Der Spirit der Orgel

Friedrich @, Sonntag, 22. März 2026, 23:45 (vor 158 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Wenn Du so lieb Bitte sagst ...

Hier die kürzere Version, ohne ausführliche Beschreibung (die steht in organ).

Im Berliner Babylon-Kino fand am 15. Februar eine Premiere gleich in doppeltem Sinn statt: Zum ersten Mal gezeigt wurde der Film «The Spirit of the Organ». Und zum ersten Mal war damit die Orgel Gegenstand eines Berlinale-Films.
Gleich zu Anfang gelingt es dem Regisseur und Produzenten Julian Benedikt, die Orgel von der Kirche zu entkoppeln. Die Augsburger Organistin Lala Wörle, die Orgel mit Elektronik kombiniert, zitiert ihr Publikum: Wenn Du Orgel spielst, dann bist Du doch bestimmt auch gläubig. Die implizite Frage lässt Wörle offen, sie spricht allerdings davon, dass das Spiel ihr und ihrem Publikum den «Spirit» vermittele. Sie zielt auf ein Erleben im Augenblick – ob dieser Spirit nun ein spiritus sanctus ist oder nicht.
Es ist das Vorspiel zu einem einstündigen Reigen. Mehr als drei Dutzend Menschen werden zu sehen sein, die von ihrem Verhältnis zur Orgel und zum Orgelspielen erzählen: Dom- und Titularorganisten, Professorinnen und Studentinnen, Orgelbauer und Orgelvirtuosinnen. Immer wieder streut die Kamera Bilder ein, in denen der Wind erlebbar wird: unsichtbar, aber bewegend. Laub im Wind, Meeresküste, wehende Weidenzweige. Doch bleibt es nicht bei der schlichten Gleichsetzung von Wind und Geist, immer wieder geht es ums Ungreifbare im Klang, in der Musik und im Musizieren. Gegen Ende mündet Olivier Latrys Begeisterung über Notre-Dame und das Orgelspielen in das Paradoxon: «An der Orgel wird das Wirkliche unwirklich und das Unwirkliche wirklich.»
In dichter Folge entsteht ein Mosaik, in dem es nicht, wie in den meisten Orgelfilmen, um eine bestimmte Musik, eine bestimmte Orgel, einen bestimmten Künstler geht. Kein Musikstück, keine Improvisation ist länger als ein paar Sekunden zu hören. Kein Orgelprospekt wird längere Zeit vorgeführt, kein Spieltisch gefilmt. Stattdessen erlebt das Publikum Menschen, die glaubwürdig von ihrem persönlichen Verhältnis zur Orgel erzählen, davon, wie sie an diesem Instrument arbeiten und wie sie mit ihm leben, wie es ihren Alltag und ihr Schaffen durchdringt und dabei zum persönlichen Ausdrucksmittel wird.
Der geografische Schwerpunkt liegt auf einer Achse Westdeutschland–Elsass–Paris, Abstecher führen nach Dresden, Mailand und Wien. Zwischen den Statements bieten Architekturaufnahmen kurze Atempausen. Zur Ruhe kommt der Film, als er Cameron Carpenter ins Orgelzentrum Valley begleitet und Frédéric Blanc in der einstigen Wohnung des Ehepaars Duruflé besucht. Das Ende führt ins Cockpit eines Verkehrsflugzeugs, das Baptist-Florian Marle-Ouvrard steuert, einer der Titularorganisten der Pariser Kirche Saint-Eustache. Die Kamera fängt einen Landeanflug in seinem Cockpit ein, da ist der Wind als physische Kraft ganz konkret. In seinem Kommentar überträgt Marle-Ouvrard das auf die Orgel und ins Spirituelle.
Regisseur und Produzent Julian Benedikt hat «The Spirit of the Organ» zusammen mit Arte über vier Jahre produziert. Seit der Erstausstrahlung am 22. März ist der Film in der Arte-Mediathek abrufbar.


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