Zum "Cochereau-Spieltisch" in Notre-Dame de Paris
Da die Frage zum Verbleib des Cochereau-Spieltisches in der Kathedrale Notre-Dame in Paris gestellt wurde, habe ich zu diesem Thema einige Informationen zusammengestellt:
Der „Cochereau-Spieltisch“ – wenn man ihn so nennen möchte – in Notre-Dame existiert bereits seit Mitte 1990 nicht mehr.
Anthony Hammond hat in seinem sehr lesenswerten Buch Pierre Cochereau: Organist of Notre-Dame in einem eigenen 26-seitigen Kapitel den Zustand der großen Orgel von Notre-Dame und die technischen Veränderungen und Erweiterungen zwischen den späten 50er Jahren bis 1984 ausführlich untersucht und akribisch dokumentiert, zum Teil mit Dokumenten aus dem Privatbesitz der Familie Cochereau und Spieltischskizzen. Im Folgenden orientiere ich mich an Hammonds Buchkapitel:
Nachdem die Trakturen ab 1959 etappenweise elektrifiziert wurden (die Orgel sollte während der gesamten Umbaumaßnahmen zumindest teilweise spielbar bleiben), hatte Jean Hermann 1962 einen neuen Spieltisch fertiggestellt, der zunächst in einer Seitenkapelle im südlichen Seitenschiff öffentlich ausgestellt wurde. Während der Fastenzeit 1963, als die große Orgel traditionell schwieg, wurde der neue Spieltisch auf die Empore transportiert und an die Orgel angeschlossen. Ab Ostern 1963 (rechtzeitig zur 800-Jahr-Feier der Kathedrale) war die große Orgel wieder komplett spielbar.
Das Spieltischgehäuse bestand aus laminierten Spanplatten, andere Komponenten dagegen waren deutlich hochwertiger: die Manuale, Registerzüge und Pistons zwischen den Manualen und über dem Pedal wurden von Herrburger Brooks in Long Eaton in Großbritannien hergestellt (einem englischen Klavierbauer!). Die Beläge der Tasten (mit Holzkern) bestanden – ebenso wie die Druckknöpfe in den Manualvorsatzleisten – aus Elfenbein, die schwarzen Obertasten der Pedalklaviatur aus gehärtetem schwarzem Kunststoff. Diese Komponenten (Manuale, Pistons, Pedalklaviatur und Schwelltritte, allerdings nicht die Registerzüge) wurden später (1990) aufgrund ihrer Langlebigkeit in den neuen Spieltisch von Jean-Loup Boisseau übernommen.
Jean Hermann war beim Bau dieses Spieltisches mit einigen Problemen konfrontiert: Er musste eine Art Spieltisch bauen, den es bislang in Frankreich nicht gab, und er hatte nie mit britischen oder amerikanischen Orgelbauern zusammengearbeitet oder gelernt. Pierre Cochereau hatte sehr präzise Vorstellungen hinsichtlich der technischen Ausstattung und genauen Spieltischabmessungen, die Hermann in die Praxis umzusetzen hatte. Zum Zeitpunkt der Installation des Spieltisches (1963) waren zwar noch keine Änderungen in der Disposition vorgenommen worden, doch die geplanten Erweiterungen waren im Spieltisch bereits vorgesehen, wie zahlreiche Registerzüge belegten, deren Register noch nicht (oder letztendlich nie) eingebaut worden sind. Hammond schreibt dazu, dass es ein Spieltisch für eine Orgel war, die in dieser Form nie tatsächlich existierte.
Im September 1965 starb Jean Hermann überraschend, und ein neuer Orgelbauer musste schnell gefunden werden; es war Robert Boisseau. Das elektrische System, das Jean Hermann 1962-63 im Spieltisch installiert hatte, war laut Hammond nur eine provisorische Lösung, die – wäre Hermann länger am Leben gewesen – durch ein langlebigeres System hätte ersetzt werden sollen, wozu es nie kam. Boisseau musste sich mit einem unübersichtlichen Prototyp vertraut machen, dessen Verkabelungen im Spieltisch schon sehr früh Probleme machten. Ab 1965 erfolgten diverse Umbauten, Registeraustausche und Erweiterungen, die letzlich dazu führten, dass das ursprüngliche Design des Hermann-Spieltisches nicht mehr beibehalten werden konnte. Ende der 60er Jahre wurde das Notenpult aus Holz durch ein Plexiglas-Notenpult ersetzt und die Registerzüge neu beschriftet und mit Farbcodierungen versehen (blau = Cavaillé-Coll-Register; rot = andere Register).
Ab 1972 legte Pierre Cochereau erstmals Pläne vor, die eine Rekonstruktion und Wiedereinbau des Thierry-Rückpositivs (mit 19 neuen Registern) in die ebenfalls zu rekonstruierende Emporenbrüstung aus Metall vorsahen, Arbeiten, die durch Gonzales (Windversorgung, Windladen und Traktur) und Boisseau (Pfeifenwerk) vorgenommen werden sollten. Zusätzlich sollte die Emporentiefe (nicht aber die Emporenhöhe!) aus klanglichen und optischen Gründen deutlich reduziert werden.
