Bachs Markuspassion

willscher, Sonntag, 17. Februar 2013, 12:26 (vor 4995 Tagen)

Nach der Uraufführung der Markuspassion von Bach gestern die Erstaufführung in der ev. Kirche Hamburg-Tonndorf. Jawohl, es gab zwar schon einige Versuche der Rekonstruktion, die allesamt eher dürftig ausfielen. Frank Vollers, der die gestrige Aufführung leitet (und für die kirchenmusikalische Arbeit in HH-Tonndorf verantwortlich ist) hat das Werk rekonstruiert - und brauchte viele viele Jahre dafür. Das gesamte Libretto ist erhalten. ein Glücksfall, daß Bach sich des sogenannten Parodie-Verfahrens bediente (bereits früher entstandene Musik wird mit einem neuen Text unterlegt). So nutzte Bach fünf Sätze aus der Trauerode von 1727 und eine Kantaten-Arie von ca. 1714. 1727 hatte Bach eine groß angelegte Trauermusik geschaffen, deren Text keine Wiederaufführung erlaubt hätte. So beschloß er, den Text einer oratorischen Passion zu unterlegen, damit diese in Leipzig alljährlich am Karfreitag aufgeführt werden konnte (was man ihm ja keinesfalls verübeln kann). Bach hatte sich entschieden, für seine später entstandene h-Moll-Messe nämlich auch Musik aus der Markus-Passion zu entleihen. die vier bislang verloren geglaubten Arien finden sich nämlich mit lateinischem Text in der Messe wieder und konnten dank des überlieferten Librettos zur Markus-Passion rückübertragen werden. Es gab gestern die Version einer Kammerfassung (neben den 4 Solisten und dem Chor benötigt man Traversflöte, 2 Violinen, Viola, Cello, Violone, Orgel und Cembalo). Der Orgelpart wurde übrigens - da nur ein Gedackt 8' (+ ggf. eine 4'-Flöte) benötigt wird, auf einem Viscount Sakral Keyboard ausgeführt. Mit geschlossenen Augen konnte man das nicht wirklich von Pfeifen unterscheiden. Klein und handlich, das Teil, mit eingebauten Lautsprechern.
Für Hamburger (und Umgebung): Am Karfreitag wird die Passion noch einmal aufgeführt in der Christuskirche HH-Wandsbek (19:30), dann mit Barockorchester (Leitung: Gerd Jordan). Eine echte Bereicherung der Passionsliteratur allemal.

Gruß
Andreas

Bachs Markuspassion

Hilbrands, Sonntag, 17. Februar 2013, 16:13 (vor 4995 Tagen) @ willscher

Bach hatte sich entschieden, für seine später entstandene h-Moll-Messe nämlich auch Musik aus der Markus-Passion zu entleihen. die vier bislang verloren geglaubten Arien finden sich nämlich mit lateinischem Text in der Messe wieder und konnten dank des überlieferten Librettos zur Markus-Passion rückübertragen werden.

Vielen Dank für die Infos. Es gibt in der Tat etliche Rekonstruktionen. Das größte Problem sind die Rezitative, da hier keine (parodierte) Musik erhalten ist.
Das mit den angeblichen Parodievorlagen für die h-Moll-Messe ist mir neu und findet sich in der mir bekannten Literatur nicht. Hast Du Belege für diese These?
Gruß, Walter

Bachs Markuspassion

willscher, Sonntag, 17. Februar 2013, 16:17 (vor 4995 Tagen) @ Hilbrands

Bach hatte sich entschieden, für seine später entstandene h-Moll-Messe nämlich auch Musik aus der Markus-Passion zu entleihen. die vier bislang verloren geglaubten Arien finden sich nämlich mit lateinischem Text in der Messe wieder und konnten dank des überlieferten Librettos zur Markus-Passion rückübertragen werden.


Vielen Dank für die Infos. Es gibt in der Tat etliche Rekonstruktionen. Das größte Problem sind die Rezitative, da hier keine (parodierte) Musik erhalten ist.
Das mit den angeblichen Parodievorlagen für die h-Moll-Messe ist mir neu und findet sich in der mir bekannten Literatur nicht. Hast Du Belege für diese These?
Gruß, Walter

Nur die Aussagen aus dem Programm, aber ich kann da noch mal nachfragen. Ohne Grund hat Frank Vollers das nicht geschrieben........

Andreas

Bachs Markuspassion

Hilbrands, Sonntag, 17. Februar 2013, 16:30 (vor 4995 Tagen) @ willscher

Nur die Aussagen aus dem Programm, aber ich kann da noch mal nachfragen. Ohne Grund hat Frank Vollers das nicht geschrieben........

