Frankreich und Reger

Rochus Schmitz ⌂ @, Münster, Donnerstag, 07. April 2011, 09:10 (vor 5628 Tagen)

Anläßlich einer Paris-Reise demnächst machte mich ein guter Freund darauf aufmerksam, daß in unserem Nachbarland die Orgelmusik Max Regers offensichtlich so gut wie keine Rolle spielt. In der Tat kenne ich keine (prominente) Einspielung Regerscher Orgelwerke auf französischen Instrumenten, und eine schnelle Durchsicht des ansonsten unglaublich breit gefächerten musikalischen Programms in St. Sulpice hat ergeben, daß Daniel Roth zuletzt am 16. Mai des vergangenen Jahres ein kurzes Reger-Werk zum besten gegeben hat.
Gibt es bestimmte Gründe dafür, warum Reger in Frankreich so gut wie nicht "stattfindet"?

Frankreich und Reger

Karsten, Donnerstag, 07. April 2011, 10:20 (vor 5628 Tagen) @ Rochus Schmitz

Anläßlich einer Paris-Reise demnächst machte mich ein guter Freund darauf aufmerksam, daß in unserem Nachbarland die Orgelmusik Max Regers offensichtlich so gut wie keine Rolle spielt. In der Tat kenne ich keine (prominente) Einspielung Regerscher Orgelwerke auf französischen Instrumenten, und eine schnelle Durchsicht des ansonsten unglaublich breit gefächerten musikalischen Programms in St. Sulpice hat ergeben, daß Daniel Roth zuletzt am 16. Mai des vergangenen Jahres ein kurzes Reger-Werk zum besten gegeben hat.
Gibt es bestimmte Gründe dafür, warum Reger in Frankreich so gut wie nicht "stattfindet"?

Hallo!

Ich muss mal daheim nachschauen, in irgendeinem Sammelband mit Reger-Artikeln gibt es einen Artikel über Musik Max Regers in Frankreich. Tenor des Artikels war - wenn ich mich recht erinnere - dass sich Frankreich generell, nicht nur orgelmusikbezogen, mit Regers Musik sehr schwer tut. Ist in Deutschland ja nicht anders...

Was konkret Orgelmusik anbelagt, mögen die unterschiedlichen Orgeltypen ein Grund sein, dass Reger kaum gespielt wird. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. So hat Robilliard an "seiner" Orgel in St Francois de Sales durchaus überzeugende Interpretationen einiger großer Orgelwerke von Reger (Wachet-auf-Fantasie) eingespielt.

Der Franzose Jean-Baptiste Dupont begann für das französische Label Hortus eine Gesamteinspielung der Ogelweke Regers, allerdings auf historischen und modernen deutschen Orgeln.

Gruß
Karsten

Frankreich und Reger

doppelfloete_h @, Hannover, Donnerstag, 07. April 2011, 10:33 (vor 5628 Tagen) @ Rochus Schmitz

...es ist ja nicht nur Reger. Man suche Karg-Elert und sämtliche weniger "prominente" Namen. Mit ein wenig Glück findet man Brahms, Reubke und Liszt (Mendelssohn und Schumann klammere ich als "klassischere" Komponisten mal aus).
Es wird schlicht an den völlig unterschiedlichen Instrumententypen in F bzw. D liegen und der jeweils damit einhergehenden Entwicklung der darauf zugeschnittenen Musik. Das Klangideal ist ein völlig anderes. Da braucht es dann schon mutige Interpreten, da mal die französische Tradition zu durchbrechen.
Lohnende Beispiele, das es "geht", liefern z.B. Louis Robilliard in Lyon (Brahms, Reger, Liszt) und Daniel Roth (Liszt, Reubke, Ritter) in St Sulpice - wobei gerade letzteres Instrument durch die pure Größe und entsprechende Vielfalt an Flöten und Streichern "ungeahnte" Ressourcen bietet.
Reger nimmt nun kompositorisch sicher noch eine extremere Rolle ein als Liszt oder Reubke. Die mögen mit dem "System" Cavaillé-Coll noch eher kompatibel sein.
Und Paris quasi als Monopol der Organistenausbildung in F, da braucht es auch nicht besonders viel, sich vorzustellen, dass Franck, Widor, Vierne, Messiaen... einfach eine übergeordnete Rolle spielen... Die Tradition...

