Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Hallo,
ich beschäftige mich im Moment mit der von Johann Mattheson gestifteten großen Orgel in St. Michaelis, errichtet von Johann Gottfried Hildebrandt zwischen 1762 und 1767/1770, vernichtet 1906.
Die Disposition, die ich vorliegen habe (aus Alfred Sittards Festschrift von 1912), ist nur als Gegenüberstellung mit ihrer Nachfolgerin, der großen Walcker-Orgel von 1912, verfaßt, entsprechend unübersichtlich und scheint mir den Zustand nach der Umorganisation durch Wolfsteller (?) Mitte des 19. Jhs. abzubilden. Ich glaube mich zu erinnern, daß Julius Faulwasser: Die St. Michaeliskirche zu Hamburg, 1901 die ursprüngliche Disposition enthält. werde mich da nochmal in die Bibliothek begeben müssen.
Was abweicht, sind einerseits die Registerzahl - Sittard gibt 68 an, die ADB im Artikel J.G. Hildebrandt nur 60 - und andererseits die Werkaufteilung. Mattheson erwähnt an einer Stelle, die Orgel werde über ein Koppelmanual verfügen, und ich frage mich verwundert, ob das so gebaut wurde. Bei einer Orgel dieser Größe kommt mir das merkwürdig vor. Kann mir jemand weiterhelfen, vielleicht auch mit weiteren Beispielen zu Koppelmanualen in der Zeit?
Es gibt einen Artikel zum Koppelmanual von W. Supper in AO 7 (1959), S. 258-259, auf den ich bisher nicht zugreifen kann - enthält der Lohnendes zur Geschichte?
Freundlich grüßend und dankbar für jeden Hinweis
Phys
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
… Mattheson erwähnt an einer Stelle, die Orgel werde über ein Koppelmanual verfügen, und ich frage mich verwundert, ob das so gebaut wurde. Bei einer Orgel dieser Größe kommt mir das merkwürdig vor. Kann mir jemand weiterhelfen, vielleicht auch mit weiteren Beispielen zu Koppelmanualen in der Zeit?
KBKs Orgel hatte in ihrer ersten Version von Paul Schmidt (1769) ein Manual, das offenbar unter dem ersten Manual herausziehbar war und alle vier Manualwerke ansteuerte. Ich erinnere mich an einen AOl-Artikel (Band 18?), in dem davon die Rede war, außerdem von Paul Schmidts Stolz auf diese Kontruktion. Schöne Idee vielleicht, aber das Manual dürfte unspielbar gewesen sein. Außerdem war die Orgel derart mängelbehaftet, dass Ernst Marx sie 1791/93 komplett um-, z. T. neu bauen musste.
Koppelmanuale gab es also 1769, und vielleicht hatte sich Schmidt ja Hamburg als Vorbild genommen. Nota bene: Ein Koppelmanual ist einfacher zu konstruieren als ein Wippenapparat, wenn auch nicht ganz so einfach wie Schiebekoppeln.
Gruß,
Friedrich
Nachgedanke:
Vielleicht war auch Paul Schmidt sich schon der schwierigen Rostocker Akustik bewusst und hat deswegen zu dieser Generalkoppel als der ultima ratio gegriffen? Denkbar, aber nicht beweisbar. Immerhin waren bei ihm, wenn ich mich recht erinnere, drei von vier Manualen mit kompletten Prinzipalchören und Trompeten besetzt. Wenn man das liest, wundert man sich – aber so ergibt es ja Sinn.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Eine interessante Konstruktion, aber das mit der Spielbarkeit ist ein gewichtiger Punkt. Wie war das dann wohl im Michel? Mattheson fragt Hildebrandt nach dem Nutzen des Koppelmanuals, das offenbar als zweites von nur drei Manualen angelegt ist. Die Bauweise scheint ihm also zumindest aus eigener Anschauung nicht vertraut gewesen zu sein, obwohl er sich mit den Orgeln seiner Zeit ja recht gut auskannte, siehe etwa die Dispositionssammlung, die wir ihm verdanken.
