Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Karl-Bernhardin Kropf, Mittwoch, 29. Mai 2013, 07:27 (vor 4841 Tagen)

Liebes Forum,
hier mal wieder eine Anfrage an die versammelte Fachkompetenz und Kreativität.

In der Rostocker Marienkirche findet im September die fortlaufende Lesung des ersten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot" statt.
Mehr zum Werk hier

Es soll ein Konzert dazu geben, und, für mich nun überraschend, es gibt auch Geld dafür.

Vielleicht habt Ihr ja Ideen, was auch über Orgelmusik hinaus musiziert werden könnte, eventuell auch mit ein paar Instrumenten/Stimmen.

Freue mich auf die Diskussion!

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Karsten, Mittwoch, 29. Mai 2013, 10:59 (vor 4841 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In der Rostocker Marienkirche findet im September die fortlaufende Lesung des ersten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot" statt.
Mehr zum Werk hier

Es soll ein Konzert dazu geben, und, für mich nun überraschend, es gibt auch Geld dafür.

Vielleicht habt Ihr ja Ideen, was auch über Orgelmusik hinaus musiziert werden könnte, eventuell auch mit ein paar Instrumenten/Stimmen.

Freue mich auf die Diskussion!

Hallo!

Ein schwieriges Unterfangen, da ein passendes Programm zu finden. Hier mal ein paar Brainstorming-Ideen:

Meint "über Orgelmusik hinaus" die Möglichkeit, weitere Musikgruppen (Sänger, Chor, Kammermusik...) einzubringen? Dann würde ich spontan auf Schostakowitsch verweisen, der im Kammermusikbereich zahlreiche, überaus doppelbödige, Werke geschrieben hat, die gut passen könnten, ganz zu schweigen von den Liedern.

"Lieder" wären auch ganz allgemein eine gute Fundgrube. Es gibt doch sicherlich zahlreiche gute Vertonungen von Texten von Widerständlern, die eingebracht werden könnten. Diese könnten natürlich auch zeitgenössisch sein, wobei man auch zwangsläufig auf "Entartete Musik" als weiteres Kriterium kommt.
Aber auch im "klassischen" Liederrepertoire gibt es Unmengen von zeitlosen "Hits", die zu solch einem ernsten Konzert passen könnten.

Als Kontrast dazu könnte man sich vielleicht auch ein paar "Durchhaltehits" vorstellen, die einerseits ein Epochenbild zeichnen und vor allem im Zusammenhang zu dem Rest einen überaus bittren Beigeschmack bekommen.

Zurück zur Orgelmusik:
Wenig einfallsreich, aber sicher wirkungsvoll: Alains Litanies, die "Trois Danses" fände ich auch sehr gut (auch auszugsweise), vermute aber, dass da der Aufwand-Nutzen sich nicht so die Waage hält. Die von Wolfgang vorgeschlagenen Werke (Mars, Bringer of War und Reubkes Psalm) halte ich fast schon "zu schön" für einen solches Konzept.
Reger würde sicher auch gut passen, gerade mit seiner aufwühlenden Harmonik (im Idealfall sogar die "Symphonische"), sein "Dankpsalm" oder "Variationen über Heil dir im Siegerkranz" wären vertretbare Beispiele, um die offizielle nationale Stimmung dieser Zeit*) ein wenig zu repräsentieren - die dann im Laufe des Konzerts natürlich kippen muss.
Es wäre die Frage, ob und inwieweit man "neutrale" Werke einbauen könnte/muss/möchte, die von der Propaganda vereinnahmt wurden. Eine gute Transkription von Liszts "Les Preludes" für Orgel ließe sich sicher auftreiben, und der Wagner'sche Walkürenritt ist ja im Wagnerjahr sicher ein gut investierter Programmpunkt.

Gruß
Karsten


*) Nein, Reger war natürlich kein Nazi und ich möchte ihn auch nicht damit in Verbindung bringen, die genannten Stücke bezogen sich natürlich auf den ersten Weltkrieg.

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

tiratutti @, Mittwoch, 29. Mai 2013, 11:05 (vor 4841 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Hallo,

für mich wäre ein zwingendes Kriterium, dass der Komponist eines gespielten Werkes Januar/Feburar 1943 gelebt hat. Klar fallen damit Reger genauso raus wie Bach oder Reubke, aber mir scheint nur so wirklich Bezug herstellbar zu sein.