Frankreich und Reger

Friedrich @, Donnerstag, 07. April 2011, 11:05 (vor 5628 Tagen) @ Rochus Schmitz

Anläßlich einer Paris-Reise demnächst machte mich ein guter Freund darauf aufmerksam, daß in unserem Nachbarland die Orgelmusik Max Regers offensichtlich so gut wie keine Rolle spielt. In der Tat kenne ich keine (prominente) Einspielung Regerscher Orgelwerke auf französischen Instrumenten ...

Kommt drauf an, ob Du diese als prominent bezeichnen würdest:
[image]

Gut und aufregend ist sie. Baker spielt teilweise mit irrwitzigen Tempi, und die Orgel ist ungewöhnlich hell eingefangen. (Vielleicht konnte sich die Bookletredaktion nicht vorstellen, dass es sich um eine Barker-Traktur handelte, und hat deswegen "elektropneumatisch" angegeben.)

Was man an dieser Aufnahme allerdings auch hört, ist die besondere dynamische Organisation einer Cavaillé-Coll-Orgel samt ihren Grenzen. Das Crescendo-Diminuendo lässt sich tendenziell als eine einzige Klangstraße beschreiben, vielleicht mit mehreren Spuren, aber im Prinzip mit immer dem gleichen Verlauf und typischen Stationen.

Das ist bei einer deutsch-romantischen Orgel anders, vielleicht weil dort oft alle Registerfamilien in unterschiedlichen Stärkegraden zur Verfügung stehen, weil man also auf mehreren Straßen ins Ziel ("Org. Pl.") kommt. Diese Charaktervielfalt hilft bei Regers Musik enorm, schon weil er seine Formen oft assoziativ und kleinteilig aufbaut, sodass man gern auch klanglich abwechslungsreich gliedert.

Die Cavaillé-Collsche Einsinnigkeit dagegen eignet sich am besten für die großen formalen, von der Melodik und Rhythmik getragenen Formlinien Francks, des späten Widor, Louis Viernes.

Ich warte auch noch auf die Interpretation eines Reger auf einer französischen Orgel, die der Vielfarbigkeit seiner Musik gerecht wird. Es gibt ja auch regelrechte Franck-Imitationen von Reger, bei denen man vielleicht anfangen könnte.

Gruß,
Friedrich

Frankreich und Reger

willscher, Donnerstag, 07. April 2011, 11:42 (vor 5628 Tagen) @ Rochus Schmitz

Gibt es bestimmte Gründe dafür, warum Reger in Frankreich so gut wie nicht "stattfindet"?


Hatten wir das nicht schonmal? Im alten Forum.......
Also, das stimmt so alles nicht. Damit ihr das mal Schwarz auf Weiß habt:
Orgelkonzerte ND, Paris:
31.7.77 op. 65/9
25.9.77 op. 40/2
8.1.78 2 Choralvorsp.
27.8.78 aus op. 60
29.4.79 op. 135b
5.8.79 Hall. Gott..
9.9.79 op. 46
16.12.79 op. 53/2
6.7.80 op. 40/2
25.1.81 Intr+Pass
27.9.81 Intr+Pass
1.11.81 op. 59/5+6
20.12.81 op. 52/1
4.4.82 Intr+Pass
8.8.82 op. 73
21.11.82 op. 63/5+6
und das waren beileibe nicht alles dt. Organisten, sondern etliche Franzosen. Vermutlich noch mehr Reger, denn die Programme habe ich nicht komplett. Und ich erinnere an die tolle CD von Daniel Matrone mit einem großen Reger (habe keine Zeit und Lust, jetzt danach zu suchen...). Natürlich wird Louis Vierne in ND mehr gespielt. Aber sein Bruder René ist da auch nur zweimal vertreten, obwohl er tolle Orgelmusik komponiert hat.
Gruß von Andreas

Frankreich und Reger

Karsten, Samstag, 09. April 2011, 11:06 (vor 5626 Tagen) @ Karsten

Hallo!

