neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 1
kjz1, Mittwoch, 08. Dezember 2010, 15:12 (vor 5746 Tagen)
Hallo!
am 28. 11. 2010 wurde die neue Förster&Nicolaus Orgel (III/51) in der Florinskirche in Koblenz eingewiehen. Der Zeckmäßigkeit halber möchte ich meinen Beitrag in 3 Teilen schreiben. Zunächst einmal die Disposition (ursprünglich für englischsprachige Leser verfasst, deshalb auch die engl. Anmerkungen):
Foerster&Nicolaus, 2010:
I. Manual - Hauptwerk, C - a3
Principal 8'
Großgedackt 16'
Rohrfloete 8'
Gamba 8'
Octave 4'
Flute allemande 4'
Quinte 2 2/3'
Superoctave 2'
Cornett V 8'
Mixtur IV-VI 1 1/3'
Trompete 16'
Trompete 8'
Tremulant
II. Manual - Positiv, C - a3
Principal 8'
Quintathoen 16'
Salicional 8'
Flauto traverso 8'
Lieblich Gedackt 8'
Singend Principal 4'
Blockfloete 4'
Sesquialtera II 2 2/3'
Waldfloete 2'
Larigot 1 1/3'
Scharff IV 1'
Dulcian 16'
Cromorne 8'
Tremulant
III. Manual - Schwellwerk C-a3
(obere Oktave ausgebaut für 4'-Koppel)
Viola d'amour 16'
Horn-Principal 8'
Tibia 8'
Viola pomposa 8'
Voix celeste 8'
Bordun 8'
Fugara 4'
Nachthorn 4'
Nazard 2 2/3'
Flautino 2'
Terz 1 3/5'
Fourniture IV-V 2'
Fagott 16'
Trompette harm. 8'
Hautbois 8'
Clairon harm. 4'
Tremulant
Pedalwerk, C - g1
Untersatz 32' (ext. from Subbass)
Principalbass 16'
Subbass 16'
Octavbass 8' (ext. from Principalbass)
Gedacktbass 8' (ext. from Subbass)
Tenorbass 4' (ext. from Principalbass)
Großmixtur IV 5 1/3'
Kontraposaune 32' (ext. from Posaune, half length)
Posaune 16'
Trompete 8' (ext. from Posaune)
Glockenspiel (tubular bells)
Zimbelstern
Euphrasia (a pure tuned D-Major chord, as a gift from the organ builder)
Walze (stop crescendo)
Motor (blower)
Couplers:
I/P, II/P, III/P 8' 4'
II/I 16' 8' 4', III/I 16' 8' 4'
II/II 16' 4', III/II 16' 8' 4'
III/III 16' 4'
attached console
mechanical key- and electric stop-action
30000 electronic combinations
Organ consultant: Prof. Heinz Anton Hoehnen
Etwas ungewöhnlich vielleicht zunächst das 'amerikanische' Pedal mit den 3 Pfeifenreihen (Gedackt, Prinzipal, Posaune), aus dem (bis auf die Mixtur) praktisch alle Register im Multiplex-System abgeleitet wurden.
Spiritus rector des ganzen Projektes war Dr. Markus Dröge, zunächst hier Pfarrer, später dann Superintendent und mittlerweile als Nachfolger von Prof. Huber Landesbischof von Berlin-Brandenburg. Möglich wurde das Projekt, da aufgrund des Konkordates das Land die Hälfte der Baukosten trug und der Rest dann von 2 Großspendern (ein orgelbegeisterter Arzt, selbst nebenamtlich als Organist tätig und aus einer lokalen Industriellendynastie, die bereits über Generationen hinweg die lokale Klassikszene unterstützt). Gewünscht war von der Kirchengemeinde explizit eine große Konzertorgel.
