Hallo allerseits!
Am Samstag war ich im Freiburger Münster bei der "Orgelmusik zur Marktzeit". Christian Kohler improvisierte. Anschließend wurde ich von Bekannten gefragt, wie ich die Improvisationen fand.
Dabei hab ich mir einmal versucht genauer zu überlegen, welche Kriterien man eigentlich bei Improvisationen an um eine Bewertung abgeben zu können. Natürlich kann ich sagen "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht". Aber welche - vielleicht objektive - Kriterien gibt es eigentlich?
Zumal man ja meistens nicht die Möglichkeit hat das Stück öfters zu hören und dabei z.B. bei jedem mal hören neue und interessante Details zu entdecken...
Wie seht ihr das?
Grüße
Bewertung Improvisation
Aeolinchen, Montag, 15. April 2013, 14:16 (vor 4887 Tagen) @ Orgellehrling
Dabei hab ich mir einmal versucht genauer zu überlegen, welche Kriterien man eigentlich bei Improvisationen an um eine Bewertung abgeben zu können. Natürlich kann ich sagen "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht". Aber welche - vielleicht objektive - Kriterien gibt es eigentlich?
Zumal man ja meistens nicht die Möglichkeit hat das Stück öfters zu hören und dabei z.B. bei jedem mal hören neue und interessante Details zu entdecken...
Da fallen mir schon ein paar ein:
Passen die Registrierungen? Solo- und Begleitstimmen ausgewogen?
Ist die Artikulation differenziert und der Akustik angemessen?
Bei längeren tonalen Sätzen: Gibt es einen harmonischen Spannungsverlauf? Oder kommen immer dieselben Kadenzen/Floskeln?
Kann der Organist mit verschiedenen Satztypen umgehen - homophon, polyphon, Duo, Trio? Oder wird die ganze Zeit mit beiden Händen und Füßen herumgerührt?
Bewertung Improvisation
ado
, Berlin, Montag, 15. April 2013, 16:04 (vor 4887 Tagen) @ Aeolinchen
ich trau mich jetzt mal, hier aus dem gegebenen anlaß meine völlig unbedarfte, subjektive meinung zum thema kundzutun: 90% von dem, was ich so an impros zu hören bekomme, finde ich schlicht öde und auskomponierter musik himmelweit unterlegen. ich höre da meist nur mehr oder minder harmonische geräusche. weder gibt es in der regel reizvolle melodische entwicklungen, noch interessante rhythmen, das ganze wirkt auf mich fast immer ziemlich beliebig. mein verdacht ist, das hat mit dem verzicht auf formale strenge zu tun. um einen vergleich zu gebrauchen: selbst ein mittelmäßiges sonett reizt noch mehr als eine ähnlich mittelmäßige dichterische produktion vom typ "freies metrum, reimlos" -- und dabei zwingt zugleich die sonettform zu einer intellektuellen anstrengung, der sich der "frei" dichtende nicht unterziehen muß. ist es in der musik nicht ähnlich? es sollen ja, liest man in damaligen quellen, die leute früher (so noch im 18. und auch 19. jh.) etwa FUGEN improvisiert und damit die hörer beeindruckt haben. bestimmt gibt es leute, die das auch heute noch können -- aber im "alltag" begegnet mir soetwas nicht, dagegen eben jede menge "freie" improvisationen, die ich im fall von youtube-videos in aller regel irgendwann abwürge; im konzert geht das ja nicht und gleich weglaufen will man auch nicht...das gilt auch für die meisten improvisationen, die hier im forum belobigt werden.
klar, die formen und die musiksprache, die "strenge" fordern, sind alte... und damit in gewisser weise zwangsläufig altmodisch, wie ein sonett es im zweifel auch wäre. erinnerliche improvisationen, die mir gefallen, sind auch in der tat stilimitate -- zuende gehört habe ich beispielsweise das video mit emmanuel le divellec in marienmünster (suite im "altfranzösischen" stil), das vor wenigen tagen hier angezeigt wurde, oder die klimpereien von harald vogel, wenn er orgeln demonstriert...
ist wohl ein dilemma.
Bewertung Improvisation
Aeolinchen, Montag, 15. April 2013, 19:13 (vor 4887 Tagen) @ ado
ich trau mich jetzt mal, hier aus dem gegebenen anlaß meine völlig unbedarfte, subjektive meinung zum thema kundzutun: 90% von dem, was ich so an impros zu hören bekomme, finde ich schlicht öde und auskomponierter musik himmelweit unterlegen. ich höre da meist nur mehr oder minder harmonische geräusche. weder gibt es in der regel reizvolle melodische entwicklungen, noch interessante rhythmen, das ganze wirkt auf mich fast immer ziemlich beliebig. mein verdacht ist, das hat mit dem verzicht auf formale strenge zu tun.
Ich glaube nicht.
Aus formaler Strenge ergeben sich keine reizvollen melodischen Entwicklungen oder interessante Rhythmen.
Interessante Rhythmen bekomme ich hin, wenn ich lange genug interessante Rhythmen übe.
erinnerliche improvisationen, die mir gefallen, sind auch in der tat stilimitate -- zuende gehört habe ich beispielsweise das video mit emmanuel le divellec in marienmünster (suite im "altfranzösischen" stil)
Die meisten "altfranzösischen" Sätze sind ja eigentlich formal nicht so besonders streng. Gerade deswegen lassen sie sich ganz gut improvisieren, wenn man erstmal mit dem Handwerkszeug vertraut ist.
Bewertung Improvisation
OrganisteTuttilaire, Donnerstag, 18. April 2013, 12:23 (vor 4884 Tagen) @ ado
Bewertung Improvisation
D. Hausmann
, Sonntag, 21. April 2013, 21:12 (vor 4881 Tagen) @ OrganisteTuttilaire
Bewertung Improvisation
Cor de Basset, Montag, 15. April 2013, 17:08 (vor 4887 Tagen) @ Orgellehrling
bearbeitet von Cor de Basset, Montag, 15. April 2013, 18:05
Hallo allerseits!
Am Samstag war ich im Freiburger Münster bei der "Orgelmusik zur Marktzeit". Christian Kohler improvisierte. Anschließend wurde ich von Bekannten gefragt, wie ich die Improvisationen fand.
Dabei hab ich mir einmal versucht genauer zu überlegen, welche Kriterien man eigentlich bei Improvisationen an um eine Bewertung abgeben zu können. Natürlich kann ich sagen "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht". Aber welche - vielleicht objektive - Kriterien gibt es eigentlich?
Zumal man ja meistens nicht die Möglichkeit hat das Stück öfters zu hören und dabei z.B. bei jedem mal hören neue und interessante Details zu entdecken...Wie seht ihr das?
Grüße
Objektive Kriterien:
Harmonik, Satztechniken, musikalische Form, thematische und motivische Entwicklung, aktive Beteiligung der Mittelstimmen, Spannungsverlauf, Ausgewogenheit von Melodiebildung und harmonischen Fortschreitungen, flexibles Anpassen des Improvisators hinsichtlich Registrierung, Phrasierung, Artikulation und gewählter musikalischer Form und des Stils an die Raumakustik und Stilistik, Stimmung und Intonation des Instrumentes. Und nicht zuletzt: Die Improvisation auf den Punkt bringen und sie dann beenden, wenn musikalisch alles gesagt ist.
Hierzu einige weiterführende Aussagen von Improvisatoren, von denen es sicherlich noch viele andere Beispiele gibt:
Pierre Cochereau:
"Man improvisiert nie für sich selbst, sondern für die Zuhörer. Daher muss man eine klare musikalische Form wählen, die die Zuhörer erkennen können."
