Ein bißchen "Tour de France" (1)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 19. August 2024, 23:15 (vor 742 Tagen)

Unser Forums-Urge"stein" hat uns vor einiger Zeit mit faszinierenden Tour de France - Bildern versorgt. Man denkt, in jeder Kleinstadt steht eine gotische Basilika. Und... so ist es ja auch ;-)
Meine Reise war ganz privat und da mein Französisch auch schwach ist, gab es keine Emporenbesuche etc. Die Fahrt führte über Belgien vor allem in die Normandie, dort kreuz und quer bis nach Chartres runter und dann über Belgien und die Niederlande (Wiederhören mit dem geliebten Schnitger-Konzern in Groningen) nach Hause. In Frankreich prägten natürlich Kirchen- und Museumsbesuche sowie Kulinarik die Reise, tief beeindruckten auch die noch vorhandenen Dekorationen historischen Fotos des Jubiläums und überhaupt das Erbe des Jahres 1944 und seiner Schrecknisse.
Vom einzigen echten Konzert, das wir hörten, will ich im 2. Teil berichten, vorab aber etwas neidisch und zugleich dankbar erwähnen, dass es neben Mauerwerks-Baugerüsten auch Orgelbaustellen gibt. Einige der auf der letzten F-Reise gesehenen sind inzwischen (fast) abgeschlossen (Kathedralen Dijon und Nancy). Nun im August begegnete ich der Restaurierung der Orgel der Kathedrale von Amiens, tolle Bilder übrigens auch hier:

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In Chartres ist das bekannte Neubauprojekt im Gang, zu sehen ist davon real natürlich nichts:

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und in Reims läuft die große Restaurierung bzw. der technische Neubau. Für mich interessant, weil dasselbe Baujahr (1938) wie mein Dienstinstrument. Als ich eintraf, war es schon gegen Abend und die Kathedrale ohnehin recht schummrig, so verzichtete ich auf ein Gerüstfoto, aber die gibt es ja online. Bauteile waren nicht zu sehen, da das gesamte Nordquerhaus mit einer Verbretterung blickdicht abgesperrt ist (auch das Gewölbe wird bei dieser Gelegenheit saniert). Der Ruhm der Königsgrablege und der gotischen Baukunst hallt m. E. in der gegenwärtigen Stadt nicht so wieder. Ein Bild mit der (Um-)Baustelle für Museum der schönen Künste kann für einen teilweise etwas disparaten Eindruck stehen:

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Heimelig und "offenherzig" dagegen die Baustelle an der Orgel von Louviers, dem Geburtsort von Maurice Duruflé, der dem Instrument auch verbunden war.

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Die restaurierten Teile liegen einbaufertig hinter der Chororgel. (Dort und anderswo findet man Chororgeln, wo man sie aufgrund der nicht so beeindruckenden Größe der Kirche nicht erwarten würde.)

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Zuvor waren wir übrigens in der Sonntagsmesse (der einzigen, im Sommer entfällt die Abendmesse) in Évreux und hörten - nicht mit der Titularorganistin, sondern einem "organiste habituel" dieses kernig-schillernde Gerät:

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Vorne gab es die übliche Kantorin und einen bemühten älteren Organisten an der Chororgel, der insbesondere bei Pedal-Versuchen sich verhedderte. Bei manchen der in Frankreich inzwischen wohl weitgehend üblichen soften Gesänge trat die Hauptorgel hinzu, das hatte was. Der Gottesdienst war gut besucht, es wurde auch halbwegs mitgesungen.

Hier noch eine Quizfrage an stein: Wo steht diese sympathische Orgelbank?

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Weiter geht es mit dem Konzertbericht (2)

Ein bißchen "Tour de France" (2)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 19. August 2024, 23:27 (vor 742 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In St. Ouen in Rouen steht ja ein heiliges Instrument:
https://de.wikipedia.org/wiki/St-Ouen_(Rouen)#Orgel

Ich habe es aber noch nie live gehört. Die Ankündigung eines Konzerts mit Jean-Baptiste Monnot und Mathias Lecomte ließ uns die Route so ändern, dass sie ein zweites Mal Rouen streifte.

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Es zeigte sich, dass nicht nur eine Begegnung mit der CC möglich wurde, sondern auch mit "L'Orgue du Voyage", einem der vier wirklich öffentlich aktiven Modulorgelsysteme, von denen ich weiß (außerdem noch "The Wanderer" (Paolo Oreni), "Gulliver" (Henri-Franck Béauperin) und "L'Explorateur" (Yves Rechsteiner). Der Titulaire von St. Ouen, Jean-Baptiste Monnot, hat es entworfen und wohl auch zumindest in Teilen gebaut. Es nutzt meines Wissens gebrauchtes Pfeifenmaterial und folgt wohl den Ideen von Jean Guillou - Monnot ist ja, wie auch Oreni und Beauperin. dessen Schüler. Vermutlich handelt es sich um eine Kastenlade mit Einzeltonventilen ohne weitere Pneumatik. Vermutlich stehen die Pfeifen direkt über den Magneten bzw. Ventilen. Die Windversorgung wird einerseits von Gebläse-Modulen gestellt, die über Schläuche passive Module versorgen, einige Pfeifenmodule scheinen auch eigene Gebläse zu haben. Vermutlich werden wie in Truhen Schwimmerbälge mit Federn genutzt. Eine online-Dispo habe ich nicht gefunden, ein bißchen kann man sie aus den schlechten Fotos erkennen, allerdings ist das bei einer Extensionsorgel sicher sehr relativ. (Auf die Flüchtigkeit der Benennungen deuten schon die Klebe-Etiketten hin). Hören kann man das System unter anderem hier bei einigen der Bach-Titel:
https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/purches-voyage/hnum/11816212