Grüße von tiratutti

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

perotin @, Rhein-Neckar-Raum, Mittwoch, 29. Mai 2013, 11:24 (vor 4841 Tagen) @ tiratutti

für mich wäre ein zwingendes Kriterium, dass der Komponist eines gespielten Werkes Januar/Feburar 1943 gelebt hat.

Ich meine auch, daß solche Komponisten zumindest vertreten sein sollten. Möglich wäre z.B. Hindemith, der ja auch mächtig Ärger mit den Nazis hatte (Emigration). So manches von ihm hat nachdenklichen oder meditativen Charakter, z.B. 2. und 3. Satz der zweiten Orgelsonate. Die Orgelsonaten entstanden 1937-1940.

Grüße,
perotin

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

tiratutti @, Mittwoch, 29. Mai 2013, 15:00 (vor 4841 Tagen) @ tiratutti
bearbeitet von tiratutti, Mittwoch, 29. Mai 2013, 15:05

Die Idee, die Orgel mit Gesang zu kombinieren, gefällt mir gut. Denn mit einer Stimme erreicht man nochmal ganz andere Wahrnehmungsschichten als mit Instrumenten allein.

Es gibt z.B. von Francis Poulenc ein Priez pour Paix (Betet um Frieden), erschienen 1939. Das könnte ich mir zu dem Anlass gut vorstellen.

Grüße von tiratutti

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Nachthorn, Mittwoch, 29. Mai 2013, 11:12 (vor 4841 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Wie wäre es mit der Kantate BWV 38 "Aus tiefer Not schrei ich zu dir"?

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Cor de Basset, Mittwoch, 29. Mai 2013, 11:54 (vor 4841 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

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In der Rostocker Marienkirche findet im September die fortlaufende Lesung des ersten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot" statt.
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Vielleicht habt Ihr ja Ideen, was auch über Orgelmusik hinaus musiziert werden könnte, eventuell auch mit ein paar Instrumenten/Stimmen.

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Orgel solo:

Karl Höller:
Choralvariationen über "Helft mir Gottes Güte preisen" op. 22/1 (1936)
Choralvariationen über "Jesu, meine Freude" op. 22/2 (1936)

Hugo Distler:
Orgelsonate op. 18/2 (1939)

Marcel Dupré:
Offrande à la Vierge op. 40 (1944)

Jean-Jacques Grunenwald:
Hymne aux Mémoires héroïques (1939)
Hymne à la Splendeur des Clartés (1940)

Herbert Howells:
Master Tallis's Testament (1940)

Jean Langlais:
Première Symphonie (1941, einzelne Sätze daraus)
Chant héroïque & Chant de Paix (Neuf Pièces von 1942-43)

Orgel plus...

Herbert Howells:
Hymnus paradisi (1938) Sopran & Tenor Solo, 4st. gem. Chor, Orgel u. Orchester:
Preludio (Lento, molto espressivo)
Requiem aeternam (Lento, teneramente)
The Lord is my Shepherd (Quasi lento, non troppo rubato)
Sanctus: I Will lift up mine eyes (Allegro volante)
I Heard a Voice from Heaven (Lento, assai tranquillo)
Holy is the True Light (Con moto, ma assai sostenuto)

Four Anthems (4st. gem. Chor & Orgel, 1941):
O pray for the peace of Jerusalem
We have heard with our ears
Like as the hart
Let God arise

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Mittwoch, 29. Mai 2013, 12:30 (vor 4841 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Hallo,

ein paar Vorschläge:

1) Toteninsel nach Böcklin von Desider von Antallfy-Zsiros

2) Requiem von Everett Titcomb

3) Aus tiefer Not von Bruno Weigl

4) Elegy von Malcolm Archer

5) Totentanz (Chorwerk) von Hugo Distler, auch Orgelwerke von demselben.

