Xaver Varnus in der Dorfkirche Lichtenhagen

chp, Sonntag, 03. April 2011, 11:57 (vor 5632 Tagen)

Am 20.3.11 gab Xaver Varnus in der kleinen Dorfkirche Lichtenhagen ein Konzert am Vorabend des Geburtstags von Johann Sebastian Bach in der Reihe „Organo e Cimablo“, die in diesem Jahr zum 15. Mal an den 7 Sonntagen vor Ostern von Kantor Wolfram Hausberg organisiert wird. Die Konzerte sind schon aufgrund der Kirchengröße recht intim (ich schätze so maximal 150 feste Plätze in Bänken) und nach dem Konzert ist stets Gelegenheit, bei einem Glas Wein oder Wasser mit dem/n Künstler(n) ins Gespräch zu kommen. Nachdem in der Lokalpresse darüber nicht berichtet wurde, soll es wenigsten von mir ein paar Zeilen dazu geben.

Die Ankündigung des Konzerts hatte mich einigermaßen überrascht: Die Reihe widmet sich nämlich im Schwerpunkt alter Musik von der Renaissance bis etwa 1750 (OK, auch Mozart wird manchmal akzeptiert). Normalerweise treten in der Reihe Musiker auf, die mit großem Enthusiasmus alte Musik auf Nachbauten historischer Instrumente spielen oder zumindest historisch informierte Aufführungspraxis pflegen (die Konzerte vor und nach dem von Varnus wurden von Musica Baltica und dem Marais Consort gestaltet). Hier passt Xaver Varnus erst mal nicht so recht hinein, macht es Ihm doch - wie er im anschließenden Gespräch zugab - eher Freude, Bach gerade auf großen romantischen Instrumenten zu spielen wie etwa der Sauerorgel in der Leipziger Thomaskirche. Da stellte die Lichtenhäger Dorforgel schon einen ziemlichen Kontrast dar, wobei die Temperatur nach Werkmeister III für Xaver Varnus - so dieser im Nachgespräch - eher nach verstimmter Orgel klang.

Das Programm begann mit Bachs Praeludium in c (BWV 546a, also ohne die Fuge), es folgten die 3 Choralvorspiele „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ (BWV 639), „Christ lag in Todesbanden“ (BWV 625) und „In dulci jubilo“ (BWV 608), bevor Varnus Stücke aus dem mir vorher nicht näher bekannten „Choreae Hungaricae“ aus dem „Tabulaturbuch von Löcse (16. Jh.)“ (so das Programm) spielte. Anschließend wieder ein Bach-Block, bestehend aus der Fuge in h (BWV 579), dem Choralvorspiel „Herzlich tut mich verlangen“ (BWV 727) und der Fuge in e (BWV 548b). Wenn man sich die Youtube-Seite von Varnus ansieht, so sind diese Stücke anscheinend so eine Art Standard-Konzert-Elemente. Dennoch wirkte das nicht einfach routiniert heruntergespielt, sondern Varnus zeigte sich bei den Praeludium und Fugen durchaus spielfreudig und romantisch-schwelgerisch, von gepflegtem Portato war allerdings nichts zu hören. Varnus registrierte munter und variantenreich - soweit das auf der kleinen Orgel geht -, entlockte der kleinen Orgel erstaunliche Klangfarben, benutzte auch gerne mal den Schweller und drückte im Nachgespräch auch seine Verbundenheit mit Straube aus.

Die Zusammenstellung der Choralvorspiele mutete zunächst einmal - vorsichtig ausgedrückt - recht willkürlich an, vor allem der Bezug BWV 608 zu BWV 639. Aber nun ja, es herrschte strahlender Sonnenschein an einem der ersten Frühlingstage, da nahm er den Passionschoral etwas leichter (viel leichter als auf dem Video bei Youtube), „In dulci jubilo“ mutierte dagegen zum Lied, das den Frühling begrüßte, man hörte förmlich die Vögel zwitschern.