BTW: In meiner Heimatgemeinde (Basilika St. Kastor) läuft ebenfalls zur Zeit ein Orgelprojekt. Da die Basilika mitten im Gelände der BUGA 2011 liegt, war es eigentlich geplant, dort während der BUGA mit der neuen, großen Orgel Konzerte zu veranstalten. Leider hat sich dieses Projekt wohl aufgrund der Finanzen un langwieriger Planungen verzögert. Das wird also nichts zur BUGA. Und somit ist die evangelische Nachbargemeinde (beide Kirchen liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt) quasi mit ihrer neuen Orgel 'in die Bresche gesprungen'. Die Disposition für diese Orgel stammt wiederum von Prof. Höhnen, dem langjährigen Organisten der Basilika St. Kastor. Vor Ort klappt es also noch mit dem 'kleinen Dienstweg' und der Ökumene....
Viele Grüße,
- Karl-Josef
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 2
kjz1, Mittwoch, 08. Dezember 2010, 15:45 (vor 5746 Tagen) @ kjz1
Zur Orgeleinweihung ist auch eine ausführliche Festschrift erschienen. 2 Begebenheiten aus der Historie erschienen mir so interessant, dass ich den Inhalt hier kurz wiedergeben möchte. Und da es ja bereits publiziert wurde, ist es auch für die Öffentlichkeit gedacht.
Es wurde schon nach dem Schicksal der Vorgängerorgel gefragt (Oberlinger, II/26, 1973). Nun, keine allzu erfreuliche Geschichte. Normalerweise sind Abnahmegutachten ja oft voll des Lobes. Aber hier klang bereits im Abnahmegutachten von Günter Eumann einige Kritik an. Und die genannten Mängel vermehrten sich mit der Zeit noch. Das ging so weit, dass es zum völligen Bruch zwischen Kirchengemeinde und der Fa. Oberlinger kam, der Wartungsvertrag wurde 1988 gekündigt. Daraufhin hat die Firma Willi Peter (die auch eine andere Orgel der Kirchengemeinde erbaut hatte) 1991 die Orgel teilweise gereinigt und neu intoniert. Auch dies brachte wohl keinen dauerhaften Erfolg, so dass die Gemeinde einen weiteren Spezialisten hinzuzog: 1997 sollte die Fa. Klais die Orgel wieder reparieren. Während den Reparaturarbeiten stellte dann Klais Schäden in noch wesentlich größerem Ausmaß fest, die erheblich höhere Investitonen erfordert hätten. Die Kirchengemeinde ließ durch Klais aber dann nur die gröbsten Schäden reparieren, man setzte auf einen Orgelneubau, der dann ja auch 2010 realisiert werden konnte.
Die Oberlinger-Orgel hatte natürlich auch schon eine Vorgängerin, um die sich ebenfalls ein noch tragischeres Schicksal rankt. Ursprünglich handelte es sich um eine Stumm-Orgel (II/26, 1821), die aber 1934 von der Fa. Weigle grundlegend umgebaut wurde (II/34), insbesondere wurde die Traktur auf Pneumatik umgestellt. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Orgel dann durch Oberlinger 1952 wiederum umgebaut. Mit der Zeit wurde die Traktur immer unspielbarer, Grund: es war eine Warmluftheizung eingebaut worden, die Luft wurde trockener, die Lederbälgchen der pneumatischen Traktur wurden spröder und spröder, schließlich war die Orgel kaum mehr spielbar. Da kam jedoch ein junger, talentierter Organist in die Gemeinde, der nebenamtlich in den Gottesdiensten die Orgel spielte. Und er kannte einen Trick, wie man die Orgel wieder spielbar machen konnte: vor den Gottesdiensten stellte er eine elektrische Heizplatte mit einem Topf Wasser ins Orgelgehäuse. Der Dampf des kochenden Wassers erweichte die Lederbälgchen, die Orgel war zumindestens notdürftig wieder spielbar. Man ahnt, was jetzt kommt... Eines Tages (Okt. 1970) vergaß der Organist nach dem Sonntagsgottesdienst, die Heizplatte wieder auszuschalten. Nachdem das Wasser verkocht war, überhitzte die Heizplatte und in der Nacht von Sonntag auf Montag fiel die gesamte Orgel einem Schwelbrand zum Opfer. Zudem wurde die ganze Kirche durch Ruß stark verschmutzt. Die Tragödie geht aber noch weiter. Aus Gram darüber, den Untergang seiner geliebten Orgel verursacht zu haben, beging der junge Organist Selbstmord.