Für eine im Prinzip nur zweimanualige Disposition scheinen mir 60+ Register doch sehr viel...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Hatte schon lange keinen Mattheson mehr in der Hand, aber wenn ich allein an die Angaben zur Plenoregistrierung denke, kann ich mich weiterhin des Eindrucks nicht erwehren, dass JM sich auch gerne zu Themen äußerte, von denen er deutlich weniger Ahnung hatte als von anderen.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Hallo Phys,
ich lese gerade einen digitalen Ausreißer aus J.S.Ersch und J.G. Grubers "Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste - 2. Sektion H-N". Dort wird auf die vollständige Disposition bei Adlung verwiesen. Erwähnt ist der Ruhm der Orgel, die Aufteilung auf Haupt-, Ober- und Brustwerk und die Neuigkeit der "Flöten von einerlei Art" in jedem Werk. Während andere Schmierfinken hier ein Vorbild für das Voglersche Simplificationssystem zu sehen glauben (Pferdemerde, dieses!), geht es nur darum, dass man mit Gemshorn 8+4 im Hauptwerk, Spitzflöte 8+4 im Oberwerk und Rohrflöte 16+8+4 im Brustwerk (sic!) treffliche Begleitmischungen vorfindet, über der sich die Soli der übrigen Manuale wohl entfalten können. Ähnlichkeiten mit Auxiliarideen späteren Zeitgenossen sind reiner Zufall ( ;-) )... Außerdem hat Hildebrandt freiwillig bis zum f³ ausgebaut.
Hier nun die 60stimmige Dispo nach Adlung, Band 1:
HAUPTWERK
Principal 16 (engl. Zinn)
Oktave 8 (von f bis f³ gedoppelt)(engl. Zinn)
(Adlung zur Dopplung: "Was aber eigentlich die in jedem Claviere angebrachte, und noch dazu immer anderswo anfangende Verdoppelung der Pfeifen in den 8füßigen Principalen und Oktaven, für einen Nutzen haben solle, kann der Verfasser dieser Anmerkung, ohne dass er das Werk selbst gehöret und untersuchet hat, nicht eigentlich einsehen." Ich schon, Herr Adlung, ich schon!)
Cornet durchs halbe Clavier, 5fach (engl. Zinn)
Gemshorn 8 (Metall)
Quintatön 16 (Metall)
Octave 4 (engl. Zinn)
Gemshorn 4 (Metall)
Nasat 3 (Metall)
Quinte 6 (engl. Zinn)
Octave 2(engl. Zinn)
Sesquialtera 2f.(engl. Zinn)
Mixtur VIII aus 2(engl. Zinn)
Scharf V aus 1 1/2(engl. Zinn)
Trompete 16 (engl. Zinn)
Trompete 8 (engl. Zinn)
OBERWERK
Prinzipal 8 (g-f³ gedoppelt) (engl. Zinn)
Unda Maris durchs halbe Clavier (engl. Zinn)
Bordum 16 (Metall)
Spitzflöte 8 (Metall)
Oktave 4 (engl. Zinn)
Quintatön 8 (Metall)
Spitzflöte 4 (sicher Metall, Angabe fehlt)
Quinte 3 (engl. Zinn)
Rauschpfeife 2f. (engl. Zinn)
Cymbel V aus 1 1/2 (engl. Zinn)
Octave 2 (engl. Zinn)
Trompete 8, von g an gedoppelt (engl. Zinn)
Vox humana 8 (engl. Zinn)
Echo des Cornetts durchs halbe Clavier (engl. Zinn)
BRUSTWERK
Principal 8, von a bis f³ gedoppelt (engl. Zinn)
Flötetraversiere 8, Metall, ab c1 überblasend
Rohrflöte 16, (Metall)
Kleingedackt 8 (Metall)
Octave 4 (engl. Zinn)
Rohrflöte 8 (Metall)
Rohrflöte 4 (Metall)
Rauschpfeife II-III (engl. Zinn)
Nasat 3 (Metall)
Octave 2 (engl. Zinn)
Terze aus 2(engl. Zinn)
Quinte 1 1/2(engl. Zinn)
Sifflet 1 (engl. Zinn)
Cymbel V (engl. Zinn)
Chalümeau (sic!) 8 (engl. Zinn)
PEDAL
Principal 32 (engl. Zinn)
Principal 16 (engl. Zinn)
Subbass 32 (Holz?)
Subbass 16 (Holz?)