"Bleiben Sie nie länger als zehn Sekunden in derselben Tonart."
"Modulieren Sie!"
"Die linke Hand sollte nie starr im Bass verweilen, sondern vielmehr aktiv an der harmonischen und motivischen Entwicklung beteiligt sein."
"Improvisation ist die Kunst der Illusion (bzw. des Illusionisten)."
Gerre Hancock:
"When in doubt: Trill!"
Günther Kaunzinger:
"Improvisation ist Komponieren ohne Radiergummi."
Pierre Pincemaille:
"Der Komponist hat gegenüber dem Improvisator einen entscheidenden Vorteil: den Faktor ZEIT."
Deutscher Kommentar Pincemailles zu einem Kursteilnehmer, der während seiner Improvisation ins Zögern geriet: "Anhalten verboten!"
Peter Planyavsky:
"Wenn Du einen falschen Ton spielst, brich darüber nicht in Tränen aus, sondern wiederhole ihn mindestens ein- oder zweimal."
Bewertung Improvisation
Aeolinchen, Montag, 15. April 2013, 18:58 (vor 4887 Tagen) @ Cor de Basset
Pierre Cochereau:
"Bleiben Sie nie länger als zehn Sekunden in derselben Tonart."
Zum Glück hat er sich selber nicht streng an diese Regel gehalten.
Bewertung Improvisation
Rochus Schmitz
, Münster, Montag, 15. April 2013, 19:47 (vor 4887 Tagen) @ Orgellehrling
Zumal man ja meistens nicht die Möglichkeit hat das Stück öfters zu hören und dabei z.B. bei jedem mal hören neue und interessante Details zu entdecken...
Wie seht ihr das?
Ach, weißt Du - einer meiner Kollegen hier hat mal, um nachzuweisen, wie genau das Volk zuhört, zum Auszug drei Minuten lang denselben Akkord festgehalten, ist dann runter gerannt und hat ein Stimmungsbild eingeholt. Die meisten waren von der Improvisation "sehr angetan, angenehm, nicht so laut, mal was anderes ... " Alles Schwachsinn, frustrierend. In Wahrheit interessiert sich niemand dafür.
Bewertung Improvisation
JSBach
, Aachen, Montag, 15. April 2013, 20:10 (vor 4887 Tagen) @ Rochus Schmitz
ich glaube nicht, dass man vom Durchschnittskirchgänger mehr erwarten kann, als ein Stück in ein "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht" einzuordnen
Bewertung Improvisation
perotin
, Rhein-Neckar-Raum, Montag, 15. April 2013, 20:14 (vor 4887 Tagen) @ Rochus Schmitz
Ach, weißt Du - einer meiner Kollegen hier hat mal, um nachzuweisen, wie genau das Volk zuhört, zum Auszug drei Minuten lang denselben Akkord festgehalten, ist dann runter gerannt und hat ein Stimmungsbild eingeholt. Die meisten waren von der Improvisation "sehr angetan, angenehm, nicht so laut, mal was anderes..." Alles Schwachsinn, frustrierend. In Wahrheit interessiert sich niemand dafür.
WAS genau, bitte, ist jetzt der Schwachsinn?
Im übrigen könnte es sich bei den Antworten z.T. schlicht um Verlegenheits- bzw. Höflichkeitsfloskeln gehandelt haben.
O.k., es gibt wohl Kirchgänger (und vermutlich auch Pfarrer usw.), denen man tatsächlich fast alles vorsetzen kann, so lange es nicht "zu lang", "zu laut" oder so ist.
Grüße,
perotin
Bewertung Improvisation
Abstrakte, Montag, 15. April 2013, 21:42 (vor 4887 Tagen) @ Rochus Schmitz
Alles Schwachsinn, frustrierend. In Wahrheit interessiert sich niemand dafür.
Warum spielt er dann noch im Gottesdienst? Wenn das wirklich so völlig unnötig ist, was er da tut, und davon so nicht überzeugt ist, dann sollte er vielleicht über eine andere Beschäftigung nachdenken. So eine Aktion wie beschrieben finde ich gegenüber der Gemeinde etwas respektlos, vor allem mit einer solchen Einstellung.
Grüße,
Abstrakte
Bewertung Improvisation
Martin78
, Dienstag, 16. April 2013, 05:11 (vor 4887 Tagen) @ Abstrakte
Alles Schwachsinn, frustrierend. In Wahrheit interessiert sich niemand dafür.
Warum spielt er dann noch im Gottesdienst? Wenn das wirklich so völlig unnötig ist, was er da tut, und davon so nicht überzeugt ist, dann sollte er vielleicht über eine andere Beschäftigung nachdenken. So eine Aktion wie beschrieben finde ich gegenüber der Gemeinde etwas respektlos, vor allem mit einer solchen Einstellung.Grüße,
Abstrakte
Naja, ich habe auch schon öfter gedacht, so schnell, wie sich die (kath.) Kirchen (bis auf wenige Ausnahmen) bei uns zum "Auszug" leeren, egal, was und wie gut gespielt wird, täte es auch nur eine F-Dur-Kadenz ("Die Orgel spielt") oder ein ausgehaltener Akkord. Das auszuprobieren habe ich mich bisher allerdings noch nie getraut, statt dessen versucht, ein möglichst passables Nachspiel hinzulegen. Man spielt ja auch zur höheren Ehre Gottes - das muss man sich immer wieder bewusst machen!
Gruß
Martin
Bewertung Improvisation
Florian-L, Dienstag, 16. April 2013, 06:22 (vor 4887 Tagen) @ Rochus Schmitz
Ach, weißt Du - einer meiner Kollegen hier hat mal, um nachzuweisen, wie genau das Volk zuhört, zum Auszug drei Minuten lang denselben Akkord festgehalten, ist dann runter gerannt und hat ein Stimmungsbild eingeholt. Die meisten waren von der Improvisation "sehr angetan, angenehm, nicht so laut, mal was anderes ... " Alles Schwachsinn, frustrierend. In Wahrheit interessiert sich niemand dafür.
Aha, eine Imitation eines Hornwerks.
Gruß,
Florian
--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-
Bewertung Improvisation
jbraki, Dienstag, 16. April 2013, 09:32 (vor 4887 Tagen) @ Orgellehrling
Hallo,
ist schwierig - und dennoch - auch nicht.
Das Volk während eines Gottesdienstes kann viel zu wenig bewerten.
Ein vernünftiges Thema oder eine vorwegnahme des ersten Liedes - mit etwas Feingefühl umgesetzt und dem Anlass entsprechend umgesetzt - und schon sollte man auf dem richtigen Weg sein.
Im GD spiel ich sicher alles andere als perfekt. Breche oft genug die Form bei der Impro. Moduliere fast gar nicht oder zu wenig.
ABER - sehr oft kommt trotzdem extrem positives Feedback - über das tolle Kommunionstück oder den rauschenden Auszug.
Kompliment genug ist sicher für jeden von uns - wenn danach gefragt wird, wer das tolle Stück denn komponiert hat!
Die Leute bekommen sehr wohl mit wenn man versucht dem Anlass angemessen was besonderes zu machen. Doch deren Bewertungsmassstab ist ein anderer. Auch wenn vielleicht manch Orgelprofi die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde weil es technisch nicht perfekt war.
Im GD muss man nicht in alle Tonarten transponieren. Nicht die wildesten Motive fugentechnisch abarbeiten.
Das gewählte Vorstellungsbild - sei es barock oder romantisch - versuchen durchzuhalten. Das Motiv nach Möglichkeit sauber darstellen. Vielleicht 1-2 Varianten einbauen. Was wollen wir denn in 1-2 Minuten alles abliefern - eine ganze Suite - unmöglich.