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
kjz1, Mittwoch, 08. Dezember 2010, 21:28 (vor 5746 Tagen) @ kjz1
Das Einweihungskonzert der neuen Orgel wurde am 28. 11. von Prof. Ludger Lohman gespielt. Lohmann spielte Bach, Reger und Dupré.Interessanter noch fand ich das Konzert von Prof. Wolfgang Seifen am 4. 12. Es war ein typisches 'Seifen-Konzert', wie ich es schon mehr als einmal gehört habe. Für W. Seifen scheint es 2 Prämissen zu geben: erstens, ich spiele keine Literatur, sondern nur Improvisationen und zweitens, ich kann in jedem Stil improvisieren. (BTW: von P. Cochereau gab es ja mal eine CD-Box, wo er dies auch so demonstrierte)
Das Konzertprogramm war:
Suite francaise
(AKA W. Seifen improvisiert M. Duprè)
- Fonds
- Flutes
- Meditation I
- Mixtures
- Meditation II
- Anches
- Meditation III
- Mutations
- Meditation IV
- Final
Drei kontrapunktische Studien
(AKA W. Seifen improvisiert J. S. Bach)
- zu zwei Stimmen
- zu drei Stimmen
- zu vier Stimmen
Symphonische Fantasie und Fuge
(AKA W. Seifen improvisiert M. Reger und F. Liszt)
Alleine die Suite francaise dauerte 45 Minuten, das gesamte Konzert anderthalb Stunden. Für ein reines Improvisationskonzert sicherlich auch eine 'Ausdauerleistung'. Die Suite francaise erinnerte mich etwas an die improvisierten Versetten, die P. Cochereau zur Einweihung der neuen Orgel in St. Joseph aufgenommen hat. Und W. Seifen tat natürlich das, wozu sich Improvisationen (im Gegensatz zum Literaturspiel) ganz besonders eignen: er führte sämtliche Klangfacetten der neuen Orgel vor. So kam in einer Meditation der Zimbelstern zu Wort, in der symphon. Fantasie und Fuge dann auch das Glockenspiel.
Die symphon. Fantasie begann so düster, es gab deutlich Anklänge an Max Regers Choralfantasie 'Wachet auf'. Später dann Pedaltriller, wie man sie aus Liszts B-A-C-H kennt. Zum Schluß gab es 'Standing Ovations' für den Interpreten, und dieser beklatschte die neue Orgel. Mir schien es so, als wäre W. Seifen tatsächlich von der neuen Orgel recht angetan gewesen, also mehr als eine 'Höflichkeitsfloskel'.
Tja, und wie fand ich selbst denn nun die neue Orgel? Zunächst einmal ist die Empore relativ 'zugebaut'. In der Höhe und auch in der Breite ist kaum mehr Platz, die Orgel ist auch relativ tief, d. h. der Organist sitzt relativ nah am Brüstungsgeländer. Mehr als die 51 Register wären vom Platz her wohl kaum möglich gewesen. Durch die Höhenbeschränkung ist der 32' natürlich gedackt bzw. die 32'-Zunge mit halber Becherlänge.
Vom Raum her würde ich sagen, dass die Kirche mit ca. 30 Register eigentlich gut zu beschallen wäre. Aber es war halt ein großes Konzertinstrument explizit gewünscht. Bei der Intonation hatte ich den Eindruck, als hätte man da etwas 'mit angezogener Handbremse' gearbeitet. Die 32'-Kontraposaune würde ich z. Bsp. eher als Kontrafagott bezeichnen. Zusammen mit den ganzen Sub- und Superkoppeln ist die Orgel in diesem Raum im Tutti natürlich eine 'Wuchtbrumme'. Und damit es nicht völlig in den Ohren klingelt, hat man den Klang von der Intonation etwas 'zurückgefahren', soweit zumindestens mein subjektiver Eindruck.