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In der riesigen Kirche wirkte das Publikum überschaubar, aber ein Nachzählen ergab dann doch etwa 200, es mussten auch noch weitere Stühle gestellt werden. Die CC ist wegen Bauarbeiten hinter einem schalldurchlässigen Tuch, die Silhoutte des Positivs war noch schwach erkennbar. Ich meinte mich zu erinnern, dass das Instrument sehr kräftig sein soll, und mir war klar, dass da nun eine gewisse Behinderung eintreten würde.

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Das Konzert begann mit einer eigenen Bearbeitung eines Händel-Orgelkonzertes - Monnot spielte an der CC den ostinaten basso continuo, Lecomte solierte. Trotz des Abstands (siehe Bilder) war die Synchronizität hoch. Die Farben im Solo, die hier und beim nächsten Programmpunkt, drei von Lecomte gespielten Scarlatti-Sonaten erklangen, waren etwas schräg, aber reizvoll und musikantisch. Es liegt sicher an der Dispo und dem Guillou-Spirit. Lecomte spielte angenehm frei von Show-Effekten. Die Orgel folgt der Artikulation anscheinend sehr gut. Trakturgeräusche (Ventilklappern) nahm ich nicht wahr, auch die Windversorgung war still. Das System ist windstabil, die Modulorgel war sehr gut auf die CC eingestimmt. Lediglich in der Zugabe machte sich eine kleine Abweichung bemerkbar, was aber an einer einzigen häufig genutzten Pfeife (a' in einer Bearbeitung des Bach-Vivaldi-Konzerts a-moll für zwei Orgeln) gelegen haben mag.
Die Modulorgel hatt eauch keine Mühe, gegenüber der CC oder dem Raum zu bestehen - so zumindest die Situation dort, wo wir saßen (5 m bis zum ersten Modul, 20 m horizontal bis zur Empore). Es wäre interessant, die Wirkung auf Distanz zu hören. Nach dem Konzert hörte ich von draußen noch an der Türe noch Erprobungen von Gästen auf der Modulorgel, und da wirkte der Klang ebenfalls tragend.
Ich saß in der ersten Reihe, nicht nur um das Spielen gut zu sehen, sondern auch die maximale Stereobreite der Module mitzunehmen, und das ist wirklich reizvoll. Auch wenn man Standorte wahrnehmen kann, geht doch alles auch zusammen, zumindest im Kirchenraum.
JBM spielte dann auf der CC den ersten satz aus Widor V. Natürlich sehr schön - nur die 32'-Bombare war an jenem Tag nicht so ganz fit. Lecomte gab dannauf der CC BWV 546, P+F c-moll. Durch zurückhaltende Registrierung im Praeludium machte die CC hier eine gute Figur. Anschließend spielte Lecomte Duruflés ALAIN, und damit fremdelte die Orgel doch etwas. Man mag mich korrigieren, aber es bestätigt sich mein Eindruck, dass Alain, Duruflé und wohl auch Messiaen besser klingen, wenn der CC-Charakter schon etwas aufgewieicht ist, die Dispositionen wieder heller werden, die Zungen im Bass nicht mehr so sehr rumoren. Zu den Ärgernissen gehörte, dass das Publikum den in Frankreich üblichen satzweisen Applaus auch in den Halbschluss zwischen Prelude und Fugue einwarf, zumal über die musikalisch gebotene Pausenlänge auch noch einiges an Registrierbedarf abzudecken war. Das Programm endete mit Guillous "Repliques", einem Werk für zwei Orgeln. Der enthaltene dialogisierende Chrakter wurde sehr gut und farb umgesetzt. Nach der erwähnten Zugabe gab es noch ein Extra - Lecomte stimme an der Modulorgel ein gemeinsames "Happy Birthday" an, da Monnot (im Bild links) an diesem Tag seinen 40er feierte.

