Reger und Deutschland

FranzS. @, Montag, 11. April 2011, 18:50 (vor 5624 Tagen)

Hallo zusammen,

dass Reger in Frankreich keine große Rolle spielt wissen wir ja. Wenn man mal genauer überlegt, ist das bei uns auch nicht anders. Man bekommt doch eigentlich nur die (frühen) großen Brocken zu hören, die Choralphantasien und B-A-C-H, gelegentlich auch 135b. Von den "kleineren" Orgelwerken aus den Sammlungen hört man so gut wie nie etwas. Das ist sehr bedenklich, wie ich finde, zumal diese Sachen den Großteil des Regerschen Orgelwerkes ausmachen. Man muss sich mal vor Augen führen, dass es 25 zusammenhängende "Präludien (Toccaten, Improvisationen usw..) und Fugen" gibt von denen man mal vieleicht mal op. 59 hört. Geniestreiche wie op. 69 I und II oder op. 63 I und II.... werden einfach ignoriert. Zur Abwechslung mal ein Regerscher Geisterspuk in Form eines Capriccios oder Intermezzos? Fehlanzeige. Bei den Charakerstücken (Romanze, Melodia, Canon usw. ) siehts auch nicht anders aus, ganz zu schweigen vom "Regerschen Orgelbüchlein" op. 67 mit seinen 52 Choralbearbeitungen. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass das für das breite Publikum ungeeignet ist, aber das ist Marcel Dupré auch und den hört man ziemlich oft in letzter Zeit (ich habe nichts gegen Marcel Dupré). Meineserachtens besteht in Sachen Reger ein enormer Nachholbedarf seitens der neuen Generation der Konzertorganisten.
Also an alle dies können, vergesst bitte den Reger nicht.

Grüße Franz

Reger und Deutschland

P.Kampf, Montag, 11. April 2011, 21:55 (vor 5623 Tagen) @ FranzS.

Lieber Franz,
das Phänomen scheint regional unterschiedlich stark ausgeprägt zu sein. Ich hab in den letzten Jahren schon mal nicht so große Regerwerke gehört (z.B. Toccata und Fuge aus Op. 80) und ich selbst spiele auch gelegentlich mal Sachen aus Op 67 oder 135a im Konzert.

Viele Grüße
Patrick

Reger und Deutschland

Karsten, Dienstag, 12. April 2011, 19:21 (vor 5623 Tagen) @ FranzS.

Hallo!

Ja, viele Werke Regers sind leider unterrepräsentiert und es sind tolel Sachen dabei. Nur sind die meistens wirklich nicht bekannt. Vielleicht helfen ja die laufenden Gesamteinspielungen (ich denke da vor allem an NAXOS), unbekanntes Terrain zu erschließen. Die bisher einzig vollständige Einspielung von Rosalide Haas ist ja aus bekannten Gründen etwas verpöhnt...

Leider zeigen sich die üblichen Probelem des Reger-Spiels auch bzw. gerade bei "kleineren" Werken. Neben den spieltechnischen Schwierigkeiten eben auch die spielpraktischen (Registrierung etc.) und vor allem Musikalischen. Stehen diese beereits bei den großen Orgelwerken Regers häufig außerhalb einer "vernünftigen" Aufwand-Nutzen-Relation, so erst Recht bei den "kleinen" Werken.

Aber ich glaube/befürchte, dass mittlerweile Reger auch von der HIP-Welle erfasst wurde, und man sich häufig gar nicht erst traut, ihn auf "modernen" Orgel aufzuführen. "Ja, da braucht man eigentlich eine Walcker- oder Sauer-Orgel..." Nunka, stimmt eigentlich, aber die Musik ist eigentlich zu gut um nicht gespielt zu werden, und gerade in der gelungenen Realisierung auf Nicht-Reger-Orgeln zeig sich doich die wahre Größe des Interpreten :)

Gruß
Karsten

Reger und Deutschland (leicht OT)

Karsten, Dienstag, 12. April 2011, 20:31 (vor 5623 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von Karsten, Dienstag, 12. April 2011, 20:34

Hallo!

Eine kleine Verbraucherinformation sei gestattet. Damit auch außerhalb des Orgemlusik-Sektors Regers Musik etwas propagiert und entdeckt wird: herzliche Empfehlung zu der Gesamteinspielung der Reger'schen Klavierwerke von Markus Becker, zur Zeit besonders günstig bei jpc im Katalog. Zu diesem Preis ein wahres Schnäppchen. Die Werkeinführungen wurden kompetent von führenden Reger-Musikwissenschaftlern des Max-Reger-Instituts verfasst.

