziniert. Auch sie hat gute 60 Register, hängende Trakturen und zwei Schwellkästen, wie die New Yorker Mander-Orgel, und statt 61 nur 56 Tasten – und ist insgesamt gute 10 Prozent größer.

Beide Orgeln sind jedoch eher unbedeutend, wenn man sie mit Bauten vergleicht, wie Cavaillé-Coll sie in Saint-Suplpice und anderswo errichtet hat. Ich weiß, Sacré-Cœur ist ganz spät und in mancher Hinsicht mehr eine Mutin als eine Cavaillé-Coll, aber ihr liegen dieselben Zeichnungen zugrunde wie der Stadthallen-Orgel in Sheffield von 1870, die in Dreißigerjahren verbrannte. Innen hat sie zwei hölzerne Wendeltreppen, jede bequemer zu begehen als die in den Palmenhäusern von Kew Gardens. Eine reicht bis zur Mündung des 32’-C der Flûte im Pedal, die andere zu der des Cis.

Als ich die über 80 Zentimeter hohen Profile von St. Ignatius beschrieb – da glaubten Sie wohl, ich wollte Sie beeindrucken? Ehrlich gesagt haben wir sie noch verkleinert, aus Kosten- und Raumgründen. Sie sind ionisch und sollten doch eigentlich korinthisch oder komposit angelegt sein. Und mein Architektur-Lehrbuch fordert für das Gesims eines Gehäuses, dessen Plinthe 2,70 Meter über dem Boden steht, eine Höhe von ZWEI METERN DREISSIG.

Wir haben uns immerhin Mühe gegeben.

Ein schöner Text – Teil II

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 19. Januar 2014, 18:08 (vor 4604 Tagen) @ Friedrich

Danke!

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