Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Friedrich
, Freitag, 06. Dezember 2013, 21:21 (vor 4647 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 07. Dezember 2013, 21:05
Liebe Forenser,
ihr werdet euch erinnern: Im vorigen Forum hatten wir uns ausgiebig über die neue Seifert-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Kaufbeuren ausgetauscht.
Nun gibt es schon die erste CD. Herausgekommen ist sie bei einem in Orgeldingen bewährten Label. Die Klangschnipsel auf der Händlerseite jedenfalls haben ihren Charme.
Wie schon vorausgesagt: Das ist wohl eine gute Orgel, und wie man hier sieht, ein robustes Stück Orgelbau. Offenbar unten Hauptwerk und Pedal, oben Positiv und Schwellwerk hintereinander. Ihre Architektur sagt mir nach wie vor nicht zu. Hätte man wirklich diesen mächtigen Würfel mitten auf der Empore gebraucht?
Zur Erinnerung das Gehäuse von Gerhard Schmid. Sieht man mal von der eher furchtbaren Goldbelockung ab: Das ist nicht schlecht. Entschiedener und architektonisch dezenter zugleich.
Aber naja. Nun steht sie da, und sie scheint ja wirklich gut zu klingen.
Viele Grüße,
Friedrich
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Dorforganist, Samstag, 07. Dezember 2013, 01:36 (vor 4647 Tagen) @ Friedrich
Sieht man mal von der eher furchtbaren Goldbelockung ab...
Die wurde - wenn ich mich richtig an das "alte" Forum erinnere - erst nachträglich "ergänzt". Hätte man durchaus auch bleiben lassen können...
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Friedrich
, Samstag, 07. Dezember 2013, 02:58 (vor 4647 Tagen) @ Dorforganist
Sieht man mal von der eher furchtbaren Goldbelockung ab...
Die wurde - wenn ich mich richtig an das "alte" Forum erinnere - erst nachträglich "ergänzt". Hätte man durchaus auch bleiben lassen können...
Stimmt, vorher waren es schlichte Kästen. Der feine Schwung der Abschlüsse von Pedal und Rückpositiv kam so besser zur Geltung. Er reagierte ganz schön auf die Deckenformen.
Vielleicht gab es auch gelungenere Prospekte aus der Zeit, auch mit weniger Spielereien wie eingestreuten Trompetenpfeifen. Schlecht war der Schmid-Prospekt aber nicht – vor allem viel weniger massig.
Nu nich mehr.
Gruß,
Friedrich
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Daniel, Samstag, 07. Dezember 2013, 08:54 (vor 4647 Tagen) @ Dorforganist
Ursprünglich (1964) besaß die Schmid-Orgel:
Ein blau-türkises Gehäuse (mit Innenbeleuchtung), keine Marmorierung.
Keinerlei Gold-Schnitzwerk
Im Prospekt nur Zinnpfeifen und 6 Holzpfeifen, kein Kupfer, keine gebläuten Pfeifen, keine gemusterte Pfeifenfüße, keine Trompeten.
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
jrbecker
, Sonntag, 08. Dezember 2013, 08:38 (vor 4646 Tagen) @ Daniel
Auf orgbase.nl findet sich ein - leider nur ein schwarzweißes - Foto, das jedoch offensichtlich von der Werkstatt Schmid selbst stammt.
Man sieht hier eine moderne "Verschleierung". Das Foto bei Brenninger (gedruckt 1986) zeigt dagegen im Hauptgehäuse die bei orgbase.nl sichtbare Verzierung, im Rückpositivgehäuse dagegen eine "maschendrahtähnliche", die schon eine goldene Farbgebung zu haben scheint und damit ein wenig "retro" wirkt, aber tatsächlich noch nicht so historisierend daherkommt, die zuletzt angebrachte einheitliche Form.
Wenn die Orgel im Urszustand tatsächlich gar keine Schleierbretter hatte (gibt es von dieser Fassung irgendwo ein Foto?) dann gibt es von den Schleiern also vier verschiedene nachgewiesene Formen in der ja nicht allzulangen Lebenszeit dieser Orgel...
Das dürfte auch ungewöhnlich sein...