Vielen Dank. Wolff gibt in seiner Werkeinführung "JSB. Messe in h-moll", Bärenreiter 2009, S. 134f, eine Übersicht über die Parodievorlagen. Die Markuspassion erscheint nicht, auch nicht im Bach-Werke-Verzeichnus, wo zu Beginn die Parodievorlagen angegeben werden, auch nicht in Blankenburgs Werkeinführung und nicht bei Küster, der im "Bach-Handbuch" ausführlich auf die Parodievorlagen eingeht (S. 498-512).
Bin gespannt, Walter

Bachs Markuspassion

willscher, Dienstag, 19. Februar 2013, 15:29 (vor 4993 Tagen) @ Hilbrands

Vielen Dank. Wolff gibt in seiner Werkeinführung "JSB. Messe in h-moll", Bärenreiter 2009, S. 134f, eine Übersicht über die Parodievorlagen. Die Markuspassion erscheint nicht, auch nicht im Bach-Werke-Verzeichnus, wo zu Beginn die Parodievorlagen angegeben werden, auch nicht in Blankenburgs Werkeinführung und nicht bei Küster, der im "Bach-Handbuch" ausführlich auf die Parodievorlagen eingeht (S. 498-512).
Bin gespannt, Walter

Quellen für die Musik zur Markus-Passion:
Autographe Partitur (bzw. Faksimile) Trauerode: daraus 2 Chöre und 3 Arien (Parodie ist seit W. Rust nachgewiesen)
Abschrift Partitur Kantate 54: daraus 1 Arie (Parodie ist seit F. Smend nachgewiesen)
Autographe Partitur Messe h-Moll (bzw. Faksimile): daraus 4 Arien (praktischer Nachweis durch Frank Vollers 2012)
Choralgesänge, posthume Ausgabe von C.P.E Bach bzw. Handschrift Dietel ca. 1735: daraus 14 Choräle
Matthäus-Passion: daraus 2 Choräle

Die Messe h-Moll ist weitgehend Parodie. Das beweisen die Schriftbefunde am Autograph. Die vier von mir identifizierten Arien lassen im Autograph der h-moll Messe zahlreiche Korekturen im Zusammenhang mit der Neutextierung (lat. Text 1733 und 1748) erkennen.
Wort-Ton-Verhältnis, Affekt, Tonarten und Besetzung weisen zwingend auf den Picander-Text ca. 1731 der Markus-Passion als ursprünglichen Ausgangspunkt für diese vier Arien und Duette.

Das die Antwort von Frank Vollers.........

Bachs Markuspassion

Hilbrands, Dienstag, 19. Februar 2013, 17:06 (vor 4993 Tagen) @ willscher

Quellen für die Musik zur Markus-Passion:
Autographe Partitur (bzw. Faksimile) Trauerode: daraus 2 Chöre und 3 Arien (Parodie ist seit W. Rust nachgewiesen)
Abschrift Partitur Kantate 54: daraus 1 Arie (Parodie ist seit F. Smend nachgewiesen)
Autographe Partitur Messe h-Moll (bzw. Faksimile): daraus 4 Arien (praktischer Nachweis durch Frank Vollers 2012)
Choralgesänge, posthume Ausgabe von C.P.E Bach bzw. Handschrift Dietel ca. 1735: daraus 14 Choräle
Matthäus-Passion: daraus 2 Choräle

Die Messe h-Moll ist weitgehend Parodie. Das beweisen die Schriftbefunde am Autograph. Die vier von mir identifizierten Arien lassen im Autograph der h-moll Messe zahlreiche Korekturen im Zusammenhang mit der Neutextierung (lat. Text 1733 und 1748) erkennen.
Wort-Ton-Verhältnis, Affekt, Tonarten und Besetzung weisen zwingend auf den Picander-Text ca. 1731 der Markus-Passion als ursprünglichen Ausgangspunkt für diese vier Arien und Duette.

Das die Antwort von Frank Vollers.........

Vielen Dank, dass Du nachgefragt hast. Wie ich verstehe, geht FV davon aus, dass vier Arien der h-Moll-Messe Vorlagen in der Markuspassion finden. Dass die Messe zum großen Teil aus Parodien besteht, ist Konsens. Dass die Markuspassion Parodievorlage ist, ist m.W. ein neuer Vorschlag, der mir in der Literatur noch nicht begegnet ist. Koopman nimmt bspw. einen Chor aus dem Credo als Vorlage, aber keine Arie. Ich habe jetzt versucht FV anzurufen, konnte ihn aber nicht erreichen.