Eins kommt auch noch dazu: das wichtigste Register der Orgel fällt leider weg. In der Festschrift wird die gute Akustik der Kirche gelobt. Das gilt aber nur, wenn man 'Konzertsaalakustik' bevorzugt. Da es sich um eine mittelgroße romanische Kirche mit großen Steinflächen handelt, sollte man eigentlich einen entsprechenden Hall erwarten. So ist es aber nicht. Die Akustik der Kirche ist 'staubtrocken'. Bei voll besetzter Kirche ist in spätestens 1 Sekunde der Hall weg. Der Klang der Orgel steht also völlig präsent im Raum.
Vielleicht ist es ja auch eine Marotte von mir, aber ich präferiere große Orgeln in großen Räumen, wo das Instrument quasi 'in den Raum hinein atmet'. Dies ist hier leider nicht gegeben. Bei den Konzerten habe ich mich immer wieder bei der Vorstellung ertappt, wie denn diese Orgel in einem entsprechend großen Raum klingen würde, wo man dann auch die Intonation entsprechend anpassen könnte.
Bitte, bitte nicht missverstehen: sicher ist die Orgel ein sehr gelungenes und sehr schönes Instrument, nur hat mich halt immer wieder der Gedanke beschlichen, dass die Orgel leider im falschen Raum steht....
Viele Grüße,
- Karl-Josef
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
jrbecker
, Samstag, 23. Juni 2012, 22:52 (vor 5183 Tagen) @ kjz1
Bitte entschuldigt, dass ich einen so alten Faden noch einmal aufmache, "besondere Umstände" bewegen micht dazu.
Am vergangenen Wochenende lernte ich einen ehemaligen Mitarbeiter (OBM) der Erbauerwerkstatt dieser Orgel kennen. Wir machten eine Tour zu drei historsichen Orgeln im näheren Umfeld und an der dritten Kirche angekommen, kramte er in seinem Handschuhfach herum. Eigentlich hätte er gedacht, dort noch eine CD der Licher Marienstiftskirche zu haben, war aber nicht so. Statt dessen zauberte er eine Aufnahme des Einweihungskonzertes von Ludger Lohmann hervor, das dieser am 28.11.2010 in der Florinskirche Koblenz gegeben hatte und schenkte sie mir...
Eine schöne Überraschung, und die CD schob ich natürlich auf der Heimfahrt gleich in den CD-Player...
Die CD bestätigt das hier schon gesagte: Das Fehlen fast jeglicher Akustik ist deutlich zu hören und selbst auf der Aufnahme empfinde ich das als den Hauptgrund dafür, dass mich keines der gespielten Stücke wirklich mitreißt.
Hier nochmal kurz das Programm in der Abfolge:
- BWV 552
- BWV 645
- Reger - Fantasie und Fuge über Wachet auf
- BWV 650
- Dupré - Variation sur un Noel
Bei BWV 552 habe ich im Praeludium den Eindruck, dass Lohmann noch so spielt, als würde er in der Kirche noch eine Akustik erwarten. Vieles ist mir zu "abgehackt". Ich wünsche mir an diesem Stück an meiner _modernen_ Orgel auch ein wenig mehr dynamische Differenzierung - z. B. dass die Pedalzunge bei den Echostellen einmal weggenommen werden könnte. (Die Geister streiten sich ja darum, ob dieser eine Ton überhaupt ein Pedalton sei. Die Alternative wäre bei dieser Registerierung hier auch eine gute Idee gewesen!) Die Fuge - die auch mit der einmal eingestellten Registrierung durchgespielt wird - gefällt mir aber von der Phrasierung her wesentlich besser.
Solide und dem Raum und Instrument angemessen interpretiert sind meiner Meinung anch die beiden Schübler-Choräle. Bei "Wachet auf" ist wohl das Cromorne die Solostimme, da könnte ich mir auch eine der Trompeten (HW oder SW) vorstellen.