6) Aus tiefer Not - 1. Satz der Sonate g(?)-moll von Gustav Merkel

7) Aus tiefer Not - Choralvorspiel von Paul Gerhardt (1867-1946)

8) Passacaglia (und Fuge) von Richard Wetz (1875-1936)

9) Grave Marcia funebre von Joseph Ahrens

10) Andante es-moll von Heinrich Kaminski

11) Sonate für Orgel (1941) von Ernst Krenek (<7 Min)

Nr. 1-4 gibt es von Martin Kondziella auf "Orgelmusik zur Passion" (Corpus Christi, Berlin)

Wenn's nicht zu schwer für ein Literatur- aber nicht Musikpublikum werden soll, dürften sich auch Tango-Bearbeitungen von Piazolla eignen; die sind oft todtraurig und dennoch gut hörbar. ggsf. mit Bandonium? Beispiele gibt es auf der Niederlausitz-CD Nr. 5

Gruß Clemens Schäfer

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Mittwoch, 29. Mai 2013, 12:47 (vor 4841 Tagen) @ Clemens Schäfer

Hallo,

Ergänzung:

12) Lamentation of Jeremiah von Leonard Bernstein (10 Min), Sopran u. Orgel

13) Aus tiefer Not - Choralvorspiel von Manfred Kluge (1928-1971)

14) Urlicht von Gustav Mahler (aus Symph. Nr. 2) f. Sopran u. Orgel

15) De Profundis Psalm 100 von Jean Langlais

16) Kol Nidre von Louis Lewandowski (Sopran u. Orgel)

17) Kaddisch von Maurice Ravel (Sopran u. Orgel)

alle Vorschläge nach einer CD "Urlicht" Tillmann Benfer u. Gertraude Göpner, Dom zu Verden.

Gruß Clemens Schäfer

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Klingbach, Mittwoch, 29. Mai 2013, 15:45 (vor 4841 Tagen) @ Clemens Schäfer

Günther Raphael hat da viellicht auch etwas
zu bieten und passt auch.

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

FranzS. @, Mittwoch, 29. Mai 2013, 18:42 (vor 4840 Tagen) @ Klingbach

Günther Raphael hat da viellicht auch etwas
zu bieten und passt auch.

würde ich auch sagen! möglicherweise die Partita (eigentlich ist es eine Choralphantasie) über "Ach Gott vom Himmel sieh darein". Außerdem könnte sich auch noch Musik von Leuten anbieten, die gefallen sind, wie zum Beispiel Max Jobst (Orgelpartita "Jesu meine Freude").

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

chp, Mittwoch, 29. Mai 2013, 18:49 (vor 4840 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Hallo,

ich habe von Kempowski die deutsche Chronik ziemlich komplett gelesen, auch mehrere der Tagebücher, kenne das Echolot aber nur am Rande.

Dennoch ein paar Informationen, die vielleicht auch die musikalische Gestaltung beeinflussen könnten: Für dieses monumentale Werk hat Kempowski jahrzehntelang alle möglichen Texte gesammelt, Kommentare von Schriftstellern genauso wie Zeitungsausschnitte oder Briefe von Frontsoldaten. Diese Quellen hat er dann auf mehreren 1000 Seiten (4 Teile mit jeweils bis zu 4 Bänden) nach bestimmten Kriterien geordnet als Collage verarbeitet. Es handelt sich also um ein monumentales Werk, für das Kempowski selber praktisch keine Zeile selbst geschrieben hat.

Dennoch entsteht aus dieser geschickten Collage ein umfassendes Bild der deutschen Realität der Kriegsjahre. Das Echolot lotet das damalige Deuschland eben in alle Richtungen aus. Es kommen dabei alle Stimmen zu Wort, Täter und Opfer, Mitläufer und Widerständler, Schriftsteller und einfache Leute. Übrigens hat Kempowski 2002 speziell für das Echolot die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock verliehen bekommen. Antragsteller waren dabei interessanterweise nicht die Germanisten, sondern die Historiker.

Vielleicht könnte man dieser Collagetechnik Kempowskis auch musikalisch Referenz erweisen, indem man musikalische Schnipsel zu einer Improvisation zusammenfügt, etwa vom Sportpalastwalzer über Soldatenlieder, Kirchenlieder (die Nacht ist vorgedrungen), Lieder des Widerstands (etwa die Moorsoldaten), Schlager bis hin zu Wagner und der Wochenschaufanfare (aus Liszts Préludes?), auch das Motiv von Beethovens 5. (BBC-Motiv) dürfte dabei natürlich nicht fehlen. Man könnte ja mal recherchieren, welche Musik im Echolot für diese Zeit erwähnt wird.

