Evangelische Posaunenchöre
OrganisteTuttilaire, Sonntag, 05. Mai 2013, 09:17 (vor 4867 Tagen)
Woher kommt eigentlich die Tradition und vor allem die hohe Bedeutung der Posaunenchöre in der evangelischen Kirchenmusik?
Und warum scheint sie sich über all die Jahrhunderte ein großes Bisschen von der Tristesse der 1630er Jahre bewahrt zu haben? Selbst wenn sie bemüht verswingt und synkopiert wird?
Evangelische Posaunenchöre
Friedrich
, Sonntag, 05. Mai 2013, 11:03 (vor 4867 Tagen) @ OrganisteTuttilaire
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 05. Mai 2013, 11:43
Woher kommt eigentlich die Tradition und vor allem die hohe Bedeutung der Posaunenchöre in der evangelischen Kirchenmusik?
Dazu gibt es schon eine Art Legende. Im Mittelpunkt steht "Posaunengeneral" Johannes Kuhlo. Die Legende besagt, dass er mit wachsendem Entsetzen sah, wie der im 19. Jahrhundert neue industriell gebrannte, billige Schnaps die Männer ganzer Dörfer in den Alkoholismus stürzte; sie versoffen das beim Torfstechen usw. verdiente Geld am Ende der Woche. Daraufhin sammelte er Instrumente und gründete mit Hilfe Gleichgesinnter Posaunenchöre, die an den kritischen Abenden -- der Zahltage -- die Männer vom Zechen abhielten und sie stattdessen zum Proben bewegten.
An der Legende stimmt, dass es Kuhlo darum ging, die Männer vom Saufen abzuhalten. Die Posaunenchöre waren allerdings nur ein Teil der Strategie; die Hauptrolle spielte wohl die Gründung der CVJM-Gruppen.
Und warum scheint sie sich über all die Jahrhunderte ein großes Bisschen von der Tristesse der 1630er Jahre bewahrt zu haben? Selbst wenn sie bemüht verswingt und synkopiert wird?
Ich weiß nicht, wie trist ein professionelles Posaunenquartett um 1600 geklungen haben mag. Das kann auch eine sehr bewegliche Angelegenheit gewesen sein, mit Zink im Diskant. Hör mal so Grüppchen wie die Cornets noirs (z. B. auf den von ihnen veröffentlichten Audite-Platten).
Generell ist es aber für Laienmusikanten schon immer sehr, sehr schwer, so etwas wie musikalischen Esprit rüberzubringen. Musik für Posaunenchöre muss z. B. berücksichtigen, dass nur wenige Bläser wirklich hoch, rhythmisch direkt und beweglich spielen können, von der Intonation mal ganz abgesehen. Jedes Schülerquartett (Streicher oder Blockflöten oder was) und jeder normale Kirchenchor liefert dazu Anhörungsmaterial, und jeder Chorleiter ist zu bewundern, der es mit viel Können, massenpsychologischen Tricks und persönlicher Manipulation schafft, die Begeisterung auch akustisch durchklingen zu lassen.
Der Posaunenchor-Satz zum bekannten Kirchentagsheuler "Komm, Herr, segne uns" ist ein Beispiel für gekonnt laienmäßig gesetzte Musik: Der Satz ist für mittelgutes Ensemble gesetzt und hat einen Extra-Jubilus ad libitum für den begabteren Trompetensolisten, den manche Posaunenchorleiter unter ihren Schützlingen entdecken.
Die Posaunenchöre leisten immer noch viel Integrationsarbeit, genauso wie andere kirchenmusikalische Laiengruppen, aber sie haben es schwer angesichts der hochgradigen musikalischen Professionalisierung, die ja auch den Schallplattenmarkt längst beherrscht. Musik ist, wenn man's trotzdem macht.