Reger und Dupré - Ojé... - Nein, nein, nicht der Interprestation wegen, sondern vielmehr, weil diese Stücke sind, mit denen ich mich bisher noch nie beschäftigt habe. Ich habe ja hier schon öfter manifestiert, dass ich kein Reger-Fan bin und ich muss sagen: Auch diese Aufnahme überzeug mit nicht davon, dass ich mich mit Regers Orgelmusik beschäftigen müsste: sie reißt mich nicht vom Hocker. Ich habe aber einmal vergleichend gehört und diese Aufnahme hier dagegen gehört. Klar hat diese Orgel noch mehr Möglichkeiten, vor allem steht sie in einem über Akustik verfügenden Raum. Aber: Die hier verlinkte Woehlin scheint mir vom Grundklang her weicher, biegsamer, geschmeidiger zu sein und ich werde das Gefühl nicht los, dass das für Regers Orgelwerke eine bessere Klanggrundlage sein könnte, als der - auf der CD meinem Empfinden nach eher hart wirkende - Klang der Florinskirchenorgel. Auch die Woehlin hat die notwendige Kraft für diesen großen Raum, in Koblenz ist es ja wohl eher anders (wenn ich das mal aus dem Kopf zitiieren darf: angezogene Bremse für den kleinen Raum). Dafür dass in Koblenz intonatorische Zurückhaltung geübt worden sein könnte, kommen mir gerade die leisen Stellen mit Schwebung zu direkt rüber... (Wobei ich nicht ausschließen kann, dass es an der Aufnahmetechnik liegt...)
Bei Dupré dagegen habe ich den Eindruck, dass hier alles passt: Tempi, Dynamik, Registrierung sind hier meiner Meinung nach sehr gut getroffen. (Nur ein wenig mehr Legato zum Ausgleich der fehlenden Akustik wäre hier vielleicht wieder angebracht gewesen.)
Und hier klingt die Orgel auch besser zum Stück passend, charakteristischer als bei Reger. Auch hier habe ich - da ich auch dieses Stück noch nicht näher kannte - einmal in andere Aufnahmen hineingehört. Und tatsächlich kann man da Beispiele aus Deutschland, oder Frankreich anhören und kommt zu dem Schluss: Da kann die Florinsorgel in Beziehung zu dem Raum, in dem sie steht, durchaus mithalten. Bitte nicht falsch verstehen: Ich meine hier nicht einen direkten Vergleich der Orgeln, sondern vielmehr die Tatsache, dass bei dieser Musik von Dupré der Klang der Orgel viel eher so kommt, wie ich es mir erwarten würde, als dies bei Reger der Fall ist. (Übrigens gibt es das Stück auch auf der eben schonmal zitierten Woehlin.)
Was will ich nun mit diesem Roman sagen? Ich möchte ihn mit einer Frage abschließen: Wie hat sich die Orgel denn nun in den letzten 1 1/2 Jahren in Konzerten bewährt? Was wird auf ihr gespielt? Bewahrheitet sich im Live-Eindruck derjenige, den ich beim Hören der CD bekommen habe? Ist die Orgel tatsächlich für französische (romantische und moderne) Musik besser geeignet als für Reger?
Grüße
Jörg
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
kjz1, Sonntag, 24. Juni 2012, 13:47 (vor 5182 Tagen) @ jrbecker
Die CD bestätigt das hier schon gesagte: Das Fehlen fast jeglicher Akustik ist deutlich zu hören und selbst auf der Aufnahme empfinde ich das als den Hauptgrund dafür, dass mich keines der gespielten Stücke wirklich mitreißt.
Ja, die Akustik erinnert mich mehr an einen Konzertsaal als eine (mittelgroße) Kirche.
Dafür dass in Koblenz intonatorische Zurückhaltung geübt worden sein könnte, kommen mir gerade die leisen Stellen mit Schwebung zu direkt rüber... (Wobei ich nicht ausschließen kann, dass es an der Aufnahmetechnik liegt...)
'Intonatorische Zurückhaltung' kann ich bei dieser Orgel nicht erkennen. Wie schon gesagt, spontan kam mir zu dieser Orgel der Begriff 'Wuchtbrumme' in den Sinn.
Was will ich nun mit diesem Roman sagen? Ich möchte ihn mit einer Frage abschließen: Wie hat sich die Orgel denn nun in den letzten 1 1/2 Jahren in Konzerten bewährt? Was wird auf ihr gespielt? Bewahrheitet sich im Live-Eindruck derjenige, den ich beim Hören der CD bekommen habe? Ist die Orgel tatsächlich für französische (romantische und moderne) Musik besser geeignet als für Reger?