Bei den kleinen, mitten in das Bachprogramm eingebetteten Stücken aus der ungarischen Tabulatur Choreae Hungaricae gelang es Varnus trotz seiner romantischen Ader ganz gut, eine Stimmung von Spätrenaissance bzw. Frühbarock zu erzeugen. Ich fand die Stücke nett und gut durchhörbar, sie machten Spaß, fielen aber zumindest gegenüber den originalen Bachwerken musikalisch/kompositorisch etwas ab bzw. aus dem Rahmen. Den Bezug zu Bach stellte Varnus her, indem er dem Publikum berichtete, dass Veit Bach, der Urvater der Bachsippe aus irgendeinem Grund, den ich nicht genau erinnere, sich eine zeitlang in Löcse aufhielt und dort die Stücke gut einmal gehört haben könnte.

Den Höhepunkt des Konzerts stellte nicht nur für mich, sondern auch für eine ganze Reihe anderer Zuhörer (mit denen ich danach gesprochen habe) die abschließende Improvisation zu gegebene Themen dar. Varnus bekam es mit 2 Themen zu tun, einmal mit dem Lutherchoral „Aus tiefer Not“ (aus dem Publikum), zum anderen mit dem B-A-C-H-Motiv (vom veranstaltenden Kantor), die ja nun ganz gut zusammenpassen. Hier lief er ca. 20 Minuten lang zu wirklich großer Form auf. Das Thema des Chorals erklang mal zaghaft klagend, mal herzzerreißend, mal zurückhaltend, mal vorwärts preschend und dynamisch, das B-A-C-H-Motiv bearbeitete er mal selbständig, mal verwendete er als Begleitfigur fast wie im französischen Stil. Als gegen 18 Uhr die Gebetsglocke anfing zu läuten, bezog Varnus diese spontan in die Improvisation ein und ließ diese darüber ausklingen. Den Zuhörern schenkte Varnus 20 Minuten großes Kino mit großen Emotionen. Es war so, dass eine Bekannte von der Musik so bewegt war, dass sie auf den kleinen Umtrunk verzichtete und auch ich musste erst mal noch ein paar Minuten sitzen bleiben (trotz zwischenzeitlicher Zugabe, s.u.).

In den herzlichen und recht lang anhaltenden Applaus habe ich natürlich trotz meiner Ergriffenheit eingestimmt. Als Zugabe gab es noch die Fuge aus Bachs Epidemischer, die an mir etwas vorbei lief, weil ich noch in der Improvisation gefangen war, die für mich den musikalischen Höhepunkt dessen darstellte, was ich seit mehreren Monaten in Konzert oder Kirche gehört habe.

Ach ja: Eine weitere Bekannte berichtete, dass ein paar (wenige) Konzertbesucher dieses während der Improvisation verlassen hätten - na ja, so ist das eben manchmal mit Publikum, wenn ein Bach-Konzert angekündigt ist.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.


Nachtrag: Disposition der Jemlich-Orgel (1976) in der Dorfkirche Lichtenhagen:

Hauptwerk:
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Gemshorn 2'
Mixtur 3-4fach
Trompete 8'
Tremulant

Schwellwerk:
Gedackt 8'
Koppelflöte 4'
Prinzipal 2'
Sifflöte 1 1/3'
Cimbel 2f.
Krummhorn 8'
Tremulant

Pedal:
Subbass 16'
Gemshorn 8'
Choralbaß 4'
Posaune 8'

Mechanische Spiel- und Registertraktur, Normalkoppeln I/P, II/P, II/I.

Xaver Varnus in der Dorfkirche Lichtenhagen

Karl-Bernhardin Kropf, Sonntag, 03. April 2011, 14:20 (vor 5632 Tagen) @ chp

Ich hab wegen des erwähnte schönen Wetters geschwänzt und im Garten gearbeitet.
Am nächsten Tag aber war Varnus aber spontan in der Marienkirche auf Kurzbesuch, in der er vor 30 Jahren schon mal spielte.
Da gab es den Bach dann noch einmal, auch Improvisiertes. Wir gingen durch die Orgel, und die Gespräche waren interessant.
Betreffend Lichtenhagen: Er sagte, dass er aufgrund der Temperierung der Orgel 546a in d-moll statt c-moll gespielt hätte!
Schon eine Type, der Mann, und orgeln kann er auch. Sicherlich sollte man das Bild von ORgelkunstnicht allein an ihm oder ähnlichen Gestalten festmachen, aber ich glaube, dass diese populär agierenden Organisten durchaus wichtig sind, grade die, die eigentlich wirklich gut spielen können, sich aber in Sachen Stilreinheit, Kirchenjahr und Programm vielfalt nicht zu groß bemühen wollen.

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