Alles überall?

Fabian Brackhane ⌂ @, Worms, Dienstag, 29. März 2011, 09:52 (vor 5637 Tagen)

Um den Konstantins-Thread nicht noch weiter aufzufächern, hier mal sozusagen eine "Ausgründung".

Karsten hat ja das Zitat mit den "unseriösen künstlerischen Kompromissen" gebracht. Mal ganz abgesehen davon, dass ich es für ein wenig arg zugespitzt halte, das Spielen nicht "artgerechter" Orgelmusik /(was IST eigentlich artgerecht für eine neobarocke Orgel? Bach wohl kaum. Reger erst recht nicht. Pepping?) an einer neobarocken Orgel gleich als "unseriös" zu verunglimpfen: Nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so und es gäbe einen merklichen Teil der Orgelliteratur, der an diesem oder jenem Instrument nicht "künstlerisch seriös" dargestellt werden könnte.

Wäre das denn so schlimm? Ich habe den Eindruck, dass es momentan das Bestreben gibt, möglichst an jeder Orgel möglichst viel, also stilistisch breit gestreut spielen zu können. Kein Organist (ich polemisiere etwas) will darauf verzichten, an "seiner" Orgel sowohl Bach wie Mendelssohn, Vierne wie Reger spiele zu können. Vor allem Bach ist das Totschlagargument par excellence.

Aus meiner Sicht (als Nicht-Praktiker) wäre es gar nicht schlimm, wenn man nicht überall Bach oder sonst wen bedeutendes) spielen könnte, Restaurierungskompromisse wie in HH-Jakobi oder Weingarten finde ich vollkommen unnötig. Weingarten war zB NIE dafür gedacht, Musik wie die von bach darzustellen. Jetzt aber muss sie es als conditio sine qua non, weil mit Bach ja die Orgelmusik steht und fällt...
Lassen wir doch lieber den Orgeln ihre Individualität und damit ihren Reiz. Klar, für den jeweiligen Hausorganisten wäre es im Zweifelsfalle hart, aber das müsste dann wohl so sein...

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www.orgelauskunft.de

Alles überall?

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Dienstag, 29. März 2011, 10:14 (vor 5637 Tagen) @ Fabian Brackhane

Hallo,

da haben wir z.B. in Weingarten ein Instrumemt, das herrlich anzuschauen ist und für den Gebrauch seiner Zeit (und deren Kompositionen) bestens geeignet. Dumm nur, daß die Musik- und Liturgiegeschichte gnadenlos darüber hinweggeschritten sind. Und so steht diese Orgel - gemeinsam mit vielen anderen - im Grunde arbeitslos da. Bleibt nur noch ein historisierender Gebrauch. Ganz nett, wie z.B.Museumsdampfzüge. Aber auf die Dauer nicht zufriedenstellend. So verstehe ich schon, daß man versucht, auch Bach, Reger, Messiaen etc. auf solchen Instrumenten zu spielen. Seriös oder unseriös? Ich denke, die Musikalität des Spielers wird im Einzelfall entscheidend sein. Denn wie oft habe ich im Konzert schon die Orgel vergessen und nur noch Musik gehört!

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Alles überall?

Tabernakelwanze @, Niederrhein, Dienstag, 29. März 2011, 10:48 (vor 5637 Tagen) @ Clemens Schäfer

Ich denke auch, man muss nicht alles überall spielen können. Gerade in größeren Städten, in denen zumeist in näherer Umgebung verschiedene Orgeln zu finden sind, wäre es durchaus zu vertreten, Instrumente zu haben, auf denen z. B. Bach nicht geht. Insofern hätte man in St. Jakobi, Hamburg, sicher auch eine andere Lösung finden können.

Alles überall?

orgelquaeler, Südwestdeutschland, Dienstag, 29. März 2011, 11:52 (vor 5637 Tagen) @ Clemens Schäfer

Hallo!

Hm, ja, und was ist die Konsequenz? Gehäuse zerschneiden, Windladen wegwerfen, Pfeifen verbrennen, wie einst geschehen?
In Weingarten scheint man auch moderne Sachen zu spielen. Wie immer muss man sich auf das Instrument einlassen. Wenn Literatur nicht geht, dann halt (moderne) Impro.
Ich mag das Gejammere nicht, wenn z.B. keine 4´-Zunge im Pedal vorhanden ist und deshalb man von Buxthehude usw. bestimmte Sachen nicht spielen kann. Dann gibt es auch andere Literatur. Oder man registriert alles eine Oktave tiefer, oder oder...
nur Mut zum Experiment...

Sonnige Grüße

OQ

Alles überall?

willscher, Dienstag, 29. März 2011, 16:46 (vor 5637 Tagen) @ orgelquaeler

Ich mag das Gejammere nicht, wenn z.B. keine 4´-Zunge im Pedal vorhanden ist und deshalb man von Buxthehude usw. bestimmte Sachen nicht spielen kann. Dann gibt es auch andere Literatur. Oder man registriert alles eine Oktave tiefer, oder oder...

nur Mut zum Experiment...

Sonnige Grüße

OQ

Sehr richtig! Es gibt quasi unendlich viel Literatur. Und wer sucht, der wird auch genug Literatur finden, die in unseren Zeiten für alte Orgeln komponiert worden sind (ich will das jetzt nicht alles auflisten). Apropos Buxtehude: Der hat wunderschöne Manualiter-Orgelstücke geschrieben, die selten aufgeführt werden. Weil man dann nicht zeigen kann, wie toll man Pedal spielt??????? Wunderschöne Musik.
Sonnige Grüße zurück.

Andreas

Alles überall?

Florian-L, Mittwoch, 30. März 2011, 12:33 (vor 5636 Tagen) @ Clemens Schäfer

Hallo,

da haben wir z.B. in Weingarten ein Instrumemt, das herrlich anzuschauen ist und für den Gebrauch seiner Zeit (und deren Kompositionen) bestens geeignet. Dumm nur, daß die Musik- und Liturgiegeschichte gnadenlos darüber hinweggeschritten sind. Und so steht diese Orgel - gemeinsam mit vielen anderen - im Grunde arbeitslos da. Bleibt nur noch ein historisierender Gebrauch.

Warum denn? Man hat sich doch anlässlich der letzten Renovierung entschieden, den Pedalumfang zu erweitern und hat eine gemäßigt ungleichstufige Stimmung gelegt, wodurch z.B. Bach gespielt werden kann. Aber schon ihrer Konzeption wegen eignet sich dieses Instrument sowieso nicht dafür, "alles" spielen zu können (die recht intime Klanggebung kommt noch dazu), selbst wenn Umfänge von C-c'''' in den Manualen und C-g' im Pedal und eine gleichstufige Stimmung vorhanden wären. Ich finde, es sind genügend andere Orgeln vorhanden, die die Wiedergabe "modernerer" Musik überzeugend zulassen.
Im Jahr 2012 soll ohnehin die Chororgel der Basilika Weingarten aus den 1920er Jahren restauriert werden, da können sich die Organisten dann aussuchen, worauf sie spielen wollen.

Gruß, Florian

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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

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