Wenn ich mich richtig erinnere, standen beim Einweihungskonzert die Mikrophone gerade mal 5-6 m von der Orgel entfernt. Bei dieser Akustik ist dies eigentlich viel zu nahe. Bei einer Orgeldemonstration forderte der Hausorganist die Zuhörer explizit dazu auf, während des Spiels (ein Orgelwerk von Bach) in der Kirche umherzugehen. Und tatsächlich, für meine Ohren klang die Orgel am besten in weiter Entfernung, also im Hochchor fast am gegenüberliegenden Ende der Kirche. Da wurde die 'Direktheit' durch den längeren Schallweg nämlich etwas gemildert.
Im gottesdienstlichen Gebrauch habe ich die Orgel noch nicht gehört, aber die spontane Reaktion von anderen Zuhörern war: die Orgel ist zu laut...
Schaut man sich das Konzertprogramm an:
http://www.koblenz-mitte.jamnet.de/neue_orgel_florinskirche-112.html
so ist da Reger eher selten vertreten. Bisher habe ich bei Konzerten auf dieser Orgel auch kein Reger-Werk mehr gehört. Und ich kann mich da nur wiederholen: die Orgel ist nicht schlecht, nur gehört sie nicht in diesen Raum... Diese Orgel bräuchte eine große Kathedralakustik, um die 'Direktheit' zu mildern (die klanglichen Reserven zum Füllen eines großen Raumes besitzt die Orgel natürlich auch). Dies kann die Florinskirche aber leider nicht bieten.
Leider habe ich die Göckel-Orgel in St. Peter (Düsseldorf) noch nicht gehört, da würde ich gerne mal vergleichen.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
Clemens Schäfer
, Düsseldorf, Sonntag, 24. Juni 2012, 16:26 (vor 5182 Tagen) @ kjz1
'Intonatorische Zurückhaltung' kann ich bei dieser Orgel nicht erkennen. Wie schon gesagt, spontan kam mir zu dieser Orgel der Begriff 'Wuchtbrumme' in den Sinn.
Hmm. Wie ist denn Wuchtbrumme gemeint? In der älteren oder neueren Bedeutung?
Hübsches Mädchen oder Powerfrau?
frägt sich Clemens Schäfer
--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
kjz1, Sonntag, 24. Juni 2012, 16:30 (vor 5182 Tagen) @ Clemens Schäfer
'Intonatorische Zurückhaltung' kann ich bei dieser Orgel nicht erkennen. Wie schon gesagt, spontan kam mir zu dieser Orgel der Begriff 'Wuchtbrumme' in den Sinn.
Hmm. Wie ist denn Wuchtbrumme gemeint? In der älteren oder neueren Bedeutung?
Hübsches Mädchen oder Powerfrau?
Eigentlich im Wortsinne, also 'sie brummt(klingt) mit Wucht'. Da käme dann wohl eher die Powerfrau hin.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
tombecher
, Saarbrücken, Sonntag, 24. Juni 2012, 19:57 (vor 5182 Tagen) @ kjz1
Ja, die Akustik erinnert mich mehr an einen Konzertsaal als eine (mittelgroße) Kirche.
Hallo Karl-Josef,
da gehen die Meinungen auseinander... wir hatten uns ja darüber schonmal ausgetauscht, darum bitte ich um Entschuldigung, wenn ich Dir hier noch mal widerspreche, aber eine Konzertsaalakustik ist das in St. Florin meiner bescheidenen Meinung nach nicht. Ich habe schätzungsweise 4 Sekunden Nachhall gezählt, allerdings habe ich bisher nur 1 Konzert in dieser Kirche gehört, mit vielleicht 60 Zuhörern, die Akustik der voll besetzten Kirche (Einweihungskonzert) kenne ich natürlich nicht.
Wenn ich mich richtig erinnere, standen beim Einweihungskonzert die Mikrophone gerade mal 5-6 m von der Orgel entfernt. Bei dieser Akustik ist dies eigentlich viel zu nahe.
