Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Karl-Bernhardin Kropf, Dienstag, 14. Dezember 2010, 09:54 (vor 5738 Tagen)

Hallo!

Anläßlich St. Florin wurde wieder über Prospekte gesprochen.
Auf der Winterhalter-HP fand ich die Orgel von St. Bonifatius Schnufenhofen, zur Zeit mit großem Foto hier:
http://www.orgelbau-winterhalter.de/html/projekt/projekt.htm
im interessanten PDF (beachte die Spieltischansicht) ist die Raumwirkung wegen des Hochformats nicht so gut wiedergegeben.
http://www.orgelbau-winterhalter.de/html/projekt/Info_Flyer_Schnufenhofen.pdf

Als Österreicher kenne ich hinlänglich die vielen optisch und teilweise klanglich neobarocken Brüstungsorgeln, die in barocke Dorfkirchen eingearbeitet wurden und dem Laien abgesehen vom Zinnglanz als "alt" vorkommen und demzufolge von Kunstsinnigen mit Missfallen gestraft werden müssen.
Winterhalter bzw. der Gestalter Joseph Bücheler hat hier m. E. eine hochwertige äußere Form gefunden, die die historische Vorlage zitiert und doch aktuell und - wie die klassischen Beispiele - mit dem Raum verbunden ist. Außerdem wird hier handwerkliches Niveau gezeigt: So etwas kriegt ein Einbauküchentischler nicht hin, was nicht für alle Gehäuse der letzten Zeit gilt.

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Friedrich @, Dienstag, 14. Dezember 2010, 10:16 (vor 5738 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Hallo!

Anläßlich St. Florin wurde wieder über Prospekte gesprochen.
Auf der Winterhalter-HP fand ich die Orgel von St. Bonifatius Schnufenhofen, zur Zeit mit großem Foto hier:
http://www.orgelbau-winterhalter.de/html/projekt/projekt.htm
...
Winterhalter bzw. der Gestalter Joseph Bücheler hat hier m. E. eine hochwertige äußere Form gefunden, die die historische Vorlage zitiert und doch aktuell und - wie die klassischen Beispiele - mit dem Raum verbunden ist.

Das gefällt mir besonders: Wie der Stirnschild über dem Prospekt die Farben des Deckengemäldes abstrakt aufnimmt. Die ganze Form wirkt selbstbewusst, ohne dass sie laut oder arrogant rüberkäme.

Ich finde das bei Winterhalters Prospekten bemerkenswert: Seine Orgeln geben sich mit Kunsthandwerk nicht zufrieden, auch wenn sie, der Gattung nach, immer bestes Kunsthandwerk bleiben. Aber in klanglicher und äußerer Gestaltung wagen sie sich weit ins Reich eigenständiger künstlerischer Aussagen vor.

Das imponiert mir, denn meiner Ansicht nach braucht das der Orgelbau. Ich erinnere mich an einen Band mit Bildern von neuen deutschen Orgeln, den ich vor einigen Jahren besprochen habe. Da war erschütternd wenig dabei, was mal abgehoben wäre -- aber viel Plumpes, Langweiliges, schon oft Gesehenes. Auf das die Erzeuger gleichwohl stolz sind.

Vielleicht ist das auch eine Folge der verbreiteten Ansicht, dass Kunst Geschmackssache sei. Diese Aussage kaschiert oft nur ein "Mir egal" oder "Mach du mal"; in Sitzungen von Kirchenvorständen oder Orgelkommissionen führt das ins Verderben. Dabei stimmt es. Kunst ist tatsächlich Geschmackssache -- nur dass Geschmack eben Bildung bedeutet und nicht "Mag ich / Mag ich nicht".

Gruß,
Friedrich

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Fabian Brackhane ⌂ @, Worms, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 09:55 (vor 5737 Tagen) @ Friedrich

Ich finde das bei Winterhalters Prospekten bemerkenswert: Seine Orgeln geben sich mit Kunsthandwerk nicht zufrieden, auch wenn sie, der Gattung nach, immer bestes Kunsthandwerk bleiben. Aber in klanglicher und äußerer Gestaltung wagen sie sich weit ins Reich eigenständiger künstlerischer Aussagen vor.

Völlig d'accord. ich würde mal behaupten, dass Winterhalters Prospektgestaltungen vielleicht zusammen mit den Opera der Werkstatt Scholz aus Mönchengladbach mit zu den bemerkenswertesten, weil unorthodoxen und trotzdem eigentlich immer überzeugenden Leistungen im aktuellen deutschen Orgelbau gehören.

