Orgelkonzert in Berlin, Sonntag

Cor de Basset, Montag, 08. Oktober 2012, 14:41 (vor 5130 Tagen) @ Friedrich

Sauer begann pünktlich mit dem düsteren Vierne-Einstieg. Florians Eindruck kann ich bestätigen: Sauer ging das Stück ziemlich flott an, es war tatsächlich nach einer halben Stunde vorbei. Wer z. B. Ben van Oostens grandios ruhige Aufnahme aus Toulouse im Ohr hat (sollte jeder haben, übrigens), der musste sich wundern. Das Tempo war eher Andante con moto statt Grave; das Allegro molto marcato wurde zum Allegro energico. Das Scherzo bekam dann – da stimmten die Proportionen – ein sattes Presto-Grundtempo.

Schade, denn Vierne schreibt ausdrücklich "Tempo di scherzo ma non troppo".

Das Finale war gar nicht so geschwinde, da kamen die großzügigen Themenbögen mit generösem Schwung. Es war alles gut gespielt, die Agogik stimmte innerhalb des Temporahmens; allerdings gab es auch ein paar Gasttöne. Mein Gesamteindruck war: Das Stück bleibt gut, wenn einer es so beherrscht; langsamer wäre es mir allerdings lieber gewesen, schon der ausgetüftelten Chromatik wegen, die sich in ruhigerem Tempo doch ziemlich klärt.

Ich kann es eigentlich nicht glauben, dass Thomas Sauer die 5. Vierne-Symphonie in einer halben Stunde gespielt haben soll. Selbst Günther Kaunzinger hat keinen derartigen Geschwindigkeits-Rekord in seiner Waldsassen-Einspielung aufgestellt. Bei einer der jeweiligen Akustik angemessenen Interpretation der fünf Sätze komme ich auf folgende Zeiten:

1. Satz (Grave): 7 1/2 Minuten
2. Satz (Allegro molto marcato): 8 1/2 Minuten
3. Satz (Tempo di scherzo ma non troppo): 5 Minuten
4. Satz (Larghetto): 10 Minuten
5. Satz (Final): 11 Minuten
Gesamtspielzeit: 42 Minuten.

Im Gegensatz zu den Symphonien 1-4 und 6 habe ich bei der Textur der 5. Symphonie den Eindruck, dass Vierne sie nicht für einen Raum mit viel Nachhall konzipiert hat, sondern vielmehr für einen Konzertsaal. Bei dieser Symphonie stimmen meiner Meinung nach auch die Metronomangaben Viernes. Sie ist das musikalische Gegenstück zu Richard Wagners "Tristan und Isolde", was sich gleich innerhalb der ersten Takte des "Grave" zeigt (bei der Vorstellung des zweiten Themas und dessen Harmonisierung, die dem berühmten "Tristan-Akkord" sehr nahe kommt).


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