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
T.Mayr, Mittwoch, 01. Januar 2014, 18:28 (vor 4621 Tagen) @ jrbecker
Liebe Forianer
Das sw-Bild auf orgbase.nl ist der Urzustand. Grau mit leichter Marmorierung in dezenter Ockerschattierung.
Der Prospekt hatte architektonisch tatsächlich etwas für sich, wenn man ihn isoliert betrachtet.
Mir ist allerdings hier vor Ort bisher niemand begegnet, auch nicht unter den erklärten Schmid-Fans - der sich zu der Aussage durchringen konnte, dass die Schmid-Orgel gut mit den Kirchenraum harmoniert hätte. Dass man eine nachträgliche Änderung für nötig hielt, sollte nachdenklich stimmen.
Von einem blau-türkisen Gehäuse ist mir nichts bekannt, es gibt im Kirchenarchiv dazu keine Nachweise. Meinte der Autor im Forum vielleicht eine andere Orgel? Das Rückpositiv hatte aber eine blaue Mittelpfeife.
Ich selbst war durchaus ein Fan der klanglichen Seite der Schmid-Orgel.
Technisch allerdings keineswegs. 57 Register und 5 Manualwerke in ein ursprünglich für 35 Register konzipiertes Gehäuse zu packen kann nicht ohne konzeptionelle Kompromisse und improvisierte Konstruktionslösungen abgehen. Wer über 9 Jahre hinweg (1999-2008) um eine seriöse Renovierungslösung eines technisch derart hochproblematischen Instruments ringt, darf da mitreden. Nach der Inspektion des Orgelinneren hatte sogar der in Bayern überaus restriktive Denkmalschutz von einer Erhaltensforderung Abstand genommen.
Dass der neue Prospekt eines umstrittenen Orgelprojekts nicht ungeteilte Zustimmung finden kann, überrascht nicht. Es ist ja durchaus zu begrüßen, das die Orgeln der 60er/70er wieder eine größere Wertschätzung erfahren. Das sollte man aber nicht pauschal zur Religion machen - es schadet nicht, auch hier unvoreingenommen und kritisch zu bleiben. Eine solide Orgeltechnik und guter Klang braucht Platz, das wußten die alten Orgelbauer. Und in der Seitenansicht etwa wirkte selbst die relativ schlanke Schmid-Orgel als Ungetüm. Anbei zwei Aufnahmen, die einen Eindruck von der Wirkung im Kirchenraum vermitteln. Der Schmid Prospekt war breiter, pausbäckiger, aber natürlich weniger tief. Der jetzige Entwurf lehnt sich - gemäß der Rahmenbedingungen des Denkmalschutzes - an die Ausmaße der früheren grandiosen Steinmeyer-Orgel an, die noch deutlich tiefer war, aber kein Rückpositiv hatte. Niemand wäre es bei dieser auf die Idee gekommen, von einem mächtigen Würfel zu sprechen.
Orgeln werden jedoch nicht zum Vergleich mit den Vorgängerinstrumenten gebaut, sie müssen unabhängig davon überzeugen. Direkt vor Ort trifft der jetzt realisierte Prospekt in der überwiegenden Mehrheit auf großen Zuspruch, egal ob bei auswärtigen Kirchenbesuchern, Gemeindegliedern, Fachleuten oder sogar bei ehemaligen Projektgegnern. Was aber natürlich nichts heißen muss - de gustibus non est disputandum.
Vom Klang mag man sich am besten selbst vor Ort überzeugen, jeder ist herzlich willkommen. Aber auch die CD vermittelt einen sehr realitätsnahen Eindruck.
Viele Grüße
vom Organisten dieser Orgel
Traugott Mayr
![[image]](images/uploaded/2014010116572552c448f522b73.jpg)
![[image]](images/uploaded/2014010116575352c4491116cb1.jpg)
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Friedrich
, Mittwoch, 01. Januar 2014, 22:35 (vor 4621 Tagen) @ T.Mayr
bearbeitet von Friedrich, Donnerstag, 02. Januar 2014, 00:57
Danke für den inhaltsreichen, diffenrenzierten Bericht und die beiden schönen Fotos!
Ich hoffe, ich vergesse nicht zu oft anzumerken, dass ich die Situation in der Kirche nicht kenne, weder in akustischer noch in architektonischer Hinsicht oder gar im Hinblick auf den Zustand der Vorgängerin, und meine Meinung immer unter diesem Vorbehalt steht.