Das ist nur so eine Idee, ich weiß nicht ob das Sinn macht. Kempowski war ein Querkopf, so eine Art unkonventioneller, liberaler Konservativer, der sich auch mal (im Renteralter) ohne Scheu in einer Hamburger Kneipe an eine Tisch mit Rockern gesetzt und hat und mit deren Frauen geflachst hat. Sein Betreuer an diesem Tag (ein Bekannter von mir) hat dabei vor Schreck fast einen Herzinfarkt bekommen.

Übrigens spielte Kempowski selbst Klavier und Orgel und war in seiner Landschullehrerzeit wohl auch als Dorforganist aktiv.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Unda Maris ⌂, nahe Hamburg, Donnerstag, 30. Mai 2013, 07:13 (vor 4840 Tagen) @ chp

Messiaens Solobearbeitung aus dem Quatuor pour la fin du temps die er im Schlußteil seines Diptyque wiederverwendete ist sicher passend. Auch die Orgelwerke von Walter Kraft könnten hier gut passen (Totentanztoccata, Partita Nun will sich scheiden

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Phys, Donnerstag, 30. Mai 2013, 17:57 (vor 4840 Tagen) @ chp

Die Überlegung, Stücke der Zeit in einer Improvisation zusammenzucollagieren, finde ich sehr gut und dem Echolot angemessen.
Im "Tadellöser" kommen neben Toccata und Fuge d-Moll auch Jonny Heykens "Ständchen" op. 21 vor, vielleicht ließe sich das einbinden.

Das Abschlußkapitel von "Weltschmerz" zeigt Kempowskis Faszination für die astronomische Uhr der Rostocker Marienkirche (er beschreibt eine Orgel mit einem Spielwerk, das er offenbar der Uhr abgeschaut hat) - läßt sich da irgendwas machen?

In seiner Bautzener Zeit (wo er den Häftlingschor leitete) arrangierte und schrieb er Chormusik; unter den von ihm aufgeführten Stücken befanden sich viele 'alte Meister'; er entdeckte aber auch eine besondere Liebe zu Pepping (vgl. Ein Kapitel für sich) - ich denke, wenn man einen Chor einbinden könnte, wäre das toll, aber auch seine Orgelmusik wäre unbedingt angemessen. - Viel später hat er auch Schostakowitsch schätzengelernt...

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Phys, Donnerstag, 30. Mai 2013, 20:31 (vor 4839 Tagen) @ Phys

Achja, Choräle und Choralbearbeitungen, z.B. "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" würde passen, fast noch mehr zum Echolotband 'Fuga furiosa' (vgl. auch "Alles umsonst").

Ich glaube, in "Culpa" steht auch ein bißchen was dazu, was er während der Entstehung von 'Echolot' gehört hat.

Übrigens spielte Kempowski selbst Klavier und Orgel und war in seiner Landschullehrerzeit wohl auch als Dorforganist aktiv.

Letzteres war er nicht, hat eher nur für sich oder ausgewählte Zuhörer gespielt; er hat sich mit Breddorf und Nartum sogar jeweils bewußt Dörfer ohne Kirche ausgesucht, um nicht dem Pastor sozial untergeordnet zu sein. ;-)

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Phys, Freitag, 31. Mai 2013, 06:49 (vor 4839 Tagen) @ Phys

... außerdem, ebenfalls im 'Tadellöser' omnipräsent: Jazz!

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

chp, Freitag, 31. Mai 2013, 12:52 (vor 4839 Tagen) @ Phys

Hallo,

Übrigens spielte Kempowski selbst Klavier und Orgel und war in seiner Landschullehrerzeit wohl auch als Dorforganist aktiv.