Bemerkenswert dabei: Winterhalter beherrscht nicht nur ein "Schema F", sondern entwirft durchaus sehr unterschiedliche Lösungen, die aber irgendwie trotzdem immer als "Winterhalter" erkennbar bleiben. Ähnlich bei Scholz.

Klanglich kenne ich leider beide Orgelbauer zu wenig, um dazu etwas sagen zu können. Rein optisch finde ich sie top.

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

BourdonCéleste, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 11:10 (vor 5737 Tagen) @ Fabian Brackhane

Und wie gefällt soetwas:

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Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

forenadmin @, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 12:42 (vor 5737 Tagen) @ BourdonCéleste

Liebe Forennutzer,

ich habe leider gerade etwas Bauchschmerzen, möchte aber, bevor ich diese Antwort rausnehme, kurz die Frage stellen, ob der Entwerfer dieser Orgeln einverstanden ist, daß diese Bilder hier veröffentlicht werden.

Wir haben hier eindeutig ein Urheberrechtsproblem vorliegen, sollten wir kein Einverständnis haben, und ich bin nicht bereit, für eine eventuelle Abmahnung zu bezahlen. Ich denke, da hat jeder Verständnis für.

Gudrun

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

orgelwilli, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 12:43 (vor 5737 Tagen) @ forenadmin

Ich glaube, der "Entwerfer" selbst hat das hier reingestellt!
orgelwilli

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

BourdonCéleste, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 12:54 (vor 5737 Tagen) @ forenadmin
bearbeitet von BourdonCéleste, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 13:07

Liebe Gudrun,

entspannt bleiben. Die Entwürfe werden nicht veröffentlicht, sie sind bereits öffentlich, dann sie wurden auf der Homepage der Firma Jann veröffentlicht (wie du den Bildadressen sicher entnehmen können solltest).

Im Übrigen: Ein Berechtigter, der ein urheberrechtlich geschütztes Werk ohne technische Schutzmaßnahmen im Internet öffentlich zugänglich macht, ermöglicht dadurch bereits selbst die Nutzungen, die ein Abrufender vornehmen kann. Es ist - nach einer Entscheidung des BGH zu sog. deep-Links - des Urhebers eigene Entscheidung, ob er das Werk trotz der Möglichkeit, daß nach dem Abruf Nutzungen vorgenommen würden, weiter zum Abruf bereithalte. Auch ohne Hyperlink könne ein Nutzer unmittelbar auf eine im Internet öffentlich zugängliche Datei zugreifen, wenn ihm deren URL (Uniform Resource Locator), die Bezeichnung ihres Fundorts im World Wide Web, genannt werde. Ein Hyperlink verbinde mit einem solchen Hinweis auf die Datei, zu der die Verknüpfung gesetzt werde, lediglich eine technische Erleichterung für ihren Abruf. Er ersetze die sonst vorzunehmende Eingabe der URL im Adreßfeld des Webbrowsers und das Betätigen der Eingabetaste. (Quelle: http://www.finanztip.de/recht/online/deep-links.htm)

Und sei gewiß, ich hätte sie nicht gepostet, wenn ich nicht in diesem konkreten Falle zweifelsfrei vom Einverständnis des Entwurfsverfassers ausgehen könnte *lach*

Ich habe sie nämlich selbst entworfen.

Schönen Tag noch :-)

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

forenadmin @, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 13:09 (vor 5737 Tagen) @ BourdonCéleste

Ich hatte die Bilder nur als Reinform gesehen und keinen Link, sorry. Aber dann bin ich ja zufrieden. Ich denke aber, ihr versteht, daß ich mich einfach auch absichern will.

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

BourdonCéleste, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 13:12 (vor 5737 Tagen) @ forenadmin

Klar, hast ja recht, null Problemo.

Wo wir übrigens grad beim Thema sind, das hier war mein Entwurf für den Regensburger Dom, erste Runde der Ausschreibung:

[image]

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

orgelwilli, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 14:37 (vor 5737 Tagen) @ BourdonCéleste

Gefällt mir persönlich besser.......
orgelwilli

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Friedrich @, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 16:08 (vor 5737 Tagen) @ BourdonCéleste

Ohne die Räume zu kennen:

Nr. 1: Ganz knallig, steht aber etwas unverbunden vor der strengen Wandgliederung; könnte insofern auch überall und nirgends stehen, und würde in der hier angepeilten Dimension wohl etwas klein wirken. Wäre es nicht besser, die Wandgliederung aufzugreifen, etwa mit einem geschlossenen Kranzgesims, und so den Gehäusekasten zum Schweben zu bringen? Wie das bei Nr. 2 so schön funktioniert?