Von den Fotos her habe ich den Eindruck, dass sich die Farbigkeit der Schmid-Orgel auf das Deckengemälde bezog, die der neuen Seifert-Orgel aber mehr am Kirchenraum orientiert ist. Das nimmt ihr – wiederum den Fotos nach – etwas von der Wucht ihrer Kubatur. Die Dimensionen werden so auch deutlicher.
Die CD klingt übrigens wirklich fabelhaft. Ich muss mich noch auf die Suche nach der einst befragezeichneten Schalmei machen (vielleicht in Walthers »Jesu, meine Freude« irgendwo solo zu hören), um mal zu hören, was das für ein Tier ist. Nach der CD zu urteilen, scheint jedenfalls der Weggang Saages erst einmal keinen weiteren Nachteil bedeutet zu haben. Was ja sehr erfreulich ist.
Danke abermals, und ein gutes neues Jahr!
Viele Grüße,
Friedrich
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
T.Mayr, Donnerstag, 02. Januar 2014, 00:47 (vor 4621 Tagen) @ Friedrich
Von den Fotos her habe ich den Eindruck, dass sich die Farbigkeit der Schmid-Orgel auf das Deckengemälde bezog, die der neuen Seifert-Orgel aber mehr am Kirchenraum orientiert ist. Das nimmt ihr – wiederum den Fotos nach – etwas von der Wucht ihrer Kubatur. Die Dimensionen werden so auch deutlicher.
Die CD klingt übrigens wirklich fabelhaft. Ich muss mich noch auf die Suche nach der einst befragezeichneten Schalmei machen (vielleicht in Walthers »Jesu, meine Freude« irgendwo solo zu hören), um mal zu hören, was das für ein Tier ist. Nach der CD zu urteilen, scheint jedenfalls der Weggang Saages erst einmal keinen weiteren Nachteil bedeutet zu haben. Was ja sehr erfreulich ist.
Der Eindruck täuscht ein wenig: die spätere Farbgebung der Schmid-Orgel nahm hauptsächlich das violett-rot der Bilderrahmen in der Kirche auf. Es wurden die Vorderkanten in diesem Farbton übermalt und die goldenen Schleierbretter angebracht, ein Teil der Zinnpfeifen wurden braun bemalt (vielleicht eher hier der Bezug aufs Deckengemälde?). Die kupfernen Trompeten im Prospekt waren klingend (Trp. 8' des Pedals).
Es ist richtig: In dieser Kirche steht nun vorne an prominenter Stelle eine große Orgel. Dass dies auch schon vor 1964 so war, hat seinen Grund. Denn wer den Kirchenraum kennt, weiß, dass seine kraftvollen Formensprache (z.B. der dominanten geschwungenen Emporen, die den Raum fast völlig umschließen) geradezu nach einem ebensolchen Gegengewicht verlangt. Die Rundungen und die Geschlossenheit des jetzigen Prospekts scheinen mir vor diesem Hintergrund adäquater zu sein als der doch etwas kantige Schmid-Prospekt mit seinen leicht spitzen Winkeln. Ob ein zierlicherer Entwurf diesem Raum wirklich gerecht würde?
Die angesprochene Schalmei entstammt einem sehr frühen Entwurf der Disposition. Klangvorstellung in etwa vergleichbar mit deutscher Oboe, aber etwas obertonreicher. Wir haben uns dann später - als die genaue Klangvorstellung der einzelnen Register konkret wurde - doch für die kleinere Schwester des Cromorne, die franz. Clarinette entschieden. Als Soloregister ist sie auf dieser CD leider nicht zu hören, obwohl sie in der Walther-Partita sicher auch eine gute Wahl gewesen wäre. Zwei andere Zungenregister sind aber solistisch vertreten: Die voix humaine bei Karg-Elert, die Hautbois im Mittelteil des pièce heroïque. Und das famose Fagott des SW (deutsche Kehlen, volle Länge) hört man als 16' + 8' im Pedal der Bach-Fuge.
