Stumm mal ganz lebendig ... Ein Besuch in Bad Sobernheim

jrbecker @, Sonntag, 19. Januar 2014, 23:46 (vor 4603 Tagen)
bearbeitet von jrbecker, Montag, 20. Januar 2014, 08:52

Es gibt erfolgreiche und weniger erfolgreiche Tage ... heute war einer von der ersten Sorte. Ich habe am vormittag den Gottesdienst in der Bad Sobernheimer Matthiaskirche besucht und nach einem sehr netten Gespräch beim anschließenden Kirchkaffee überreichte man mir einen Emporenschlüssel und damit die Möglichkeit, im freien zeitlichen Rahmen im Laufe des Nachmittags die Stumm-Orgel der Kirche näher kennenzulernen. Sie wurde 1739 durch Johann Michael Stumm errichtet, Renovierungen (mit "Modernisierungen", wie es auf der offiziellen Orgelwebsite heißt) erfolgten 1878 und 1910, es folgte die Konfiszierung der Prospektpfeifen zu Kriegszwecken und zwei weitere Eingriffe 1940 und 1970-72. Dieser letzte Eingriff wurde - wenn ich es richtig im Sinn habe - durch Kemper durchgeführt. Von Stumm war zwar nach alledem noch ziemlich viel "Rohmaterial" vorhanden, jedoch klang es offensichtlich wie jede andere Kemper-Orgel dieser Zeit auch, wie man wohl den Klangbeispielen auf der oben verlinkten Website entnehmen kann.

Im Jahr 2005 erfolgte eine umfangreiche Instandsetzung und fachgerechte Restaurierung durch den Orgelbauer Rainer Müller aus Merxheim. Diese Arbeit ist in AO 1/2007 sehr ausführlich dargestellt, wo auch ausführlich erläutert ist, welche Bestände noch original sind und was rekonstruiert werden musste. Bemerkenswert ist an dieser Orgel vor allem, dass sich hier auch Zungenstimmen aus der Erbauungszeit des Instruments erhalten haben: Die Hauptwerkstrompete und das Cromhorn des Rückpositivs sind wohl weitgehend original, während die beiden anderen Zungenstimmen 2005 rekonstruiert wurden. Die Disposition findet sich hier.

Es war ein wenig finster in der Kirche, da das Wetter heute keinen Sonnenschein bot und die wunderschönen Buntglas-Fenster der Kirche in den Seitenschiffen liegen und kaum Licht bis ins Hauptschiff fallen lassen. Da ich schon seit jeher wo immer möglich auf den Einsatz des Blitzes verzichte, tat ich es trotzdem auch hier, die Belichtungszeiten lagen bei zwischen 20 und 45 Sekunden. Da heißt es, Zeit mitbringen...

Hier ein paar Fotos, zunächst ein Blick auf den Prospekt:
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Um einen Eindruck von der Größe des Raumes zu erhalten: Von der Vorderkante (Prospekt) des Rückpositivs bis zur ersten Bankreihe (die Gesangbuchablage dieser ersten Bankreihe im Hauptschiff war mein Fotostandpunkt) sind es etwa 15 Meter. Ebensoweit ist es von dieser ersten Bankreihe bis zum Altar, hier der Blick von meinem Fotostandpunkt in die andere Richtung:
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Eine Gesamtsicht durch die Kirche - schwierig zu fotografieren, weil die Fenster im Chorraum doch deutlich transparenter sind:
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Betritt man die Empore, sieht man als erstes auf das Pedal und die darunter bzw. dahinter im Turmraum angeordnete Balganlage:
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Die 2005 in ihrer Ursprünglichkeit wieder hergestellte Spielanlage offenbart sich - im Gegensatz zu manch anderer, räumlich sehr eingeschränkten Anlage - als durchaus gut bedienbar und keineswegs beengt. Das Pedal ist nicht nur vom Tonumfang her kurz (CD-g°), sondern auch von der Tastenlänge her. Mit mehr als der Spitze kommt man hier nicht weiter:
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Hier ging dann tatsächlich ohne Lampe und Blitz doch nichts. Der Manualumfang reicht von CD-c³, was die Literaturauswahl natürlich ebenso entsprechend einschränkt wie der geringe Pedalumfang und dessen Bauart. Die Orgelbank ist - gegenüber heutigen Verhältnissen - relativ spärlich, aber das ist keineswegs schädlich...:
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Auch die Tasten der Manuale sind deutlich kürzer als unsere modernen Tastaturen. Aber die Traktur ist leichtgängig, fast cembalistisch zu spielen. Die beiden kleinen Riegel links und rechts auf den Manualbacken bedienen die Manualkoppel, zieht man sie heraus, ist die Koppel abgestoßen, schiebt man sei hinein, wird das untere (Rückpositiv) an das obere Manual (Hauptwerk) gekoppelt. Die Pedalkoppel ist als Registerzug ausgeprägt.

