Orgelbau in den USA
Nachdem über den geplanten Orgelneubau durch Eule in der Trierer Konstantinbasilika diskutiert worden ist, könnte es vielleicht einmal ganz interessant sein, einen Blick auf gegenwärtige Tendenzen im amerikanischen Orgelbau zu werfen. …
Die US-Amerikaner ziehen eben eine ganz andere Schleppe von Tradition hinter sich her. Sie gehen damit wechselnd unbefangen um, aber kaum einer wirft sie ab – und wenn, dann steht er als radikaler Außenseiter da, wie Walter Holtkamp, John Brombaugh oder Taylor & Boody (die bereits für drei Generationen Ungleichzeitigkeit stehen).
Für viele Orgelbauer und ihre Kunden sind die elektropneumatischen Orgeln von Skinner, Austin und ihren Konkurrenten sowie deren pseudo-neubarocke Abkömmlinge wie Möller immer noch der Maßstab. Solche Orgeln hatten sie schon immer, solche Orgeln wollen sie wieder haben: mit lauten und leisen Registern, lauten und leisen Manualwerken, Extensions- und Transmissionspedalen, möglichst vielen Schwellkästen, Koppeln und Kombinationen, klar zugewiesenen musikalischen Funktionen und einer direkten Anbindung an eine ganz bestimmte Musikpraxis samt Repertoire. Wenn man als Deutscher diese Praxis und dieses Repertoire erlebt, kann das eindrucksvoll und neuartig wirken. Es ist in sich aber auch zutiefst konservativ und kann stark ausschließend sein. Das ist es auch, was ich an Entwürfen wie dem in Trier immer anmerken werde, selbst wenn sie im Deutschen Umfeld neu sein mögen.
Als US-Marktspitze galt bis 1972 Æolian-Skinner, und die ehrgeizigen, aber nicht gerade rebellierenden Orgelbauer von heute orientieren sich immer noch daran. Dazu sind Schoenstein und, als kleine Werkstatt, auch Sebastian Glück zu zählen. Wobei Sebastian eher die Tendenz des Æ-S-Chefs Harrison fortsetzt, klanglich-musikalisch originelle Lösungen anzubieten. Das finde ich sympathisch, im Gegensatz zu den Schoenstein-Orgeln mit ihrem fast einschüchternden Komfort und der Inszenierung eines Klanges, den ich für sich leider nicht als besonders auf- oder gar anregend empfinde. Solche Orgeln wirken auf mich wie Musikverwaltungs-Instrumente. Was ist so doll an einer Trompete, die im Schwellkasten hinter eine Extra-Schwellwand gepfercht wurde? Die kann nur noch laut und leise, alle Würze verliert sie auf dem langen Weg.
Quimby versucht zumindest, den Anschluss an die britische Tradition des Schleifladenbaus mit den traditionellen amerikanischen Konzepten zusammenzubringen. Andover zählte mal neben Noack und Fisk zur Elite der Orgelbauer, die einen neuen Ton in die Szene brachten. Wenn ich allerdings solche Mammutdispositionen lese, bekomme ich den Eindruck, dass da der Anschluss an den traditionellen Markt gesucht wird. (Nachtrag: Wenn die Orgeln weiter so gut klingen, ist natürlich wenig dagegen zu sagen.)
Bei solchen Aufstellungen amerikanischer Neubauten wird mir immer klar, wie sehr meine eigenen Erwartungen an eine Orgel von den hiesigen Konzepten der letzten fünfzig Jahre geprägt sind. Vieles davon finde ich eben auch überzeugend, vor allem das Verständnis einer Orgel als eines geschlossenen technisch-musikalisch Ganzen, das im eng aufeinander bezogenen Wechselspiel aller Klänge seine Möglichkeiten entfaltet. Tuba und Flute Celeste sind dagegen bloße Single-Use-Register. Die schönsten Orgeln, die ich kenne, sind in diesem Sinn einzigartige Würfe, die aus einer speziellen Situation heraus entstanden und auf den ersten Blick immer unerwartet wirken. Der traditionelle amerikanische Orgelbau scheint mir da eher fest in seinen Gewohnheiten zu wurzeln.
Und von der Prospektgestaltung darf ich gar nicht erst anfangen.
Gruß,
Friedrich
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