Orgelkonzert in Berlin, Sonntag

Friedrich @, Sonntag, 07. Oktober 2012, 19:37 (vor 5130 Tagen) @ Friedrich

So, nun bin ich wieder da nach einer kalten Radfahrt aus Mitte in mein Quartier (vulgo »Kiez«).

Zu Thomas Sauers Konzert in der Hedwigskathedrale waren etwa hundert Leute erschienen – ganz gut eigentlich für das unfreundliche Oktoberwetter am Sonntagabend mit parallel laufendem »Tatort«.

Sauer begann pünktlich mit dem düsteren Vierne-Einstieg. Florians Eindruck kann ich bestätigen: Sauer ging das Stück ziemlich flott an, es war tatsächlich nach einer halben Stunde vorbei. Wer z. B. Ben van Oostens grandios ruhige Aufnahme aus Toulouse im Ohr hat (sollte jeder haben, übrigens), der musste sich wundern. Das Tempo war eher Andante con moto statt Grave; das Allegro molto marcato wurde zum Allegro energico. Das Scherzo bekam dann – da stimmten die Proportionen – ein sattes Presto-Grundtempo. Das Finale war gar nicht so geschwinde, da kamen die großzügigen Themenbögen mit generösem Schwung. Es war alles gut gespielt, die Agogik stimmte innerhalb des Temporahmens; allerdings gab es auch ein paar Gasttöne. Mein Gesamteindruck war: Das Stück bleibt gut, wenn einer es so beherrscht; langsamer wäre es mir allerdings lieber gewesen, schon der ausgetüftelten Chromatik wegen, die sich in ruhigerem Tempo doch ziemlich klärt.

Widors Fünfte war ebenso flott – hui, der dritte Satz besonders, da war im Trio richtig Krieg, mit Fanfaren und Erdbeben –, das Werk geriet Sauer aber insgesamt weitaus klarer; als er anfing, hatte man ein wenig das Gefühl, er wäre nach Hause gekommen. Der Variationensatz war wunderbar – die Laufvariation begann mit dem RP-Quintatön, sehr gute Wahl! –, der Liedsatz schön kantabel; das Adagio war ebenso klar wie die Toccata. Das machte insgesamt viel Spaß.

Von der Orgel war der Eindruck wieder gemischt. Sie eignete sich mit ihrem großen Schwellwerk und den schönen Pedalgrundstimmen (einen echten 32' vermisst man nicht) im Prinzip gut; aber wenn es in Richtung Forte ging, erwies sich das RP oft als etwas zu leicht, um noch eine ernstzunehmende Rolle zu spielen. Seine 8'-Rohrflöte zeigte sich im Eingangssolo zum zweiten Widor-Satz wenig charmant. Die SW-Oboe klingt immer etwas dick und kehlig, vielleicht ein Erbe aus der Zeit, bevor die Trompette ins SW dazukam und die Oboe auch deren Aufgaben übernehmen musste. Ein eleganterer, obertönigerer Hautbois hat mir oft gefehlt. Auch wurde klar, dass diese mächtige, schluckige Flûte harmonique im SW keinen flinken, dunklen Bourdon ersetzt (das Holzprinzipal klingt nicht unbedingt leise und etwas neutral). Überhaupt klang das SW vielfach, trotz Maximalbesetzung (19 Register!), etwas dumpf – da denke ich dann, dass Cavaillé-Coll schon wusste, warum er da allen Labialen Expressionen mitgab und den Zungen einen erhöhten Sägefaktor.

Auf jeden Fall hat sich wieder gezeigt, dass Sauer ein gewandter Spieler ist und die Franzosen gekonnt auf seine große Orgel zu übersetzen weiß. Was Viernes Fünfte angeht, kam mir ein kühner Gedanke – dass ich die nämlich gerne Mal im Dom hören würde …

Gruß,
Friedrich


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