BWV 582 - Thema

Friedrich @, Freitag, 05. April 2013, 18:37 (vor 4896 Tagen) @ Florian-L
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 05. April 2013, 19:13

Warum ist es üblich, Bachs Passacaglia, BWV 582 mit der einstimmigen "Vorstellung" des Themas im Pedal zu beginnen?
Das ist bei Passacaglien (oder ähnlichen Werken wie Chaconnen, nicht nur für Orgel) anderer Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts (Buxtehude, Pachelbel, Kerll, Muffat, Lully, Couperin, Purcell) nicht der Fall, da wird gleich "losgelegt".

Wäre es nicht denkbar, dass das abgedruckte Thema rein als "Illustration" dient?

Gegenfrage: Haben denn die anderen – wenn man schon mit ihrer Vorbildrolle argumentiert – ihr Thema separat aufgeführt?

Meiner Ansicht nach ist das ein künstliches Problem, liebevoll handgemacht.* Wie ein Heckspoiler auf einem Polo. Aber lästig, es hat das Potential zum klettigen Ankleben, ganz wie die in Geigerkreisen inzwischen fest verankerte Überzeugung, dass die d-Moll-Tokkata »eigentlich« ein Violinstück sei.

Also bitte sofort damit aufhören!

Solche Motti wurden separat gedruckt. Ein Beispiel wäre Frescobaldis Rätsel-Capriccio mit dem zu singenden Soggetto, das zu Beginn durch eigene Schlüssel vom zu spielenden Text abgeteilt wird. In allen bekannten Abschriften der Passacaglia läuft aber die Notenzeile mit drei Systemen glatt in den folgenden Abschnitt hinein, mit entsprechenden Pausen in T. 8; in der Abschrift, die die Wikipedia wiedergibt, sogar mit durchnotierten Volltaktpausen für die Manualstimmen. Wenn Bachs Manuskript in Tabulatur notiert war – was Peter Williams für möglich hält –, dürfte sogar noch mehr in die erste Zeile gepasst haben. Ich wüsste keinen vernünftigen Grund**, aus dem man das so lesen könnte, dass die Töne nicht gespielt, sondern bloß gedacht oder wertgeschätzt werden sollten.

Musikalisch gesehen ist das Passacaglienthema eben auch ein Thema und nicht bloß ein Bass. Es ist melodisch selbsttragend, harmonisch geschlossen und wird in den Variationen 12 & 13 sogar zum Sopran. Dazu hätte kein Bass aus den Vorbildwerken das Format.

Ein Indiz – kein Beweis – ist außerdem, dass die Gesamtzahl von 21 Themendurchläufen eine Gliederung der Passacaglia im Goldenen Schnitt stützt (13 + (3 + 5)). Diese Gliederung ist satztechnisch und dramaturgisch sinnfällig. Alle anderen Gruppierungsversuche scheitern an scheinbarer Willkür der Variationenfolge. Wobei »Variation« eigentlich der falsche Ausdruck ist, genauso wie bei den Goldbergvariationen. Tatsächlich sind es verschiedene Kompositionen über denselben Bass, die sich untereinander teilweise variieren (Durchlauf 2 & 3, 11 & 12, 15 & 16, 20 & 21).

Die Antwort auf die ursprüngliche Frage ist also: Weil es üblich ist, Stücke so zu spielen, wie sie komponiert wurden.

Gruß,
Friedrich

* So in der Art von Smends »Es gibt keine h-Moll-Messe!« Mein liebstes neueres Scheinproblem dieser Sorte: Das dis''' in Takt 22 von Francks a-Moll-Choral, das von einem prominenten Herausgeber ohne jeden Anlass zu d''' korrigiert wird.
** Gut, ich weiß, das hat noch nie jemanden abgehalten …


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