Sebastian Küchler-Blessing im Dom zu Essen

Karsten @, Freitag, 11. April 2014, 23:27 (vor 4584 Tagen) @ Clemens Schäfer
bearbeitet von Karsten, Freitag, 11. April 2014, 23:48

Hallo!

Erst einmal herzlichen Dank an Clemens Schäfer für seine ausführlichen Eindrücke dieses Konzerts. Ich war leider selbst nicht da, kann also diese Eindrücke nicht aus persönlicher Erfahrung bestätigen oder entkräften.

Ich muss jedoch gestehen, dass ich manche Formulierungen etwas unglücklich gewählt finde. Diese lassen das Konzert in einem schlechteren Licht stehen, als es wohl tatsächlich war.

Besonders breit getreten wurde - auch hier im Forum - das Problem einer "zu leisen" Registrierung.
Ich würde Eulen nach Athen tragen, wenn ich hier mit den Regeln, dass sich die Interpretation (also auch Tempo, Agogik und eben Registrierung) nach dem Instrument, Raum und natürliuch auch Situation (Konzert, Gottesdienst...) richten solle, ankommen würde, unabhängig von dem, was in den Registriervorschriften steht (die die meisten Komponisten ja auch eher als Vorschläge betrachteten).

Dennoch, erst einmal ein Blick in die Noten (wiederum Eulen nach Athen tragend):

J. Alain: Le jardin suspendu:
Grundregistrierung ist im Récit eine "Dulciane (ou Gambe) 8'" im pp, dazu im Pos die "Flute douce 4'". Das Stück soll in der Ausgangsregistrierung im ppp enden. D.h. also Schweller anfangs nicht komplett zu.

J. Alain: Zweite Fantasie:
Beginn und Ende mit Salicional 8' (Pos) und Gambe 8' (Rec).

Das sind in der Tat "leise" Registrierungen, auch (oder gerade) für französische Verhältnisse (wo die Streicher ja recht kräftig sind). Und wie zu Recht angedeutet wurde: in einer großen, vollbesetzten Kathedralkirche wie Köln oder Paris wäre eine solche Registrierung unter bestimmten Umständen wohl verfehlt. Aber auch bei einem gut besetzten Konzert im Essener Dom scheinen mir dort solche Hintergrundgeräuschkulissen wie in Köln oder Paris nicht erreicht worden zu sein. Zumal ja der Tourismusverkehr nicht wie in Notre-Dame während des Konzertes weiterläuft.

Bevor man aber die Registrierung kritisiert - die insb. im Falle von Jehan Alain einen besonderen Klangeffekt bewirken soll und damit wesentlicher Bestandteil der Komponistenintention ist - sollte man fragen, ob denn der "Fehler" nicht auch bei den Rezipienten lag. Oder war es denn überhaupt ein "Fehler"? Das wurde hier teilweise in der Folge der Beiträge leider unterstellt. Herr Schäfer schrieb nie, dass man minutenlang NICHTS gehört habe.

Ja, diese Registrierungen sind extrem leise und sollen es auch sein. Wenn Herr Schäfer die Nuancen vom ppp und pppp von seinem Platz aus wahrgenommen hat, dann spricht das - trotz Husten - doch einmal für das Publikum, dass trotz Huster so lange Ruhe und Konzentratiuon aufrecht erhalten hat, für Herrn Schäfers Gehör und geschulte Aufmerksamkeit und vor allem für die Orgelbauer, die es geschafft haben, die Orgel so zu intonieren, dass diese Nuancen auch in einem (fast) vollbesetzten Raum erfahrbar sind, also dass der volle Raum solch leisen Klänge trägt.

Hustenanfälle kommen in allen Konzerten vor, sie mögen in solchen pp-Passagen besonders störend auffallen. Aber einen direkten Zusammenhang zwischen Lautstärke und (Zunahme) der Hustenanfälle oder mangelnder Konzentration zu ziehen, halte ich gelinde gesagt für sehr gewagt ;)
(Hat jmand mal erlebt, dass sich Konzertbesucher über die ständigen unhörbaren Streicherpassagen im ppp in den Sinfonien von Bruckner, Debussy, Ravel, Mahler etc. beschweren?)