Gruß
Karsten

Reger und Deutschland (leicht OT)

FranzS. @, Dienstag, 12. April 2011, 20:43 (vor 5623 Tagen) @ Karsten

Hallo!

Eine kleine Verbraucherinformation sei gestattet. Damit auch außerhalb des Orgemlusik-Sektors Regers Musik etwas propagiert und entdeckt wird: herzliche Empfehlung zu der Gesamteinspielung der Reger'schen Klavierwerke von Markus Becker, zur Zeit besonders günstig bei jpc im Katalog. Zu diesem Preis ein wahres Schnäppchen. Die Werkeinführungen wurden kompetent von führenden Reger-Musikwissenschaftlern des Max-Reger-Instituts verfasst.

Gruß
Karsten

Hättst blos nix gsogt, mein Warenkorb bei jpc nähert sich (schon wieder) dem dreistelligen Betrag ;-), übrigens gibts vol 4 der Klavierwerke von Karg-Elert wieder mal zum Schleuderpreis.

Reger und Deutschland (leicht OT)

doppelfloete_h @, Hannover, Dienstag, 12. April 2011, 21:10 (vor 5623 Tagen) @ Karsten

JAAA, das ist eine grandiose CD-Reihe!!!! Sofortige Kaufempfehlung. Einer der besten deutschen Pianisten!!

Reger und Deutschland

FranzS. @, Dienstag, 12. April 2011, 20:36 (vor 5623 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von FranzS., Dienstag, 12. April 2011, 20:53

Hallo!

Ja, viele Werke Regers sind leider unterrepräsentiert und es sind tolel Sachen dabei. Nur sind die meistens wirklich nicht bekannt. Vielleicht helfen ja die laufenden Gesamteinspielungen (ich denke da vor allem an NAXOS), unbekanntes Terrain zu erschließen. Die bisher einzig vollständige Einspielung von Rosalide Haas ist ja aus bekannten Gründen etwas verpöhnt...

Hallo,

bei Rosalinde Haas bin ich auch etwas reserviert, aber immerhin hat sie die erste (?) Gesamteinspielung vorgelegt. Bei NAXOS sind auch viele schöne Einspielungen dabei. Am meisten hat mich Vol 6 überzeugt, besonders die fis-moll-Variationen. Hoffentlich bringen die das zu Ende.


Leider zeigen sich die üblichen Probelem des Reger-Spiels auch bzw. gerade bei "kleineren" Werken. Neben den spieltechnischen Schwierigkeiten eben auch die spielpraktischen (Registrierung etc.) und vor allem Musikalischen. Stehen diese beereits bei den großen Orgelwerken Regers häufig außerhalb einer "vernünftigen" Aufwand-Nutzen-Relation, so erst Recht bei den "kleinen" Werken.

Empfinde ich eigentlich nicht mehr so. Man muss eben langsam an die Sachen ran, Fingersätze ausarbeiten usw; sich einfach mit dem Werk beschäftigen und dann klappt das alles und vieles liegt, wie ich finde, dann gut in den Fingern. Und was am wichtigsten ist, es lohnt sich zum üben, weils einfach gute Musik ist. Bei der Registrierung ist es manchmal nur auf den ersten Blick schwierig. Viele der "Crescendos" kommen durch den Satz an sich schon. Beispielsweise bei op. 69 "Präludium" ab Takt 25, wo es da heißt "sempre ff e crescendo", da wirds von ganz allein stärker, weils im Diskant immer höher wird, im Pedal die mächtigen Oktavsprünge hinzukommen, und der Satz fünfstimmig wird, das "sempre poco ritardando" tut sein übriges.


Aber ich glaube/befürchte, dass mittlerweile Reger auch von der HIP-Welle erfasst wurde, und man sich häufig gar nicht erst traut, ihn auf "modernen" Orgel aufzuführen. "Ja, da braucht man eigentlich eine Walcker- oder Sauer-Orgel..." Nunka, stimmt eigentlich, aber die Musik ist eigentlich zu gut um nicht gespielt zu werden, und gerade in der gelungenen Realisierung auf Nicht-Reger-Orgeln zeig sich doich die wahre Größe des Interpreten :)