Gruß,
Friedrich,
ehemals ein zweiter Trompeter in einem ehrgeizigen, aber trotzdem stets ledern klingenden Posaunenchörchen im niedersächsisch-westfälischen Grenzland, das seine großen Momente eher mit "Alexander's Rag Time Band" hatte als mit Terpsichore.
Evangelische Posaunenchöre
Friedrich
, Sonntag, 05. Mai 2013, 11:04 (vor 4867 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Sonntag, 05. Mai 2013, 11:15
P. S.
Von Johannes Kuhlo her kommt übrigens die Bläserstimmung "in K" (statt B, F oder C). "K" steht für "klingend" oder "Kuhlo", also einfach für Sätze in klingender Notation, die sowohl der Organist als auch der Posaunenchor vom Blatt spielen können sollten. Außerdem heißt es, dass die Kuhlo-Bläser durch die Transpositions-Hürde vom Abwandern in die Militärkapellen abgehalten werden sollten.
Gruß,
Friedrich
Evangelische Posaunenchöre
Karl-Bernhardin Kropf, Sonntag, 05. Mai 2013, 16:56 (vor 4867 Tagen) @ Friedrich
Just back from Kirchentag.... auch mit viel Blech....
Ja, Posaunenchöre sind eine mehr eine diakonische/missionarische Einrichtung als eine künstlerische. Heutzutage sind sie als "Schwere Artillerie" der Kirchenmusik auch sehr praktisch - siehe Kirchentag, wo Chöre unterschiedlicher Qualität und Größe schnell eine Menschansammlung an der Straßenecke erzeugen.
Das chorische Prinzip ist sozial, aber künstlerisch "tödlich", ähnlich wie bei Blückflöten. Der von mir ggw. betreute Chor ist klein, aber recht jung (Studenten sorgen für Fluktuation mit Niveau), wir spielen so weit als möglich einzeln besetzt, sind also 7 Leute da, versuche ich quasi, etwas siebenstimmiges zu spielen, um die Intonationsprobleme innerhalb einer Stimme schon mal auszuschalten, es bleibt am Akkord an sich genug zu tun.
Singe-Chorerfahrung ist hilfreich, inzwischen würde ich sagen, unverzichtbar. Anfänger, egal ob jung oder alt, müssen erst (halbwegs) sauber singen können, sonst entsteht nicht ein mal mehr Kunsthandwerk.
Übrigen sind die originalen Kuhlo-Sätze deutlich höher als das, was heute allgemein spielbar ist. Es wurde sicher mehr zuhause geübt damals - vgl. diesen Film über die englische Minenarbeiter-Kapelle, wie hieß der doch gleich?
Typisch für Kuhlo auch der "weitmensurierte" Chor, also eher Flügelhorn als Trompete, lieber Tenorhorn als Posaunen. Ist auch nett, aber die weiten Instrumente verlangen noch bessere Intonation, wenngleich die Schwebungen nicht so brutal sind.
Ich versuche, den Chor möglichst nach Blechbläsern klingen zu lassen - das ist vom üblichen Posaunenchor-Sound, mit relativ dichter Intontation und vor allem völlig statischem, meist auch etwas matten Ton, relativ weit entfernt.
Nachteil: Mancher Proberaum wird dann auf ein mal ganz schnell zu klein, auch bei gleichbleibender Bläserzahl....
Das tendenziell solistische Spiel birgt Risiken - wenn ein Bläser am Sonntag krank ist, z. B.
Da ich den Chor selbst leite und meist auch orgle, haben wir inzwischen intonatorisch daran gearbeitet, auch gut mit der Orgel gleichzeitig zu spielen, nicht nur abwechselnd. Das ergibt natürlich einen satten Bass, auch wenn mal kein tubist da ist, und wenn das Stück leicht unterprobt ist. kann man es ein wenig zusammenhalten. So viel aus meiner Erfahrung, die allerdings nach dem Muster des Kirchenmusikers verläuft, der erst auf gemeindlichen Wunsch in die Bläserei einsteigt.