Octave 8(engl. Zinn)
Quinte 6(engl. Zinn)
Rohrquinte 12 (Metall)
Octave 4(engl. Zinn)
Mixtur X aus 3(engl. Zinn)
Posaune 32(engl. Zinn)
Posaune 16(engl. Zinn)
Fagott 16(engl. Zinn)
Trompete 8(engl. Zinn)
Clairon 4(engl. Zinn)
NEBENREGISTER
Koppel HW-Pedal
Tremulant HW
Schwebung OW
Ventile in alle Laden
Cymbelstern
10 Bälge
Über Manualkoppeln steht hier nichts, nicht mal über eine recht übliche Schiebekoppel OW-HW. Vielleicht ist ja jemand auf die verrückte Idee eines Koppelmanuals gekommen. Allerdings würde ich mich der Vermutung meines Vorredners anschließen: Wenn Hildebrandt angesichts des riesigen Raumes schon auf Teufel komm raus doppelt, hat er mit Sicherheit keine kleinen Ventilquerschnitte. Und dann das alles mal drei plus mechanischer Verschnitt in den Fingern...puh.
Mehr Licht gäbe es jetzt nur durch einen verläßlichen Stich, der ein viertes Manual zeigt. Die Vorgängerin (Anhang Niedt) hatte auch nur drei.
Mattheson hat übrigens im Anhang zum Niedts "Musicalischer Handleitung" die Dispositionen der Hamburger Orgeln geliefert, "weil er da gewohnet" (Adlung). In Wirklichkeit hat der Verleger ihn genötigt, das Durcheinander im Manuskript zu beseitigen...
Bin gespannt, was Du herausbekommst...
Kirnberger
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Naja, er war schon ein verrückter Querdenker. Aber manchmal schon faszinierend....Und man muß ihm immer zutrauen, dass er getan hat, was er schreibt...Heute ist Querdenken doch hochaktuell, wenn man seine Worte nicht immer auf die Goldwaage legt, finde ich die Impulse nett... Aber Du hast recht, JM schrieb schon immer über alles...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Trompete 8, von g an gedoppelt
bestimmt spaßig die in Stimmung zu halten ...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Du wirst es nicht glauben, aber ich kenne Trompeten, die das können. Die werden nur geheimgehalten, damit die anderen weiter ihre Märchen erzählen können....
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Trompete 8, von g an gedoppelt
Gibt's solche Konstruktionen häufiger?
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
mag mir jemand erklären, was die doppelung bezweckt? ich bin da so ahnungslos wie herr adlung. nach meinem kenntnisstand führt eine doppelung gleicher pfeifen ja nicht zu einer verdoppelung des klangvolumens, das vielmehr (so wurde ich informiert) nur unwesentlich zunimmt. die orgelgeschichte weist ja etliche beispiele auf, wo der versuch, register durch doppelung (oder noch mehr vervielfachung) lauter zu machen, kläglich gescheitert ist (amsterdam oude kerk wohl schon im späten 16./frühen 17. jh.? im frühen 19. jh. wurde nach dem bau der neuen münsterorgel in york, england, deswegen sogar ein prozeß geführt, weil der organist meinte, der orgelbauer müsse gepfuscht haben. die klage scheiterte.)
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ich lese bei Verdopplungen eigentlich auch bisher immer nur von Klangintensität und Tragfähigkeit, keinesfalls von Lautstärke. Und die Verdopplungen hier sind ja im Vergleich zu anderen Beispielen allenfalls harmlos; weitaus vielfacher sind ja diverse niederländische Prinzipalchöre (z.B. Nieuwe Kerk, Amsterdam).
Die von sich aus doppelte Trompete war mir bisher auch noch nicht untergekommen - aber ich gehe auch hier nicht von der Absicht aus, die Lautstärke zu steigern. Ich würd einfach mal eine Parallele ziehen zur französischen Tradition, wo es ja bisweilen zwei oder drei Trompeten, Clairons gleicher Lage gibt. (Ohne jetzt natürlich wissenschaftliche historische Beweisführungen antreten zu wollen...)
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ich würde mal die ganz steile These aufstellen, daß man die Idee gut fand und bereit war zu testen, was dabei rauskommt und schließlich das Ergebnis für gut befunden hat.
Nicht alles, was irgendwo gebaut wurde, muss ja 'ne lückenlos nachvollziehbare Vorgeschichte haben.
Man soll's kaum glauben, aber ... es gab Zeiten, da gabs im Orgelbau noch Raum für Kreativität ;-)
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ich denke auch, daß es wichtig ist, in solchen Fällen zwischen Klangintensität/Tragfähigkeit und Lautstärke zu unterscheiden.