Nun ein wenig zum Klang: Die Klangfarben sind allesamt sehr charakteristisch: Der 8'-Prinzipal trägt und fundiert den Klang sehr nobel, die darüber liegenden Oktaven "singen" in der wunderbaren Akustik der Kirche. Das Mixturplenum des Hauptwerks strahlt einen edlen Glanz aus, es füllt den großen Raum strahlend, aber nicht grell. Zieht man die Trompete noch hinzu, ist der Klang an Festlichkeit nicht zu überbieten - aber auch die Lautstärke am Spieltisch ist dann schon sehr kräftig - im Kirchenraum jedoch klingt das nicht überdimensioniert. Gegen ein solches Plenum können sich natürlich die beiden Pedallabialen nicht alleine durchsetzen, hier ist die Koppel erforderlich. Diese beiden Pedalregister sind eher zurückhaltend intoniert, sie müssen ja auch die leisen Klänge der Orgel grundieren können. Sie wachsen jedoch ans Hauptwerk gekoppelt mit jedem hinzugezogenen Register und sind gut wahrnehmbar. Die Posaune schließlich - oh oh ... ja, ich möchte sagen, die "haut durch" ... Eindeutig sind Funktion und Sound, ich vermute einmal, dass dieses Register nur sparsam zum Einsatz kommen wird. "Profund" dürfte die richtige Bezeichnung sein, das kommt schon gut im Gesamtklang des Instruments.

Das Mixturplenum des Rückpositivs ist ein stabiler Partner des Hauptwerks, es klingt - wie man das bei der höher liegenden Basis auch erwartet - frischer, allerdings auch hier ohne schrill zu werden. Dies führt zu einer angenehmen Unterscheidbarkeit des Klanges, ohne langweilig zu werden.

An dieser Orgel gibt es unter den insgesamt 25 Registern gleich drei Streicher-Register barocker Mensur und Intonation: im HW Violdigamb 8' und Solicinal 4', im Rückpositiv Solicional 8', das jedoch nur im Diskant gebaut ist. Das erschließt sich mir nicht wirklich, denn da die übrigen Register nicht geteilt sind, kann es entweder tatäschlich nur im Diskant benutzt werden oder in Verbindung mit dem Getact 8', was einen sehr reizvollen Klang ergibt, aber trotzdem: Für welche Stücke würde man das sinnvoll verwenden?

Nun aber zu den Stimmen, die mich besonders fasziniert haben: Das sind die Getacte und die Flöthen dieser Orgel, dazu auch das Cornet als Solostimme. Alleine mit diesen wenigen Registern hätte ich das doppelte der Zeit ganz locker verbringen können, ohne dass ich mich sattgehört hätte. In der 8'-Lage sind die Register weich und cantabel, sie eigenen sich hervorragend sowohl zur Begleitung als auch als Basis für Soloregistrierungen und erfüllen damit die ihnen zugedachten Zwecke zur Zufriedenheit des Spielers. Die Register der 4'-Lage sind in ihrer Tonsprache offener, sie sind sehr schön auch alleine zu gebrauchen und erweitern damit die Vielfalt der Registrierungsmöglichkeiten dieser an sich schon großen Orgel.

Die beiden Zungen des Rückpositivs möchte ich schließlich nicht vergessen. Die Vox humana ist eine zarte Solostimme, die sich schön gegen das Getact des HW setzen lässt, auch gegen die beiden Streicher ergibt das einen sehr schönen Klang. Das Cromhorn spricht eine kräftige Sprache, man kann hiermit sehr schön "à la francais" spielen, c.f.-fähig in allen Lagen, und auch ein "Cromorne en basse" funktioniert bestens.

Was mir nicht gefallen hat war der Tremulant ... der schlägt mir einfach viel zu hektisch. Da bräuchte ich tatsächlich noch ein wenig Zeit um herauszufinden, für was ein so wilder Tremulant denn tatsächlich gut klingen könnte... Ach ja eine andere Anmerkung noch: Die Tonhöhe ist mit 470 Hz für a' schon deutlich hoch, was für den Gemeindegesang bei bestimmten Liedern durchaus grenzwertig ist (Jesu, meine Freude stand heute mit auf dem Programm).

Fazit: Das ist ein Instrument, das es von seiner Bedeutung her ohne Einschränkung ganz oben mitspielt. Sowohl klanglich wie auch von seiner Originalität her ein Denkmal ersten Ranges und auf jeden Fall eine Reise wert!

LG
Jörg

Edit: diverse Tippfehler korrigiert, Informationen ergänzt


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