Bereut hab ichs nicht, vor allem hat sich mein Respekt vor guten Bläsern (hörte in Hamburg gestern wieder die NDR-BigBand, seufz...) vervielfacht...
Evangelische Posaunenchöre
Friedrich
, Sonntag, 05. Mai 2013, 17:11 (vor 4867 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
Übrigen sind die originalen Kuhlo-Sätze deutlich höher als das, was heute allgemein spielbar ist. Es wurde sicher mehr zuhause geübt damals - vgl. diesen Film über die englische Minenarbeiter-Kapelle, wie hieß der doch gleich?
Du meinst "Brassed off"? Wo die Band zuerst vor der Royal Albert Hall steht, dann das Portal öffnet und plötzlich dem schönen Birminghamer Hill-Prospekt gegenübersteht? War trotzdem ein sehr netter Film! :-)
Gruß,
Friedrich
Evangelische Posaunenchöre
OrganisteTuttilaire, Montag, 06. Mai 2013, 15:16 (vor 4866 Tagen) @ Friedrich
Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung, die mir doch die Augen geöffnet - und die Ohren ein bisschen versöhnlich verschlossen hat, denn man vergisst oft, dass es in der Kirche in der Tat nicht immer nur um die hohe Kunst geht, sondern um gelebtes Miteinander, das manchmal eben auch aus gemeinsamen Tönen ohne besonderen Anspruch besteht. Was ja einiges für sich hat! Man muss eben mit anderen Ohren und Ansprüchen rangehen. Allerdings tue ich mich mit manch eifrig-frommer Klampfe und Spuckflöte trotzdem noch schwer, mag sie auch noch so integrativ pastoral fungieren und gut gemeint sein...
Evangelische Posaunenchöre
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Montag, 06. Mai 2013, 16:06 (vor 4866 Tagen) @ OrganisteTuttilaire
Na, da muss man aber fairerweise sagen, daß die meisten Posaunenchöre deutlich erträglicher sind als Klampfen-/Flötendarbietungen.
Evangelische Posaunenchöre
OrganisteTuttilaire, Dienstag, 07. Mai 2013, 08:44 (vor 4865 Tagen) @ Friedrich
Ich weiß nicht, wie trist ein professionelles Posaunenquartett um 1600 geklungen haben mag. Das kann auch eine sehr bewegliche Angelegenheit gewesen sein, mit Zink im Diskant. Hör mal so Grüppchen wie die Cornets noirs (z. B. auf den von ihnen veröffentlichten Audite-Platten).
Mit meiner Anspielung auf die Tristesse der 1630er Jahre meinte ich übrigens die Depression auf dem Höhepunkt des 30-Jährigen Krieges.
Je länger ich über das Thema nachdenke, um so klarer stellt sich nun für mich doch heraus, was mich eigentlich stört. Das ist nicht wirklich die oft mangelnde musikalische oder technische Qualität der Darbietungen (die hat man bei jeder schlechten oder mittelmäßigen Jazzcombo, Dixiekapelle oder Wirtshausmusi auch), sondern vielmehr verspüre ich in der Satztechnik und der ganzen musikantischen Herangehensweise diese zuweilen beklemmende lutherische Kargheit und Spassfeindlichkeit, dieses unerträglich Gediegene, ja Spießige. Posaunenchöre erscheinen mir als der verklanglichte Inbegriff all dessen. Unverständlich eigentlich, wie es evangelische Barockkirchen geben kann.
Evangelische Posaunenchöre
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Dienstag, 07. Mai 2013, 08:53 (vor 4865 Tagen) @ OrganisteTuttilaire
"Beklemmende lutherische Kargheit, ja Spassfeindlichkeit".
Da frage ich mich: Was hättest du denn lieber?
Skizziere doch mal ein für dich positives Gegenbeispiel.
Evangelische Posaunenchöre
OrganisteTuttilaire, Dienstag, 07. Mai 2013, 09:11 (vor 4865 Tagen) @ Poupoulcorouse