Wenns danach ginge, dürfte ich auf meiner Orgel gar nichts spielen. Was die HIP-Mafia angeht, wenn ich mir die Märchen vom "Straube-code" anhöre, kommen mir schon Zweifel, ob das nicht sämtlich Ignoranten sind. Metronomangabe: Wenn Reger wirklich alles doppelt so langsam gemeint hat, dann würde das ja auf die Metronomangabe seiner Klavierwerke auch zutreffen, oder nicht? Dann wird das ganze aber schon sehr langsam und Unpianistisch. Das Walcker- oder Sauer- Argument berücksichtigt eigentlich nicht die Frage, wie Reger seine Orgelsachen selbst im Kopf gehört hat. Wer sagt denn, dass er da symphonische Klänge im Kopf hatte? Man höre sich mal die Streichquartette an, oder die Kammermusik (gibts sehr, sehr viel), denn dann ist der Klang einer kleineren "modernen" Orgel viel näher dran, als der eines 100-Register-Instruments. Im Übrigen finden sich in den Streichquartetten auch crescendi und pppp und ffff , obwohl dort der dynamische Spielraum ja eher klein und alles andere als symphonisch ist. Am wichtigsten ist aber, dass Reger und Bach Pflichtprogramm und täglich Brot für jeden Organisten sein sollte, weil man solche Musik sonst nicht findet und man fürchterlich viel versäumt, wenn man diese Musik nicht spielt und hört (aus welchen Gründen auch immer).


Grüße Franz

Reger und Deutschland

Friedrich @, Dienstag, 12. April 2011, 20:56 (vor 5623 Tagen) @ FranzS.

Lieber Franz S.,

mir insgesamt zutiefst aus dem Herzen geschrieben!

Gruß,
Friedrich

Reger und Deutschland

jrbecker @, Dienstag, 12. April 2011, 22:25 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.

Am wichtigsten ist aber, dass Reger und Bach Pflichtprogramm und täglich Brot für jeden Organisten sein sollte, weil man solche Musik sonst nicht findet und man fürchterlich viel versäumt, wenn man diese Musik nicht spielt und hört (aus welchen Gründen auch immer).


Grüße Franz


Hallo Franz,

was Bach angeht, ist das keine Frage. Bei Reger jedoch muss ich deiner Auffassung, dass dieser "Pflichtprogramm und täglich Brot" für jeden Organisten sein sollte, aufs heftigste widersprechen. Zunächst einmal ist natürlich der Geschmack eines jeden Musikers zutiefst unterschiedlich, und wir sollten einmal annehmen, dass es außer mir noch weitere Organisten gibt, an die Regers Orgelwerke einfach nicht herangehen. Ich persönlich spreche explizit von den Orgelwerken, denen ich allesamt nichts abgewinnen kann, nicht von anderen Kompositionen, viele Chorsätze z. B. mag ich sehr. Hinzu kommt die Ausbildung, die bei mir an einer historischen, ursprünglich einmanualigen Schöler-Orgel, stattgefunden hat, die durch Oberlinger in den 60ern um ein Echowerk erweitert und mit einer modernen mechanischen Spielanlage versehen wurde. Bei insgesamt 28 Registern wäre hier einiges möglich gewesen, aber mein Orgellehrer, von dem ich mich nicht erinnern kann, jemals Reger an dieser Orgel gehört zu haben, lehrte mich in puncto Literaturspiel alles, was sich zwischen Pachelbel, JCF Fischer, Bach und Walther abspielte, außerhalb der beiden organgen FOaM und den 80 CVaM0 bewegte sich da wenig. Weitergehende Literatur musste ich selbst einbringen und wurde stets nur widerwillig behandelt. Ein solcher Unterricht fördert den Zugang zu Reger nicht gerade. - Halt, Lüge! - REGER habe ich bei diesem Lehrer gelernt und gespielt! DOCH, ICH ERINNERE MICH!!! - Fünf, sechs Sätzchenleinchen aus den 30 kleinen Choralvorspielen, eines davon gab's dann auch zum Eignungsnachweis, da sollte man ja auch was romantisches Spielen...

Vielleicht hätte ich einen anderen Zugang zu Reger, hätte ich einen anderen Unterricht erhalten. So jedoch hatte ich nie die Gelegenheit zu lernen, wie man Reger versteht und interpretiert. Also lasse ich es. Erfolgreich. Seit nunmehr 25 Jahren. Keiner meiner Zuhörer hat sich bisher beschwert, dass ihm Reger fehlt. Würde ich keinen Bach spielen, dann weiß ich genau, dass ich gefragt würde, warum nicht. Aber Reger? Den brauchen auch die Zuhörer nicht so, dass er zum "Pflichtprogramm und täglich Brot" werden müsste. Wäre das tatsächlich so, ich würde meinen Job an den Nagel hängen. Ungelogen.

