Radiotipp

Friedrich @, Samstag, 16. März 2013, 20:24 (vor 4963 Tagen) @ Contrebasson 32'
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 16. März 2013, 21:19

...allerdings kommt die Orgel beim letzten Satz im Radio nicht so majestätisch herüber. Wahrscheinlich ist aber im Saal alles bestens ausgesteuert. Das ist eben das Problem bei solchen Übertragungen.

Man fragt sich beim Hören, ob beim Finalbeginn überhaupt Manualzungen drin sind. Ich finde, die Interpretation geht in dieser Hinsicht am Stück vorbei (wenn sie auch sonst ganz schön gespielt ist; da gibt es traumhafte Streicherklänge, schön präzises und leises Blech, herrliche Flöten, und die etwas kehlige Oboe gefällt mir ganz gut). In der Partitur steht bei der Orgel zum Finalbeginn allerdings nur f, alle sonst üblichen französischen Registrierangaben fehlen – das ist also ganz schwer Interpretationssache.

Die Uraufführungsorgel in der Londoner St James’s Hall war eine Gray & Davison von 1858; nicht auszuschließen, dass die hinter einer französischen Orgel der Zeit ziemlich zurückblieb.

Ich stelle mir so etwas vor wie ein moderates Tutti, also GPR, GO Fonds 16 8 4 + Anches 8 4 (incl. Pleins-jeux), Pos Fonds + Anches 8 4, R Fonds + Anches 16 8 4, P Fonds + Anches 16 und Tirasse GO (bzw. Tirasses GPR), alles ohne Octaves graves. Dann hat man noch ordentlich etwas zum Draufsatteln und trotzdem einen intensiven Klang.

Dann die p-Stellen unter den Klavier-Arpeggien, wo in der Stimme nur »p« steht: Für mich ist das ganz klar ein Demi Grand Chœur, das p bezieht sich also auf den Stand der Jalousien; der französisch geschulte Organist würde also nur die Appels GO, Pos und P abstellen, oder er spielt auf R allein, oder er stellt die Anches Pos und P ab und wechselt aufs Pos-Manual. Power-Biggs und Ormandy haben das so aufgenommen, mit Tutti im geschlossenen Schwellkasten, und es klingt grandios. Guillou macht dann sogar ein < auf dem letzten p-Akkord – perfekt!

So etwas weiß ein Dirigent aber in der Regel nicht. Der braucht dann eine Einführung in französische Orgelkunde. Dass das so ist, muss er aber erst einmal einsehen, da wird’s dann diplomatisch.

Über die Jahre habe ich immer mehr gestaunt, wie gut die Biggs-Ormandy-Aufnahme insgesamt immer noch abschneidet – in Orchesterspiel, Orgelspiel, Gesamtinterpretation und Aufnahmetechnik. Dabei kam sie mir beim ersten Hören (1984?) enttäuschend trocken vor. So gewöhnt man sich.

Gruß,
Friedrich

P. S.
“Nevertheless, by 1875, the house style of Gray & Davison was for fairly mild-toned fluework, modest power and smooth reeds, and this was to influence Rothwell for the rest of his career.” Zitat von hier.


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