Zur Intonation: Die Orgel ist die letzte von Andreas Saage & Team intonierte Seifert-Orgel. Gerade an diesem Instrument lag ihm sehr viel. Das kann man hören. Welches Glück! Wie mögen wohl die späteren Seifert-Orgeln klingen?
Viele Grüße
T.Mayr
Seifert-Orgel in Kaufbeuren - Schmid Prospekt Trompeten
untersatz32, Samstag, 07. Dezember 2013, 17:30 (vor 4646 Tagen) @ Friedrich
Hatten diese klangliche Funktion oder waren die einfach nur "dazwischengestellt"???
Grüsse TH
Seifert-Orgel in Kaufbeuren - Schmid Prospekt Trompeten
jrbecker
, Dienstag, 16. Juni 2015, 17:23 (vor 4090 Tagen) @ untersatz32
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Wolfgang Gourgé
, Samstag, 07. Dezember 2013, 20:36 (vor 4646 Tagen) @ Friedrich
Liebe Forenser,
ihr werdet euch erinnern: Im vorigen Forum hatten wir uns ausgiebig über die neue Seifert-Orgel der Dreifaltigkeitskirche in Kaufbeuren ausgetauscht.
Nun gibt es schon die erste CD. Herausgekommen ist sie bei einem in Orgeldingen bewährten Label. Die Klangschnipsel auf der Händlerseite jedenfalls haben ihren Charme.
Wie schon vorausgesagt: Das ist wohl eine gute Orgel, und wie man hier sieht, offenbar ein robustes Stück Orgelbau. Offenbar unten Hauptwerk und Pedal, oben Positiv und Schwellwerk hintereinander. Ihre Architektur sagt mir nach wie vor nicht zu. Hätte man wirklich diesen mächtigen Würfel mitten auf der Empore gebraucht?
....nein. Er liegt schwer im Auge, sozusagen.
Findet:
Wolfgang
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Regermann
, Oberpfalz, Dienstag, 16. Juni 2015, 09:42 (vor 4091 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
In der vergangenen Woche konnte ich die Orgel sehen, hören und spielen. Es zeigte wieder einmal, wie vorschnell hier im Forum Urteile geäußert werden, ohne die Lage vor Ort mit eigenen Augen gesehen zu haben. "Mächtiger Würfel auf der Empore" - nicht nachvollziehbar, die Orgel fügt sich hervorragend und alles andere als massig in den Raum ein. Die klangliche Seite wurde schon gelobt - ja, die Intonation ist eine Klasse für sich. Lorbeer für Andreas Saage & Co. Einer der besten Neubauten, die mir in letzter Zeit begegnet sind. Nachzuhören auf der vorzüglichen, stilistisch gelungenen CD, von der schon die Rede war.
--
freundliche Grüße, Regermann
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
MAT
, Dienstag, 16. Juni 2015, 10:37 (vor 4091 Tagen) @ Regermann
Das sieht man auch auf den Fotos. Das alte Gehäuse wirkte doch eher wie ein Fremdkörper. Das neue Instrument passt sich in den Raum ein und nimmt dessen Formensprache auf. Natürlich wirkt es mächtig, aber so soll es sein. Seit wann müssen sich Orgeln verstecken?
--
Gruß
MAT
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
untersatz32, Dienstag, 16. Juni 2015, 14:39 (vor 4090 Tagen) @ MAT
...siehe Basilika Trier.
Die "durfte" gar nicht schön sein, und es wurden im Nachhinein noch ihre Prospektpfeifen massakriert, mit Säure, damit die "nicht so glänzen..."
Sachen gibt's.
TH
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
friedemannw
, Gießen, Dienstag, 16. Juni 2015, 15:28 (vor 4090 Tagen) @ untersatz32
bearbeitet von friedemannw, Donnerstag, 18. Juni 2015, 11:49
Komischerweise dürfen neue/rekonstruierte Teile bei restaurierten Orgeln optisch nicht an das alte Material angepasst werden, damit man sieht, dass sie neu sind... So wie beispielsweise hier: https://www.flickr.com/photos/22574257@N06/15120807722/. Klar, sie altern von alleine, aber es sieht einfach nicht gut aus, finde ich.
