Windversorgung 19. Jahrhundert

CamilVH, Donnerstag, 03. Januar 2013, 10:25 (vor 5047 Tagen)

Liebe Forianer,
da hier doch eine Menge gut informierter Orgelexperten versammelt sind, und ich mich z.Zt. mit Reubke beschäftige, möchte ich hier eine Frage stellen, auf die ich ohne weiteres in der mir zur Verfügung stehenden Literatur und auch im Internet keine wirkliche Antwort gefunden habe:
Wie, wo und wann vollzog sich der Übergang von der mechanischen zur elektrischen Windversorgung bei Orgeln? Ich glaube mich zu erinnern vor vielen Jahren mal gelesen zu haben, dass Bruckner in London 1859 auf einer mit Dampf betriebenen Orgel gespielt haben soll. Gab es das auch in Deutschland? Welche Orgelbauer haben Dampfmotoren verwendet, bzw. welche Alternativen gab es? Welche bedeutenden Instrumente wurden gleich mit Motoren ausgestattet? Merseburg sicher nicht, aber vielleicht Schwerin? Wie war es bei Walcker? NDP soll erst in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts einen Elektromotor erhalten haben, wie dieses höchst originelle Bild zeigt (aus: Rollin Smith: Louis Vierne)

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Angesichts dieses Fotos bin ich doch recht dankbar für die Einführung der elektrischen Windversorgung, wenn man auch Minijobbern eine Verdienstmöglchkeit nimmt. Zum Glück scheint in Paris wenigstens keine Kinderarbeit mehr üblich gewesen zu sein.

Konnte Reger immer mit Elektromotoren rechnen?

Herzlichen Gruß, freue mich auf interessante Antworten.
Gabriel

Windversorgung 19. Jahrhundert

OrganisteTuttilaire, Donnerstag, 03. Januar 2013, 13:03 (vor 5046 Tagen) @ CamilVH

Sehr erfreulich finde ich, dass schon damals jeder fünfte qualifizierte Arbeitsplatz von einer Frau besetzt wurde. Die Dame hat sich übrigens werktags mit Weintrauben in großen offenen Fässern beschäftigt, so erzählte man sich.

Windversorgung 19. Jahrhundert

Hilbrands, Donnerstag, 03. Januar 2013, 17:10 (vor 5046 Tagen) @ CamilVH
bearbeitet von Hilbrands, Donnerstag, 03. Januar 2013, 17:18

Das einzige elektrische Gebläse aus dem 19. Jh. in Deutschland, von dem ich gelesen habe, baute Seifert in Hilden 1897.
Walcker baute welche in Esslingen 1912 und in Bliesheim 1911. Das elektr. Gebläse der Walcker-Orgel in Forchheim 1907 baute eine ansässige Firma.
Walcker baute 1884 eine dampfbetriebenen Orgel im Dom von Riga.
Massenhaft haben sich die elektrischen Gebläse erst in den 1920ern durchgesetzt.

Im nordfranzösischen Valenciennes baute Joseph Merklin 1891 die erste Orgel in Frankreich mit elektrischen Trakturen (III/62). Siehe dazu L'Orgue électronique de l'église Notre-Dame à Valenciennes : construit d'après le nouveau système électro-pneumatic Schmœle & Mols par MM. Merklin & Cie : rapport de la commission chargée de la réception: appréciations diverses.. Valenciennes: Seulin et Dehon, 1891.
Beliefert wurden die großen Firmen teils von M. Welte & Söhne, die ab 1880 an der Entwicklung elektropneumatischer Trakturen beteiligt waren.

Windversorgung 19. Jahrhundert

Schreipositiv @, Wetter, Donnerstag, 03. Januar 2013, 17:57 (vor 5046 Tagen) @ Hilbrands

Das einzige elektrische Gebläse aus dem 19. Jh. in Deutschland, von dem ich gelesen habe, baute Seifert in Hilden 1897.

Die Orgel der ev.ref. Kirche Wetter hatte so viel ich weiß seit ihrer Erbauung 1894 ein elektrisches Gebläse. Allerdings ist meine Quellenlage dazu relativ dünn.