Die vielchörigen Renaissance/Frühbarock-Mixturen haben die Instrumente ja auch nicht unbedingt "lauter" gemacht, aber die Plena eben breiter und intensiver. Später hatte man dann andere Prioritäten, aber daß diese Mixturen damals ihren Zweck verfehlt hätten, hat, so weit ich weiß, niemand ernsthaft behauptet.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Vielleicht einfach über die Physik mit einem Vergleich zu doppelt labierten Pfeifen: Eine Seraphonflöte hat zwei Labien und damit zwei Resonatoren. Die Luft im Inneren der Pfeife wird also nicht nur einseitig zum Schwingen angeregt, sondern doppelt. Auch hier behauptet niemand, die Pfeife würde doppelt so laut. Aber wie schon bei den Basics von Orgelintonation bekannt, ist es ein Ziel von vielen, das schwingende Luftband am Labium so einzustellen, dass das Anregen der Luftsäule optimiert wird und sich ein gleichmäßiges Frequenzband aufbaut, dass seinerseits optimal angeschoben ein Optimum an Impulsen an den Raum weitergibt.
Die Herstellung doppeltlabierter Pfeifen ist aufwändig. Außerdem ist es im Ergebnis dieselbe Luftsäule, die angeregt wird. Wenn man Platz hat und einen identischen Zweitchor aufstellt, kann man das Ergebnis noch optimieren, zumal man bei Schleifladen keine Reguliermöglichkeit über den Winddruck hat wie z.B. bei der Kegellade, zu deren Zeit ja auch die meisten Seraphonregister üblich waren. Tragkraft und Fülle sind m.A.nach die geeignetsten Begriffe. Marcussen hat dies 1970 noch wie selbstverständlich im Lübecker Dom und seiner Überakustik angewandt. Hallige Räume haben ja häufig einen gewaltigen Bassüberhang, gegen den man im Diskant nach oben ansteigend anintonieren kann, in der Mittellage aber weitere Unterstützung braucht.
Nach meinen Kräuterhexenkenntnissen würde ich außerdem die beiden Chöre schön eng stellen, damit sich die Stimmung anzieht (wie gut das geht, seht Ihr an den vielen Orgeln, die dies nicht tun sollen, aber machen ;-)) ) und als Doppelchor natürlich auf die selbe Schleife stellen.
Zur Trompete: Wenn diese auch einen Doppelchor bildet, ist der Fall nicht mit den französischen Mehrfach dispositionen vergleichbar...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Vielen, vielen Dank schonmal, Kirnberger, auch für die weiteren Anmerkungen! :)
Außerdem hat Hildebrandt freiwillig bis zum f³ ausgebaut.
Laut Mattheson war das nur in den beiden oberen Manualen, im Hauptmanual aber nur bis c³ geplant - nach Adlung scheint sich das geändert zu haben...
Das Glockenspiel, das er zuletzt noch stiftete, erwähnt Adlung aber auch nicht.
Subbass 32 (Holz?)
Subbass 16 (Holz?)
Genau, die beiden sind aus Holz, ansonsten offenbar nichts. Die im 19. Jahrhundert ergänzten Register waren dafür wohl größtenteils aus Holz.
Über Manualkoppeln steht hier nichts, nicht mal über eine recht übliche Schiebekoppel OW-HW. Vielleicht ist ja jemand auf die verrückte Idee eines Koppelmanuals gekommen. Allerdings würde ich mich der Vermutung meines Vorredners anschließen: Wenn Hildebrandt angesichts des riesigen Raumes schon auf Teufel komm raus doppelt, hat er mit Sicherheit keine kleinen Ventilquerschnitte. Und dann das alles mal drei plus mechanischer Verschnitt in den Fingern...puh.
Mehr Licht gäbe es jetzt nur durch einen verläßlichen Stich, der ein viertes Manual zeigt. Die Vorgängerin (Anhang Niedt) hatte auch nur drei.
