Was Frauen wollen - ein Märchen...

elias.orgel, Montag, 16. März 2026, 17:59 (vor 164 Tagen) @ elias.orgel
bearbeitet von elias.orgel, Donnerstag, 19. März 2026, 11:22

und mitten aus dem höhnischen Donnergrollen schallte es zurück:
»Was ist es diesmal? Ich höre, wie lautet sie?«

mit fast versagender Stimme antwortete der Prinz:
»Frauen wollen gefragt werden

Das Donnergrollen schwoll an der Himmel verdunkelte sich, Blitze
zuckten ringsum und wütend ertönte mitten im Unwetter eine
unmenschliche Stimme:
»Schändlicher! Nichtsnutziger Wurm!
Hinweg mit Dir, bevor ich mich vergesse
und Dich trotz Deiner richtigen Antwort zermalme!«

Das ließ der Prinz sich nicht zweimal sagen. Er riss sein Pferd herum
und jagte in gestrecktem Galopp davon. Er setzte über den Schlagbaum
und ritt in voller Eile ohne sich auch nur einmal umzusehen weiter.
Da ertönte plötzlich die kreischende Stimme der alte Hexe hinter ihm.
Sie kreischte dieselben Worte wie zuvor der Zauberer:
»Schändlicher! Nichtsnutziger Wurm!«

Diese Worte gingen dem Prinzen durch Mark und Bein.

»Hast Du Dein Wort vergessen?
Du hast versprochen, mich zu heiraten!«

Der Prinz zügelte sein Pferd. Schweren Herzens wendete er, trabte zum
Schlagbaum zurück, wo die schreckliche Hexe mit einem gemeinen Grinsen
auf ihn wartete: hässlich und widerwärtig, zerlumpt und übelriechend.
Aber was blieb ihm übrig? Er hatte sein Wort gegeben. Also hob er das widerliche Weib
hinter sich in den Sattel und machte sich so auf den Heimweg.

Zu Hause angekommen, berichtete er seinem Vater ausführlich von den
Erlebnissen und gestand ihm seinen innigen Wunsch, diese Hochzeit unter allen
Umständen zu vermeiden.

Aber der Vater sprach wohlüberlegt und ernsthaft:
»Du hast dein königliches Ehrenwort gegeben.
Du musst es auch halten.«

Also wurde die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit des Prinzen
im ganzen Land verkündet. Gäste aus den benachbarten Königreichen
wurden eingeladen. Vorbereitungen für ein rauschendes Fest wurden
getroffen. Die königliche Garde probte und exerzierte, damit die
Zeremonie reibungsfrei ablaufen würde. Mehrere Musikkapellen wurden
ausgewählt, damit sie die Gäste in den verschiedenen Sälen des
Schlosses herrschaftlich unterhalten könnten. Die königlichen
Einkäufer reisten sogar in ferne Länder, um mit exotischen Früchten,
Gewürzen und Weinen zurückzukehren. Das Fest sollte für alle Bewohner,
Untertanen und geladenen Gäste in jeder Hinsicht unvergesslich
bleiben.

Schließlich war es so weit. Der Tag der Hochzeit war gekommen. Die
Zeremonie wurde feierlich vollzogen und der junge Prinz und die
schreckliche alte Hexe waren Mann und Frau.

Doch der frisch vermählte Bräutigam fürchtete sich vor der ersten
gemeinsamen Nacht, dem Gang ins eheliche Schlafgemach und er zögerte
ihn so weit wie möglich hinaus.
Aber irgendwann musste er sich doch seiner Müdigkeit stellen und begab
sich zu seiner neuen Gattin. Dort angekommen glaubte er seinen Augen
nicht trauen zu können anstelle der erwarteten hässlichen Hexe räkelte
sich eine wunderschöne junge Frau im Ehebett und blickte ihn
erwartungsvoll an.

»Wer bist Du ? Wie kommst Du hier herein?«
staunte der Prinz

»Ich bin Deine Gattin. Du hast mich als hässliche Hexe kennengelernt,
Du hast mir Dein Wort gegeben, mich zu heiraten. Und Weil Du Dein Wort
gehalten hast, hast Du mich vom Fluch des Zauberers erlöst. Dies, was
Du hier siehst, ist mein wahres Ich und meine wahre Gestalt.«

Der Prinz war sprachlos und begeistert. Er nahm seine schöne junge
Frau in die Arme, drückte sie an sich und küsste sie heiß und innig.
Eine Zeit lang erwiderte sie seine Küsse.

Dann jedoch löste sie sich sacht aus seinen Armen und sprach:
»Liebster, du weißt leider noch nicht die ganze Wahrheit.
Du hast mich nämlich nur zur Hälfte erlöst.
Ich bin nur einen halben Tag lang die, die ich jetzt bin.
In der anderen Tageshälfte bin ich wieder die hässliche Alte,
die Du bei der Brücke gesehen hast.«

Sie machte eine Pause und seufzte. Dann sprach sie weiter:
»Aber da Du mich mit zu Dir genommen hast
und Dein Versprechen nicht gebrochen hast
kannst Du Dir wünschen, zu welcher Tageshälfte ich schön und jung
und zu welcher Tageshälfte ich alt und hässlich sein soll.
Soll ich in der Nacht und nur für Dich in Deinen Armen jung und
begehrenswert sein?
Oder willst Du, dass ich am Tag an Deiner Seite auf dem Thron
für Dein Volk Deine strahlend schöne Königin bin?«

gestatten Sie mir hier kurz inne zu halten und zu fragen
Liebe Leser: Was hätten Sie geantwortet?


...

Unser Prinz zeigte Weisheit, denn er dachte daran, was ihm seine
schöne junge Frau,
die vermeintliche Hexe, und wie sich erst später herausstellen sollte,
die kluge Tochter des alten und weisen Zauberers,
über die Wünsche der Frauen mitgeteilt hat.

Daher fragte er lächelnd:
»Was möchtest Du denn?«

Seine junge Braut fiel dem Prinzen stürmisch und freudig um den Hals:
»Durch diese Frage hast Du mich nun ganz erlöst, mein kluger Prinz.
Von nun an werde ich den ganzen Tag Deine junge und schöne Frau sein
und wenn Du mich auch in Zukunft fragen wirst, werde ich Dich lieben
bis an mein Lebensende.«


Die beiden lebten glücklich und zufrieden
und wenn sie nicht gestorben sind, dann fragt er sie noch heute.

-

Warum habe ich das Märchen erzählt?

Ich glaube, die Antwort, die der Zauberer hier hören wollte, gilt
nicht nur für Frauen. Sie gilt für Menschen im Allgemeinen. Menschen
wollen gefragt werden! Wer gefragt wird, fühlt sich nicht übergangen.
Er fühlt sich als beachteter und geachteter Teil der Gesellschaft. Er
fühlt sich nicht als bedeutungsloses Rädchen im Getriebe und ohne
Perspektiven. Er spürt, dass er sein Schicksal selbst mitgestaltet,
und kann dafür die Verantwortung übernehmen. Er entwickelt Selbstwert
und Verantwortungsgefühl. Er begegnet der Gesellschaft, die ihn mit
Achtung behandelt, auf die gleiche Weise: niemals zerstörerisch,
sondern wohlwollend.

Wenn wir lernen, alle Menschen auf diese Art zu behandeln, dann werden
sich viele Probleme, die derzeit beinah unlösbar erscheinen, wie von
selbst auflösen.

-

ganz leicht verändert, aus dem Buch
... "nicht über unsere Köpfe" (Erich Visotschnig)

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott


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