Beispiel: im Buxtehude Stil mit nur zwei Akkorden was machen - das geht und klingt sogar toll - hätte ich nie für möglich gehalten.
Anders das Konzert - hier gibt es sicher andere Masstäbe.
Hier sollten klare Themen - klare Ausarbeitungen - Sätze - harmonische Wendungen Pflicht sein.
UND - je wilder, je virtuoser = umso besser - NEIN - da kann ich nicht zustimmen.
Da gibt es die technischen Wunderspieler - Latry & Co.
Ein Wunder was die Zaubern - da fliegen die Finger - aber ist das auch immer schön.
Ist das auf den kirchlichen Bezug - würdige Musik zu machen wirklich schön (anzuhören).
Bei vielen Impros deren Grundlage ein musikalischer "Rausch" ist, bin ich leider nicht der Meinung - aber das ist "meine" Meinung.
Das Können des Interpreten will ich hier überhaupt nicht in Frage stellen.
So sind manch einfachere, saubere Impros der ganz Großen für mich persönlich viel schöner anzuhören. Haben mehr Würde und dienen - selbst im Konzert - auch dazu, letztendlich Gott zu dienen und die Herzen zu bewegen - vor allem wenn es kirchliche Themen sind.
als persönlicher Vergleich:
Latry oder Philipp Lefebvre - irrer Tastenzauber - aber wie ich finde oft nicht schön
Daniel Roth - die ruhe in Person - tiefgründige Musik, die bewegt
zusammengefaßt passt es bei mir wenn das bei mir ankommt - wie Widor sagte:
Orgelspielen heißt einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren
Gruß
jbraki
Bewertung Improvisation
Tabernakelwanze
, Niederrhein, Dienstag, 16. April 2013, 09:56 (vor 4887 Tagen) @ jbraki
bearbeitet von Tabernakelwanze, Dienstag, 16. April 2013, 12:03
Schön geschrieben! Seh ich auch so. Ich bekomme fast jeden Sonntag Reaktionen, egal ob Literatur oder Improvisation, vom hier sog. "Volk". Die Leute sind durchaus in der Lage, Bezüge zwischen Musik und Text herzustellen. Das erlebe ich oft. Wenn Musik und gesprochenes Wort miteinander kommunizieren wird das von vielen verstanden. Ob die Form, streng nach der Harmonielehre eingehalten wird - von mir als Landorganisten sicher nicht - die Leute stört es nicht, den Herrn wahrscheinlich auch nicht. Wenn die Leute nachher sagen "War das ein schöner Gottesdienst!", kann man nichts falsch gemacht haben.
Was natürlich nicht heißen soll, dass der Banalität das Wort geredet werden soll.
Man kann nur nicht an einer Dorfkirche das Niveau erwarten, das in einer Kathedrale vorauszusetzen ist.
Was man allerdings aus mancher Kathedrale hört, mag zwar virtuos und formgerecht sein. Ob das aber die Gläubigen erreicht? Laut und aggressiv wird nicht immer als angemessen empfunden.
--
Gruß vom Niederrhein
Bewertung Improvisation
Reinhard Kluth
, Tübingen, Dienstag, 16. April 2013, 11:59 (vor 4887 Tagen) @ jbraki
...das sind die einzig wahren und richtigen Gedanken zu diesem Thema. Denen schließe ich mich voll und ganz und gerne an. Vielen vielen Dank
Lb. Gruß von Reinhard Kluth
Bewertung Improvisation
Karl-Bernhardin Kropf, Dienstag, 16. April 2013, 19:41 (vor 4886 Tagen) @ Reinhard Kluth
Also jedenfalls halte ich "Gefälllt mir" oder "Gefällt mir nicht" doch für sehr zentrale Kriterien, wer auch immer die Worte ausspricht/denkt!
Kompliziert wird es eigentlich nur, wenn man nicht allen gefallen will oder muss ...geht ja ohnehin nicht...also, man möchte vor allem den musikalische Gebildeten gefallen. Oder den anderen. Oder den Organisten. Oder....
Dann kommen die gelisteten Kriterien zum Tragen.
Es gibt sogar noch mehr: Eine bestimmte Impro war im Moment ihres Erklingens völlig faszinierend - die Aufzeichnung ist uninteressant, es fehlen die "Vibrations" jenes Augenblicks, Raum, Licht,....
Eine andere Impro wird live als OK empfunden. Die Aufzeichnung erweist sich aber als so tragfähig, dass die Musik öfter gehört werden kann, beinahe zur Wieder-Interpretation transkribiert werden könnte.
Wahrscheinlich lag es dann doch an den ganzen musikalischen Kriterien, die unterschiedlich verteilt waren, aber trotzdem wirkten die Improvisationen im Moment nicht so, wie sie nach diesen Kriterien zu bewerten wären, sondern quasi andersrum.
Gefällt Bach eigentlich auch allen? Gleich beim ersten Mal? Und wie war es mit seinen Improvisationen? Naja, wir kennen die Arnstädter Gerichtsakten...
Bewertung Improvisation
Friedrich
, Dienstag, 16. April 2013, 20:06 (vor 4886 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Friedrich, Dienstag, 16. April 2013, 20:09
Als Nur-Hörer habe ich nach etlichen Konzert-Improvisationen den Eindruck, dass einer der schwierigsten Punkte die thematische Metrik zu sein scheint, also das Einhalten von Zweier-, Vierer- und Achter-Taktgruppen. Man muss also Zäsuren setzen können, warten können, wiederholen, füllen und stoppen können.
Das trifft natürlich vor allem die Stil-Improvisation, da muss es einfach stimmen. Denn dabei ahmt man ja nicht Improvisationen nach, sondern Kompositionen. Verlässt man den regelmäßigen Rahmen, wird die Musik uferlos und damit schwer verständlich.
Wenn ich Duprés Improvisationsaufnahmen höre, fällt mir auf, dass er manchmal auf Deubel komm raus seine Taktgruppen 2 + 2 oder 4 + 4 aufbaut, auch auf Kosten der Lebendigkeit; und wenn er es nicht tut, wirkt das bei ihm nicht spannungssteigernd, sondern ausgeleiert. Und wenn man sich fragt, warum er laut eigener Angabe täglich sechs Stunden Improvisation übte: Das scheint mir ein dankbares Thema fürs Üben zu sein. Denn solche Gruppen zu bauen, das muss man üben, und offenbar kann man es auch. Man muss eben auf Dauer eine Art Über-Ich installieren, das streng Schläge, Akzente und Takte mitzählt. Stilimpro ohne dieses Training wirkt schnell langweilig.
Wer ein komplettes Lied zum Thema nimmt, hat es da erstmal gut, denn das hat seine eigene Metrik. Dann muss er es natürlich entwickeln, da möchte ich aber schon verstehen, warum er das auf diese bestimmte Weise tut.
Rhapsodisches Einherdonnern finde ich höchstens eineinhalb Minuten lang interessant, dann ist alles gesagt – außer der Spieler macht mir klar, dass da noch etwas auf mich wartet, etwa indem er ein Thema einführt oder einen lösungsbedürftigen Kontrast setzt oder einen Schluss ausscheren lässt.
Übrigens läuft auf der Mailinglist Piporg-L gerade eine sehr interessante Diskussion zum gleichen Thema, an der sich viele Profis auf lesenswerte Weise beteiligen.