Letzteres war er nicht, hat eher nur für sich oder ausgewählte Zuhörer gespielt; er hat sich mit Breddorf und Nartum sogar jeweils bewußt Dörfer ohne Kirche ausgesucht, um nicht dem Pastor sozial untergeordnet zu sein. ;-)

OK. Aber irgendwo habe ich im Kopf (Tagebücher?), dass er Orgel gespielt hat. Vielleicht ist es aber auch nur die Figur in "Herzlich Willkommen"?

... außerdem, ebenfalls im 'Tadellöser' omnipräsent: Jazz!

richtig, abhotten beim Swing...
Werden in der Dt. Chronik nicht auch Auseinandersetzungen der Swing-Anhänger mit der Hitlerjugend beschrieben?

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Phys, Freitag, 31. Mai 2013, 13:58 (vor 4839 Tagen) @ chp

OK. Aber irgendwo habe ich im Kopf (Tagebücher?), dass er Orgel gespielt hat. Vielleicht ist es aber auch nur die Figur in "Herzlich Willkommen"?

Doch, stimmt schon, sowohl er selbst als auch die Figur in 'Herzlich willkommen' spielen Orgel und Harmonium; er hatte in Nartum auch zeitweilig ein Elektronium. Allerdings hat er, soweit ich weiß, wie die Figur der Chronik selbst keine Gottesdienste gespielt (und im Gegensatz zu Christa in der Chronik, die ihn unterrichtet, spielt Hildegard Kempowski nicht Orgel).

... außerdem, ebenfalls im 'Tadellöser' omnipräsent: Jazz!


richtig, abhotten beim Swing...
Werden in der Dt. Chronik nicht auch Auseinandersetzungen der Swing-Anhänger mit der Hitlerjugend beschrieben?

Ja, die Geschichte mit seinen langen Haaren, die ihm von HJ-Mitgliedern abgeschnitten werden. Das ist ihm übrigens wirklich passiert, er hat denjenigen später in Bautzen wiedergetroffen.

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Friedrich @, Donnerstag, 30. Mai 2013, 07:34 (vor 4840 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In der Rostocker Marienkirche findet im September die fortlaufende Lesung des ersten Bandes von Walter Kempowskis "Echolot" statt. …
Es soll ein Konzert dazu geben, und, für mich nun überraschend, es gibt auch Geld dafür.

Das ist eine schwierige Kiste. »Traurige« Sachen – wenn, dann möglichst viele unterschiedliche Aspekte, sonst wird man der Komplexität des Echolots wohl wenig gerecht. Also Viel-Stimmiges, wie bei Kempowski. Strenges und Hartes, vielleicht auch Kühles finde ich auch eher angemessen.

Wolfgang, Reubkes Rachepsalm? Der ist zwar großes Kino. Aber wenn man den Text mitdenkt: Wer soll da gerächt werden, und an wem soll Rache geübt werden, oder auch nur Gerechtigkeit? Damit hätte ich, glaube ich, meine Schwierigkeiten. Genauso mit einem anderen Stück, das mir erst in den Sinn kam, nämlich »Weinen, Klagen«. In kaum einem Zusammenhang dürfte der Schlusschoral »Was Gott tut …« so wehtun wie in einem solchen. (Aber das hast Du ja auch nicht vorgeschlagen.)

Aus der Romantik würde ich da nur Brahms gelten lassen, den alten Existenzialisten. »O Traurigkeit« ist vielleicht zu dicke, aber eine ganz große Trauermusik. Die beiden »O Welt« und »Herzlich tut mich«, die as-Moll-Fuge, vielleicht auch das g-Moll-Paar.
Hindemith, übrigens: Ja, Musik der Zeit, aber es wird auch immer irgendwie alles gut. Da hatte Brahms den kälteren, deswegen heute anrührenderen Blick.

Und der Blick zurück auf die Zeit des 30-jährigen Kriegs? Z. B. »Fili mi Absalon« aus Schütz’ Symphoniae sacrae I (1629). Da brauchst Du ein gutes Posaunenquartett. Wenn Du das hast: »An den Wassern zu Babylon« SWV 500; und warum nicht »Haus und Güter erbet man von Eltern« SWV 21.

Buxtehude: »Mit Fried und Freud«.

Dann fällt einem natürlich auch gleich Purcells »Music for the Funeral …« ein, das ist natürlich weit später, aber fantastische Musik.