Wen es (noch) interessiert: Hier der Literaturnachweis des erwähnten Artikels:

Francoise Andrieux: Max Reger und Frankreich
in: Susanne Shigihara (Hrsg.), Reger-Studien 4, Colloque franco-allemand/ Deutsch-französisches Kolloquium Paris 1987, Wiesbaden 1989.

Gruß
Karsten

Frankreich und Reger

Karsten, Samstag, 09. April 2011, 11:20 (vor 5626 Tagen) @ willscher

Gibt es bestimmte Gründe dafür, warum Reger in Frankreich so gut wie nicht "stattfindet"?

Hatten wir das nicht schonmal? Im alten Forum.......

Ja, war es ;)

Also, das stimmt so alles nicht. Damit ihr das mal Schwarz auf Weiß habt:
Orgelkonzerte ND, Paris:
[...]
und das waren beileibe nicht alles dt. Organisten, sondern etliche Franzosen. Vermutlich noch mehr Reger, denn die Programme habe ich nicht komplett.

Liebe Andreas, Ausnahmen bestätigen die Regel. In dieser lobenswerten Aufstellung sehe ich aber keine Widerlegung einer "Unterrepräsentanz" von Reger. Die Orgel in Notre-Dame ist (bzw: war) wegen ihre Spielhilfn und Größe eine der wengen Orgeln, wo man Reger spielen kann.

Die Franzosen, die Reger auf CD eingespielt haben, sind nicht selten nach Deutschland ausgewichen. Ausgewählt wurden dann nicht historishe (spät-)romantische Instrumente, sondern moderne. Als Beispiel sei Jean-Luc Salique genannt, der für seine Reger-Platte (Symphonische Fantasie, fis-Moll-Variationen) die Klais-Orgl in Altenberg auswählte.

Als Beispiel, wie "hinterher" die Franzosen in Sachen Reger sind, sei ein Werbe-Kommentar der sehe schönen Calliope-Reger-CD mit Edouard Oganessian (eingespielt an der Walcker-Orgel in Riga) genannt. Doirt wird vermekrt, dass diese CD die "erste französische Einspielung" von Introduktion, Passacaglia und Fuge op.127 beinhalte - und das 2004!

[image]

Max Reger: Oeuvres pour Orgue
- Variationen und Fuge über "God save the King"
- Choralfantasie "Wachet auf, ruft uns die Stimme", op.52,2
- Liszt: Der Hl Franziskus von Paula über den Wogen schreitend (Transkr. Reger)
- Introduktion, Passacaglia und Fuge e-Moll, op.127
Edouard Oganessian, Walcker-orgel im Dom zu Riga
calliope, DDD, 2004

Gruß
Karsten

Frankreich und Reger

aristidecc, Mittwoch, 13. April 2011, 05:16 (vor 5622 Tagen) @ Karsten

Französischer Reger in Riga? Na da hat wohl der napoleonische Weltreichsgedanke das seine dazugetan. Vor Jahren konnte ich in einem großen pariser Plattenladen tolle Regerschnäppchen im Ausverkauf machen, CDs, die bei uns nicht unter 20 Euro zu erstehen waren, wurden dort für deutlich unter 10 Euro verramscht.