Nr. 2: Greift gut den Rhythmus der Fensterchen (?) auf und hat schöne Proportionen, aber die Farbgestaltung Silberweiß-Blau finde ich etwas küchig-kalt und beinahe modisch. It's so Eighties.

Nr. 3: Schön, die schiefen Pfeifen bräuchte so ein klassischer Entwurf gar nicht.

Nr. 4: Wenn ich das Foto richtig verstehe, haben wir's mit einer runden, aber nicht symmetrischen Kirche zu tun. Da finde ich einen betont symmetrischen Orgelkörper nicht passend, zumal wenn er sich eine Brosche in den Schopf steckt. Ich kenne einige Kirchen ähnlicher Art, in denen sich oft eine schwingende Spannung ergibt. Eine symmetrische und auch noch zentral dekorierte Orgel blockiert sie doch ziemlich, die will Mitte sein. Lieber eine stabile, aber offene Form, lieber Asymmetrie -- und lieber keinen Gehäuseschmuck, wenn die Wirkung der Architektur ringsumher ganz auf Raumspannung setzt! So eine Brosche wird dann immer wirken, als würde sie gleich runterfallen.

Bitte, Du hast gefragt!

Gruß,
Friedrich

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

BourdonCéleste, Mittwoch, 15. Dezember 2010, 23:07 (vor 5737 Tagen) @ Friedrich

Hi Friedrich :-)

Nr. 1: Ganz knallig, steht aber etwas unverbunden vor der strengen Wandgliederung; könnte insofern auch überall und nirgends stehen, und würde in der hier angepeilten Dimension wohl etwas klein wirken. Wäre es nicht besser, die Wandgliederung aufzugreifen, etwa mit einem geschlossenen Kranzgesims, und so den Gehäusekasten zum Schweben zu bringen? Wie das bei Nr. 2 so schön funktioniert?

Zu Nr. 1: Ja, nachdem mir der Raum gar nicht gefiel, habe ich in der Tat was für sich selbst sprechendes, dafür aber auch "universal passendes" gezeichnet, das wir tatsächlich später auch für ein weiteres Angebot "recycled" haben:

[image]

Nr. 2: Greift gut den Rhythmus der Fensterchen (?) auf und hat schöne Proportionen, aber die Farbgestaltung Silberweiß-Blau finde ich etwas küchig-kalt und beinahe modisch. It's so Eighties.

Dazu muss man wissen, dass alle Pfeifen VOR dem Gehäuse hängen, unten zugelötet mit einer versteckten Windversorgung von hinten auf Höhe der Labien, geführt durch einen doppelten Fuß. Also keine sichtbaren Kondukten wie in der Berliner Philharmonie, sondern vollkommen versteckt in der Aufhängung. Ebenso bei dem Spiegelprospekt, dessen Pfeifenfüße nahtlos (abgesehen von einer Lötnaht) eineinander übergehen.

Die blauen Fensterimitate (diese Kästchen in der Wand sind in der Tat Fensterchen) sollten als farblose milchiges Glas ausgeführt und mit farbigen (monochromen, aber farbwählbaren) LEDs hinterleuchtet sein. Insgesamt ergibt sich ein geschlossenes Muster mit den echten Fensterchen.

Nr. 3: Schön, die schiefen Pfeifen bräuchte so ein klassischer Entwurf gar nicht.

Fand ich eben schon, nämlich um die Tatsache zu persiflieren, dass es keinerlei Achsen in diesem Raum gibt.

Nr. 4: Wenn ich das Foto richtig verstehe, haben wir's mit einer runden, aber nicht symmetrischen Kirche zu tun. Da finde ich einen betont symmetrischen Orgelkörper nicht passend, zumal wenn er sich eine Brosche in den Schopf steckt. Ich kenne einige Kirchen ähnlicher Art, in denen sich oft eine schwingende Spannung ergibt. Eine symmetrische und auch noch zentral dekorierte Orgel blockiert sie doch ziemlich, die will Mitte sein. Lieber eine stabile, aber offene Form, lieber Asymmetrie -- und lieber keinen Gehäuseschmuck, wenn die Wirkung der Architektur ringsumher ganz auf Raumspannung setzt! So eine Brosche wird dann immer wirken, als würde sie gleich runterfallen.