Meine schönste Impro-Überraschung habe ich im Freiburger Münster erlebt, wo ein amerikanischer Organist (Name vergessen – vielleicht weiß ihn hier einer der anderen Münstergänger) eine Veni-Creator(?)-Impro im Programm hatte. Ich erwartete ein Gedonner. Es kam eine wunderbare, gar nicht lange Fuge mit der damals flötigen Schwebung der Marienorgel und einem herrlich sanft singenden Cantus firmus. So geht’s also auch, dachte ich.
Gruß,
Friedrich
Bewertung Improvisation
Andreas Scotty Böttcher
, Dresden, Dienstag, 16. April 2013, 21:33 (vor 4886 Tagen) @ Friedrich
Auch wenn die Frage ein wenig provokant klingen mag, ist sie eigentlich meinerseits sehr seriös gemeint:
Improvisation im eigentlichen Sinne ist zunächst mal Stegreifspiel - also eben nichts eingeübtes. Ist es das wirklich noch, wenn man sechs Stunden am Tag "Improvisation" übt? Oder ist es ein reines Abrufen von Handwerk? Vielleicht sollte ich dabei einräumen, dass möglicherweise das Improvisationsverständnis in Jazz und Rock (wo ich herkomme) generell ein anderes ist, als man es in der Kirchenmusikschule lernt. Mich persönlich reizt die Stilkopie überhaupt nicht, auch wenn ich hohen Respekt vor der handwerklichen Leistung habe, die damit verbunden ist. Aber darüber gab es hier an anderer Stelle schon mal eine anregende Diskussion.
Vielleicht machen wir einen Fehler, wenn wir Improvisation mit den Maßstäben der Komposition messen. Mir kommt das dann ein bisschen so vor, als wollte man einen zwanglosen Gedankenaustausch, der von der Einmaligkeit des Augenblicks lebt, mit der Perfektion der Schriftstellerei und Dichtkunst betreiben. Nein, das sind zwei verschiedene "Paar Schuhe". In der Improvisation geht es m.E. um eine atmosphärische Momentaufnahme, der durch die Zeiteinheit von Kreation und Ausführung, durch das Lebensgefühl der Musiker und die momentane Atmosphäre des Raums, des Lichts, der Tagesform eine Lebendigkeit und geballte Intensität innewohnt, wie sie eine ausgeklügelte Komposition kaum erreichen kann, wenn sie zur Aufführung kommt. Mit der Komposition erreicht man dafür eine Art architektonische Kunstfertigkeit in der Formensprache, die man in der Improvisation vermutlich so nicht hinkriegt (und auch nicht hinkriegen muss). Oder anders ausgedrückt: Die Perfektion in der Improvisation ist für mich eine andere, als lupenreine Fugen und Sonaten abzurufen. Improvisation ist etwas spontanes und wildes.
Letztens habe ich ein Album mit einem äußerst kreativen Musiker gemacht, der auf mehreren Instrumenten erstaunliche Improvisationen zustande bringt. Der hat vermutlich noch nie an einer Orgel gesessen, doch ich bin mir sicher, dass er absolut gültige Musik herausholen würde. Schließt ihn mit Proviant und Schlafsack für drei Tage im Altenberger Dom ein, damit er sich bis über beide Ohren in die Orgel verlieben kann. Dann lasst Leute rein und ihn ein Konzert spielen. Das würde der Hammer werden - handwerklich alles andere als perfekt, aber vor Kreativität strotzend und spannend ohne Ende.
Herzlich grüßt
Scotty.
--
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)
Bewertung Improvisation
Friedrich
, Dienstag, 16. April 2013, 22:25 (vor 4886 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
bearbeitet von Friedrich, Mittwoch, 17. April 2013, 00:23
Lieber Scotty,
Momentaufnahme, Intensität, unwiederholbar: auf jeden Fall.
Aber in meinen Ohren braucht Musik Form, damit man sie verstehen kann. Kann sein, dass ich jetzt ganz auf einem falschen Dampfer bin, aber wenn ich eine Jazz-Improvisation höre, dann erwarte ich irgendwann wieder den Chorus, und zwar meistens nach 4 x n Takten. Ich höre, wenn sich so eine Impro ihrer Acht-, Zwölf- Sechzehn-Takte-Grenze nähert, und wenn’s mir gefällt, lasse ich das den Spieler merken und feuere ihn an für noch eine Runde, die dann genauso lange dauern soll. Und wenn er durch ist: »Und jetzt alle!«
Das ist eine ziemlich strenge Form, innerhalb derer Freiheiten um so reizvoller zur Geltung kommen; und ich habe Improvisationen gehört, in denen die Musiker genau mit der erwarteten Strenge spielerisch umgegangen sind und ihre Musik dadurch zum Sprechen gebracht haben.
Die Dennerleinsche simuliert ja auch oft Bigband-Musik, indem sie regelrechte Choruses baut und Sax-, Bass- und Trompetensoli einstreut. So mal als Beispiel.
Aber meiner Ansicht nach braucht eben auch ein frei improvisierender Organist genau solche strengen Gerüste, damit er verständlich bleibt. Wenn er nicht gliedern, Spannung auf- und abbauen kann, kann er auch nicht überraschen und letztlich auch nicht musikalisch überzeugen. Fürs Gliedern, für Spannungsauf- und -abbau gibt es aber Strategien: Wiederholung, Sequenz, Zäsur, Modulation usw. Und die kann man lehren, lernen und üben. Ein Thema aus dem Ärmel hinzustellen, so dass es komplett wirkt und wiedererkennbar bleibt, auch das lässt sich doch üben. Und man muss es in der Regel auch, es sei denn man ist eines dieser urmusikalischen Tiere, die instinktiv einen Sinfoniesatz bauen.
Schon diese Herausforderungen, wenn ich meinem Sohn aus den Sams-Büchern vorlese und das Sams spontan Lieder reimt: Da muss man seine Halbschlüsse und Kadenzen echt planen, während man schon singt. Je nach Ausgeschlafenheit klappt das besser oder schlechter. Aber Erfahrung hilft da eindeutig.
Gruß,
Friedrich
Bewertung Improvisation
Andreas Scotty Böttcher
, Dresden, Dienstag, 16. April 2013, 23:22 (vor 4886 Tagen) @ Friedrich
Lieber Friedrich,
sicher: je mehr Vokabular man hat, desto freier kann man sich in einer Sprache bewegen. Aber es darf nur Mittel zum Zweck sein - und nicht Selbstzweck. Ich glaube schon, dass ich weiß, was Du meinst. Auch ich habe Jazz-Standards gespielt und über deren Harmonienfolgen Chorusse improvisiert und mache das auch z.T. jetzt noch. Habe sogar im Duo mit dem fantastischen Giengener Bassisten Michael Hauser im März 2009 was aufgenommen. Aber grundsätzlich haben für mich all die Standards irgendwie ihren Reiz verloren.
