Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Friedrich @, Mittwoch, 19. Januar 2011, 10:07 (vor 5752 Tagen)

Liebe Forenser,

es liegt mal wieder ein Jahr hinter uns, das viele, viele neue Aufnahmen mit Orgelmusik brachte. Und viele von euch werden sich manches angehört haben. War eine neue Lieblings-CD dabei? Eine Enttäuschung? Was Ekliges?

Meine CD-Schublade ging so oft auf, zu und wieder auf, dass es mir schwerfällt, was rauszupicken. Mal so aus dem Gedächtnis: In der Kategorie "Wollte ich schon immer mal hören" steht eine Aufnahme der Schulze-Orgel in Doncaster mit Paul Derrett ganz oben (Amphion), auch wenn das, was man da hört, so mittel ist -- Spiel und Stücke gut (u. a. Töpfer-Variationen "Vive Henri Quatre" und Liszts "Ad nos"), Orgel könnte schön sein, aber der Wind zischt doch mächtig unter den zarten Schulze-Farben. Die Chance einer echten Restaurierung wurde 1999/2001 leider verpasst.

In der Kategorie "Neue Orgeln" hatte ich die Aufnahme aus der Marktkirche Hannover mit Spannung erwartet. Fazit nach dem Hören: Gute Orgel, guter Spieler, schöne CD-Ausstattung -- aber ich hätte mir einen anderen Raumklang für die Aufnahme gewünscht (ohne zu wissen, ob der möglich oder besser wäre).

Bei den Bach-Platten bleiben mir zwei im Gedächtnis: Kei Koitos erste "Meisterwerke"-CD aus Groningen -- manches gegen den Strich, aber nie doof, und schön registriert; und Craig Humbers Leipziger Choräle aus der Petrikirche in Freiberg (MDG). Eine ganze Kohorte Goldberg-Variationen hat das Jahr außerdem gebracht, da möchte ich mich nicht entscheiden.

Bei den Romantikern haben mich Halgeir Schiagers Merkel-Aufnahmen (Simax) begeistert. Orgeln, Interpretation, Klang -- alles super.

Die üblichen Verdächtigen: Ben van Oosten hat seinen Dupré fertig (MDG), Vernet hat eine Schumann-Platte gemacht (Ligia) -- beide in gewohnt unschlagbarer Qualität. Roth hat eine schöne Vierne-Serie bei sich zu Hause begonnen.

Eine Zitrone fällt mir ein: Die Aufnahme der Zych-Orgel in der Basilika Lichen -- da mischt sich zur uninteressanten Riesenorgel und zum gleichgültigen Spiel aber auch tiefes Befremden über Gestalt und Zweck des Aufnahmeorts in mein Urteil. Nicht überzeugen konnte mich leider auch die frische Aufnahme von Woehls ebenso frischer neuer Potsdamer Orgel. Tut mir leid -- von dem Orgelspiel blieb nichts bei mir hängen.

Was wissen eure Ohren so zu vermelden?

Viele Grüße,
Friedrich

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

jrbecker @, Mittwoch, 19. Januar 2011, 11:44 (vor 5752 Tagen) @ Friedrich

Eine Zitrone fällt mir ein: Die Aufnahme der Zych-Orgel in der Basilika Lichen -- da mischt sich zur uninteressanten Riesenorgel und zum gleichgültigen Spiel aber auch tiefes Befremden über Gestalt und Zweck des Aufnahmeorts in mein Urteil.

Lichen ... Ist das nicht die Orgel, die lt. Website des Erbauers nur 156 Pfeifen hat? Vielleicht kommt dein Befremden daher...?!?

Liest du hier:

"Zur Zeit sind wir am Bau der grössten Orgel in Polen mit 156 Pfeifen beschäftigt in der Basilika in Liche? bei Konin ."


(... ich vermute hier eine Übersetzungsmaschine als Urheber, ich kann mir aber nicht erklären, dass man so etwas ins Netz stellt, sicher ist sich die Werkstatt Zych nicht bewusst, was sie da im Netz stehen hat...)

Grüße
Jörg

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Friedrich @, Mittwoch, 19. Januar 2011, 12:04 (vor 5752 Tagen) @ jrbecker

Lichen ... Ist das nicht die Orgel, die lt. Website des Erbauers nur 156 Pfeifen hat? Vielleicht kommt dein Befremden daher...?!?

Nee. (Gemeint sind zweifellos Register.) Befremden: Dieser unsägliche Seelenbahnhof (eine Fernsehlampe, aufgeblasen zur Lobby im Grand-Hotel-Stalin-Stil), der vollkommen ungeniert in Salt Lake City (Conference Center, Schoenstein -- schon dort nicht wirklich hübsch) geklaute Prospekt, der uninteressante Klang (siehe auch hier: Kein Wind, aber dafür Heuler). Und die ganze Haltung, die dahinter zum Vorschein kommt.