LG
Jörg

Reger und Deutschland

R.Kluth @, Düsseldorf, Dienstag, 12. April 2011, 22:48 (vor 5622 Tagen) @ jrbecker

Zu meiner Studienzeit war es Pflicht, im Kantorenexamen oder zur künstlerischen Reifeprüfung ein großes Werk von Reger zu spielen. Und Max Reger gehörte, genau wie Bach auch, geradezu selbstverständlich zum Ausbildungsplan.
Herzl.Gruß, Reinhard Kluth

Reger und Deutschland

willscher, Mittwoch, 13. April 2011, 05:51 (vor 5622 Tagen) @ R.Kluth

Zu meiner Studienzeit war es Pflicht, im Kantorenexamen oder zur künstlerischen Reifeprüfung ein großes Werk von Reger zu spielen. Und Max Reger gehörte, genau wie Bach auch, geradezu selbstverständlich zum Ausbildungsplan.
Herzl.Gruß, Reinhard Kluth

Moin moin,
Mann, das mauß aber lange her sein ;-))
Ja, das war aber tatsächlich so, und es ist noch gar nicht sooo lange her, daß man das Wort "Reger" ergänzte um "oder ein anderes großes Orgelwerk der deutschen Romantik (z.B. von Karg-Elert)".
Da hatte noch keiner etwas von Bruno Weigl gehört. Oder von Hans Fährmann. Oder.......

HG

Andreas

Reger und Deutschland

jrbecker @, Mittwoch, 13. April 2011, 06:34 (vor 5622 Tagen) @ R.Kluth

... nur zur Ergänzung/Verdeutlichung: Selbstverständlich bin ich nebenamtlicher C-Musiker, aber auch die C-Prüfung habe ich 1987 ohne Reger geschafft. Brahms habe ich damals gespielt, und es kam offensichtlich gut an.

LG
Jörg

Reger und Deutschland

FranzS. @, Mittwoch, 13. April 2011, 10:33 (vor 5622 Tagen) @ jrbecker


.....denen ich allesamt nichts abgewinnen kann.

da wird sich schon was finden, was dir gefällt. Zum Glück gibts das ja alles umsonst bei imslp. Schau dir doch mal das "Te Deum" aus op. 59 an, oder die "Gigue" aus op. 80.

Bei insgesamt 28 Registern wäre hier einiges möglich gewesen, aber mein Orgellehrer, von dem ich mich nicht erinnern kann, jemals Reger an dieser Orgel gehört zu haben, lehrte mich in puncto Literaturspiel alles, was sich zwischen Pachelbel, JCF Fischer, Bach und Walther abspielte, außerhalb der beiden organgen FOaM und den 80 CVaM0 bewegte sich da wenig. Weitergehende Literatur musste ich selbst einbringen und wurde stets nur widerwillig behandelt. Ein solcher Unterricht fördert den Zugang zu Reger nicht gerade.

Ich würd mal sagen, dass ein solcher Unterricht überhaupt keinen Zugang zu Musik fördert. Die guten "alte Meister"-Sammlungen, oder besser gesagt "alter Hut". Nochdazu sind viele Sachen verstümmelt und editionstechnisch gesehen, fast schon verantwortungslos veraltet.


Vielleicht hätte ich einen anderen Zugang zu Reger, hätte ich einen anderen Unterricht erhalten. So jedoch hatte ich nie die Gelegenheit zu lernen, wie man Reger versteht und interpretiert. Also lasse ich es. Erfolgreich. Seit nunmehr 25 Jahren.

Na ja, ich will dir ja nicht dreinreden, aber jetzt ist Frühlingszeit und somit die Zeit was neues Auszuprobieren ;-). Fast schon programmatisch ist da die "Canzonetta" aus op. 80- umrahmt von einer düsteren Winterlandschaft erhebt sich im Mittelteil ein Traum vom Frühling, dann eine verträumte Coda, die, wenn sie auch ppp ist, aufmunternd daran erinnert, dass es bald wieder so weit ist; vorbei mit dem Sauwetter und dann ab in den Biergarten!

Keiner meiner Zuhörer hat sich bisher beschwert, dass ihm Reger fehlt. Würde ich keinen Bach spielen, dann weiß ich genau, dass ich gefragt würde, warum nicht.