Die traditionelle Orgelimprovisation ist mir außerdem zu sehr aufs Solospiel fixiert. Das ist mir zwar durchaus willkommen, schon allein deshalb, weil manchmal die Gagen so mickrig sind, das es schon an Masochismus grenzt, sie auch noch unter mehreren Musikern aufzuteilen. Aber aus rein musikalischer Sicht sind Duos oder Trios für mich irgendwie ergiebiger und spannender. Auf einen Mitspieler mit seinen Eigenheiten eingehen zu müssen, lässt nämlich alles, was man sich vielleicht beim "Improvisieren üben" zurechtgelegt hat, ganz schnell hinfällig werden, weil die Musik eine Eigendynamik entwickelt, wo plötzlich ganz andere Gesetze gelten. Und dann fängt Improvisation wirklich an, Stegreifspiel zu werden. Mag sein, dass ich mir dadurch eine andere Ästhetik-Auffassung angeeignet habe. Für mich spielt sich freie Improvisation jedenfalls vorrangig auf der Gefühlsebene ab. Mit formaler Strenge hat sie (spätestens im Zusammenspiel mit anderen) nichts zu tun.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich bei meinen Versuchen, das Warum und Weshalb verbal erklären zu wollen, ganz schnell mit meinem Latein am Ende bin. Ich kann nur empfinden, was mich wirklich ergreift. Die Großen Franzosen gehören jedenfalls nicht dazu. Und ich kann das ja nicht mal begründen. Man verzeihe mir das, denn zumindest ehrlich will ich sein. Über Musik - zumal improvisierte - kann man sicher ewig streiten. Wenn Musik in ihrer ganzen Vielfalt mit Worten adäquat auszudrücken ginge, wäre sie überflüssig.
Gute Nacht sagt erst mal
Scotty.
--
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)
Bewertung Improvisation
Aeolinchen, Mittwoch, 17. April 2013, 06:35 (vor 4886 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
Allerdings muss ich zugeben, dass ich bei meinen Versuchen, das Warum und Weshalb verbal erklären zu wollen, ganz schnell mit meinem Latein am Ende bin. Ich kann nur empfinden, was mich wirklich ergreift. Die Großen Franzosen gehören jedenfalls nicht dazu.
Ich bin fast gerührt, dass sich in diesem Thread einer nach dem anderen zu Wort meldet, dem die sonst so hochgerühmten Franzosen irgendwo vorbeigehen.
Die Methode "alle 10 Sekunden die Tonart wechseln", immer fette Vier-Fünf-und-Sechsklänge (arpeggiert und getrillert, damit es flirrt und glitzert) und dann Dynamik rauf, Dynamik runter, wieder rauf, wieder runter... Das geht mir manchmal schon nach wenigen Minuten auf den Keks.
Ich will aber nicht alle über einen Kamm scheren. Thierry Escaich könnte ich eine Stunde lang zuhören, Olivier Latry eher nicht.
Bewertung Improvisation
Contrebasson 32'
, Dienstag, 16. April 2013, 23:28 (vor 4886 Tagen) @ Friedrich
Aber in meinen Ohren braucht Musik Form, damit man sie verstehen kann. Kann sein, dass ich jetzt ganz auf einem falschen Dampfer bin, aber wenn ich eine Jazz-Improvisation höre, dass erwarte ich irgendwann wieder den Chorus, und zwar meistens nach 4 x n Takten. Ich höre, wenn sich so eine Impro ihrer Acht-, Zwölf- Sechzehn-Takte-Grenze nähert, und wenn’s mir gefällt, lasse ich das den Spieler merken und feuere ihn an für noch eine Runde, die dann genauso lange dauern soll. Und wenn er durch ist: »Und jetzt alle!«
Ich möchte mich nicht an dieser Stelle nicht darüber auslassen, zu welcher Spezies (un-)musikalischer Tiere ich gehöre. Wer mich kennt, kann es vllt. erraten, aber darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen.
Die Frage ist doch, welchen Zweck eine Improvisation hat. Hier möchte ich auch nicht all' das richtige Wiederholen, was jrbraki, KBK und Scotty gesagt haben. Eine Improvisation steht und fällt, wenn man sie bewertet, damit, ob sie ihrem Zweck und den äußeren Umständen gerecht wird. Improvisationen innerhalb der Liturgie (vor allem als Vor-, Zwischen-, oder Nachspiele) müssen ganz anderen Kriterien genügen als Improvisation innerhalb einer Konzertsituation. Peter Ewers hat bspw. in seinem Buch viele Tipps und auch viel Handwerkliches niedergeschrieben, aber seien wir doch ehrlich. Eine gute Improvisation lebt nicht primär von der Form, sondern vor allem von einem kreativen Einfall, der dann entsprechend umgesetzt wird, ohne dass es langweilig wird.
Peter Ewers geht u. A. darauf ein, dass man sich und der Hörer zu Liebe nicht zu viele Parameter gleichzeitig verändern darf, bei einer besonders wüsten Harmonik und Melodik kann bspw. eine einfachte Rhythmik und Form als Klammer wirken. Hierzu eine ergänzende Bemerkung: Ich bin mit einem sehr guten Gehör, einem guten Musikgedächtnis und auch mit guten analytischen Fähigkeiten gesegnet. Ergo fand ich so manche klassische Sinfonie langweilig, hatte ich ihre Form doch viel zu schnell durchschaut. Wagner-Opern fand ich unter formellen Aspekten Aspekten betrachtet hingegen zu ausufernd. Mein persönlicher Geschmack liegt also irgendwo dazwischen.
Ignoriere ich nun aber mein analytisches Hören, und lasse mich ergreifen vom bloßen Klangereignis, den harmonischen Spannungen, dem Puls der Musik, der transportierten Emotion usw. dann kann auch eine der hier so sehr gescholtenen lauten Kathedralimprovisationen ein tolles Erlebnis sein.
Das Versteifen auf den Formaspekt ist in diesem Fall jedoch deinem persönlichen Geschmack geschuldet, sodass eine Improvisation auf gar keinen Fall mit der Form steht und fällt.
Fassen wir also zusammen: Improvisationen müssen, um gut zu sein, nicht akademische Analysen bestehen können. Es zählt der kreative Einfall, der beim Erdenken von mindestens einem Motiv beginnt und sich mit dessen Verarbeitung fortspinnt. Dabei muss das Gesamtpaket zur jeweiligen Situation passen.
Damit das gelingt muss man sein Handwerkzeug beherrschen, muss den Boden der Tradition kennen und beherrschen, auf dem man spielt. Dann kann man gerne auch freier, experimenteller sein, die Grenzen der Harmonik, Tonalität, Metrik usw. sprengen. Wenn es denn der Sache an sich dient.
Viele Grüße
Contrebasson 32'
PS: Gottesdienstbesucher sind übrigens sehr heterogen bzgl. ihrer Rezeption von Orgelmusik. Sie verfügen über die unterschiedlichsten Vorkenntnisse, aber zwei Dinge habe ich immer beobachten können:
1.) Ist der Organist beliebt (z.B. bei seinen Chorsängern) bleiben die Gemeindemitglieder gerne nach Ende des Gottesdienstes sitzen und lauschen dem Orgelspiel.
2.) Spielt der Organist hingegen Werke oder Improvisationen, die jenseits der Schmerzgrenze der Anwesendenden liegen ("Da platzt einem ja das Trommelfell", "Das ist so schief, dass sich mir die Fußnägel hochrollen"), verlassen alle umso fluchtartiger die Kirche.
Bewertung Improvisation
willscher, Mittwoch, 17. April 2013, 07:29 (vor 4886 Tagen) @ Contrebasson 32'
1.) Ist der Organist beliebt (z.B. bei seinen Chorsängern) bleiben die Gemeindemitglieder gerne nach Ende des Gottesdienstes sitzen und lauschen dem Orgelspiel.
2.) Spielt der Organist hingegen Werke oder Improvisationen, die jenseits der Schmerzgrenze der Anwesendenden liegen ("Da platzt einem ja das Trommelfell", "Das ist so schief, dass sich mir die Fußnägel hochrollen"), verlassen alle umso fluchtartiger die Kirche.
