Ein bißchen "Tour de France" (2)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 19. August 2024, 23:27 (vor 742 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In St. Ouen in Rouen steht ja ein heiliges Instrument:
https://de.wikipedia.org/wiki/St-Ouen_(Rouen)#Orgel

Ich habe es aber noch nie live gehört. Die Ankündigung eines Konzerts mit Jean-Baptiste Monnot und Mathias Lecomte ließ uns die Route so ändern, dass sie ein zweites Mal Rouen streifte.

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Es zeigte sich, dass nicht nur eine Begegnung mit der CC möglich wurde, sondern auch mit "L'Orgue du Voyage", einem der vier wirklich öffentlich aktiven Modulorgelsysteme, von denen ich weiß (außerdem noch "The Wanderer" (Paolo Oreni), "Gulliver" (Henri-Franck Béauperin) und "L'Explorateur" (Yves Rechsteiner). Der Titulaire von St. Ouen, Jean-Baptiste Monnot, hat es entworfen und wohl auch zumindest in Teilen gebaut. Es nutzt meines Wissens gebrauchtes Pfeifenmaterial und folgt wohl den Ideen von Jean Guillou - Monnot ist ja, wie auch Oreni und Beauperin. dessen Schüler. Vermutlich handelt es sich um eine Kastenlade mit Einzeltonventilen ohne weitere Pneumatik. Vermutlich stehen die Pfeifen direkt über den Magneten bzw. Ventilen. Die Windversorgung wird einerseits von Gebläse-Modulen gestellt, die über Schläuche passive Module versorgen, einige Pfeifenmodule scheinen auch eigene Gebläse zu haben. Vermutlich werden wie in Truhen Schwimmerbälge mit Federn genutzt. Eine online-Dispo habe ich nicht gefunden, ein bißchen kann man sie aus den schlechten Fotos erkennen, allerdings ist das bei einer Extensionsorgel sicher sehr relativ. (Auf die Flüchtigkeit der Benennungen deuten schon die Klebe-Etiketten hin). Hören kann man das System unter anderem hier bei einigen der Bach-Titel:
https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/purches-voyage/hnum/11816212

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In der riesigen Kirche wirkte das Publikum überschaubar, aber ein Nachzählen ergab dann doch etwa 200, es mussten auch noch weitere Stühle gestellt werden. Die CC ist wegen Bauarbeiten hinter einem schalldurchlässigen Tuch, die Silhoutte des Positivs war noch schwach erkennbar. Ich meinte mich zu erinnern, dass das Instrument sehr kräftig sein soll, und mir war klar, dass da nun eine gewisse Behinderung eintreten würde.

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Das Konzert begann mit einer eigenen Bearbeitung eines Händel-Orgelkonzertes - Monnot spielte an der CC den ostinaten basso continuo, Lecomte solierte. Trotz des Abstands (siehe Bilder) war die Synchronizität hoch. Die Farben im Solo, die hier und beim nächsten Programmpunkt, drei von Lecomte gespielten Scarlatti-Sonaten erklangen, waren etwas schräg, aber reizvoll und musikantisch. Es liegt sicher an der Dispo und dem Guillou-Spirit. Lecomte spielte angenehm frei von Show-Effekten. Die Orgel folgt der Artikulation anscheinend sehr gut. Trakturgeräusche (Ventilklappern) nahm ich nicht wahr, auch die Windversorgung war still. Das System ist windstabil, die Modulorgel war sehr gut auf die CC eingestimmt. Lediglich in der Zugabe machte sich eine kleine Abweichung bemerkbar, was aber an einer einzigen häufig genutzten Pfeife (a' in einer Bearbeitung des Bach-Vivaldi-Konzerts a-moll für zwei Orgeln) gelegen haben mag.
Die Modulorgel hatt eauch keine Mühe, gegenüber der CC oder dem Raum zu bestehen - so zumindest die Situation dort, wo wir saßen (5 m bis zum ersten Modul, 20 m horizontal bis zur Empore). Es wäre interessant, die Wirkung auf Distanz zu hören. Nach dem Konzert hörte ich von draußen noch an der Türe noch Erprobungen von Gästen auf der Modulorgel, und da wirkte der Klang ebenfalls tragend.
Ich saß in der ersten Reihe, nicht nur um das Spielen gut zu sehen, sondern auch die maximale Stereobreite der Module mitzunehmen, und das ist wirklich reizvoll. Auch wenn man Standorte wahrnehmen kann, geht doch alles auch zusammen, zumindest im Kirchenraum.
JBM spielte dann auf der CC den ersten satz aus Widor V. Natürlich sehr schön - nur die 32'-Bombare war an jenem Tag nicht so ganz fit. Lecomte gab dannauf der CC BWV 546, P+F c-moll. Durch zurückhaltende Registrierung im Praeludium machte die CC hier eine gute Figur. Anschließend spielte Lecomte Duruflés ALAIN, und damit fremdelte die Orgel doch etwas. Man mag mich korrigieren, aber es bestätigt sich mein Eindruck, dass Alain, Duruflé und wohl auch Messiaen besser klingen, wenn der CC-Charakter schon etwas aufgewieicht ist, die Dispositionen wieder heller werden, die Zungen im Bass nicht mehr so sehr rumoren. Zu den Ärgernissen gehörte, dass das Publikum den in Frankreich üblichen satzweisen Applaus auch in den Halbschluss zwischen Prelude und Fugue einwarf, zumal über die musikalisch gebotene Pausenlänge auch noch einiges an Registrierbedarf abzudecken war. Das Programm endete mit Guillous "Repliques", einem Werk für zwei Orgeln. Der enthaltene dialogisierende Chrakter wurde sehr gut und farb umgesetzt. Nach der erwähnten Zugabe gab es noch ein Extra - Lecomte stimme an der Modulorgel ein gemeinsames "Happy Birthday" an, da Monnot (im Bild links) an diesem Tag seinen 40er feierte.

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Anschließend machte ich noch ein paar Nahaufnahmen des Geräts - es zeigt Gebrauchssspuren, es ist ja durchaus unterwegs. Die Leitungen strahlen etwas Provisorisches aus, aber gleichzeitig ist das ja auch das Wesen des Instruments. Von der musikalischen Wirkung her hat es mich als erste live erlebte Modulorgel überzeugt - und deshalb habe ich im anderen Thread für ein modulares, mobiles Instrument (kann ja gerne größer sein) für die Sagrade Familia votiert… Mal sehen, wer das erste System in Deutschland in Auftrag gibt, z. B. mit den vermutlich preiswerten Fertigladen von Orchestrionix. (Ja, von der "weißen Orgel" (Orglarstvo Močnik) der Kunstuniversität Graz weiß ich, aber die scheint mir wenig mobile Ausstrahlung zu haben und ähnelt eher einem großen Truhenpositiv)

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Die Bilder sind hier nicht gut, die Originaldateien etwas besser, mein Handy ist aber nicht sehr fototauglich. Aber für einen Bericht hier reicht es wohl, denke ich.
Tja, nun war ich dieses Jahr gar nicht in Österreich und freue mich doch schon wieder auf die nächste Frankreich-Fahrt :-)


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