Der entsprechende Passus des Matthesonschen Briefentwurfs lautet:
"da nun solches anzufangende dritte ManualKlavir keine eignen Stimmen hat, und das obere und unterste von sich geschoben[,] das mittelste aber fest bleiben, folglich alle drey durch eine Koppel zusammenspielen, wäre zu fragen, ob hieraus eine Verstärkung entstehe, oder welchen Nutzen dieser Anfang haben könne"
Mattheson hat übrigens im Anhang zum Niedts "Musicalischer Handleitung" die Dispositionen der Hamburger Orgeln geliefert, "weil er da gewohnet" (Adlung). In Wirklichkeit hat der Verleger ihn genötigt, das Durcheinander im Manuskript zu beseitigen...
Sehr schön :D - aber wer ist für die 'Wirklichkeit' habhaft zu machen? Stimmt schon, besonders systematisch ist die Auflistung nicht. Die Ehrenpforte erhebt ja auch gerade nicht so einen Anspruch auf Vollständigkeit wie der Vollkommene Capellmeister. Seine Musikgeschichte ist auch in den Anfängen steckengeblieben. Er hatte wohl einfach zuviel vor...
Gruß
Phys
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ich würde mal die ganz steile These aufstellen, daß man die Idee gut fand und bereit war zu testen, was dabei rauskommt und schließlich das Ergebnis für gut befunden hat.
Die Umbaugeschichte im 19. Jh. läßt gewissen Zweifeln daran Raum, jedenfalls scheint Wolfsteller die Doppelchöre beseitigt zu haben. Vielleicht wars auch nur eine Maßnahme zur Gegenfinanzierung seines Umbaus, und/oder er brauchte den Platz... Die Windversorgung scheint auch nicht (mehr?) ideal gewesen zu sein.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Das hat man in den Niederlanden im 19. Jahrhundert auch vielfach getan. Das muss nicht unbedingt bedeuten, daß es nicht funktioniert hätte.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Na endlich kommt der Hinweis auf das Zusammenziehen, ich habe mich schon gewundert. Denn dieses Phänomen ist auf Schleifladen wirklich gut zu bemerken. Hier kenne ich das von einer Orgel mit zwei Horizontaltrompeten 8'+4', dort repetiert die höchte Oktave des 4' in den 8', die Stimmhaltung ist ganz unproblematisch, weil sich die Pfeifen auf einen gemeinsamen Ton "einigen". Das klappt natürlich nur, wenn sie nebeneinander stehen.
Dass diese doppelten Trompeten nicht häufiger gebaut wurden, wird andere Gründe haben als die Stimmhaltung, z. B. Platz, Kosten und Windversorgung. Vielleicht war auch der klangliche Effekt nicht so überragend wie erwartet.
(Einen dämlichen Fall des Zusammenziehens kenne ich auch, wo die Schwebung direkt und viel zu nah neben dem Salicional steht. Da stimmt man sich dumm und dämlich, bis die Schwebung mal wirklich schwebt und das Salicional - allein gespielt - sauber bleibt!)
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ja. Oder wie bei einer mir bekannten Orgel, bei der in der Intonationsphase die Oktave 4' aus dem Prinzipalchor genommen und mit der 4'-Flöte getauscht werden mußte. Nur blöd, dass jetzt das Stimmregister so weit hinten steht...
Auch die Vorabzugs-Welle der 80er hat sich ja so erledigt. Hab selbst mit Vorabzügen experimentiert, dann aber z.B. bei Sesquialteras immer den (dann prinzipaligeren) 2 2/3 rein zum 4' gestimmt und Unreinheiten bei der konischen Weitterz in Kauf genommen. Die Terz stect auch insgesamt mehr weg. Aber bei 2'-Vorabzügen aus Mixturen ist Schluss...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Die Beseitigung von Doppelchören schafft zunächst mal nicht mehr Platz, weil der 2. Chor ja mit auf einer gemeinsamen Schleife stand. Evtl. hatte er aber maschinellen Wind und Magazinbälge, evtl. gefolgt von aufgerückten Mensuren. Ob dann aber die Chöre noch harmoniert haben, wage ich zu bezweifeln...
Mehr Geld bringt ein solcher Umbau zur damaligen Zeit definitiv nicht...
Steile Gegenthese: hat sich die Ausstattung des Raumes evtl geändert? Plüschauflagen, Holz, Teppich? Dann braucht es die Doppelchöre nicht mehr...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ja, das mit dem Holz ist typisch. Zu Wolfstellers Zeiten baute man dagegen quasi alle Basslagen in Holz und wechselte später. Macht die Fertigung billiger, wenn man ein Holzlager hat. Die barocken Orgelbauer zogen aber noch sark der Arbeit hinterher. Da ist die Gießlade dann näher als das Holzlager...