Ich glaube meine Zuhörer kennen den Unterschied zwischen Bach und Reger gar nicht (liegt hoffentlich nicht an mir).

Grüße Franz

Reger und Deutschland

jrbecker @, Mittwoch, 13. April 2011, 12:10 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.


.....denen ich allesamt nichts abgewinnen kann.


da wird sich schon was finden, was dir gefällt. Zum Glück gibts das ja alles umsonst bei imslp. Schau dir doch mal das "Te Deum" aus op. 59 an, oder die "Gigue" aus op. 80.


Hallo Franz,

daraus könnten wir jetzt eine Unterhaltung machen à la "Kommt ein Vegetarier ins Steakhouse und fragt den Ober nach seiner Empfehlung ..." Ganz gleich, ob der Ober T-Bone oder Lende empfiehlt, dem Vegetarier wird es nicht gefallen. "Da wird sich schon was finden" sprach der Ober und zeigte auf's Salatbuffet. Genau, das sind die 30 kleinen Choralvorspiele von Reger. Die erwähnte ich ja bereits.

Ich habe mir die beiden von dir genannten Stücke angesehen. Das Te Deum auch angehört. Und nun? Ich formuliere es mal ganz trocken-derb: Schon die ersten Akkordfolgen in der ersten Notenzeile stellen sich mir im Gehörgang quer und finden nicht den Weg ins Hirn. Ich habe auch in der Vergangenheit hin und wieder einmal versucht, mich an "kleine Regers" heranzutasten. Immer wenn ich eine Weile daran geübt habe, habe ich sie weggelegt, entweder weil sie mir nicht in die Finger gingen oder weil ich sie harmonisch nicht nachvollziehen konnte - um nur zwei Gründe zu nennen. Ich habe ja - ich schrieb es - im Unterricht keinerlei Techniken erlernt, wie man an diese Kompositionen herangehen könnte.

Ich habe mich heute erneut der Bitte, mir die zwei Stücke anzusehen nicht verschlossen und zwei weitere Stücke gefunden, die mir sagen: "Lass die Finger von mir, ich gefall' dir nicht."

Bei insgesamt 28 Registern wäre hier einiges möglich gewesen, aber mein Orgellehrer, von dem ich mich nicht erinnern kann, jemals Reger an dieser Orgel gehört zu haben, lehrte mich in puncto Literaturspiel alles, was sich zwischen Pachelbel, JCF Fischer, Bach und Walther abspielte, außerhalb der beiden organgen FOaM und den 80 CVaM0 bewegte sich da wenig. Weitergehende Literatur musste ich selbst einbringen und wurde stets nur widerwillig behandelt. Ein solcher Unterricht fördert den Zugang zu Reger nicht gerade.


Ich würd mal sagen, dass ein solcher Unterricht überhaupt keinen Zugang zu Musik fördert. Die guten "alte Meister"-Sammlungen, oder besser gesagt "alter Hut". Nochdazu sind viele Sachen verstümmelt und editionstechnisch gesehen, fast schon verantwortungslos veraltet.


Ja genau, volle Zustimmung. Nachdem ich mich zeitgleich durch Radiosendungen mit Orgelmusik gezappt habe, habe ich das auch sehr schnell erkannt. Aber in der dörflichen Region, in der ich damals lebte, gab es keinen anderen, der Orgel unterrichtete - außer einem noch altmodischeren im anderen Nachbarort. Bis zu nächsten Stadt mit vielleicht geeignetetn hauptamtlichen Kirchenmusikern waren es über 20 km. Das passte damals weder zeitlich noch finanziell. Also entweder schlechten Unterricht oder gar keinen.


Vielleicht hätte ich einen anderen Zugang zu Reger, hätte ich einen anderen Unterricht erhalten. So jedoch hatte ich nie die Gelegenheit zu lernen, wie man Reger versteht und interpretiert. Also lasse ich es. Erfolgreich. Seit nunmehr 25 Jahren.


Na ja, ich will dir ja nicht dreinreden, aber jetzt ist Frühlingszeit und somit die Zeit was neues Auszuprobieren ;-).