Im Nachhinein sehe ich das ähnlich. Was man auf der Zeichnung nicht erkennt: Die Orgel hätte weitestgehend transparent sein sollen, gehäuselos mit einem Scheingehäuse aus Glas und/oder Plexiglas, das die Orgel wie einen Geist in diesem skurrilen Raum erscheinen lässt. Alle Holzteile (Laden, Holzpfeifen, Traktur, Bälge etc.) in einer hellgrauen, silbergrauen und weiss changierenden Farbfassung. Ein Geist eben.

Bitte, Du hast gefragt!


Danke für die ausführlichen Antworten :-)

Gruß,
Friedrich

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Karl-Bernhardin Kropf, Donnerstag, 16. Dezember 2010, 08:18 (vor 5737 Tagen) @ BourdonCéleste

Hallo Bourdon!

SChön, dass der Entwurf dem Auge vieles bietet, woran es "hängenbleiben" kann!

Eine Sache, die mir häufig auffällt, möchte ich kritisch anmerken, nämlich die geraden Linien in den Schrägen der Bekrönung. Derartiges ist ja leicht herzustellen, aber wenn man mal auf den Trip gekommen ist, sieht man - ich jedenfalls - es immer wieder als B-Variante, quasi "Bogen wäre schöner gewesen, aber teurer".*
Ähnliches gilt für alle Arten von Lattenrost oder gar Lochbleche im Prospekt (z. B. J & B). Kritikpunkte 1 und 2 treffen also auch viele ansonsten gerühmte Neubauten schweizer Provenienz.
Ich find's schade, denn, wie ich hier an "meiner" Orgel merke: Gehört werden diese Orgeln hoffentlich reichlich, betrachtet aber ein vielfaches mehr. Schade, dass Auftraggeber hier meistens mit zweierlei Maß messen.


*Viel Bogen, eventuell zu viel, sieht man in den Orgeln von Schuke-Werder in den letzten Jahren, meist gezeichnet von Tibor Kiss.

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Friedrich @, Donnerstag, 16. Dezember 2010, 09:10 (vor 5736 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Eine Sache, die mir häufig auffällt, möchte ich kritisch anmerken, nämlich die geraden Linien in den Schrägen der Bekrönung. Derartiges ist ja leicht herzustellen, aber wenn man mal auf den Trip gekommen ist, sieht man - ich jedenfalls - es immer wieder als B-Variante, quasi "Bogen wäre schöner gewesen, aber teurer".*
Ähnliches gilt für alle Arten von Lattenrost oder gar Lochbleche im Prospekt (z. B. J & B). Kritikpunkte 1 und 2 treffen also auch viele ansonsten gerühmte Neubauten schweizer Provenienz. ...

*Viel Bogen, eventuell zu viel, sieht man in den Orgeln von Schuke-Werder in den letzten Jahren, meist gezeichnet von Tibor Kiss.

Ich finde den Umgang mit Bögen in Orgelprospekten extrem heikel und kann deswegen die Anmerkung "eventuell zu viel" sehr gut verstehen. Besonders Kreisbögen, gerade um 2000 wieder in Mode gekommen, wirken oft plump oder irgendwie altdeutsch. (Hier in Freiburg haben wir so ein neo-vorromanisches Ordinariat mit Dämonenköpfchen und Bandornamenten, wenn man das bei schlechtem Wetter mit Weitwinkel fotografiert, ist man mitten in "Biss zum Morgengrauen" ...) Auch wenn die Kreisbögen in die Horizontale wandern, bleiben sie schwierig, weil sie so nach Fortsetzung ihrer Bewegung drängen.

Parabel- oder Hyperbelschwünge finde ich unkomplizierter, aber sie brauchen viel Platz auch jenseits des Orgelkörpers, damit sie nicht in voller Fahrt gegen die Wand schwingen; und das Verhältnis zu den rechtwinkligen Architekturteilen, spätestens zum Fußboden oder der Emporenkante, muss geklärt werden. Schwierig wird es immer, wenn wenig Platz um die Orgel herum ist und trotzdem eine irgendwie dramatische Form gesucht wird. Eine mit gutem Gespür aufgebrochene Kastenform hat da einiges für sich.