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Kooiker
, Dienstag, 16. Juni 2015, 16:37 (vor 4090 Tagen) @ friedemannw
![[image]](images/uploaded/20150616143638558034760b567.jpg)
Also BORGENTREICH
Borgentreich, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
friedemannw
, Gießen, Dienstag, 16. Juni 2015, 19:08 (vor 4090 Tagen) @ Kooiker
In Borgentreich fand ich's nicht so schlimm. Die neuen, stark bleihaltigen Prospektpfeifen sind an sich schon recht dunkel. Die Restaurierung der Metallpfeifen ist dort echt beeindruckend gelungen. Dort wurden teilweise Pfeifen aufgetrennt, die Platten verbreitert und wieder zu Pfeifen mit rekonstruierten Mensuren verlötet. Sehr aufwendig!
Hier ein Beispiel aus dem Pedal, Körper und Fuß wurden verlängert. Vielleicht war der Fuß vorher an einem anderen Körper angelötet...
![[image]](images/uploaded/20150616165845558055c590244.jpg)
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Evacuant, Dienstag, 16. Juni 2015, 22:30 (vor 4090 Tagen) @ friedemannw
Komischerweise dürfen neue/rekonstruierte Teile bei restaurierten Orgeln nicht optisch an das alte Material angepasst werden, damit man sieht dass sie neu sind... So wie beispielsweise hier: https://www.flickr.com/photos/22574257@N06/15120807722/. Klar, sie altern von alleine, aber es sieht einfach nich gut aus, finde ich.
Es sollte doch eigentlich reichen, wenn man von hinten sieht, dass sie neu sind...
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
hardy
, Mittwoch, 17. Juni 2015, 15:41 (vor 4089 Tagen) @ Evacuant
Bei der "Amalien-Orgel" habe ich mich schon gefragt, wessen Idee das war bzw. warum die neuen Pfeifen also solche sichtbar und, wie ich finde, enorm störend sind. Wenn aber im alten Sinne rekonstruiert werden soll, warum dann nicht auch die optische Erscheinung? Irgendwie typisch deutsch...
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Florian-L
, Donnerstag, 18. Juni 2015, 08:39 (vor 4089 Tagen) @ hardy
bearbeitet von Florian-L, Donnerstag, 18. Juni 2015, 08:43
Wenn aber im alten Sinne rekonstruiert werden soll, warum dann nicht auch die optische Erscheinung? Irgendwie typisch deutsch...
Als die Amalien-Orgel neu war, haben die Prospektpfeifen doch ebenso geglänzt wie die nun hinzugefügten - Rekonstruktion im alten Sinne. ;-)
Patina bekommen die neuen Pfeifen noch früh genug.
Gruß, Florian
Amalien-Orgel, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
friedemannw
, Gießen, Donnerstag, 18. Juni 2015, 09:04 (vor 4089 Tagen) @ Florian-L
Patina bekommen die neuen Pfeifen noch früh genug.
Die neuen Pfeifen werden erst in 260 Jahren aussehen wie die alten Pfeifen jetzt aussehen - nur sehen die alten Pfeifen dann auch 260 Jahre älter aus. Die alten Pfeifen werden also immer älter aussehen und das scheckige Bild wird also lange erhalten bleiben... :)
Amalien-Orgel, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Große Pfeife
, Donnerstag, 18. Juni 2015, 10:04 (vor 4089 Tagen) @ friedemannw
... allerdings werden sich die denkmalpflegerischen Moden bis dahin mehrfach geändert haben...
Amalien-Orgel, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
friedemannw
, Gießen, Donnerstag, 18. Juni 2015, 10:22 (vor 4089 Tagen) @ Große Pfeife
Man hofft's! Im positiven Sinne...
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Friedrich
, Donnerstag, 18. Juni 2015, 11:16 (vor 4089 Tagen) @ friedemannw
Kann es sein, dass wir da gerade etwas bequem von unserer eigenen Gegenwart her denken? Die Orgeln sind um die 300 Jahre alt, wir erleben sie, wenn’s hochkommt, über eine Frist von vielleicht fünfzig Jahren. Sollten wir uns da an solchen gescheckten Prospekten stören und »Verbesserung« fordern, wenn doch eigentlich nur unser Wunsch nach einem äußerlich homogenen Bild nicht erfüllt wird?