Kleines Stichwort zum Thema "Zeit": Ich schrieb bereits, ich bin nebenamtlicher Kirchenmusiker. Ich habe einen Hauptberuf und eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Musik ist sozusagen mein Hobby, und zwar genaugenommen eines von zweien. Wo ein Hauptamtler ein seiner täglichen Übezeit solche Stücke vorbereitet, das ist die Zeit, in der ich meinem Hauptberuf nachgehe. Wenn ein Hauptamtler sich am Abend hinsetzt und eine halbe Stunde ein Buch liest oder seine Briefmarkensammlung sortiert, das ist die Zeit, die ich zum Üben aufbringen kann. Natürlich probiere ich auch Neues aus, aber ich muss einfach abwägen, ob ich meine wenige Übezeit in ein Stück investiere, das mir nicht gefällt, bloß weil man meint, Reger gehöre zum "täglich Brot" oder ob ich in dieser Zeit zwei andere Stücke übe, an denen ich Freude habe und die ich auch voranbringen kann. Wie wäre deine Wahl?

Fast schon programmatisch ist da die "Canzonetta" aus op. 80- umrahmt von einer düsteren Winterlandschaft erhebt sich im Mittelteil ein Traum vom Frühling, dann eine verträumte Coda, die, wenn sie auch ppp ist, aufmunternd daran erinnert, dass es bald wieder so weit ist; vorbei mit dem Sauwetter und dann ab in den Biergarten!


Ein drittes Stück, das ich mir angeschaut habe, und wieder eines, das mir schon vom Notenbild her sagt, dass die Zeit, die ich zum Üben dieses Stückes bräuchte, sinnvoller in andere Stücke (z. B. in ein Präludium von Buxtehude oder auch mal wieder Krebs E-dur auffrischen...) investiert ist.

Keiner meiner Zuhörer hat sich bisher beschwert, dass ihm Reger fehlt. Würde ich keinen Bach spielen, dann weiß ich genau, dass ich gefragt würde, warum nicht.


Ich glaube meine Zuhörer kennen den Unterschied zwischen Bach und Reger gar nicht (liegt hoffentlich nicht an mir).

Mach mal folgenden Versuch: Suche dir aus der "Sonntagsgemeinde" mal willkürlich 20 Zuhörer aus, spiele ihnen ein Stück von Bach vor und ein in Stimmung und Umfang gleichartiges von Reger. Benutze dafür entweder ein Instrument, wie ich es beschrieb oder ein orgelbewegtes aus den 70er Jahren mit RPos, HW, Ped und 20 Registern bei rein mechanischer Traktur. Wahlweise kannst du auch ein hochromantisches pneumatisches Dorförgelchen mit II/13 nehmen. Denn das sind die Instrumente, die Unsereiner zur Verfügung hat. Frage dann hinterher deine Zuhörer - ohne Namensnennung der Komponisten -, welches Stück ihnen besser gefallen hat. Ich wäre sehr gespannt auf das Ergebnis.

Ich will nicht abstreiten, dass es dabei vielleicht fünf Leute gibt, denen der Reger viel besser gefällt, und weitere fünf, denen beides gleichgut gefällt. Dem Rest jedoch wird der Bach besser gefallen. Zumindest wäre das in meiner Gemeinde so. Und da ich mit meiner wenigen Übezeit gerne möglichst viele Leute erreichen möchte, übe ich das, was der größeren Gruppe gefällt. Denn ich kann die Gemeinde eh nicht mit Stücken überzeugen, die mir selbst nicht gefallen.

LG
Jörg

Reger und Deutschland

FranzS. @, Mittwoch, 13. April 2011, 13:29 (vor 5622 Tagen) @ jrbecker


Ich habe mir die beiden von dir genannten Stücke angesehen. Das Te Deum auch angehört. Und nun? Ich formuliere es mal ganz trocken-derb: Schon die ersten Akkordfolgen in der ersten Notenzeile stellen sich mir im Gehörgang quer und finden nicht den Weg ins Hirn.

Hallo Jörg,

dann bist du schon eine harte Nuss;-), dachte ich mir doch insgeheim, dass dich gerade die anfänglichen Akkorde im Te Deum "bekehren" würden.


Ja genau, volle Zustimmung. Nachdem ich mich zeitgleich durch Radiosendungen mit Orgelmusik gezappt habe, habe ich das auch sehr schnell erkannt. Aber in der dörflichen Region, in der ich damals lebte, gab es keinen anderen, der Orgel unterrichtete - außer einem noch altmodischeren im anderen Nachbarort. Bis zu nächsten Stadt mit vielleicht geeignetetn hauptamtlichen Kirchenmusikern waren es über 20 km. Das passte damals weder zeitlich noch finanziell. Also entweder schlechten Unterricht oder gar keinen.