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

willscher, Freitag, 21. Januar 2011, 16:40 (vor 5749 Tagen) @ Friedrich

Lichen ... Ist das nicht die Orgel, die lt. Website des Erbauers nur 156 Pfeifen hat? Vielleicht kommt dein Befremden daher...?!?


Nee. (Gemeint sind zweifellos Register.)

156 Pfeifen würden mir in St. Joseph völlig reichen. Wenn die von Arp Schnitger wären.
Oder als Bestandteile einer kleinen Truhe mit voix céleste und Gambe von A. C.-C.

Andreas

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Karsten, Mittwoch, 19. Januar 2011, 16:42 (vor 5751 Tagen) @ Friedrich

Hallo!


Was wissen eure Ohren so zu vermelden?

Aktuelle Neuerscheinungen habe ich letztes leider relativ wenige angehört.

Aber insbesondere Friedrichs Empfehlung und Freude über van Oostens Abschluss des Dupré-Projektes kann ich mich anschließen.

Positiv überrascht hat mich auch, dass Naxos eine Einspielung von Messiaens "Livre du Saint Sacrement" vorgelegt hat. Ob das eine Gesamteinspielung wird? Paul Jacobs hat schon mehrere Messiaen-Zyklen aufgeführt, wäre also ein geeigneter Kandidat.

Was bekannte Komponisten für Orgel angeht, steht das Jahr in den Jubiläen von Franz Liszt und Jehan Alain. Andreas, wo bleibt die obligatorische Liste mit weiteren hervorragenden Komponisten, die dieses Jahr nicht vergessen werden dürfen?

Gruß
Karsten

P.S. Flops gab's leider auch letztes Jahr, aber die größten waren leider nicht im CD-Regal einzusortieren...

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Friedrich @, Donnerstag, 20. Januar 2011, 09:51 (vor 5751 Tagen) @ Karsten

P.S. Flops gab's leider auch letztes Jahr, aber die größten waren leider nicht im CD-Regal einzusortieren...

Das Echo ist ja nicht überwältigend diesmal. Eines aber interessiert mich doch: Ein Kritikerkollege von Renommee hat im Weihnachts-Rundblick die vielen Goldberg-Variationen-Aufnahmen -- damit waren wohl auch die für Orgel gemeint -- pauschal für überflüssig erklärt.

Was meint ihr dazu? BWV 988 auf der Orgel -- grundsätzlich ein Problem?

Gruß,
Friedrich

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Donnerstag, 20. Januar 2011, 10:56 (vor 5751 Tagen) @ Friedrich

...mit Verabsolutierungen a la "...völlig überflüssig..." wäre ich da anstelle des renommierten Kritikerkollegen etwas sparsamer... Ich habe mehrere Goldberg-Orgelvarianten im CD-Regal, und da finde ich W. Bönig (Motette) und J. Guillou (Dorian) sehr schön und apart. Mich interessiert auch sehr die "Neue" (gestern erst erschienen) von Stephen Tharp (JAV Recordings). Ich find's schön, erbaulich und kurzweilig - der renommierte Kollege kann ja gerne beim Cembalo oder bei Glenn Gould bleiben... (nichts gegen diese einzuwenden...).

Beste Grüsse (von einem nicht so renomierten Kritikerkollegen...)

Thomas

--
Thomas Haubrich

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 20. Januar 2011, 13:06 (vor 5751 Tagen) @ Friedrich

Hallo,

Das Echo ist ja nicht überwältigend diesmal.

Geduld, Geduld! Bei mir ist noch was in Vorbereitung...

Was meint ihr dazu? BWV 988 auf der Orgel -- grundsätzlich ein Problem?

Nein. Es ist schon interessant, wie die Farben der Orgel eingesetzt werden. Und der Duktus, der Swing geht auch auf der Orgel nicht verloren. Martin Schmeding führt das gekonnt vor. Andererseits ziehe ich nach vielem Hin und Her Cembali und Orgeln inzwischen den modernen Konzertflügel vor. Und da muß es keineswegs das Gould-Extrem sein. Im Gegenteil. Die Musik entwickelt sich am besten, wenn man sie nicht zwingt, nicht in ein Interpretationskorsett schnürt, nicht drückt oder brenst. Vetraut man dem innewohnenden Drive, ist man m.E. am Flügel am besten aufgehoben, weil dort Anschlagdynamik vorhanden ist, die bei sparsamem Gebrauch durchaus zur Wirkung beiträgt. Ich schätze so etwa die Aufnahmen mit Charles Rosen, Ekaterina Dershavina, Angela Hewitt... - Martin Stadtfeld versucht dagegen eine Orgelsynthese, indem er einzelne Stimmen höher (4'!) oder tiefer (16'!) spielt. Reizvoller Effekt, der sich aber abnutzt.

Phantastisch übrigens, was so mit Goldberg experimentiert wird: Man denke an Uri Caine!