Um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukommen: An Winterhalters Entwurf gefällt mir der kräftige, aber nicht allzu raumgreifende Schwung der Fassadenlinien. Bögen, aber gut gefasste.

Gruß,
Friedrich

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

Karl-Bernhardin Kropf, Donnerstag, 16. Dezember 2010, 11:17 (vor 5736 Tagen) @ Friedrich

Ich finde den Umgang mit Bögen in Orgelprospekten extrem heikel und kann deswegen die Anmerkung "eventuell zu viel" sehr gut verstehen. Besonders Kreisbögen, gerade um 2000 wieder in Mode gekommen, wirken oft plump oder irgendwie altdeutsch. (Hier in Freiburg haben wir so ein neo-vorromanisches Ordinariat mit Dämonenköpfchen und Bandornamenten, wenn man das bei schlechtem Wetter mit Weitwinkel fotografiert, ist man mitten in "Biss zum Morgengrauen" ...) Auch wenn die Kreisbögen in die Horizontale wandern, bleiben sie schwierig, weil sie so nach Fortsetzung ihrer Bewegung drängen.
Parabel- oder Hyperbelschwünge finde ich unkomplizierter, aber sie brauchen viel Platz auch jenseits des Orgelkörpers, damit sie nicht in voller Fahrt gegen die Wand schwingen; und das Verhältnis zu den rechtwinkligen Architekturteilen, spätestens zum Fußboden oder der Emporenkante, muss geklärt werden. Schwierig wird es immer, wenn wenig Platz um die Orgel herum ist und trotzdem eine irgendwie dramatische Form gesucht wird. Eine mit gutem Gespür aufgebrochene Kastenform hat da einiges für sich.

Um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukommen: An Winterhalters Entwurf gefällt mir der kräftige, aber nicht allzu raumgreifende Schwung der Fassadenlinien. Bögen, aber gut gefasste.

Gruß,
Friedrich

Zustimmung, Friedrich! Eigentlich habe ich den Zusatz schlicht versäumt - denn ein Kreisbogen bringt meist gar nichts, sofern die Kirche (z. B. neo-romanisch, klassizistisch) es nicht anbietet. Ausgenommen vielleicht kleine Ausschnitte, so wie in Bourdons Entwurf möglich wären.
Nein, es geht in der Tat um Übergangskurven, mit Beschleunigung sozusagen, welcher Art auch immer. Sehr schön die Eule-Orgel in Magdeburg/kath. Kathedralkirche,
bißchen reichlich die Seifert-Orgel in Langenfeld u. a. Seiferts.... dort scheint man auch für einen Sims Kreisbögen zu verwenden, die unterschiedliche Radien und Mittelpunkte haben, das erzeugt eine ähnliche Wirkung. Ähnliches bei Vleugels und sicher vielen anderen Werkstätten.

Naja, es muß halt mehr sein, als man mit wenigen Mausklicks hinkriegt.

Prospektgestaltung - Neues ohne Provokation

BourdonCéleste, Donnerstag, 16. Dezember 2010, 12:51 (vor 5736 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Absolut d'accord. Allerdings muss man bei der Angebotserstellung leider den schreinerischen Mehraufwand beachten, insbesondere bei allem was rund und nicht einfach aus einem Brett gefräst ist. Schon jedes Polygon verursacht Kosten. Von einer Tiefenstaffelung, polygonalen Türmen oder gar Rundtürmen ganz zu schweigen. Die Wichtigkeit dieser opto-ästhetischen Merkmale ist vielen Auftraggebern, Vergabeausschüssen und Bau-und-Kunstreferaten der Kirchen nicht klar. Weil man immerhin begriffen hat, dass am Inneren der Orgel nicht gespart werden darf und aus Sicht der Auftraggeber das Gehäuse eben nur Gehäuse ist, muss hier oft Schmalhans Küchenmeister sein, ein um 20.000,-- EUR teureres Gehäuse bzw. ein aufwändiger Prospekt können leider so manche Ausschreibung killen... Als Zeichner hat man dann die knifflige Aufgabe, ohne nennenswerten baulichen Mehraufwand immer noch vertretbare, vielleicht sogar schöne Lösungen zu entwerfen. Wenn hier bei den Kunden die Prioritäten andere wären, dann wäre viel gewonnen. Zur Zeit der Brabanter Prospekte waren halt auch die Schreinerlöhne und Materialkosten in Europa niedriger...

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