Das ist eigentlich ab einer mittelgroßen Kirchenorgel grundsätzlich viel zu nahe, wenn es dann evt. noch Mikrofone mit gerichteter Charakteristik sind, dann würde bei diesem Abstand selbst die Speyerer Domorgel klingen wie im Wohnzimmer (...behaupte ich jetzt mal einfach so, aus einiger Erfahrung mit Orgelaufnahmen ;-))
Es wird der Situation beim Einweihungskonzert geschuldet sein, dass man die Mikrofone vielleicht nicht optimal platzieren konnte... von einer solchen Aufnahme auf die Raumakustik und auf die klangliche Wirkung der Orgel im Raum zu schließen, dürfte kaum zu realistischen Erkenntnissen führen.
Mein Eindruck von der Orgel war auch, dass sie ganz schön Kraft hat, "gestört" hat es mich aber erst bei gezogenen Superoktavkoppeln... die sollte man im Tutti vielleicht besser draußenlassen...
Viele Grüße,
Thomas
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
kjz1, Montag, 25. Juni 2012, 16:14 (vor 5181 Tagen) @ tombecher
da gehen die Meinungen auseinander... wir hatten uns ja darüber schonmal ausgetauscht, darum bitte ich um Entschuldigung, wenn ich Dir hier noch mal widerspreche, aber eine Konzertsaalakustik ist das in St. Florin meiner bescheidenen Meinung nach nicht. Ich habe schätzungsweise 4 Sekunden Nachhall gezählt, allerdings habe ich bisher nur 1 Konzert in dieser Kirche gehört, mit vielleicht 60 Zuhörern, die Akustik der voll besetzten Kirche (Einweihungskonzert) kenne ich natürlich nicht.
Gibt es da eine 'objektive Methode' zur Messung? Ich beginne immer dann mit der Zählung, wenn der Schlussakkord (Organo pleno) abgesetzt wird bis zu dem Zeitpunkt, wo ich keinen Nachklang mehr hören kann. In St. Florin sind das für mich 1-2 sec., zum Vergleich: St. Kastor 5-6 sec. oder das andere Extrem, St. Pauls's Cathedral (London) 9-10 sec. Liege ich da überall so falsch?
Das ist eigentlich ab einer mittelgroßen Kirchenorgel grundsätzlich viel zu nahe, wenn es dann evt. noch Mikrofone mit gerichteter Charakteristik sind, dann würde bei diesem Abstand selbst die Speyerer Domorgel klingen wie im Wohnzimmer (...behaupte ich jetzt mal einfach so, aus einiger Erfahrung mit Orgelaufnahmen ;-))
Ich bin zwar kein Profi, aber in diesem Raum würde ich die Mikrophone aus besagten Gründen im Chor aufbauen.
Es wird der Situation beim Einweihungskonzert geschuldet sein, dass man die Mikrofone vielleicht nicht optimal platzieren konnte... von einer solchen Aufnahme auf die Raumakustik und auf die klangliche Wirkung der Orgel im Raum zu schließen, dürfte kaum zu realistischen Erkenntnissen führen.
Einfache Gründe: man konnte so die Aufnahmegeräte zur Bedienung noch auf der Empore platzieren, zudem wollte man wohl keine 'Huster' unbedingt mit aufzeichnen.
Mein Eindruck von der Orgel war auch, dass sie ganz schön Kraft hat, "gestört" hat es mich aber erst bei gezogenen Superoktavkoppeln... die sollte man im Tutti vielleicht besser draußenlassen...
Zum Vergleich ziehe ich halt die Orgel der umliegenden Kirchen heran (Liebfrauen, Herz-Jesu, Christuskirche, St. Josef) und davon hebt sich die neue Orgel doch deutlich im erzielbaren Lautstärkepegel ab. Die 'Nachbarorgel' (Liebfrauen) hat man bei der letzten Überarbeitung (2007) ja eher im Klang 'runder' denn lauter intoniert. Im Vergleich dazu habe ich bei dieser Orgel den Eindruck, hier stand 'Kraft' bei der Intonation im Vordergrund.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
Oliver Horlitz
, Montag, 25. Juni 2012, 17:32 (vor 5181 Tagen) @ kjz1
Gibt es da eine 'objektive Methode' zur Messung? Ich beginne immer dann mit der Zählung, wenn der Schlussakkord (Organo pleno) abgesetzt wird bis zu dem Zeitpunkt, wo ich keinen Nachklang mehr hören kann. In St. Florin sind das für mich 1-2 sec., zum Vergleich: St. Kastor 5-6 sec. oder das andere Extrem, St. Pauls's Cathedral (London) 9-10 sec. Liege ich da überall so falsch?