Windversorgung 19. Jahrhundert

Florian-L, Freitag, 04. Januar 2013, 07:50 (vor 5046 Tagen) @ Hilbrands
bearbeitet von Florian-L, Freitag, 04. Januar 2013, 07:54

Im nordfranzösischen Valenciennes baute Joseph Merklin 1891 die erste Orgel in Frankreich mit elektrischen Trakturen (III/62). Siehe dazu L'Orgue électronique de l'église Notre-Dame à Valenciennes : construit d'après le nouveau système électro-pneumatic Schmœle & Mols par MM. Merklin & Cie : rapport de la commission chargée de la réception: appréciations diverses.. Valenciennes: Seulin et Dehon, 1891.

Laut dieser Quelle gab es schon 1866, ebenfalls in Frankreich nahe Marseille, eine elektrisch traktierte Orgel von Péschard.
Ein berühmteres Beispiel ist St-Augustin in Paris.

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Windversorgung 19. Jahrhundert

stein @, Freitag, 04. Januar 2013, 09:06 (vor 5046 Tagen) @ Florian-L

In Montivilliers war die Traktur schon 1895 elektrifiziert. Die Orgel war mit grossen Akkukisten (siehe unten im nächsten Post) ausgestattet, da das oertliche Stromnetz noch nicht vorhanden war. Das Gebläse vermute ich ebenfalls elektrisch.
gruss stein

Windversorgung 19. Jahrhundert

Hilbrands, Donnerstag, 03. Januar 2013, 17:21 (vor 5046 Tagen) @ CamilVH

Welche Orgelbauer haben Dampfmotoren verwendet, bzw. welche Alternativen gab es?

Dies wäre eine Alternative.

Windversorgung 19. Jahrhundert

kjz1, Donnerstag, 03. Januar 2013, 17:43 (vor 5046 Tagen) @ Hilbrands

Oder auch, falls zur Verfügung, Wasserkraft, wie früher bei der Mormon Tabernacle Organ.

Windversorgung 19. Jahrhundert

AndreasM @, Völklingen, Donnerstag, 03. Januar 2013, 17:45 (vor 5046 Tagen) @ CamilVH

Hallo,

so ganz auf die Schnelle habe ich ein wenig gestöbert und folgendes herausgefunden:
Klais baute schon 1904 elektr. Gebläse in Bonn und Kaiserslautern, siehe hier. Die Voit-Orgel in der Stadthalle Heidelberg hatte 1903 schon einen elektr. fahrbaren Spieltisch, also wahrscheinlich auch ein elektr. Gebläse. Stahlhuth baute 1912 in Dudelange drei Wassermotoren, wie sie wohl in England in Gebrauch waren. Diese wurden in den dreißiger Jahren durch ein elektr. Gebläse ersetzt.

Grüße Andreas

Windversorgung 19. Jahrhundert

Friedrich @, Samstag, 05. Januar 2013, 06:52 (vor 5045 Tagen) @ CamilVH

Orgeln mit Motorgebläsen jeglicher Art waren zur Zeit Regers die absolute Ausnahme, in der Provinz erst recht. Man brauchte ja nicht nur Strom, sondern auch jemanden, der sich damit auskennt. Nur wenige prestigeträchtige Orgeln wurden mit einem wie auch immer gearteten Motor ausgestattet.

Was Schwerin angeht, kann ich mit einer Anekdote dienen. Eine Verwandte hatte dort zu ihrer ersten Orgelprüfung (wohl bei Georg Gothe) die dorische Toccata zu spielen. Am Sonntag darauf dürfte sie dann das Stück als Nachspiel bringen. Sie kam aber nicht zum Ende, denn der Küster hörte auf zu treten mit der Begründung, es sitze auch niemand mehr in der Kirche.

Wenn die Geschichte stimmt, gab es in Schwerin bis Kriegsende keinen Gebläsemotor.

Gruß,
Friedrich

Windversorgung 19. Jahrhundert

Karsten, Samstag, 05. Januar 2013, 13:54 (vor 5044 Tagen) @ CamilVH
bearbeitet von Karsten, Samstag, 05. Januar 2013, 14:25

Wie, wo und wann vollzog sich der Übergang von der mechanischen zur elektrischen Windversorgung bei Orgeln? Ich glaube mich zu erinnern vor vielen Jahren mal gelesen zu haben, dass Bruckner in London 1859 auf einer mit Dampf betriebenen Orgel gespielt haben soll. Gab es das auch in Deutschland? Welche Orgelbauer haben Dampfmotoren verwendet, bzw. welche Alternativen gab es? Welche bedeutenden Instrumente wurden gleich mit Motoren ausgestattet? Merseburg sicher nicht, aber vielleicht Schwerin? Wie war es bei Walcker?