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Anschließend machte ich noch ein paar Nahaufnahmen des Geräts - es zeigt Gebrauchssspuren, es ist ja durchaus unterwegs. Die Leitungen strahlen etwas Provisorisches aus, aber gleichzeitig ist das ja auch das Wesen des Instruments. Von der musikalischen Wirkung her hat es mich als erste live erlebte Modulorgel überzeugt - und deshalb habe ich im anderen Thread für ein modulares, mobiles Instrument (kann ja gerne größer sein) für die Sagrade Familia votiert… Mal sehen, wer das erste System in Deutschland in Auftrag gibt, z. B. mit den vermutlich preiswerten Fertigladen von Orchestrionix. (Ja, von der "weißen Orgel" (Orglarstvo Močnik) der Kunstuniversität Graz weiß ich, aber die scheint mir wenig mobile Ausstrahlung zu haben und ähnelt eher einem großen Truhenpositiv)

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Die Bilder sind hier nicht gut, die Originaldateien etwas besser, mein Handy ist aber nicht sehr fototauglich. Aber für einen Bericht hier reicht es wohl, denke ich.
Tja, nun war ich dieses Jahr gar nicht in Österreich und freue mich doch schon wieder auf die nächste Frankreich-Fahrt :-)

Ein bißchen "Tour de France" (2)

Willscher, Dienstag, 20. August 2024, 00:09 (vor 742 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Super, vielen herzlichen Dank für den Bericht! Und nächstes Jahr vielleicht einen Abstecher ins Perigord?

Ein bißchen "Tour de France" (2)

Kleinorgelspieler, Dienstag, 20. August 2024, 22:16 (vor 741 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Vielen Dank für den Bericht.

Bei Modulorgeln fällt mir noch diese Geschoss ein:
https://www.waldkircher-orgelbau.de/orgelgalerie/marmoutier.html

Ein bißchen "Tour de France" (2)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 21. August 2024, 08:08 (vor 741 Tagen) @ Kleinorgelspieler

Vielen Dank für den Bericht.

Bei Modulorgeln fällt mir noch diese Geschoss ein:
https://www.waldkircher-orgelbau.de/orgelgalerie/marmoutier.html

Ja, das ist auch etwas Interessantes, aber halt nicht beweglich. Auch steht dort ja weniger das vortragsmäßige Musizieren, sondern das Selbst-Entdecken und technische Präsentieren im Vordergrund. Ich weiß nicht, wie intensiv dort der Besuch und die Aktivitäten sind, aber der Ansatz gefällt mir.
Ich sehe Marmoutier eher im Zusammenhang mit Sachen wie Rendsburg, Marienkirche und den diversen Orgelmuseen, letztlich auch den Funktionsmodellen, die von Klais bei ausgewählten größeren Projekten immer mal mitgeliefert werden. Der Spaßfaktor in Marmoutier dürfte allerdings hoch sein. Müsste man eigentlich auch mal besuchen, abgesehen von der Silbermann-Orgel.

Ein bißchen "Tour de France" (2)

Gast @, Mittwoch, 21. August 2024, 21:26 (vor 740 Tagen) @ Kleinorgelspieler

Bei Modulorgeln fällt mir noch diese Geschoss ein:
https://www.waldkircher-orgelbau.de/orgelgalerie/marmoutier.html

Weiss jemand, was es dort mit dem «Wischer» auf sich hat? («Elisa»)
Auf Grund der Farbgebung wuerde ich vermuten, dass eine Achse Tonhoehen und die andere «Klangfarben» (also Registerkombinationen) ansteuert?

Paedagogisch finde ich das fuer die Orgelvermittlung echt genial - wobei fuer den «Multitouch» aber auch zwingend Einzeltonladen notwendig sind.

Ein bißchen "Tour de France" (2)

Karsten @, Mittwoch, 21. August 2024, 21:40 (vor 740 Tagen) @ Gast

Bei Modulorgeln fällt mir noch diese Geschoss ein:
https://www.waldkircher-orgelbau.de/orgelgalerie/marmoutier.html


Weiss jemand, was es dort mit dem «Wischer» auf sich hat? («Elisa»)
Auf Grund der Farbgebung wuerde ich vermuten, dass eine Achse Tonhoehen und die andere «Klangfarben» (also Registerkombinationen) ansteuert?

Paedagogisch finde ich das fuer die Orgelvermittlung echt genial - wobei fuer den «Multitouch» aber auch zwingend Einzeltonladen notwendig sind.

"A special effect which is unique world-wide: eight of the stops (including the 16’ Posaune, Principal 8’ and up to 2’) and the keys from low C to a´´´ can be operated from the large touch-screen creating a tone collage or “smear” as a sonic experience. Perhaps an impetus for new music . . . "
https://www.waldkircher-orgelbau.de/orgelgalerie/marmoutier/the-project.html

"Weltweit einmalig ist ein sogenannter „Wischer“, der zum Spielen und Experimentieren mit den Klängen der Orgel anregt. Durch das Wischen auf dem Bildschirm werden Töne ausgelöst und neue Klangmöglichkeiten geschaffen. Der Touchscreen ermöglicht es auch nicht Orgelspielern, kreatives Potential zu entwickeln und Orgelklänge interaktiv zu gestalten und zu erleben. Nicht nur Kinder und Jugendliche können so ihrer Spiellust und Entdeckerfreude nachgehen, sondern auch für Komponisten und Musikstudenten bietet sich eine Vielfalt neuer Klangmöglichkeiten auch die der Kombination mit Aufnahmegeräten, einem Tonstudio und fünf sich im Raum befindlichen Keyboards und einem Midi-Pedal."
https://organpromotion.de/de/81-op-presents-de/pipe-show-die-orgel-des-monats/184-orgel...

Gruß
Karsten

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