Ja, es gibt objektive Methoden. Und sie führen typischerweise nicht zu einer Nachhallzeit, sondern zu einer Kurve, die angibt, für welche Frequenz welche Nachhallzeit zutrifft. Denn jedes Material reflektiert die unterschiedlichen Frequenzen unterschiedlich, bzw. dämpft manche mehr als andere. Die Kurve sagt dem erfahrenen Akustiker etwas über die Charakteristik des Raumes (z.B. ist der Hall für die tieferen Frequenzen zu kurz, fehlt es der Akustik an "Wärme").
erinnert sich, freundlich grüßend,
Oliver
..der die Vorlesung in Akustik allerdings an der römischen Universität Tor Vergata und dort auf Englisch genossen hat - Übersetzungs- und Erinnerungsfehler folglich nicht ausgeschlossen ;-)
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
3rd_astronaut, Montag, 25. Juni 2012, 20:11 (vor 5181 Tagen) @ kjz1
da gehen die Meinungen auseinander... wir hatten uns ja darüber schonmal ausgetauscht, darum bitte ich um Entschuldigung, wenn ich Dir hier noch mal widerspreche, aber eine Konzertsaalakustik ist das in St. Florin meiner bescheidenen Meinung nach nicht. Ich habe schätzungsweise 4 Sekunden Nachhall gezählt, allerdings habe ich bisher nur 1 Konzert in dieser Kirche gehört, mit vielleicht 60 Zuhörern, die Akustik der voll besetzten Kirche (Einweihungskonzert) kenne ich natürlich nicht.
Gibt es da eine 'objektive Methode' zur Messung? Ich beginne immer dann mit der Zählung, wenn der Schlussakkord (Organo pleno) abgesetzt wird bis zu dem Zeitpunkt, wo ich keinen Nachklang mehr hören kann. In St. Florin sind das für mich 1-2 sec., zum Vergleich: St. Kastor 5-6 sec. oder das andere Extrem, St. Pauls's Cathedral (London) 9-10 sec. Liege ich da überall so falsch?
Den Raum charakterisiert die Impulsantwort. Einen Impuls in diesem Sinn (unendlich großer Amplitudenpeak im Zeitbereich; gleichmäßiges Rauschen im Frequenzbereich) könnte man mit einem Pistolenschuss hinkriegen oder kirchenverträglicher mit einem Händeklatscher.
neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3
tombecher
, Saarbrücken, Montag, 25. Juni 2012, 20:56 (vor 5181 Tagen) @ kjz1
Gibt es da eine 'objektive Methode' zur Messung?
Hallo Karl-Josef,
natürlich gibt's da objektive Messmethoden, die auch, je nach dem welche Bewertungskriterien zugrunde gelegt werden, wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können.
Meine (subjektive) "Messung" habe ich durch kräftiges in-die Hände-klatschen und dann Sekunden zählen bis nichts mehr zu hören ist (nach Gefühl, nicht mit der Stoppuhr) durchgeführt - die ist also durchaus anfechtbar, das gebe ich zu. Ich hatte / habe allerdings häufiger mit Tonaufnahmen in Kirchenräumen zu tun, deshalb bilde ich mir andererseits auch ein, ein ganz gutes Gefühl dafür zu haben...;-)
Nach Deiner Schilderung vom Einweihungskonzert hatte ich jedenfalls weitaus Schlimmeres (in Sachen "Nicht-Akustik") erwartet und war dann über die doch vorhandene Akustik ganz angenehm überrascht.
Nix für ungut und viele Grüße,
Thomas