(Was die schon in einer früheren Diskussion angesprochene Absenkung der Orgelempore in Notre-Dame von den Seiten zur Emporenmitte betrifft: Das Material der unter Eugène Viollet-le-Duc vor 1868 eingebauten hölzernen Empore hatte nicht ausreichend Zeit, sich an die klimatischen Bedingungen in der Kathedrale anzupassen, bevor die Orgel von Aristide Cavaillé-Coll aufgestellt wurde, so dass eine bis heute deutlich sichtbare Absenkung der Emporenmitte um etwa zehn Zentimeter entstand. Dies führte zu erheblichen Problemen mit der Spieltraktur und den Barkermaschinen, da das Gehäuse im Gemäuer fest verankert war.)
Zurück zu 1972: Pierre Cochereau ordnete ein überarbeitetes Spieltischdesign an, für das (wie schon zehn Jahre zuvor) bei Herrburger Brooks in England neue Registerzüge bestellt wurden, die nun durchnummeriert waren und zusätzlich neue Registerzüge für das geplante Rückpositiv umfassten. Zusätzliche Fußpistons wurden eingebaut und eine Pedalteilung („Coupure“) ergänzt. Die drei Chamaden 8‘, 4‘ und 2‘/16‘, die ab Weihnachten 1968 spielbar waren, wurden nun dem „Récit“ zugeteilt; zuvor waren sie dem 4. Manual (Solo) zugeordnet.
Das ursprünglich recht elegante und übersichtliche Layout des Spieltisches von Jean Hermann war nun endgültig verloren; es existierten zahlreiche Registerzüge für Register, die geplant, aber nie eingebaut wurden. Die technischen Probleme mit der Spieltischelektrik, die seit 1965 ununterbrochen erweitert und verändert worden war, häuften sich ab den späten 70er Jahren. Im Oktober 1983 musste schließlich die Setzeranlage im Spieltisch aufgrund akuter Kurzschluss- und Brandgefahr stillgelegt werden, so dass nur noch von Hand registriert werden konnte und als einzige Spielhilfen das Registercrescendo und der Tuttipiston zur Verfügung standen. Die Orgel befand sich 1984 laut Anthony Hammond und François Carbou in einem schlechteren technischen Zustand als 1955, als Cochereau Titularorganist in Notre-Dame wurde.
Wie weiter oben erwähnt, wurden bei den Arbeiten 1990-1992 einige Komponenten (Manuale, Pistons, Pedalklaviatur und Schwelltritte, aber nicht die Registerzüge) aufgrund ihrer Langlebigkeit in den neuen Spieltisch von Jean-Loup Boisseau übernommen. Die Funktion der beiden Balanciertritte wurde damals geändert: War im Hermann-Spieltisch von 1962 der linke Balanciertritt den Schwellwerks-Jalousien und der rechte dem Registercrescendo zugeteilt, drehte Boisseau 1990 die Funktion um: links Registercrescendo, rechts Schwelltritt Récit. Cochereau hatte das Registercrescrendo in seinen Improvisationen sehr häufig verwendet (zu seiner Zeit gab es nur 8 Setzerkombinationen und zusätzlich jeweils 6 Teilkombinationen für jedes der fünf Manuale und das Pedal sowie 4 Kombinationen für die Koppeln und die „Appels Anches“, die allerdings nur noch die Zungen betrafen, aber nicht mehr die klassischen "Jeux de combinaisions" wie unter Cavaillé-Coll). Die neue umfangreiche Setzeranlage 1992 dürfte ein Grund dafür gewesen sein, warum das Crescendopedal von den Titularorganisten (mit Ausnahme von Jean-Pierre Leguay) so gut wie nicht mehr verwendet wurde.
Für den neuen Spieltisch von Pascal Quoirin (2012) wurden nur noch die Pedalklaviatur des Jean Hermann-Spieltisches und die beiden Balanciertritte von 1962 verwendet. Die neuen Manuale haben keinen sichtbaren Holzkern mehr und bestehen offensichtlich komplett aus Kunststoff oder anderen Materialien.
Jean Hermann hatte neben dem "Prototyp-Spieltisch" für Notre-Dame de Paris nur noch einen zweiten Spieltisch dieser Art gebaut, der im Design mit Notre-Dame vergleichbar ist, sich aber in der technischen Ausstattung deutlich unterschied: in Saint-Eustache in Paris (1963), kurz nach der Ernennung von Jean Guillou zum Titularorganisten. Ähnlich wie in Notre-Dame nahmen in den 70er Jahren die Probleme mit der Spieltischelektrik in Saint-Eustache zu, was 1978 dazu führte, dass die Orgel aufgrund akuter Kurzschluss- und Brandgefahr komplett stillgelegt werden musste.
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