Bach: die kompliziert-strengen Sachen, vielleicht aus CÜ III. »Aus tiefer Not«, »Vater unser«. Orgelbüchlein: »Adam«, »In dir ist Freude« (ja!).

Reger: Präludium und Fughetta e-Moll aus op. 80 (Fughetta mit Schlussdiminuendo). Einer der wenigen wirklich resignativen Reger, außer den Variationen natürlich. »Inferno« finde ich unpassend. Da gibt es den Anfangsschock, gut; aber das Grauen muss bei Reger meistens eben doch ein Ende haben, das mit den Wilhelminischen Fugen kommt. Der Titel allein gibt nicht genug her.

Die Schostakowitsch-Passacaglia wäre sicher nicht verkehrt, die erbarmungslose. Die kommt aus den Dreißigerjahren.

Gut auch: Leightons Prelude, Scherzo & Passacaglia.
Alains drei Tänze kamen schon vor, auch die Litanies, die aber immer wieder missverstanden werden; Verzweiflung ist es in der Regel nicht, was ein Hörer da als erstes mitbekommt.
Das ist das Problem mit der französischen, oft mystisch inspirierten Orgelmusik, auch mit den Langlais-Stücken. Ich erinnere mich daran, wie am 11. September 2001 – einem Dienstag – die Organistin im Freiburger Münster-Orgelkonzert den »Chant de Paix« spontan ins Programm hob. Das ist aber doch ein sehr dünnes Stückchen angesichts wirklichen Grauens.

Dagegen Dupré: Psalm XVIII, Caeli enarrant …, auch dreisätzig, sehr nachdenklich und etwas kühl, und eher von heiligem Grauen erfüllt als von Haydnschem, entspannt-aufgeklärtem Jubel. So eine Trotz-allem-Religiosität. Der erste Satz allein vielleicht?

Mögliche Konzertfolgen, so aus dem Hut:

Buxtehude, g-Moll BuxWV 148
Schütz, »An den Wassern«
Praetorius, »O lux beata Trinitas«
Bach, »Aus tiefer Not«
Schostakowitsch, Passacaglia
Schütz, »Fili mi«
Leighton, P, S & P

Brahms, »O Traurigkeit«
Schütz, »Haus und Güter«
Brahms, as-Moll-Fuge
Schütz, »An den Wassern«
Brahms, g-Moll
Schütz, »Fili mi«
Reger, e-Moll aus op. 80

Reger: e-Moll aus op. 80
Schütz: »An den Wassern«
Bach: »Vater unser« (CÜ III)
Reger: »Alle Menschen« op. 52/1
Bach: »Aus tiefer Not« (CÜ III)
Schütz: »Fili mi«
Alain: Trois danses

So weit, so unfertig.

Gruß,
Friedrich

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

Karl-Bernhardin Kropf, Montag, 03. Juni 2013, 06:25 (vor 4836 Tagen) @ Friedrich

Guten Morgen in die Runde!

Ich war am WE fast durchgängig weg, daher konnte ich Eure reichen Beiträge noch nicht würdigen! Vielen Dank schon mal, ich sehe mal, dass ich bald alles durchgelesen habe!

Euer KBK

Januar/Februar 1943.... Programmideen?

willscher, Montag, 03. Juni 2013, 07:07 (vor 4836 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Guten Morgen in die Runde!

Ich war am WE fast durchgängig weg, daher konnte ich Eure reichen Beiträge noch nicht würdigen! Vielen Dank schon mal, ich sehe mal, dass ich bald alles durchgelesen habe!

Euer KBK

Selber guten Morgen,

warum denn nicht Orgelwerke spielen, die 1943 komponiert worden sind, als da
u.a. wären:
Toccata d-Moll und Choralpartita von Eberhard Wenzel
Fugen über BACH von Ernst Pepping
Orgelkonzert II von Hans Friedrich Micheelsen
Pastorale von Friedrich Adam
Partita "Nun will sich scheiden...." von Walter Kraft
Präludium von Wolfgang Fortner
Le Tombeau de Titelouze von Marcel Dupré
2 Offertoires von Jean Langlais

u.s.w.
Ich gehe jetzt aber nicht den ganzen Beckmann durch ;-))

Gruß
Andreas

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