neogotische orgelgehäuse

ado @, Berlin, Donnerstag, 21. März 2013, 00:39 (vor 4969 Tagen)

da wir gerade im forum die green-orgel in der josephs-kapelle in düsseldorf zum thema hatten, möchte ich mal auf eine andere green-orgel verweisen, nämlich die in st katherine's, regent's park in london.

samuel green baute sie 1778 für die kirche st katherine's-by-the-tower, die trotz heftiger öffentlicher proteste 1825 der anlage der st katherine's docks, einer kaianlage, weichen mußte. st katherine's regent's park wurde als ersatz errichtet -- hier bilder der alten wie der neuen kirche. die alte hat auch einen wikipedia-eintrag: http://en.wikipedia.org/wiki/St_Katharine's_by_the_Tower

die orgel wurde in die neue kirche übertragen.

das interessante an dieser orgel ist nun nicht nur, daß sie eines der ganz wenigen erhaltenen größeren instrumente greens, mit relativ hohem bestand an originalregistern darstellt -- auffällig finde ich vor allem auch die prospektgestaltung, die green offenbar an die gotische architektur der alten katharinenkirche anpaßte (ich stelle mir vor, daß die orgel dort besser zur geltung kam als vor der kahlen wand an ihrem jetzigen aufstellungsort).

wüßte ich nichts über die orgel und sähe diesen prospekt, würde ich automatisch "19. jahrhundert" sagen, sicher nicht 1778. auf den zweiten blick bestätigen freilich die schlanken pfeifentürme, die eben KEINE pedaltürme sind, die datierung in die zeit vor 1800. die verwandtschaft mit einer prospektgestaltung wie dieser ("father"-smith-orgel in st clement danes, replik der kriegszerstörten orgel von 1958) ist deutlich.

von greens weitgehend erhaltener domorgel für lichfield (jetzt in st john's church, armitage) habe ich noch kein bild finden können; das gehäuse wurde aber anscheinend ohnehin bei der umsetzung der orgel nicht mitübertragen.

daß green wiederholt orgelprospekte im gotischen stil gestaltete, zeigt das berühmte bild mit des händel-fests von 1784 in der westminster-abtei:

http://en.wikipedia.org/wiki/File:Westminster-Handel-Commemoration-1784.png

hier handelt es sich nämlich um greens neue orgel für canterbury cathedral, wo sie hernach auf dem lettner aufstellung fand (außer diesem bild ist von dieser orgel nichts mehr übrig) -- green hatte sie vor ihrer aufstellung dort temporär in der abteikirche installiert, wobei der spieltisch, auf dem bild zu sehen, weit nach vorn gerückt war, da der organist auch den riesigen chor zu dirigieren oder wenigstens im auge zu behalten hatte; die zeitgenossen waren von der erforderlichen meterlangen traktur ziemlich beeindruckt.

meine frage nun: gibt es andere neugotische orgelgehäuse bereits aus dem 18. jahrhundert? oder wann fing das anderswo an?

neogotische orgelgehäuse

Florian-L, Donnerstag, 21. März 2013, 07:56 (vor 4969 Tagen) @ ado
bearbeitet von Florian-L, Donnerstag, 21. März 2013, 08:00

meine frage nun: gibt es andere neugotische orgelgehäuse bereits aus dem 18. jahrhundert? oder wann fing das anderswo an?

Mir fällt die Orgel in der Wiener Minoritenkirche ein (Franz Xaver Christoph, 1786, zurzeit quasi unspielbar) oder auch das Orgelgehäuse in der Wiener Augustinerkirche (neugotische Elemente Ende des 18. Jahrhunderts hinzugefügt).

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

neogotische orgelgehäuse

Tastenhalter @, Donnerstag, 21. März 2013, 09:12 (vor 4968 Tagen) @ ado

meine frage nun: gibt es andere neugotische orgelgehäuse bereits aus dem 18. jahrhundert? oder wann fing das anderswo an? >

Das früheste Beispiel eines neogotischen Gehäuses (oder besser nachgotisch?) dürfte wohl dieses sein:[image]

Kladrau (Böhmen), Benediktinerkirche Mariä Himmelfahrt. OB Leopold Burckhardt (Ellbogen), 1726, Entwurf (wahrscheinlich) Johann Santin-Aichel.

(Quelle: Dieter Gossmann "In welchem Style sollen wir bauen?"
Betrachtungen zur Form des Orgelgehäuses im 19. Jahrhundert in ACTA ORGANOLOGICA
Band 17 1984)

Gruß
Tastenhalter

neogotische orgelgehäuse

Dorforganist @, Donnerstag, 21. März 2013, 09:57 (vor 4968 Tagen) @ Tastenhalter

Die ganze Kirche in Kladruby ist eine einzige Infragestellung liebgewordener Sehgewohnheiten. Sie ist in der "Barock-Gotik" (was ich zuerst für einen niedlichen Übersetzungsfehler hielt) ausgestaltet; aber das ist tatsächlich die erste Neogotik, und sie stammt aus der Barockzeit!

Der Orgelprospekt ist aus der selben Zeit und wirkt ebenfalls sehr neogotisch. Ein paar mehr Infos und die Disposition hat die Musikhochschule Würzburg gesammelt.

neogotische orgelgehäuse

Florian-L, Donnerstag, 21. März 2013, 10:25 (vor 4968 Tagen) @ Dorforganist

Ein paar mehr Infos und die Disposition hat die Musikhochschule Würzburg gesammelt.

Was, kein Blockwerk? ;-)

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

neogotische orgelgehäuse

Dorforganist @, Donnerstag, 21. März 2013, 23:04 (vor 4968 Tagen) @ Florian-L

Naja, wenn Du Dir die Dispo des Hauptwerks anguckst: könnte fast noch eins sein...

neogotische orgelgehäuse

Karl-Bernhardin Kropf, Donnerstag, 21. März 2013, 13:39 (vor 4968 Tagen) @ ado

meine frage nun: gibt es andere neugotische orgelgehäuse bereits aus dem 18. jahrhundert? oder wann fing das anderswo an?

Man könnte augenzwinkernd antworten, dass es in England keine Neo-Gotik gibt, weil die Gotik dort ja nie geendet hat....

Schönstes Beispiel, denn mehr als nur eine reine "Fertigstellung", ist St. Edmundsbury Cathedral mit ihrem Turm von 2000

neogotische orgelgehäuse

Hausorgler @, Feldkirch/Vorarlberg, Donnerstag, 21. März 2013, 15:22 (vor 4968 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

St. Eustache in Paris ist auch so ein nachgotisch-gotisches Ding, das einem beim ersten Anblick die Sehgewohnheiten und liebgewonnenen Schubladisierungen in Frage stellt.
Ähnlich ist es bei der Marktkirche in Paderborn. Hier hat man im barocken Neubau ganz bewußt gotische Elemente (Mittelfenster der Fassade, Gewölbe) eingefügt. Dasselbe sieht man in Coesfeld und auch in der Jesuitenkirche in Köln.
Ich habe einmal gelesen, daß die Jesuiten dies in der Gegenreformation ganz bewußt machten, um trotz allem barocken Modernismus Kontinuität auszudrücken um so die katholische Traditionslinie zu beschwören. Ob das wirklich stimmt?

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