Ein schöner Text geht noch weiter – Teil II
Es gibt ein paar kleine Orgel, die ich aus Aufnahmen kenne, die mich ins Herz getroffen haben.
Eine davon ist die Witte von 1875 in Rijswijk in den Niederlanden. Witte arbeitete für die Firma Bätz & Co., und auch er war ein Meister lauter Orgeln. Niederländische Orgeln sind oft wirklich laut, was mit der Gemeindebegleitung zu tun hat. Weil sie als Gemeinde-Begleitorgeln konzipiert sind, müssen sie 16’-Plena in den Manualen haben. Ich kenne Wittes Stil von größeren Instrumenten: Der Klang der Labialen geht immer zum Diskant hin auf, der der Zungen immer zum Bass, ganz wie bei Cavaillé-Coll; aber der Klang ist dunkel und hornartig, mit breit rasselnden Posaunen statt feuriger Trompettes und einem stark ausgeprägten Cornet-Klang in den höheren Stimmen. Das klingt zuerst ziemlich haarsträubend, am Rande zur Hysterie, aber nach einer Weile merkt man, dass da eine bemerkenswerte Beherrschung und Klangschönheit am Werke ist, und das bei einer Lautstärke, die die meisten von uns eher im Orgelgehäuse als davor jemals angetroffen haben.
Die Orgel in Rijswijk besteht aus:
Man I:
Bourdon 16
Prestant 8
Octaaf 4
Doublet I–III
Cornet I–II
Trompet (geteilt B/D)
Man II: (freistehend)
Viola 8
Holfluit 8
Fluit 4
Ped: Bourdon 16 (Transmission)
Schauen Sie nochmal aufs erste Manual: reiner, großer Orgelklang auf sechs Schleifen. Was Hübsches gefällig? Dafür gibt’s drei Stimmen auf Manual II.
Machen Sie jetzt nicht den Fehler, zu denken, diese Orgel sei primitiv oder unterentwickelt. Sie ist der Gipfel der Raffinesse; hunderte Jahre der Tradition konzentriert in einer handvoll wesentlicher Register. Sie macht wahrhaft aus, was ein intelligenter Organist wirklich für liturgisches Orgelspiel braucht. Alles, was wir sonst so in unsere modernen Orgeln stopfen, dient nur der Darbietung, Abwechslung, Show. Die Liturgie so gut wie aller kirchlichen Spielarten, von ganz oben bis ganz unten, verlangt nicht mehr von uns, als dass die Orgel den Gesang lustvoll und mit gelegentlichem Klangwechsel führt, auch kleinere Gruppen unaufdringlich begleitet und ein paar wirklich schöne piano- und mezzoforte-Klänge zum Präludieren bereithält. Wen kümmert’s, wenn man jede Woche dieselben drei Register in den Vorspielen hört? Für die gibt es immer noch sieben Kombinationsmöglichkeiten! Wen kümmert’s, wenn die Orgel keine Voix éolienne hat, keine Sept-None oder ein Register, das wie ein Ozeanriese im Nebel klingt? Wir sprechen hier vom Gottesdienst, nicht von einem Kostümball! Sie brauchen unbedingt einen Schwellkasten? Na, dann zahlen Sie ihn doch selber!
Entschuldigung. Da gingen einen Augenblick die Pferde mit mir durch. Die letzte rhetorische Frage habe ich von Ralph Downes.
Die Orgel von Rijswijk steht auf dem Emporenboden, ihre Prospektpfeifen im Emporengeländer und die Spieltafel an der Rückwand. Auf dem Foto sieht es so aus, als wäre sie etwa 3 Meter breit, 4,5 Meter hoch und vielleicht 1,85 Meter tief.
Ich möchte nach Schweden reisen. Da bin ich noch nicht gewesen. Auf Aufnahmen alter schwedischer Orgeln bei BIS hört man manchmal zähes Spiel (Lena Jacobsen in der Schlosskirche Helsingborg reichte, um sich das Essen nochmal durch den Kopf gehen zu lassen, und Hans Fagius … naja … ist eben Hans Fagius). Aber die Schönheit mancher dieser alten Orgeln ist unvergesslich.
Gammalkil, von Pehr Schiorlin, 1805/07. Eine Holzkirche, also keine Akustik. Der Stil ist … entweder spätbarock oder frühromantisch, je nachdem, aus welcher Richtung man ihn betrachtet. Die Orgel war ein Lieblingsinstrument Albert Schweitzers.
Manual
Principal 16 (Diskant)
Quintadena 16’ (B/D)
Principal 8
Flauto doppio 8 (Holz, zwei Labien)
Viola da Gamba 8 (trichterförmig)
Octava 4
Rorfleut 4
Quinta 3
Octava 2
Mixtura IV (Terz durchgehend, 3 1/5’ ab c’)
Trompet 8
Ofverwerk (frühe Schwellvorrichtung, nicht erhalten)
Principal 8 (Diskant)
Gedact 8 (Bass)
Offenfleut 8 (Diskant, Holz, Labium auf der breiten Seite)
Quintadena 8
Principal 4
Flackfleut 4 (konisch)
Gamba 4 (trichterförmig)
Spitsfleut 2
Scharf III (Terz durchgehend, 3 1/5’ ab c’)
Trompet 8
Wox humana 8 (Diskant, eher eine Oboe mit Dose oben drauf)
Pedal
Principal 16 (Holz)
Dubbel Subbass 16 (Holz, zwei Labien)
Octava 8
Octava 4
Borflojt 1
Basun 16 (Holzstiefel)
Dulcian 8 (zylindrisch)
Eine wirklich schöne Disposition, originell und eigentümlich, aber noch nah genug am Gewohnten, sodass sie ein bemerkenswert breites Repertoire zulässt. Da sind diese kleine persönlichen Züge, zum Beispiel die Kombination Gamba und Quintadena, die auf beiden Manualen verfügbar ist, nur eine Oktave versetzt. Wollen Sie einen Cantus firmus im Pedal spielen? Schiorlin bittet Sie um Verständnis, dass der in Sopranino-Lage erklingt, zwei Oktave höher, als man es Sie gelehrt hat. Wer hat recht?
Probieren Sie mal, vielleicht mögen Sie es sogar!
gesamter Thread:
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
Friedrich,
25.01.2014, 09:41
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil II - Friedrich, 25.01.2014, 09:42
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
kjz1,
25.01.2014, 15:21
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
hardy,
25.01.2014, 18:39
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I - Friedrich, 25.01.2014, 21:27
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
hardy,
25.01.2014, 18:39
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
Florian-L,
26.01.2014, 09:24
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
untersatz32,
26.01.2014, 11:02
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
tiratutti,
26.01.2014, 15:15
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I - Orlos, 26.01.2014, 17:11
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
tiratutti,
26.01.2014, 15:15
- Ein schöner Text geht noch weiter – Teil I -
untersatz32,
26.01.2014, 11:02