Alexander Herren in St. Andreas, D-Altstadt; Litanies von Al

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Montag, 28. März 2011, 11:20 (vor 5638 Tagen)

Hallo Forum,

ist der Beginn von Alains “Litanies” nun ein Fragezeichen - oder doch eher ein Ausrufezeichen? Beide Versionen bekommt man zu hören. Mal ist die Anfangsfanfare verhalten, zögerlich, im Tempo gegenüber dem Nachfolgenden deutlich gemäßigt. Mal kommt es eckig, scharf, schnell und bestimmt. Ich weiß nicht ob ein Tempowechsel vorgeschrieben ist. Mir jedenfalls kommt der rhythmisch akzentuierte, ja vielleicht sogar ein wenig überakzentuierte Einstieg dem Stück angemessener vor. Schließlich handelt es sich nicht um ein Gutachten, wo die Fragestellung am Anfang steht, Argumente folgen und dann ein Ergebnis gezogen wird. Mir scheint der Beginn eher als Motto. Wenn Fragezeichen, dann höchstens das einer rhetorischen Frage. Und die ist nun mal eine Feststellung. Letztlich also ein Ausrufezeichen. Für mein Empfinden soll die Gebetsaussage dem Hörer geradezu trotzig entgegengeschleudert werden; und durch unablässige Wiederholung bekräftigt. Oder sinne ich hier abseits der Noten?

Jedenfalls war die Aufführung des Stück durch Alexander Herren in St. Andreas (Sonntagsorgel 16:30h) Anlaß, diese Gedanken zu formulieren. Denn diese Darbietung versuchte beim Beginn den Spagat zwischen Frage- und Ausrufezeichen. Und am Ende? Steht da eine Fermate über dem letzten Akkord? Der wurde unendlich lange ausgehalten. Muß er nicht kurz abgerissen kommen (Punktum! So ist es!)?

Begonnen hatte Herren (Seelsorgebereichsmusiker in Troisdorf, an der Andreas-Orgel aber nicht unerfahren) mit Francks drittem Choral a-moll. Richtig in Tempo und Dynamik. Einige Registrierungen schienen mir “unüblich”. Nun ja, ein wenig Experimentieren ist sicher erlaubt. Ganz wunderbar war das Mittelstück des Konzerts: Jeanne Demessieux , Choralparaphrase sur le “Attende Domine”. Ein ruhiges Stück über weit ausholender Harmonik. Sehr hörens- und spielenswert.

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Alexander Herren in St. Andreas, D-Altstadt; Litanies von Al

Karsten, Montag, 28. März 2011, 14:28 (vor 5638 Tagen) @ Clemens Schäfer
bearbeitet von Karsten, Montag, 28. März 2011, 14:35

Hallo!

Die Noten von Alains Litanies (und einigen anderen Orgelwerken) sind in den einschlägigen Notenarchiven (je nach Wohnort legal) zu finden. Eine recht schön gemachte Neuausgabe von P. Gouin findet sich im Icking-Archiv.

ist der Beginn von Alains “Litanies” nun ein Fragezeichen - oder doch eher ein Ausrufezeichen? Beide Versionen bekommt man zu hören. Mal ist die Anfangsfanfare verhalten, zögerlich, im Tempo gegenüber dem Nachfolgenden deutlich gemäßigt. Mal kommt es eckig, scharf, schnell und bestimmt. Ich weiß nicht ob ein Tempowechsel vorgeschrieben ist. Mir jedenfalls kommt der rhythmisch akzentuierte, ja vielleicht sogar ein wenig überakzentuierte Einstieg dem Stück angemessener vor.

Die Vortragsangabe der Fanfare ist "Vivo", registriert wird sie mit einem Plenum ergänzt durch Zungenstimmen 8- und 4-Fuss. Bestätigend durch das von R. Kluth erwähnte Zitat passt das verhaltene wohl eher weniger. Aber der Möglichkeiten gibt's viele. Man braucht sich ja nur überlegen, aus und in wievielen verschiedenen Situationen man "aus der Tiefe" schreit...

Jedenfalls war die Aufführung des Stück durch Alexander Herren in St. Andreas (Sonntagsorgel 16:30h) Anlaß, diese Gedanken zu formulieren. Denn diese Darbietung versuchte beim Beginn den Spagat zwischen Frage- und Ausrufezeichen. Und am Ende? Steht da eine Fermate über dem letzten Akkord? Der wurde unendlich lange ausgehalten. Muß er nicht kurz abgerissen kommen (Punktum! So ist es!)?

Der Schluss ist "Molto largo" überschrieben, der Schlussakkord hat die Dauer einer Brevis (oder Doppelganze). Alles spricht dafür, diese markerschütternde Dissonanz in Voller Kraft der Orgel wirklich auszukosten. Das steht einen "Punktum! So ist es!" nicht entgegen: Man bemühe nur das Bild des Fels in der Brandung, oder man ist schlicht felsenfest, unverrückbar davon überzeugt.

Gruß
Karsten


Kleiner Nachtrag:

Hier eine Art Power-Point-Präsentation als youtube-Video mit analytischen Bemerkungen zu den Litanies (englisch) und zahlreichen Musikbeispielen, leider mit schreckichen Digitalorgelklängen, dennoch sehr informativ.

Alexander Herren in St. Andreas, D-Altstadt; Litanies von Al

tiratutti @, Montag, 28. März 2011, 14:41 (vor 5638 Tagen) @ Karsten

Hallo,

Der Schluss ist "Molto largo" überschrieben, der Schlussakkord hat die Dauer einer Brevis (oder Doppelganze). Alles spricht dafür, diese markerschütternde Dissonanz in Voller Kraft der Orgel wirklich auszukosten. Das steht einen "Punktum! So ist es!" nicht entgegen: Man bemühe nur das Bild des Fels in der Brandung, oder man ist schlicht felsenfest, unverrückbar davon überzeugt.

nach dem Molto largo steht in der letzten Zeile noch ein A tempo und ein stringendo molto?

Grüße von tiratutti

Alexander Herren in St. Andreas, D-Altstadt; Litanies von Al

Karsten, Montag, 28. März 2011, 14:48 (vor 5638 Tagen) @ tiratutti

Der Schluss ist "Molto largo" überschrieben, der Schlussakkord hat die Dauer einer Brevis (oder Doppelganze). Alles spricht dafür, diese markerschütternde Dissonanz in Voller Kraft der Orgel wirklich auszukosten. Das steht einen "Punktum! So ist es!" nicht entgegen: Man bemühe nur das Bild des Fels in der Brandung, oder man ist schlicht felsenfest, unverrückbar davon überzeugt.


nach dem Molto largo steht in der letzten Zeile noch ein A tempo und ein stringendo molto?

Stimmt, aber da stehen auch Fermaten über den Doppelganzen (pl: Brevi?).
Spricht jedenfalls nicht für einen "kurzen Punkt", den Clemens Schäfer angedeutet hat...

Gruß
Karsten

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