Also nur Werke, die keinem die Fußnägel hochrollen lassen? Das kann es ja nun wirklich nicht sein. Wichtig ist doch, daß die Musik (ich beziehe mich hier auf Gottesdienste, nicht Konzerte) liturgisch gerechtfertigt ist. Da würde mich wirklich mal interessieren, wieviel Prozent der Organisten ihre Musik auf die liturgischen Texte bzw. gregorianischen Gesänge abstimmen. Meine Gemeinde muß dann am Fest Sanctissimae Trinitatis Messiaens "Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit" (aus Corps Glorieux) ertragen, auch wenn das für viele nicht erbaulich ist.
Ich kenne einen Geiger, der mal sagte, ihm sei Brahms schon viel zu modern - kein weiterer Kommentar.....
Die richtige Mischung macht's, gell?
Wenn also im Evangelium von der Erweckung des Lazarus die Rede ist, dann ist das Orgelnachspiel klar: "Die Erweckung des Lazarus" von Joseph Reveyron, und so weiter und so fort. Kleiner Tipp: In so einem Fall eine Info in den Schaukasten, welche Musik im GD geboten wird. Das hilft sehr. Die Kirchgänger reagieren dann verständnisvoller für die Orgelklänge - wobei ich Messiaen und Co. als höchst wohlklingend empfinde.
Gruß
Andreas
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Contrebasson 32'
, Mittwoch, 17. April 2013, 08:26 (vor 4886 Tagen) @ willscher
An Messiaen als Negativbeispiel hatte ich jetzt nicht gedacht, das ist bspw. bei mir in der Heimat "drin", ohne dass die Leute davonlaufen.
Das ist aber auch eine Frage der Erziehung. Wer ansonsten (auch im kirchenmusikalischen Rahmen) nur Mainstream-Pop und Küchenklassik gewürzt mit etwas Barockmusik kennt, wird mit Messiaen u.U. überfordert sein, dann hilft auch kein Aushang...
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Karl-Bernhardin Kropf, Freitag, 19. April 2013, 09:08 (vor 4884 Tagen) @ Contrebasson 32'
Fassen wir also zusammen: Improvisationen müssen, um gut zu sein, nicht akademische Analysen bestehen können. Es zählt der kreative Einfall, der beim Erdenken von mindestens einem Motiv beginnt und sich mit dessen Verarbeitung fortspinnt. Dabei muss das Gesamtpaket zur jeweiligen Situation passen.
Damit das gelingt muss man sein Handwerkzeug beherrschen, muss den Boden der Tradition kennen und beherrschen, auf dem man spielt. Dann kann man gerne auch freier, experimenteller sein, die Grenzen der Harmonik, Tonalität, Metrik usw. sprengen. Wenn es denn der Sache an sich dient.Viele Grüße
Contrebasson 32'
Ich behaupte:
Wenn der unter Absatz richtig ist (und das glaube ich auch), ist der erste Satz widerlegt - eine solcherart gute Improvisation WIRD akademische Analysen bestehen. Weil dann groß darüber sich ausgebreitet wird, wie der Tonkünstler die Klischees und etablierten Schemata in ihren Grenzen erweitert/sprengt und dadurch Interessantes schafft. Doch stets fühlt man, er könnte auch anders, also "schulmeisterlich". Das trifft auf ganz viele Leute zu. Mozart und Bach müssen nicht stundenlang Improvisation üben. Sie müssen ein paar gute Stücke hören/lesen, und schon hat ihre Software die Regeln guter Musik abgeleitet und steht bereit zur Neuschöpfung.
FRIEDRICH, WIE RECHT DU HAST!
Wie oft bin ich beim Unterrichten fast umgekippt (ich stehe/gehe dabei lieber, als zu sitzen....) wenn der/die Studierende in irgendeiner geordneten Musik - Stilkopie oder nicht - die im 4/4-Takt läuft, auf einmal einen 5er oder 3er-Takt bringt. Und mich angesichts meines folgenden Zustands anguckt à la "War irgendwas?".
Dupré wusste, was wichtig ist, deshalb war er mitunter vielleicht mal langweilig, aber nie peinlich. Auch Seifen würde niemals aus der Periodik kippen es sei denn...:
Wenn Schubert ein 7-taktiges Thema entwickelt, ist das keine Panne, sondern genial!
Dazu muss man aber nicht den Komponistennamen wissen, nein, das fühlt man am Thema. Wenn XY ein 7-taktiges Thema serviert, dann geilt meist "War irgendwas?"
Seufz...
Bewertung Improvisation
Contrebasson 32'
, Freitag, 19. April 2013, 10:34 (vor 4884 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Fassen wir also zusammen: Improvisationen müssen, um gut zu sein, nicht akademische Analysen bestehen können. Es zählt der kreative Einfall, der beim Erdenken von mindestens einem Motiv beginnt und sich mit dessen Verarbeitung fortspinnt. Dabei muss das Gesamtpaket zur jeweiligen Situation passen.
Damit das gelingt muss man sein Handwerkzeug beherrschen, muss den Boden der Tradition kennen und beherrschen, auf dem man spielt. Dann kann man gerne auch freier, experimenteller sein, die Grenzen der Harmonik, Tonalität, Metrik usw. sprengen. Wenn es denn der Sache an sich dient.Viele Grüße
Contrebasson 32'
Ich behaupte:
Wenn der unter Absatz richtig ist (und das glaube ich auch), ist der erste Satz widerlegt - eine solcherart gute Improvisation WIRD akademische Analysen bestehen. Weil dann groß darüber sich ausgebreitet wird, wie der Tonkünstler die Klischees und etablierten Schemata in ihren Grenzen erweitert/sprengt und dadurch Interessantes schafft. Doch stets fühlt man, er könnte auch anders, also "schulmeisterlich". Das trifft auf ganz viele Leute zu. Mozart und Bach müssen nicht stundenlang Improvisation üben. Sie müssen ein paar gute Stücke hören/lesen, und schon hat ihre Software die Regeln guter Musik abgeleitet und steht bereit zur Neuschöpfung.FRIEDRICH, WIE RECHT DU HAST!
Wie oft bin ich beim Unterrichten fast umgekippt (ich stehe/gehe dabei lieber, als zu sitzen....) wenn der/die Studierende in irgendeiner geordneten Musik - Stilkopie oder nicht - die im 4/4-Takt läuft, auf einmal einen 5er oder 3er-Takt bringt. Und mich angesichts meines folgenden Zustands anguckt à la "War irgendwas?".
Dupré wusste, was wichtig ist, deshalb war er mitunter vielleicht mal langweilig, aber nie peinlich. Auch Seifen würde niemals aus der Periodik kippen es sei denn...:Wenn Schubert ein 7-taktiges Thema entwickelt, ist das keine Panne, sondern genial!
Dazu muss man aber nicht den Komponistennamen wissen, nein, das fühlt man am Thema. Wenn XY ein 7-taktiges Thema serviert, dann geilt meist "War irgendwas?"
Seufz...
Hierzu würde ich vollkkommen d'accord gehen, hätte ich statt "akademische Analyse" "schulmeisterliche Analyse" geschrieben, wäre mein Anliegen vllt. klarer geworden.
Ich glaube, dass es gerade bei der Bewertung von Improvisationen im liturgischen Rahmen - unter Berücksichtigung gewisser Grenzen - nicht auf die Kategorien der schulmeisterlichen Analsyse ankommt, sondern darauf, ob der Zweck, dem diese Improvisation dient, (-/gut/sehr gut) erfüllt wird oder (eher) nicht - wie das erreicht wird ist dann erstmal Nebensache. Natürlich kann man dann in einem zweiten Schritt immer noch analsysieren, Motive und ihre Verarbeitung verfolgen, harmonischen Verläufen folgen usw. Und man wird dann wohl auch davon ausgehen können, dass diese Improvisation akademischen Ansprüchen gerecht werden wird, aber eben darauf kommt es zumindestens beim LO-Spiel in der Praxis nicht an.