Anders gefragt: Gibt es denn überhaupt eine funktionierende Alternative, das Material künstlich zu patinieren? Funktionierend heißt auch: Alt und neu altern nebeneinander auf demselben Stand weiter, und in fünfzig oder hundert Jahren kommt keiner von unserer Sorte daher, zeigt auf eine Pfeife von 2015 und sagt: »Haha, künstlich gealtert, die wollten’s wohl scheen haben, und wir ham jetzt den Salat!«
Orgelbaulich ist es meiner Ansicht nach nicht nur die redlichste, sondern auch die handwerklich und musikalisch sauberste Version, neue Pfeifen so einzusetzen, wie die alten eingesetzt wurden. Zumal die Materialalterung auf den Klang offenbar kaum Einfluss hat, wenn ich da auf den neuesten Stand bin.
Wenn’s nun kunterbunt aussieht, ist nicht dem Orgelbauer die Schuld zu geben, der die Restaurierung ausgeführt hat, sondern den Leuten, die die Pfeifen so behandelt haben, dass sie nun aufgearbeitet oder ersetzt werden mussten.
Viele Grüße
Friedrich
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
Florian-L
, Donnerstag, 18. Juni 2015, 11:54 (vor 4089 Tagen) @ Friedrich
Kann es sein, dass wir da gerade etwas bequem von unserer eigenen Gegenwart her denken? Die Orgeln sind um die 300 Jahre alt, wir erleben sie, wenn’s hochkommt, über eine Frist von vielleicht fünfzig Jahren. Sollten wir uns da an solchen gescheckten Prospekten stören und »Verbesserung« fordern, wenn doch eigentlich nur unser Wunsch nach einem äußerlich homogenen Bild nicht erfüllt wird?
Ja, jede Orgel hat ihre Geschichte, und diese kann man meiner Meinung auch sehen dürfen.
Gruß, Florian
Basilika Trier, Prospektpfeifen, war: Seifert-Orgel in Kaufbeuren
friedemannw
, Gießen, Donnerstag, 18. Juni 2015, 13:25 (vor 4088 Tagen) @ Friedrich
Kann es sein, dass wir da gerade etwas bequem von unserer eigenen Gegenwart her denken? Die Orgeln sind um die 300 Jahre alt, wir erleben sie, wenn’s hochkommt, über eine Frist von vielleicht fünfzig Jahren. Sollten wir uns da an solchen gescheckten Prospekten stören und »Verbesserung« fordern, wenn doch eigentlich nur unser Wunsch nach einem äußerlich homogenen Bild nicht erfüllt wird?
Nein, ich denke nicht so. Wenn ich eine rekonstruierte Pfeife in ein bestehendes Register einfüge, passe ich die Pfeife materialmäßig und mensurmäßig den vorhandenen Pfeifen an. Wenn ich sie dann intoniere, passe ich sie auch dem Klang der vorhandenen Pfeifen an. Wenn es z.B. ein langsam ansprechendes Streicherregister ist, sehe ich auch zu, dass die neue Pfeife genauso "schlecht" anspricht, wie die Nachbartöne, auch wenn ich wüsste, dass die neue Pfeife deutlich besser ansprechen könnte. Nun ist also Material, Form und Klang den alten Pfeifen angepasst. Warum also nicht auch die Optik? Orgelbau ist immer das Streben nach einem homogenen und gefälligen Bild, sowohl das Äußere einer Orgel, als auch das Innere. Für den klanglichen Bereich gilt das natürlich auch.
Praktische Beispiele:
Bei einer Restaurierung einer 60er-Jahre Orgel haben die Prospektpfeifen wieder Seitenbärte bekommen. Die großen Prospektpfeifen (Zinkpfeifen, noch aus der Vorgängerorgel) hatten nachweislich Bärte und funktionierten ohne Bärte nur mäßig gut. Also hab ich wieder welche drangelötet. Lötet man auf alten, bronzierten Zinkpfeifen, geht das meist von sich aus schlecht, es löst sich auch gerne die Farbe ab. Also: Wieder etwas retuschieren, weil sonst sieht's echt aus wie gepfuscht!
