neue Orgel, St. Florin, Koblenz, Teil 3

kjz1, Mittwoch, 08. Dezember 2010, 21:28 (vor 5743 Tagen) @ kjz1

Das Einweihungskonzert der neuen Orgel wurde am 28. 11. von Prof. Ludger Lohman gespielt. Lohmann spielte Bach, Reger und Dupré.Interessanter noch fand ich das Konzert von Prof. Wolfgang Seifen am 4. 12. Es war ein typisches 'Seifen-Konzert', wie ich es schon mehr als einmal gehört habe. Für W. Seifen scheint es 2 Prämissen zu geben: erstens, ich spiele keine Literatur, sondern nur Improvisationen und zweitens, ich kann in jedem Stil improvisieren. (BTW: von P. Cochereau gab es ja mal eine CD-Box, wo er dies auch so demonstrierte)

Das Konzertprogramm war:

Suite francaise
(AKA W. Seifen improvisiert M. Duprè)
- Fonds
- Flutes
- Meditation I
- Mixtures
- Meditation II
- Anches
- Meditation III
- Mutations
- Meditation IV
- Final

Drei kontrapunktische Studien
(AKA W. Seifen improvisiert J. S. Bach)
- zu zwei Stimmen
- zu drei Stimmen
- zu vier Stimmen

Symphonische Fantasie und Fuge
(AKA W. Seifen improvisiert M. Reger und F. Liszt)

Alleine die Suite francaise dauerte 45 Minuten, das gesamte Konzert anderthalb Stunden. Für ein reines Improvisationskonzert sicherlich auch eine 'Ausdauerleistung'. Die Suite francaise erinnerte mich etwas an die improvisierten Versetten, die P. Cochereau zur Einweihung der neuen Orgel in St. Joseph aufgenommen hat. Und W. Seifen tat natürlich das, wozu sich Improvisationen (im Gegensatz zum Literaturspiel) ganz besonders eignen: er führte sämtliche Klangfacetten der neuen Orgel vor. So kam in einer Meditation der Zimbelstern zu Wort, in der symphon. Fantasie und Fuge dann auch das Glockenspiel.

Die symphon. Fantasie begann so düster, es gab deutlich Anklänge an Max Regers Choralfantasie 'Wachet auf'. Später dann Pedaltriller, wie man sie aus Liszts B-A-C-H kennt. Zum Schluß gab es 'Standing Ovations' für den Interpreten, und dieser beklatschte die neue Orgel. Mir schien es so, als wäre W. Seifen tatsächlich von der neuen Orgel recht angetan gewesen, also mehr als eine 'Höflichkeitsfloskel'.

Tja, und wie fand ich selbst denn nun die neue Orgel? Zunächst einmal ist die Empore relativ 'zugebaut'. In der Höhe und auch in der Breite ist kaum mehr Platz, die Orgel ist auch relativ tief, d. h. der Organist sitzt relativ nah am Brüstungsgeländer. Mehr als die 51 Register wären vom Platz her wohl kaum möglich gewesen. Durch die Höhenbeschränkung ist der 32' natürlich gedackt bzw. die 32'-Zunge mit halber Becherlänge.

Vom Raum her würde ich sagen, dass die Kirche mit ca. 30 Register eigentlich gut zu beschallen wäre. Aber es war halt ein großes Konzertinstrument explizit gewünscht. Bei der Intonation hatte ich den Eindruck, als hätte man da etwas 'mit angezogener Handbremse' gearbeitet. Die 32'-Kontraposaune würde ich z. Bsp. eher als Kontrafagott bezeichnen. Zusammen mit den ganzen Sub- und Superkoppeln ist die Orgel in diesem Raum im Tutti natürlich eine 'Wuchtbrumme'. Und damit es nicht völlig in den Ohren klingelt, hat man den Klang von der Intonation etwas 'zurückgefahren', soweit zumindestens mein subjektiver Eindruck.

Eins kommt auch noch dazu: das wichtigste Register der Orgel fällt leider weg. In der Festschrift wird die gute Akustik der Kirche gelobt. Das gilt aber nur, wenn man 'Konzertsaalakustik' bevorzugt. Da es sich um eine mittelgroße romanische Kirche mit großen Steinflächen handelt, sollte man eigentlich einen entsprechenden Hall erwarten. So ist es aber nicht. Die Akustik der Kirche ist 'staubtrocken'. Bei voll besetzter Kirche ist in spätestens 1 Sekunde der Hall weg. Der Klang der Orgel steht also völlig präsent im Raum.

Vielleicht ist es ja auch eine Marotte von mir, aber ich präferiere große Orgeln in großen Räumen, wo das Instrument quasi 'in den Raum hinein atmet'. Dies ist hier leider nicht gegeben. Bei den Konzerten habe ich mich immer wieder bei der Vorstellung ertappt, wie denn diese Orgel in einem entsprechend großen Raum klingen würde, wo man dann auch die Intonation entsprechend anpassen könnte.

Bitte, bitte nicht missverstehen: sicher ist die Orgel ein sehr gelungenes und sehr schönes Instrument, nur hat mich halt immer wieder der Gedanke beschlichen, dass die Orgel leider im falschen Raum steht....

Viele Grüße,

- Karl-Josef


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