Das scheint ja schon ein paar Jahre her zu sein und wenn der Orgellehrer ein Nebenamtler war, seis ihm verziehen. Jedoch gab und gibt es genug Hauptamtliche, die die selbe Didaktik angewendet haben bzw. immer noch anwenden.


Kleines Stichwort zum Thema "Zeit"....

vollstes Verständnis.

...Krebs E-dur auffrischen...

jaaaa, tolles Werk auch völlig unterrepresentiert.

Viele Grüße Franz

Reger und Deutschland

jrbecker @, Mittwoch, 13. April 2011, 14:21 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.


Ja genau, volle Zustimmung. Nachdem ich mich zeitgleich durch Radiosendungen mit Orgelmusik gezappt habe, habe ich das auch sehr schnell erkannt. Aber in der dörflichen Region, in der ich damals lebte, gab es keinen anderen, der Orgel unterrichtete - außer einem noch altmodischeren im anderen Nachbarort. Bis zu nächsten Stadt mit vielleicht geeignetetn hauptamtlichen Kirchenmusikern waren es über 20 km. Das passte damals weder zeitlich noch finanziell. Also entweder schlechten Unterricht oder gar keinen.


Das scheint ja schon ein paar Jahre her zu sein und wenn der Orgellehrer ein Nebenamtler war, seis ihm verziehen. Jedoch gab und gibt es genug Hauptamtliche, die die selbe Didaktik angewendet haben bzw. immer noch anwenden.

Da habe ich mich wohl etwas missverständlich ausgedrückt, deshalb hier nur zu diesem Punkt noch eine kurze Ergänzung:
Ja, es ist schon einige Jahre her (über 25, um genau zu sein), aber: Nein, er war kein Nebenamtler. Er war aus meiner Schüler-Sicht der einzige Hauptamtler "weit und breit" und sogar die örtlichen Zeitungen konnten ihn als Koriphäe preisen - was spiel- und interpretationstechnisch auch für die damalige Zeit und vor allem für die Schule aus der er kam in Ordnung gegangen sein mag.

Hätte man als Variante einen Unterricht bei einem anderen, "aktuelleren" Hauptamtler gewollt, hätte man die o. g. Entfernung auf sich nehmen müssen.

LG
Jörg

Reger und Deutschland

Karsten, Dienstag, 12. April 2011, 23:33 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.

Hallo,

bei Rosalinde Haas bin ich auch etwas reserviert, aber immerhin hat sie die erste (?) Gesamteinspielung vorgelegt. Bei NAXOS sind auch viele schöne Einspielungen dabei. Am meisten hat mich Vol 6 überzeugt, besonders die fis-moll-Variationen. Hoffentlich bringen die das zu Ende.

Ja, das hat sie meines Wissens. Es gab auf Schallplatte mal eine Einspielung mit verscheidenen Organisten, an neobarocken Zimbel-Kisten aus den 1960er Jahren. Keine Ahnung wie vollständig die waren.
Bei aller Reserviertheit bzgl. Rosalinde Haas muss man ihr zu Gute halten, dass sie mit ihrer Einspielung wunderbar gezeigt hat, wie farbenreich man Reger auf typischen modernen Orgeln dieser Zeit darstellen kann.
Die Naxos-Reihe geht langsam weiter. In Fulda wurde wieder eine Folge eingespielt...

Leider zeigen sich die üblichen Probelem des Reger-Spiels auch bzw. gerade bei "kleineren" Werken. Neben den spieltechnischen Schwierigkeiten eben auch die spielpraktischen (Registrierung etc.) und vor allem Musikalischen. Stehen diese beereits bei den großen Orgelwerken Regers häufig außerhalb einer "vernünftigen" Aufwand-Nutzen-Relation, so erst Recht bei den "kleinen" Werken.


Empfinde ich eigentlich nicht mehr so. Man muss eben langsam an die Sachen ran, Fingersätze ausarbeiten usw; sich einfach mit dem Werk beschäftigen und dann klappt das alles und vieles liegt, wie ich finde, dann gut in den Fingern. Und was am wichtigsten ist, es lohnt sich zum üben, weils einfach gute Musik ist. Bei der Registrierung ist es manchmal nur auf den ersten Blick schwierig. Viele der "Crescendos" kommen durch den Satz an sich schon. Beispielsweise bei op. 69 "Präludium" ab Takt 25, wo es da heißt "sempre ff e crescendo", da wirds von ganz allein stärker, weils im Diskant immer höher wird, im Pedal die mächtigen Oktavsprünge hinzukommen, und der Satz fünfstimmig wird, das "sempre poco ritardando" tut sein übriges.