Und da du eine Unterrichtssituation angesprochen hast, seien wir doch ehrlich: Letzendlich soll alles Erlernen des Handwerkszeugs doch dazu führen, dass man ein Feeling für Musik, die aus dem Moment heraus entsteht, bekommt. Und wer dieses Feeling grundsätzlich (erworben) hat, dem fällt es auch leichter, eigene mehr oder minder kreative Einfälle überzeugend in Töne, bestenfalls in Musik umzusetzen.
Mit besten Grüßen
Contrebasson 32'
Bewertung Improvisation
OrganisteTuttilaire, Freitag, 19. April 2013, 11:21 (vor 4884 Tagen) @ Contrebasson 32'
bearbeitet von OrganisteTuttilaire, Freitag, 19. April 2013, 11:28
Fassen wir also zusammen: Improvisationen müssen, um gut zu sein, nicht akademische Analysen bestehen können. Es zählt der kreative Einfall, der beim Erdenken von mindestens einem Motiv beginnt und sich mit dessen Verarbeitung fortspinnt. Dabei muss das Gesamtpaket zur jeweiligen Situation passen.
Damit das gelingt muss man sein Handwerkzeug beherrschen, muss den Boden der Tradition kennen und beherrschen, auf dem man spielt. Dann kann man gerne auch freier, experimenteller sein, die Grenzen der Harmonik, Tonalität, Metrik usw. sprengen. Wenn es denn der Sache an sich dient.
Ja! Ohne Handwerk ist alles nichts, aber Handwerk ist nicht alles. Echte Inspiration, Kreativität und Geschmack sind eben nicht jedem gegeben, denn das ist Begabungs- UND Einstellungssache, sicherlich auch Prägung durch Vorbilder und gute Lehrer. Wer innerlich nicht frei ist, wird meines Erachtens keine gute Musik schaffen können. Insbesondere keine mitreißende. Ohne eine herausragende Persönlichkeit des Musikers hat auch seine Musik keine. Dann fehlen die echte empathische Lyrik, der Biss und vieles mehr. Bernstein war eben ein anderer Musiker als irgendein Leiter eines Schulorchesters. Und das lag nicht nur an seinem Fleiß...
Es waren übrigens auch und gerade Laien und einfache Leute, die die Improvisationen von Marcel Dupré oder Pierre Cochereau toll fanden, egal wie "modern" das jeweilige Stück ausfiel. Weil sie das Musikantische und die Seele spürten und gleichzeitig die Stücke ihre gute Ordnung, ihren sauberen Aufbau hatten und daher immer auch vom Laien nachvollzogen, ja "nachgespürt" werden konnten.
Bewertung Improvisation
Aeolinchen, Mittwoch, 17. April 2013, 06:17 (vor 4886 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
Improvisation im eigentlichen Sinne ist zunächst mal Stegreifspiel - also eben nichts eingeübtes. Ist es das wirklich noch, wenn man sechs Stunden am Tag "Improvisation" übt?
...
Letztens habe ich ein Album mit einem äußerst kreativen Musiker gemacht, der auf mehreren Instrumenten erstaunliche Improvisationen zustande bringt. Der hat vermutlich noch nie an einer Orgel gesessen, doch ich bin mir sicher, dass er absolut gültige Musik herausholen würde. Schließt ihn mit Proviant und Schlafsack für drei Tage im Altenberger Dom ein, damit er sich bis über beide Ohren in die Orgel verlieben kann.
Und was wird er die drei Tage lang machen? Die Orgel so lange anschauen, bis er sich verliebt hat?
Nein. Er wird sich an den Spieltisch setzen und drei Tage lang nach der try-and-error-Methode ausprobieren, was gut klingt und was nicht, um bis zum Konzert ein paar Dinge draufzuhaben, die klingen (und beim Konzert die Dinge zu vermeiden, die nicht klingen).
Und genau das nenne ich "Improvisation üben".
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Andreas Scotty Böttcher
, Dresden, Mittwoch, 17. April 2013, 18:31 (vor 4885 Tagen) @ Aeolinchen
bearbeitet von Andreas Scotty Böttcher, Mittwoch, 17. April 2013, 19:31
Das setzt aber schon ein gewisses Maß an Kreativität und auch einen gewissen Mut voraus. Denn er würde ja dann nicht auf Grund von angelernten Kriterien, sondern ganz für sich allein entscheiden (müssen), was gut klingt und was nicht, was er für seine Musik gebrauchen kann und was nicht.
Im Prinzip magst Du sogar Recht haben. Was Du meinst, konnte ich als Kind tatsächlich stundenlang betreiben. Als meine Eltern das Klavier angeschafft hatten, lag das Spielzeug nur noch in der Ecke, und ich habe stundenlang Klänge, Intervalle, Akkorde in allen möglichen Lagen und Tonhöhen ausprobiert, bis mir irgendwas besonders gefiel - oder eben auch nicht. Ich habe mir das Instrument eben erforscht.
Ob das schon "Improvisation üben" ist oder erst, wenn man anfängt Sonatenhauptsätze und Fugen zusammen zu basteln, muss wohl jeder für sich definieren. Worüber man aber nicht streiten kann, ist der Fakt, dass man Formen zwar in der Schule lernen, üben und abfragen kann, nicht jedoch wirkliche Kreativität. Ist der Nerv dafür nicht da, kann man improvisieren üben, soviel man will. Dann wird es bestenfalls perfektes Handwerk, nicht jedoch Musik.
(Deshalb mag ich auch keine Improvisationswettbewerbe.)
P.S.:
Der Musiker, von dem ich im vorigen Posting schrieb, ist übrigens der geniale Multi-Instrumentalist Adam Smith.
--
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)
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orgelquaeler, Südwestdeutschland, Donnerstag, 18. April 2013, 11:19 (vor 4885 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
Ob das schon "Improvisation üben" ist oder erst, wenn man anfängt Sonatenhauptsätze und Fugen zusammen zu basteln, muss wohl jeder für sich definieren. Worüber man aber nicht streiten kann, ist der Fakt, dass man Formen zwar in der Schule lernen, üben und abfragen kann, nicht jedoch wirkliche Kreativität. Ist der Nerv dafür nicht da, kann man improvisieren üben, soviel man will. Dann wird es bestenfalls perfektes Handwerk, nicht jedoch Musik!
Hallo! Sehr schönes Diskussion über das Thema, ich habe mich in Vielem wieder gefunden.
Ich spiele in einer Gruppe Theatersport, also Improtheater. Und auch hier wird das Imrpovisieren geübt, sprich Einhaltung von Regeln und Strukturen. Hier gibt die Form das Gerüst, an dem man sich, je nach Trainingsstand, immer weiter hochhangelt. Wir improvisieren auch Gesangseinlagen ;-)
Die Meisterschaft zeigt sich vlt auch im Ausfüllen der From. Beim jüngst verstorbenen F. Lehrndorfer ist mir die Ähnlichkeit zwischen der Kinderlieder-CD und der CD von der Vorstellung der neuen Frauenkirchen-Orgel zu groß (ja de mortuis, ich weiß schon) und da liegen ja Jahre dazwischen. So sollte eine Form doch auch weiterentwickelt werden.