Zum Koppelmanual: Aber die Orgel ist doch dreimanualig. Komisch. Würde er das mit den fehlenden eigenen Registern nicht erwähnen, wäre meine Lösung, dass er das Hauptclavier in die Mitte legt, um die anderen beiden mit üblicher Technik anzuhängen. Da ist irgendwo noch ein Überlieferungswurm...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Hallo Phys,
ich lese gerade einen digitalen Ausreißer aus J.S.Ersch und J.G. Grubers "Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste - 2. Sektion H-N". Dort wird auf die vollständige Disposition bei Adlung verwiesen. Erwähnt ist der Ruhm der Orgel, die Aufteilung auf Haupt-, Ober- und Brustwerk und die Neuigkeit der "Flöten von einerlei Art" in jedem Werk. Während andere Schmierfinken hier ein Vorbild für das Voglersche Simplificationssystem zu sehen glauben (Pferdemerde, dieses!), geht es nur darum, dass man mit Gemshorn 8+4 im Hauptwerk, Spitzflöte 8+4 im Oberwerk und Rohrflöte 16+8+4 im Brustwerk (sic!) treffliche Begleitmischungen vorfindet, über der sich die Soli der übrigen Manuale wohl entfalten können. Ähnlichkeiten mit Auxiliarideen späteren Zeitgenossen sind reiner Zufall ( ;-) )... Außerdem hat Hildebrandt freiwillig bis zum f³ ausgebaut.
Ich würde sogar vermuten, daß in allen drei Manualwerken die Besetzung in Gruppen 16+8+4 gedacht war:
HW Quintatön 16 + Gemshorn 8 + Gemshorn 4
Oberwerk Bordun 16 + Spitzflöte 8 + Spitzflöte 4
Brustwerk Rohrflöten 16 + 8 +4
rätselt, freundlich grüßend,
Oliver
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ist so denkbar, weil die beiden 16' dann quasi den Untersatz bilden. Spannend finde ich trotzdem die Rohrflötenlösung, selbst wenn das Röhrchen erst später einsetzt, hätte es nicht gemußt... Vielleicht ein französischer Anklang?
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Steile Gegenthese: hat sich die Ausstattung des Raumes evtl geändert? Plüschauflagen, Holz, Teppich? Dann braucht es die Doppelchöre nicht mehr...
Der Michel ist einfach ein sehr großer Raum, mit riesigem Volumen. Eine mehrschiffige Basilika auf gleicher Grundfläche hätte ca. 40 % weniger Rauminhalt gehabt. Die Michelkirche ist aber eine sehr hohe Halle, die bis zur Decke unvermindert breit ist und zudem auch keine Säulen- oder Pfeilerreihen aufweist. Da wird sich Hildebrandt von Anfang an verschätzt haben, und die Mehrfachprinzipale plus Mehrfachtrompete dürften Versuche gewesen sein, mit der Akustik umzugehen. Erst die Walckerorgel dürfte wirklich damit fertiggeworden sein. Hatte dann aber auch horizontale Zungen 16-8-4-2 im Schwellkasten und andere Sperenzchen.
Ich erinnere mich an einen Bericht von Lynn Dobson über den Orgelbau in der Betonkathedrale »Our Lady of the Angels« in Los Angeles. Die Kirche ist ein riesiger Betonkasten, und Dobson hätte alle Kniffe in Disposition und Mensuration aufbieten müssen, nur um dann noch überrascht zu sein, wie klein (im Klanglichen Sinn) seine Riesenorgel in dem gewaltigen Raum wirkte.
Gruß,
Friedrich
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ist so denkbar, weil die beiden 16' dann quasi den Untersatz bilden. Spannend finde ich trotzdem die Rohrflötenlösung, selbst wenn das Röhrchen erst später einsetzt, hätte es nicht gemußt... Vielleicht ein französischer Anklang?
Kann sein, aber 16'-Rohrflöten hat auch Schnitger schon gebaut, z. B. in der Magdeburger Johannisorgel im Hauptwerk. Daher hätte auch Hildebrandt sie kennen können.
Gruß,
Friedrich
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Friedrich,
Kardinal Mahony sorgte nach Aussagen von Organist Sal Soria persönlich dafür, das sämtliche Überakustik/Hall komplett aufgesaugt wird...mit Absorbern und 100-Meter-langen Teppichen . . . . die häßlichsten, die ich je sah.