Gruß Clemens Schäfer

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Axel ⌂ @, Mechernich, Donnerstag, 20. Januar 2011, 21:06 (vor 5750 Tagen) @ Friedrich

Gigantisch gut fand ich die CD Orgelmusik am Wiener Hof mit Jeremy Joseph aus Klosterneuburg. Sagenhafte Orgel, schöne Musik, gute Aufnahmetechnik. Ich durfte eine Rezension für Organ schreiben.
Ein völliger Flop war die Kombi aus DVD und CD mit C. Carpenter. Die Bach Stücke klingen höchst elektronisch (auch eine Kunst, eine echte Orgel wie einen Elektronenbeschleuniger klingen zu lassen) und alles an der Musik vorbei geheizt. Widor und Vierne auf einer Kinoorgel halte ich schlicht für eine Geschmacklosigkeit.

Schöne Grüße
Axel

Orgel-Aufnahmen: Tops? Flops? (Flips?)

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Freitag, 21. Januar 2011, 15:19 (vor 5750 Tagen) @ Friedrich

Hallo Forum,

im Jahre 2010 (und in den ersten Tagen dieses Jahres) sind mir ein paar CD’s in die Hände gefallen, die hier vielleicht der Erwähnung wert sind.

Beim polnischen Label DUX gibt es ein Orgelportrait aus der reformierten Kirche in Warschau (Schlag & Söhne 1900 Opus 552), gespielt von Michal Markuszewski. Mit Gade, Mendelssohn, Reubke und Reger gibt es ein ansprechendes Programm. Hörenswerte Orgel.

[image]
Bei einem Besuch in Dresden konnte ich in der Kirche in Briesnitz (Bild oben, Jehmlich 1995, 32/II) zwei CD’s kaufen, die im Musikprogramm Werke von Georg Schumann, Camillo Schumann, Max Drischer, Oskar Lindberg und Herbert Gadsch enthalten. Christian Thiele ist der Spieler (HOROS und Eigenverlag). Hoher Repertoirewert

Eine bewegte Geschichte hat die Orgel der Johanneskirche in Malmö. Anders Johnson präsentiert die Orgel von Akerman & Lund mit einem ausgefallenen, schwedisch-symphonischen Programm (Proprius). Friedhelm Flamme ergänzt das skandinavische Programm auf der cpo-SACD mit Orgelwerken von Carl Nielsen und Rued Langgaard (Mühleisen-Orgel 2009, Stiftskirche Bad Gandersheim)

Den positiven Urteilen über van Oostens letzte Dupré-CD kann ich mich nur anschließen. Klanglich wunderbar ausgetüftelt. Sehr empfehlenswert

Sehr erfreulich war das Erscheinen einer neuen CD aus Verden: Per Damiano Perretti hat dort Orgelwerke von Marco Enrico Bossi eingespielt. Schöne spätromantische Literatur. Und ein gut eingefangenes Klangbild einer großartigen Orgel. Auch die Technik spielt mit (Naxos). Sehr empfehlenswert.

Am Tag vor Weihnachten informierte Aeolus über die Flor Peeters-Neuerscheinung. Und lieferte - wie immer “mailwendend” - am Tag nach Weihnachten. Die Schywen-Orgel der Kathedrale Antwerpen kennt und schätzt man ja schon von Portraits bei unda maris (Deriemaeker) und aeolus (van der Velde). Letzterer hat sich jetzt einer Auswahl der Werke Peeters angenommen. Die Musik wirkt etwas zurückhaltend, vornehm gebremst. Sympathisch, daß das Bombastige gemieden wird. Innerlichkeit ist wichtiger. Beim ersten Hören nicht so eingängig wie etwa Grunenwald. Hoher Repertoirewert. Beste Technik (SACD).

Inzwischen ist auch die Grunenwald-CD mit Jeremy Filsell bei mir eingetroffen. Der
Konzerteindruck bestätigt sich. Einfallsstarke Musik von einigem Gewicht und eigener
Klangaesthetik. Mäßig modern, mitunter herb, aber nie abstoßend. Passend offenbar das
Instrument: Eine auf Gern (C.-C.-Mitarbeiter) zurückgehende, mehrfach umgebaute Orgel der Kirche Notre-Dame de France, London (Herald). Sehr empfehlenswert.

Und dann noch Liszts h-moll Sonate für Orgel in der Bearbeitung von Bernhard Haas. Winfried Lichtscheidel (*1980 Friedrichshafen/Bodensee, A-Examen 2008, Konzertexamen 2010) spielt die Woehl-Orgel in St. Martinus, Sendenhorst (1999, 46/III). Das wirkt wie unmittelbar für Orgel geschrieben. Spannend. Natürlich kommt der symphonische Charakter des Werkes einer solchen Transkription entgegen. Die CD enthält ansonsten noch “Ad nos” und Duprés zweite Sonate, ist also randvoll (ambiente). Sehr empfehlenswert.

Gruß Clemens Schäfer

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

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