Um zum anderen Extrem zu kommen:
Bei Liszt (und dem Programm im Internet nach auch in dem zweiten Konzertteil mit Gigouts Grand Choeur dialogué) kam das Auxillaire-Werk zum Einsatz. Herrn Schäfers Sitzplatzbeschreibung nach hatte er das Auxiliare wohl direkt im Rücken. Es ist nur natürlich, dass dann der Einsatz solcher Teilwerke bei Orgelanlagen (man denke nur an Passau, Paderborn oder Waldsassen) für die Besucher in deren Nähe besonders präsent wirkt. Der ideale, ausgewogene Platz ist dann wohl eher im Hauptschiff, auf halber Strecke zwischen beiden Orgelteilen. Aber auch da sollen solche Chamaden und HD-Werke als solche erfahrbar sein, es MUSS donnern! Und auch wenn historische romantische Orgeln trotz der Größe dynamisch eher "maßvoll" sind, ist die (Orgel-)Musik eines Liszt, Reubke, später natürlich Reger und Karg-Elert gerade für solche dynamische Extreme angelegt, die "übertriebene" Registrierungen verlangen. Also hier sehe ich ebenfalls (grundsätzlich) erst mal kein Fehler, sondern konsequente Nutzung der klanglichen Ressourcen.

Zu dem Stück "Wendeltreppen" von Esra Kuhl möchte ich aus dem - von einem Konzertbesucher weitergegebenen - Programmtext zitieren, der die Ausführungen von Herrn Schäfer etwas präzisieren mag;

"Diese im vergangenen Februar durch Prof. Martin Schmeding uraufgeführte Komposition für Orgel und Tonband beschäftigt sich mit einer besonderen Stelle aus der Fantasie g-moll BWV 542 von Johann Sebastian Bach: einer „ewigen Tonleiter“, die den ganzen Tonraum des Pedals durchschreitet, um beim Erreichen des tiefsten Tons um zwei Oktaven versetzt wieder nach unten zu schreiten. Die akkordischen Rückungen in den Oberstimmen verfolgen dieses Prinzip in entgegengesetzter Richtung – und auch so „kann es immer sein“ bzw. weitergehen. Der junge Komponist Jan Esra Kuhl nun beschäftigt sich mit diesen prägnanten Takten, indem er die Idee der ewigen Tonleiter weiterführt und in einem Zwiegespräch zwischen Tonband und Orgel die Idee der Rückung durchdenkt. Die hierbei erklingenden Akkorde und Linien sind sämtlich entweder original Bach oder aber Bach konsequent fortgeführt; das wirklich Umstürzende dieser Komposition aber geschieht auf anderem Wege."

Dieser "andere" umstürzende Weg ist die von Herrn Schäfer beschriebene Manipulation der Klänge auf dem Tonband. Die Klänge werden eben immer weiter geführt auf eine Weise, die technisch auf der Orgel so nicht realisierbar ist. "Jaulen" und "Kakophonie" - mögen sie auch nur beschreibend gedacht sein - haben einen so negativen Beigeschmack, dass ich sie vielleicht nicht unbedingt benutzt hätte.
Für mich klingt das beschriebene Werk nach einem spannenden und zumindest hörenswerten Klangexperiment/-collage.

Sehr irritiert hat mich die vermeintliche(?) Zungenlastigkeit bei der f-Moll-Fantasie von Mozart. Die Ecksätze würden Zungen durchaus vertragen, der Mittelteil aber gerade nicht - und es würde mir schwerfallen zu glauben, dass dort auch wirklich Zungen eingesetzt wurden.

Der Konzertbesucher, selber nebenamtlicher Organist und mit der Essener Domorgel durch manche Konzertbesuche recht vertraut, äußerte sich jedenfalls bezgl. dieses Konzerts - was Registrierkunst, Agogik, Musikalität, Virtuosität etc. angeht - durchweg positiv.

Gruß
Karsten


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