LG
OQ
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Florian-L, Donnerstag, 18. April 2013, 14:24 (vor 4884 Tagen) @ orgelquaeler
Wir improvisieren auch Gesangseinlagen ;-)
Auch im Sergio-Ragaini-Stil? ;-)
Gruß, Florian
--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-
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Werni
, Donnerstag, 18. April 2013, 19:42 (vor 4884 Tagen) @ orgelquaeler
Zu meinem Lieblings-Improvisator F. Lehrndorfer möchte ich etwas anmerken:
Lehrndorfer mochte den Choral "Wie schön leuchtet der Morgenstern" offensichtlich sehr.
Eine Aufnahme aus dem Augsburger Dom - da war er ca. 45 - lässt einen vor Kraft strotzenden Musiker hören, der auf einer agressiv klingenden Orgel seiner Spielfreude freien Lauf ließ. Jahre später in Gerleve schon viel weicher, aber wuchtiger in der harmonischen Behandlung. In Köln St. Gereon 2001 eine Improvisation, die mit viel weniger auskam als früher - altersgereift. Also für mich schon eine musikalische Entwicklung, die sich allerdings hier schriftlich unzureichend beschreiben lässt. Oder die Improvisation über "Großer Gott, wir loben dich", die durch die geniale Simplizität des Nebenthemas besticht und in ihrer Gesamtheit in einer anderen Liga spielt als die Improvisationen über Kinderlieder.
Ausserdem denke ich, dass - vom musikalisch vorausgesetzem Handwerk mal abgesehen - es für jeden Improvisator gute und schlechte persönliche Stimmungen gibt. Manche Sachen von z. B. Cochereau sind - um es beim Namen zu nennen - banal, andere wiederum schlichtweg genial und die verdiente Vorstufe zur Komposition. Auch das Umfeld muss stimmen: Orgel ist brauchbar, die Akustik ist dem Improvisator geneigt, ebenso ist die Stimmung des Publikaums durchaus fühlbar und beeinflußt die Impro. Kurz gesagt - es gehören viele Dinge zusammen, die eine gute Improvisation erst möglich machen.
Gerhard Wernecke
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Friedrich
, Donnerstag, 18. April 2013, 19:59 (vor 4884 Tagen) @ Werni
… Auch das Umfeld muss stimmen: Orgel ist brauchbar, die Akustik ist dem Improvisator geneigt, ebenso ist die Stimmung des Publikaums durchaus fühlbar und beeinflußt die Impro. Kurz gesagt - es gehören viele Dinge zusammen, die eine gute Improvisation erst möglich machen.
Danke für die Eindrücke, fand ich lesens- und bedenkenswert. Ich persönlich habe es nicht so mit Lehrndorfers Improvisationsstil, auch wenn ich einsehe, dass er schon ein großer Organist und Improvisator war. Auch seine Sujets waren oft nicht so meins – Marienlieder, »Großer Gott, wir loben dich« usw., das ist meiner lutherischen DNS zu katholisch-volkstümlich, ein bisschen viel Altötting. Was ich eingeklagt habe, das Gliedern und Klären in der Improvisation, das hatte Lehrndorfer zweifellos meisterhaft drauf, ebenso Sangbarkeit und Rhythmus.
Was ich aus der Beschreibung allerdings auch mitnehmen werde, ist der nette Verschreiber »Publikaum«. Bitte, ich will mich nicht drüber lustigmachen, schließlich sind meine Beiträge auch selten ganz hasenrein – aber zu manchen Orgelkonzerten passt »Publikaum« einfach besser als jedes andere Wort.
Gruß,
Friedrich
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Matthias
, Fürth, Donnerstag, 18. April 2013, 21:00 (vor 4884 Tagen) @ Werni
... meinst du nicht die Aufnahme aus der Barfüßerkirche Augsburg von 1964, die in der Festschrift "Dux und Comes" als CD beiliegt?
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Werni
, Freitag, 19. April 2013, 11:06 (vor 4884 Tagen) @ Matthias
... meinst du nicht die Aufnahme aus der Barfüßerkirche Augsburg von 1964, die in der Festschrift "Dux und Comes" als CD beiliegt?
Genau diese meine ich.
Nochmal zu Improvisationen: Ich besitze übrigens noch einen Mitschnitt von Köln Brauweiler. Lehrndorfer mochte diese Orgel nicht und war absolut unglücklich über dieses Instrument im Hinblick auf das abendliche Konzert und machte seinem Ärger Luft, indem er "arabisch" improvisierte, das sehr laute Räuspern seiner Gattin in der halligen, leeren Kirche kurzerhand als Thema für eine Mini-Improvisation verwendete und mir die Freude machte, dass ihm völlig unbekannte Werk "Ein feste Burg" von Jan Zwart vom Blatt zu spielen. Allerdings sagte er dazu, immer noch schlecht gelaunt, dass dafür aber eigentlich keine Noten gebraucht hätte.
Bewertung Improvisation
Aeolinchen, Samstag, 20. April 2013, 08:22 (vor 4883 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
Das setzt aber schon ein gewisses Maß an Kreativität und auch einen gewissen Mut voraus. Denn er würde ja dann nicht auf Grund von angelernten Kriterien, sondern ganz für sich allein entscheiden (müssen), was gut klingt und was nicht, was er für seine Musik gebrauchen kann und was nicht.
Ich kapiere den Unterschied nicht wirklich.
Jeder Musiker hat doch irgendwann mal irgendwelche Kriterien gelernt.
Jeder Musiker hat doch irgendwann gelernt, dass für jeden Stil eigene Kriterien gelten.
Jeder Musiker weiß, daß er seine eigenen Entscheidungen treffen muss, wenn er einen eigenen Stil haben will.
Wenn ich an eine fremde Orgel komme, muss ich ausprobieren, was gut klingt und was nicht. Weil ich mit Orgeln schon ziemlich viel Erfahrung habe, brauche ich dazu nur drei Stunden und keine drei Tage. (Drei Tage zum ausprobieren sind trotzdem besser als drei Stunden, auch wenn man noch so viel Erfahrung hat.)
... stundenlang Klänge, Intervalle, Akkorde in allen möglichen Lagen und Tonhöhen ausprobiert, bis mir irgendwas besonders gefiel - oder eben auch nicht. Ich habe mir das Instrument eben erforscht.
Ob das schon "Improvisation üben" ist oder erst, wenn man anfängt Sonatenhauptsätze und Fugen zusammen zu basteln, muss wohl jeder für sich definieren.
"Üben" ist das, was ich mache, wenn niemand zuhört.
Wenn da nur Sonatenhauptsätze und Fugen dazu zählen würden, dann hätte ich in meinem Leben noch nicht viel geübt.
Ist der Nerv dafür nicht da, kann man improvisieren üben, soviel man will. Dann wird es bestenfalls perfektes Handwerk, nicht jedoch Musik.
Im Prinzip ja.
Trotzdem Widerspruch: Ich habe schon viele Anfänger unterrichtet. Dass es nicht gelingt, den Nerv fürs Kreative, fürs Improvisieren zu wecken, kommt nur sehr selten vor. So selten wie das Gegenteil, ein Improvisationsgenie.
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Contrebasson 32'
, Sonntag, 21. April 2013, 22:17 (vor 4881 Tagen) @ Aeolinchen
Ist der Nerv dafür nicht da, kann man improvisieren üben, soviel man will. Dann wird es bestenfalls perfektes Handwerk, nicht jedoch Musik.
Im Prinzip ja.
Trotzdem Widerspruch: Ich habe schon viele Anfänger unterrichtet. Dass es nicht gelingt, den Nerv fürs Kreative, fürs Improvisieren zu wecken, kommt nur sehr selten vor. So selten wie das Gegenteil, ein Improvisationsgenie.
Siehe auch hier (man verzeihe mir bitte, dass es sich nicht um eine Improvisation auf der Orgel handelt).