Ich erlaube mir, ausführlich und in Originalsprache aus William Leslie Sumners "The Organ - Its evolution, principles of construction and use" (4. Auflage, 1973) zu zitieren (S. 356ff). Natürlich nicht "up to date" und auf Großbritannien bezogen, aber die grundlegenden Verläufe werden vorgestellt:

Early in the nineteenth Century, water mains, which were becoming common in England and in favourable circumstances were capable of supplying water at a pressure of 30 Ib. per square in., were used to actuate blowing cylinders which moved the bellows feeders.
Large Instruments of the mid- and later nineteenth-century, such as those at the Alexandra Palace, London, and St. George's Hall, Liverpool, were blown by steam power, and Henry Willis invented large-diameter blowing cylinders to replace the bellows feeders. Such a method of blowing was obviously inconvenient to an Organist requiring the use of the instrument at short notice.
The early hydraulic engines which did not differ greatly in design from steam cylinders were crude and jerky in action, but between 1860 and 1870 David Joy, a Middlesbrough engineer, devised a "fluid-driven slide valve", which was a great improvement. The device could be attached to existing feeders, if necessary, and the rising reservoir could readily be made to regulate the supply of water. Even today when the hydraulic blower has practically vanished from English organs, it is still found in some places in America where the churches are exempt from water rates! In London and a few other places hydraulic power became available at 750-1,000 Ib. per square inch, and this was used occasionally for organ-blowing. For a time two tiny blowing cylinders, with mechanism devised by Mr. Vincent Willis, were used in the organ of St. Paul's Cathedral, London. Gas engines became popular in many parts of the world in the late nineteenth and early twentieth centuries. When a gas engine was used for organ-blowing, the plant had to be set up at some distance from the organ and in a special chamber, usually outside the building in which the organ stood. Many organs were ruined, over a period of years, by the action of oil and gas fumes sucked in with the air of the blower and delivered to the organ. This, of course, could be avoided by a proper arrangement of the blowing apparatus, but it occurred quite often and much damage was done, in particular, to the leather of the pneumatic action.
Mains electricity is now almost universally employed for organ-blowing. At first, electric motors drove the feeders of the "bellows" by worm and pinion gear, but later the old leather feeders were rendered obsolete by supplying air from centrifugal compressors directly to the reservoirs. Fans rotating in an airtight casing and driven by electric motors had been used for blowing blast and other furnaces from 1880 or before, and Robert Hope-Jones used a similar device for blowing the organ in St. John's Church, Birkenhead, in 1887. The rotary fan was improved in 1902 by R. A. and L. B. Cousans, of Lincoln, who introduced the Kinetic blower. This worked at the relatively slow speed of 1,000-1,400 revolutions per minute and was coupled directly to the electric motor. The principle of the multi-stage fan was that air which was thrown from the periphery of a fan and thus compressed was taken by ducts to the centre of the next fan on the same spindle: thus each fan increased the pressure by l 1/2 in. or 2 in. of wind. The pressure wind could be tapped off at any stage and piped to appropriate reservoirs. Blowers are made so that they adjust their power automatically to the wind which is being taken from them. Moreover, even large plants can be started and stopped by simple push-button control at the organ console and the starting rheostat is actuated automatically. It was customary to drive the low-voltage dynamo (14-15 volts), which supplied current for the organ action, by a belt from the blowing motor. Organ-blowing plants for the smallest Organs can be obtained in insulated boxes, so that they may be placed within the organ itself, outside the instrument and in the church, or even above the pipes of the great organ, and yet no noise is apparent in the building. There is now no longer any need to endure noisy organ-blowing plants.

Konnte Reger immer mit Elektromotoren rechnen?

Reger hat, glaube ich, mit gar nichts "gerechnet". Der schrieb einfach rücksichtslos wie er nicht anders konnte. ;)

Gruß
Karsten

Windversorgung 19. Jahrhundert

CamilVH, Samstag, 05. Januar 2013, 21:11 (vor 5044 Tagen) @ Karsten

Danke für die interessanten Antworten, insbesondere Karsten für die letzte. Mann, Mann, Mann - und wir drücken einfach nur ein Knöpfchen und denken nicht weiter darüber nach, dabei hätten wir hundert Jahre früher ganz andere Sorgen gehabt...

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