"Alle Heiligen" werden daruf dargestellt . . in Form von Abbildern von Hollywood-Stars . . natürlich im naturalistischen Ekel-Stil... Leonardo di Caprio oder?
bah.
Und da kann dann einfach nichts funktionieren.
Selbst der semi-prof. Chor muss mit allerlei Mikros verstärkt werden.
Sonst hört man da goar nix.
Habe dort schon gespielt...die Orgel ist eigentlich ein Traum.
Schade.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Friedrich,
Kardinal Mahony sorgte nach Aussagen von Organist Sal Soria persönlich dafür, das sämtliche Überakustik/Hall komplett aufgesaugt wird...mit Absorbern und 100-Meter-langen Teppichen . . . . die häßlichsten, die ich je sah.
"Alle Heiligen" werden daruf dargestellt . . in Form von Abbildern von Hollywood-Stars . . natürlich im naturalistischen Ekel-Stil... Leonardo di Caprio oder?
bah.Und da kann dann einfach nichts funktionieren.
Selbst der semi-prof. Chor muss mit allerlei Mikros verstärkt werden.
Sonst hört man da goar nix.
Habe dort schon gespielt...die Orgel ist eigentlich ein Traum.
Schade.
Danke für den Eindruck. Ja, das ist wirklich grauenvoll. Das ist das Elend mit den »starken Männern« an der Spitze: Das Risiko, dass sie Banausen sind, das aber nicht erkennen, ist einfach sehr hoch.
(Im übrigen: So eine wohlgenährte Joan of Arc habe ich noch nie gesehen – brennt dann länger. Und diese neckischen Zipfelchen überm Ohr, die hatte einen guten Friseur da im Kerker. Immerhin hat der Kardinal sie dazu gebracht, die Hosen auszuziehen, die schon der damaligen Inquisition so auf den hl. Senkel gingen.)
Dobson ist in meinen Ohren einer von den Guten. Die Orgel habe ich noch nicht live gehört, aber selbst auf CD hat sie mich enttäuscht. Für eine Dobson klingt sie untypisch blass.
Gruß,
Friedrich
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
so schlimm find ich diesen (wand-)teppich nicht. kardinal mahony ist aber jedenfalls weg -- vorzeitig abgesägt wegen seiner rolle bei der vertuschung von kindesmißbrauch in der katholischen kirche. den neuen papst darf er wohl trotzdem mitwählen.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
...in diesem Raum wird einfach alles totgeschluckt...
Ab 5 Metern Entfernung herrscht der Muff.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Kennen und Können natürlich. Ich würde nur dieses chorische Prinzip nicht 1:1 mit dem sekundären Untersetzen von Bourdun und Quintadena 16 unter die konischen Pärchen in HW und OW vergleichen. Das tun wir ja quasi immer...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
...wenn man das ORIGINAL erlebt, sieht man das ganz schnell ganz anders - ich schwör's.
Aber..."de gustibus...etc."
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Bestimmt, damit Studenten, die ihre Examina in schalltoten Sälen absolvieren mußten, sich auch im richtigen Leben an diese perverse Situation erinnern können...
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Muff? Erinnert mich an die Kölner Domorgeln ;-)
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Nein, die klingen wirklich nicht muffig. Man kann ihnen vieles andere vorwerfen, aber nicht Muffigkeit.
Hildebrandt-Orgel in St. Michaelis, Hamburg - Koppelmanual?
Ich denke auch, dass man jetzt nicht über Physik sprechen muss, was "Doppelung" bedeutet. Zwei Trompeten ergeben definitiv mehr Trompete als eine, das ist bei mir hier Alltag, da hier bekanntermaßen die Bude recht groß ist und jede Tröte für sich (ausgenommen vielleicht Frau Giesecke im IV. Manual) nicht voll durchknallt.
Stimmung: Eigentlich kein Problem! Ich darf hier wieder lästern, dass Stimmungsprobleme oft auch zu tun haben mit Kleinstklima in Räumen mit unterschiedlichen Wetterzonen - also alles Beheizte, aber auch Räume mit starker Sonneneinstrahlung und entstehender Luftbewegung, wo schon der Prospekt eine andere Stimmung haben kann als das Innere, selbst wenn die Sonne nicht direkt draufscheint....