Sebastian Küchler-Blessing im Dom zu Essen

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 10. April 2014, 18:02 (vor 4584 Tagen)
bearbeitet von Clemens Schäfer, Donnerstag, 10. April 2014, 19:45

Hallo Forum,

durch einen freundlichen Hinweis erfuhr ich vom Vorstellungskonzert Sebastian Küchler-Blessing am 09. 04.2014, 19.30h, in der Hohen Domkirche zu Essen. Das machte mich natürlich neugierig. Da ich ohnehin die Karl-Lagerfeld-Ausstellung im Volkwang-Museum besuchen wollte, verband ich beide Anlässe zu einer Fahrt nach Essen.

Zu Beginn begrüßte der Domprobst den neuen Domorganisten als jüngsten seiner Art in Deutschland, dessen extra angereiste Großeltern, einen Vertreter der Firma Rieger (der wohl am Bau der Orgel vor 10 Jahren beteiligt gewesen war) und Küchler-Blessings Vorvorgänger Prof. Jürgen Kursawa.

Das Konzert hatte zwei Teile. Im zweiten Teil wollte Küchler-Blessing eine viersätzige Orgelsymphonie improvisieren, wobei ihm als Themen Vorschläge aus der Zuhörerschaft dienen sollten. Dazu lagen Zettel für die Konzertbesucher aus, die vor dem Konzert oder in der Pause nach dem ersten Teil mit Wünschen beschrieben werden konnten. Den zweiten Teil des Konzerts habe ich nicht gehört: Um 21.09h ging mein Zug zurück nach Düsseldorf.

Der Eindruck vom ersten Teil des Konzerts war durchwachsen. Küchler-Blessing begann mit Bach, Toccata und Fuge F-Dur, BWV 540. Die langen Pedalsoli kamen präzise; auch sonst stimmten Tempi und Agogik. Die Klangzusammensetzung war dagegen etwas blaß- für dieses Werk etwas zu zurückhaltend.

An zweiter Stelle Alain, Deuxième Fantaisie. Hier waren die Klänge sehr schön. Aber Küchler-Blessing changierte zwischen ppp und pppp. Da nahm die Aufmerksamkeit der Hörer rasch ab, Husten stellte sich ein.

Die Fantasie F-Dur KV 608 lief genau und klangschön ab, die Zwischenteile waren mir aber eine Spur zu zungenlastig.

Bei Alains “Le jardin suspendu” wiederholte sich das Dynamikproblem. Extrem leise gespielt, war höchste Aufmerksamkeit nötig.

Von Jan Esra Kuhl (*1988) gab es “Wendeltreppe für große Orgel und Tonband”. Vom Band kam Orgelmusik. Zunächst eine ostinate Akkordfolge, bei der sich die Erinnerung an verwirrende Zeichnungen einer Treppe einstellten, deren letzte Stufe in die erste Stufe mündet (perspektivische Unmöglichkeiten). Hierzu hatte Küchler-Blessing Einwürfe zu spielen. Zunächst wirkte das ergänzend, dann aber entglitt das Band, wurde offenbar schneller oder langsamer, so daß die Musik vom Band jaulte. Zusammen mit der “richtigen” Musik von der echten Orgel ergab das ein zunehmend kakophones Gemisch.

Am Ende des ersten Teils dann Liszts B.A.C.H.. Hier endlich erwachte die Orgel. Offenbar kam nun auch Schall von hinten. Das Präludium versank dann wieder in ppp, bevor die Fuge im Tiefbaß begann. Das war wieder so leise, daß man kaum die Einzeltöne auseinanderhalten konnte. In einem späteren Themeneinsatz waren dann offenbar schmetternde Trompeten gezogen, so daß es schon wieder übertrieben wirkte. Das Ende donnernd.

Ich saß im südlichen Seitenschiff und hatte die Hauptorgel schräg nach links gut im Blick. Wenige Meter vor mir befanden sich die Bänke des Mittelschiffs, von denen die vorderen für wichtige Orgelfreunde freigehalten waren. Ich schließe daraus, daß ich nicht am akustisch ungünstigsten Platz gesessen habe. Allerdings muß ich zugegeben, daß ich ansonsten keine große Erfahrung mit diesem Raum habe.

Was den zwiespältigen Eindruck erklären könnte, ist noch nicht vollständige Erfassung der Raumakustik durch den Spieler. Vermutlich war es an der Konsole beim Alain keineswegs zu leise. Und das Donnern der rückwärtigen Tropetteria oder dergl. ist dort vermutlich auch nicht so intensiv zu spüren wie im Langhaus. Hier wird sich Küchler-Blessing also vieles vorführen lassen müssen, um selbst das richtige Maß zur Beschickung des Raumes zu finden.

Das Langhaus der Kirche war komplett gefüllt. Der Beifalll nach dem Liszt war freundlich, aber eher kurz. Nun, das war ja auch noch nicht das Ende. Die Zuhörer gingen in die Pause, und ich zum Bahnhof.

Gruß Clemens Schäfer

OT:
Die Lagerfeld-Ausstellung im Museum Volkwang in Essen zeigt die Vielseitigkeit des Modemachers, sein Zeichen- und Fototalent. Von weit her anreisen, kann ich nicht empfehlen, so wichtig erscheint mir das nicht. Aber wer ohnehin nach Essen kommt, sollte die Ausstellung mitnehmen.

Heute war ich im von-der-Heydt- Museum in Wuppertal zur Ausstellung "Menschenschlachthaus”. Thema ist der erste Weltkrieg. Sehr beeindruckend, was hier zusammengetragen wurde. Das Museum selbst besitzt bedeutende Beispiele der Kunst jener Zeit (Beckmann, Kirchner, Grosz, Leger, usw. Unbedingt sehenswert. Und dafür auch eine Reise wert.

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Piano heißt nicht schwach sondern leise, Forte nicht laut sondern kräftig (Artur Rubinstein)


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