Ja, aber die Vorbehalte der übrigen Organisten sind oft immmer noch da. Leider. Und eben sehr viele Musiker denken immer noch so bzw. wollen/können sich nicht diesen Aufwand, sowohl geistig als auch technisch, der eben notwendig ist um Reger zu fassen, nicht leisten.

HIP [...]
Wenns danach ginge, dürfte ich auf meiner Orgel gar nichts spielen. Was die HIP-Mafia angeht, wenn ich mir die Märchen vom "Straube-code" anhöre, kommen mir schon Zweifel, ob das nicht sämtlich Ignoranten sind. Metronomangabe: Wenn Reger wirklich alles doppelt so langsam gemeint hat, dann würde das ja auf die Metronomangabe seiner Klavierwerke auch zutreffen, oder nicht? Dann wird das ganze aber schon sehr langsam und Unpianistisch.

Der Straube-Code wurde im (alten) Forum auch heftigst diskutiert. Und liest man sich diesen Aufsatz mal durch, so merkt man die "Denkfehler" und Lücken (wie z.B. die bereits erwähnten Parallelen zu anderen Werkgruppen) sehr schnell. Haltbar scheint mir das auch nicht. Um Reger überzeugend "langsam" bzw. "schnell" zu spielen, bedarf es keinen Code, sondern nur ein umfassendes musikalisches Verständnis und Technik, einen entsprechenden Raum und eien entsprechenede Orgel...

Das Walcker- oder Sauer- Argument berücksichtigt eigentlich nicht die Frage, wie Reger seine Orgelsachen selbst im Kopf gehört hat. Wer sagt denn, dass er da symphonische Klänge im Kopf hatte?

Man könnte stur dagegen halten, wen interessiert's, was Reger im Kopf gehört hat, entscheidend ist, was und wie er auf's Papier gebracht hat. Dass Reger auch schon sehr früh in "symphonischen Dimensionen" gedacht hat, müssten die großen frühen Orgelwerke doch eigentlich schon beweisen.

Man höre sich mal die Streichquartette an, oder die Kammermusik (gibts sehr, sehr viel), denn dann ist der Klang einer kleineren "modernen" Orgel viel näher dran, als der eines 100-Register-Instruments. Im Übrigen finden sich in den Streichquartetten auch crescendi und pppp und ffff , obwohl dort der dynamische Spielraum ja eher klein und alles andere als symphonisch ist.

Natürlich muss man die Dynamikangaben immer auch im Kontext des angegebenen bzw. dann tatsächlich verwendeten Instrumentariums sehen. Das ffff bei einem Streichquartett hat selbstverständlich eine andere Dezibelzahl als das eines großen Sinfonieorchesters. Und auch hier muss man berücksichtigen, dass Reger in seiner Meinigner Zeit viel gelernt hat, was Dynamik angeht.
Und dass Friedrich als ausgebildeter Geiger bei dem Kommentar, dass Streicher einen eher kleinen dynamischen Spielraum hätten, nicht auf die Barrikaden gegangen ist, wundert mich ein bissl ;)

Am wichtigsten ist aber, dass Reger und Bach Pflichtprogramm und täglich Brot für jeden Organisten sein sollte, weil man solche Musik sonst nicht findet und man fürchterlich viel versäumt, wenn man diese Musik nicht spielt und hört (aus welchen Gründen auch immer).


Ganz meine Meinung.

Gruß
Karsten

Reger und Deutschland

Martin78 @, Mittwoch, 13. April 2011, 06:43 (vor 5622 Tagen) @ FranzS.

Hallo!

Ja, viele Werke Regers sind leider unterrepräsentiert und es sind tolel Sachen dabei. Nur sind die meistens wirklich nicht bekannt. Vielleicht helfen ja die laufenden Gesamteinspielungen (ich denke da vor allem an NAXOS), unbekanntes Terrain zu erschließen. Die bisher einzig vollständige Einspielung von Rosalide Haas ist ja aus bekannten Gründen etwas verpöhnt...


Hallo,

bei Rosalinde Haas bin ich auch etwas reserviert, aber immerhin hat sie die erste (?) Gesamteinspielung vorgelegt. Bei NAXOS sind auch viele schöne Einspielungen dabei. Am meisten hat mich Vol 6 überzeugt, besonders die fis-moll-Variationen. Hoffentlich bringen die das zu Ende.

Ich denke, dass diese Reihe zu Ende gebracht wird; siehe hier.

Viele Grüße,
Martin

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