Vielleicht muss man die Ablehnung teutonischer Komponisten, wie Reger, Karg-Elert, Rheinberger u.a. am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in politischen und gesellschaftlichen Gründen suchen (denn am Austausch zwischen den Nationen kann es nicht gelegen haben, da die Musikwelt auch ohne Internet damals schon international vernetzt war, selbst in Amerika wurde europäische neue Musik ausgiebig gepflegt, was die Bestände an Noten in dortigen Bibliotheken bezeugt):

Immerhin waren in jener Zeit Deutschland und Frankreich tief verfeindet. 1870/1871 war für Frankreich eine tief empfundene Schmach eingetreten: Deutschland (besser gesagt Preussen und seine Verbündeten) errungen über Frankreich einen militärischen Sieg und trauten sich dann noch in Versailles ihr neues Reich zu proklamieren, das war schon recht provokativ. Das Elsaß und Lothringen waren für Frankreich erst mal futsch und eine kollosale Reparationsleistung war an Deutschland zu entrichten, was wirtschaftlich für Frankreich eine ziemliche Krise hervorrief, die sich auch im Orgelbau niedergeschlagen hat.

Das nahmen die Franzosen den Deutschen ziemlich übel. Ebenso wurde in Deutschland Frankreich als "Erbfeind" gesehen, so dass in jener Zeit auch sicher wenig französische Orgelmusik in Deutschland zelebriert wurde.

Der erste Weltkrieg und seine Folgen tat sein übriges, um eine weitere Völkerverständigung zu unterbinden. Lediglich Schweitzer und Rupp würden mir jetzt einfallen, die hier ausgleichend eintreten könnten. Beide haben sich jedoch für eine Reformbewegung eingesetzt, die nicht unbedingt pro deutscher Spätromantik war.

Das Argument, dass Reger zu evangelisch komponiert hat, kann eigentlich nicht gelten. Denn die Musik Johann Sebastian Bachs wurde und wird in Frankreich seit Boely (und das bis heute, eine fast ideale, neu gebaute Bach-Orgel steht in Paris in St.-Louis-en-ile) sehr hoch geschätzt und intensiv gepflegt. Diese Musik hat ihre Wurzeln ja auch in den deutschen evangelischen Chorälen.
Herr Roth zeigte mir in St. Sulpice einmal Noten von Bach-Choralbearbeitungen, in die mit winziger Schrift die Texte in französischer Sprache notiert waren: Es waren Noten von Charles-Marie Widor, die Übersetzung fertigte Albert Schweitzer an.

Ein wichtiger Grund dürfte wohl auch in der unterschiedlichen Konzeption der Orgeln in beiden Nationen sein, die die Interpretation von Orgelwerken der anderen Nation erschwert. Klar, dass in St.Sulpice oder Notre-Dame (im ursprünglichen Zustand der 1860-iger Jahre) viele Klangmöglichkeiten zur Verfügung stehen/standen, da diese Orgeln die größten in Frankreich aus jener Epoche darstellen. Auf kleineren Instrumenten wird es dann schon schwieriger, da diese doch recht speziell für die zu erwartende Literatur konzipiert wurden. Lediglich in den bis 1918 zu Deutschland gehörenden Gebieten entstanden Zeit Instrumente, die eine entsprechende Literatur zuliessen.

Das wirken deutscher Orgelbau in Frankreich war recht gering (Link, Giengen fällt mir da ein), genauso umgekehrt gab es wohl so gut wie keinen Orgelbau in Deutschland, abgesehen von den an Frankreich angrenzenden gebieten wie Baden, so, dass kaum Orgel-Instrumente ausgetauscht wurden. Waren hierfür hohe Einfuhrzölle, um die eigene Musikinstrumenten-Industrie zu schützen, oder nur kulturelle Schranken der Grund - da könnte ich momentan nur Spekulieren.

Frankreich und Reger

aristidecc, Samstag, 21. Mai 2011, 04:41 (vor 5584 Tagen) @ Karsten

Die Aufnahme von Callilope in Riga aus dem Jahr 2004 ist beileibe nicht die erste französische Einspielung von Regers op. 127 - Daniel Matrone hat diese bereits 1988 auf der REM-CD "Max Reger" No. 311068 XCD in Notre-Dame de Bordeaux, also wirklich in Frankreich, eingespielt.

powered by my little forum