Radiotipp
was hälst du von der Aufnahme Roth/Roth in St. Sulpice, wenn du (oder jemand anderes hier) sie kennt?
Auf die Frage hin habe ich sie gleich runtergeladen und mir endlich mal angehört. Die ist in der Tat sehr schön – gut, wenn jemand am Pult steht, der was von Orchesterinstrumenten und von der Orgel versteht und der den Organisten gestalten lässt. Was FX Roth im Adagio aus den Streichern herausholt – z. B. diesen kleinen Schweller in der Begleitung am Ende des ersten Themendurchgangs –, das ist exquisit, und darauf kommen nicht alle.
Eigentümlich ist natürlich der vibratoarme Streicherklang des Orchesters Les siècles und die Schärfe, die er den Bassregistern gestattet – die sägenden Posaunen und das im Forte sehr zottige Fagott. Er versteht auch, dass Saint-Saëns bisweilen regelrecht registriert und warum er das tut (in den Wiederholungen des Adagio etwa die sehr aparte Mischung Posaune und Klarinette). Das Blech erreicht freilich im Ensemble nicht die Präzision, die das Philadelphia oder auch die Wiener Symphoniker draufhaben. Französisches Holz dagegen macht immer Spaß, so auch hier.
Die Orgelpartie und die Rolle des Instruments im Ensemble ist im Finale tatsächlich unerreicht. In der Abmischung klingt die Orgel von Saint-Sulpice groß und weich und trotzdem kraftvoll, regelrecht orchestral. Der Schwellwerkseinsatz ist wunderschön, sehr geschmackvoll und künstlerisch, auch wenn die Lade offenbar in einer kühleren Zone der Kirche steht und merklich tiefer intoniert. Beim C-Dur-Schluss passiert dann unüberhörbar, wovor es Orchestern und Dirigenten graust: Druckabfall und damit ein leichtes Absacken der Stimmung. Eine spezialisierte Konzertsaalorgel reagiert da vermutlich anders. Umso lobenswerter, dass das die Familie Roth nicht kümmert und sie die Aufnahme hat veröffentlichen lassen. Die dramatische Stretta reißt die leichte Einbuße reichlich heraus. Perfekte Tempokontrolle.
Das ist tatsächlich eine sehr schöne und empfehlenswerte Aufnahme. Sie bestätigt mal wieder meinen Verdacht, dass es nicht viele Orgel-Orchester-Stücke gibt, die an die Saint-Saëns-Sinfonie rankommen. Da lohnt es sich doch, wenn Komponist und Interpreten auf dem gleichen intellektuellen und künstlerischen Niveau stehen.
Gruß,
Friedrich
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