Hier die Übersicht von Koopmans Rekonstruktion, die ich seinerzeit mal zusammengestellt hatte:

  • 1 Eingangschor „Geh, Jesu, geh zu deiner Pein“
    aus: Kantate „Es ist nichts Gesundes an meinem Leib“: Eingangschor BWV 25,1
  • 3 Chor „Ja nicht auf das Fest“
    keine Vorlage
  • 4b Chor „Was soll dich dieser Unrath?“
    keine Vorlage
  • 9 Chor „Wo willst du, daß wir hingehen?“
    aus: h-moll Messe: „Credo in unum Deum“ II (ab Takt 7), BWV 232,13
  • 13 Arie (Bass) „Mein Heyland, dich vergeß ich nicht“
    aus: Kantate „Himmelskönig sei willkommen“: Arie (Alt) „Leget euch dem Heiland unter“ BWV 182,5
  • 21 Arie (Duett Sopran, Alt) „Er kommt, er kommt, er ist vorhanden“
    aus: Kantate „Christ lag in Todesbanden“: Arie (Duett Sopran, Alt) „Den Tod niemand zwingen kunnt“ BWV 4,3
  • 23 Arie (Tenor) „Falsche Welt, dein schmeichelnd Küssen“
    aus: Kantate „Siehe zu, daß deine Gottesfurcht“: Arie (Tenor) „Falscher Heuchler Ebenbild“ BWV 179,3
  • 27 Chor „Ich will hier bey dir stehen“
    aus: Kanatate „Ach Herr, mich armen Sünder“: Eingangschor BWV 135,1
  • 28 Arie (Bass) „Mein Tröster ist nicht mehr bey mir“
    aus: Kantate „Geschwinde, geschwinde, ihr wirbelnden Winde“: Arie (Bass) „Mit Verlangen“ BWV 201,5
  • 34 Chor „Weissage uns“
    aus: Matthäus-Passion: „Weissage“ BWV 244,43
  • 38 Chor „Warlich, du bist der einer“
    aus: Kantate „Nimm was dein ist“: Eingangschor BWV 144,1
  • 40 Arie (Tenor) „Zerschmettert mich, ihr Felsen und Hügel“
    aus: Johannes-Passion: Alternativ-Arie (Tenor) „Zerschmettert mich, ihr Felsen und Hügel“ BWV 245b
  • 44 Chor „Creutzige ihn!“
    aus: Kantate „Christ lag in Todesbanden“: Eingangschor (ab Takt 68) BWV 4,2
  • 45 Arie (Alt) „Angenehmes Mord-Geschrey!“
    aus: Kantate „Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten“: Arie (Alt) Ätzet dieses Angedenken“ BWV 207,9
  • 47 Chor „Gegrüsset seyst du, der Jüden König!“
    keine Vorlage
  • 53 Chor „Pfui dich, wie fein zerbrichst du den Tempel“
    aus: Messe G-dur: Chor „Kyrie“ I BWV 236,1
  • 55 Chor „Er hat andern geholffen, und kann ihm selber nicht helffen“
    aus: Kantate „Nimm was dein ist“: Eingangschor BWV 144,1
  • 58b Chor „Siehe, er ruffet dem Elias“
    keine Vorlage
  • 60 Arie (Duett Sopran, Bass) „Welt und Himmel nehmt zu Ohren“
    aus: Kantate „Christen ätzet diesen Tag“: Arie (Duett Sopran, Bass) „Gott, du hast es wohl gefüget“ BWV 63,3
  • 64 Chor „Bei deinem Grab und Leichen-Stein“
    aus: Kantate „Also hat Gott die Welt geliebt“: Eingangschor BWV 68,1

Ich schreib FV dann mal eine Mail.
Vielen Dank für die Anregung!
(h-)mollige Grüße, Walter

Bachs Markuspassion

Hilbrands, Dienstag, 19. Februar 2013, 22:42 (vor 4993 Tagen) @ willscher

Inzwischen hatte ich einen sehr netten Mailkontakt mit Frank Vollers. Er muss das unbedingt veröffentlichen. Dir, Andreas, nochmals herzlichen Dank für den Hinweis hier auf die Aufführung und den interessanten Bericht!
Gruß, Walter

Bachs Markuspassion

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Dienstag, 19. Februar 2013, 23:42 (vor 4993 Tagen) @ Hilbrands

Hallo,

auch wenn das hier etwas OT ist, ich wäre an weiteren Infos zu dieser Sache sehr interessiert.

Gruß Clemens Schäfer

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Bachs Markuspassion

orgelwolf, Mittwoch, 20. Februar 2013, 21:18 (vor 4992 Tagen) @ willscher

Ein Aufführungstipp "bei uns" in Österreich:

Am 27. März dirigiert Thomas Platzgummer die Markuspassion in Wattens beim Osterfestival Tirol, am 29. März bei "Psalm" in Graz und am 30. März beim Osterklang in Wien:

http://www.theater-wien.at/index.php/de/spielplan/production/123607/intro/123646
http://styriarte.com/psalm/programm_2013/markus_passion
http://kultur.tirol.at/de/beitrag/34558/osterfestival-tirol--bach-markuspassion-bwv-247

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