Um einen klanglichen Übergang zu den 60er-Jahre-Pfeifen zu bekommen, haben einige dieser Pfeifen auch zusätzliche Bärte bekommen. Zufällig hatte ich Metall des selben Erbauers aus etwa der gleichen Zeit in der Werkstatt. Daraus habe ich die Bärte (mit historischer Patina!) geschnitten und angelötet. Bis auf die "neue" Lötnaht fällt es kaum auf. Sieht gut aus, finde ich.
![[image]](images/uploaded/201506181055235582a39b82594.jpg)
![[image]](images/uploaded/201506181055595582a3bf039f0.jpg)
Bei einer Restaurierung bekommt eine Orgel neue Prospektpfeifen, die in ihren Maßen den alten Zinkpfeifen entsprechen. Schon im alten Zinkprospekt war der Labienverlauf stark unausgeglichen. Die neuen Prospektpfeifen werden eingebaut und natürlich sind die Labienverläufe wieder sehr unausgeglichen, bedingt auch durch die ungleichmäßige Kesseltiefe der alten Prospektstöcke. Sieht aus wie vorher, nur mit neuen Pfeifen. Kann man das so lassen? Nein! Also passe ich alles an (ohne Entfernen von historischer Substanz, mit warmleimgeklebten, säurefreien Lederringen), dass es gut und gleichmäßig aussieht. Sieht gut aus, auch wenn an dem alten, wertvollen Örgelchen kaum eine lotrechte Stelle zu finden ist ;)
Ich habe nichts dagegen, wenn z.B. im Orgelinneren angelängte Pfeifen auch so aussehen (also neues auf altem Material). Wenn es Aussen sehr scheckig aussieht, dann finde ich das störend.
Bei historischen Gehäusen retuschieren selbst Kirchenmaler, Restauratoren & Co. neue Teile. Am Borgentreicher Gehäuse wurde viel rekonstruiert; wäre dort farblich nicht großflächig retuschiert und neu gefasst worden, sähe die Orgel echt besch...eiden aus!
Anders gefragt: Gibt es denn überhaupt eine funktionierende Alternative, das Material künstlich zu patinieren? Funktionierend heißt auch: Alt und neu altern nebeneinander auf demselben Stand weiter, und in fünfzig oder hundert Jahren kommt keiner von unserer Sorte daher, zeigt auf eine Pfeife von 2015 und sagt: »Haha, künstlich gealtert, die wollten’s wohl scheen haben, und wir ham jetzt den Salat!«
Die von Eule in Trier angewandte Methode mit Säuren ist eine bewährte Praxis, womit man Pfeifen oberflächlich auch sehr dunkel hinbekommt. Man kann sich auch Rat bei Metallrestauratoren holen, die da beeindruckende Techniken haben. Z.B. wurden die Prospektpfeifen in Waltershausen mit Metallkonservatorischen Mitteln wieder zum Glänzen gebracht - Substanzverlust gab es nicht! Die Prospektpfeifen waren stark angegriffen durch früheres Abziehen mit der Ziehklinge (!!!) und anschließendes Anfassen OHNE Handschuhe! So wurde in Absprache ein im Orgelbau nicht gängiges, metallkonservatorisches Verfahren angewandt, um wieder ein einheitliches Bild zu erhalten. Zusätzlich wurden die Pfeifen mit Zaponlack (reversibel!) lackiert.
Das heißt für mich !!!NICHT!!!, dass überall die historische Patina entfernt werden soll, man muss hier IMMER gewissenhaft alle Optionen abwägen.
Wenn’s nun kunterbunt aussieht, ist nicht dem Orgelbauer die Schuld zu geben, der die Restaurierung ausgeführt hat, sondern den Leuten, die die Pfeifen so behandelt haben, dass sie nun aufgearbeitet oder ersetzt werden mussten.
Dem Orgelbauer gab ich auch keine Schuld; ich weiß, dass es viele Kollegen gibt, die ein so scheckiges Bild nicht akzeptabel finden. Aber man fügt sich oft merkwürdigen Vorschriften...
Viele Grüße
Friedemann
Seifert-Orgel in Kaufbeuren
untersatz32, Montag, 09. Dezember 2013, 10:06 (vor 4645 Tagen) @ Friedrich
Hast Recht, die Klangbeispiele klingen guuuuuuuuuuuut!!!
![[image]](images/uploaded/201506171445475581881bb896a.jpg)