Viktor Scholz in St. Gertrud in Düsseldorf
Entscheidend für die Interpretation von "Litanies" ist m.E. immer der Ausspruch von Alain selbst: "Das Gebet ist keine Klage, es ist eine heftige Bö, die alles auf ihrem Weg niederreißt. Es ist auch eine Besessenheit...."
Viktor Scholz spielte gestern in seinem Konzert in unserer Pfarrkirche dieses Werk zum Schluß und konnte die ca. 70 Zuhörer wahrlich fesseln. Er verstand es, die kontrastierenden Rhythmen durch frappierende Spieltechnik und gekonntes
Registrieren herauszumeißeln. Die nur 23 Register große Orgel, die eine ungemeine Farbigkeit besitzt, behandelte er als große symphonische Orgel und die wunderbare Akustik tat ihr übriges.
Zuvor hörte man in sensibler Leichtigkeit und Farbe "Le jardin suspendu" vom selben Meister.
Zu Beginn erklangen die Versetten "Salve Regina" vom höchst selten gespielten Meister Paul Hofhaimer. Den cantus firmus brauchte man nicht zu erraten. Scholz spielte ihn artikulatorisch und registriertechnisch so deutlich heraus, daß es eine wahre Zuhörfreude war.
Im Gegensatz zueinander standen die Fantasie c-moll BWV 562 von Bach, mit mildem Prinzipalchor vorgetragen, und der Grand Dialogue von Louis Marchand. Hier erklang der majestätische Zungenchor gegen die dialogisierende Cornettregistrierung. Es gab schon Zwischenapplaus.
Zum Verschnaufen erklang dann von Mendelssohn "Lied ohne Worte" aus den Kinderstücken op. 72 und drei Choralvorspiele aus op.67 von Max Reger.
Die Gegenüberstellung von Flöten, Prinizipalen und Streichern gelang Scholz ganz besonders in dem so gut wie nie zu hörenden Werk "Colloquio con le Rondini op. 140,2 von Marco Enrico Bossi. Untertitel: Franz von Assisi im Gespräch mit den Tauben. Die eindringliche Stimme des Heiligen stand im Wettstreit mit unablässigem Gegurre. Ein köstliches Werk.
Als Zugabe erklang,wie könnte es anders sein (und wer Scholz kennt, weiß das): "Jesus wird ins Grab gelegt" aus dem Kreuzweg von Marcel Dupré. Verhaltener aber lang anhaltender Applaus beendete einen wunderschönen Orgelnachmittag in einer wunderschönen, in sanftes Sonnlicht getauchte Kirche.
Reinhard Kluth