Orgeln in Marburg (4)

Dorforganist @, Dienstag, 18. Juni 2013, 21:40 (vor 4820 Tagen) @ Dorforganist

Ein halbstündiger Spaziergang zur Matthäuskirche im Vorort Ockershausen führte am nächsten Tag zu einer Orgel, für die „widersprüchlich“ die charakterisierende Bezeichnung ist. Wer sich dieser 60er-Jahre-Kirche nähert, erwartet wohl eher eine Orgel mit solcher Optik:

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und diese füllte auch bis 2001 die Nische, in der jetzt eine 20(+3)-registrige Orgel des friesischen Orgelbauers ter Haseborg steht – mit einem quasibarocken Prospekt

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und diversen historisierenden Spielereien wie Manualschiebekoppel (deren Existenz Insiderwissen voraussetzt), (noch nicht eingebautem) Zimbelstern, handbeschrifteten Registerschilderchen (exakt zwischen den Manubrien, so dass man jedes Mal überlegen muss, ob sie über oder unter dem zugehörigen Zug liegen) und gedrechselten Registerzügen, deren vertikale Reihen ziemlich weit auseinanderliegen, so dass man sich zum Umregistrieren im Brustwerk am besten an der Orgelbank festhält – zumal die Registerzüge für das Pedal (und die Koppeln) die ersten beiden Reihen auf der rechten Seite(!) beanspruchen.

Die auf den ersten Blick ebenfalls barocke Disposition wartet mit relativ vielen Grundstimmen auf, was sie für frühe Romantik erstaunlich gut verwendbar macht. Der Klang verliert im Kirchenraum nach hinten (die Orgel steht rechts vom Altar) zusätzlich an Obertönigkeit und ist weitaus grundtöniger als die Optik der Orgel vermuten lässt. Zwei Transmissionen ins Pedal geben ihr ein ziemlich sattes Fundament, das man ihr aufgrund ihrer Größe nicht zugetraut hätte. Auffällig ist der zurückhaltende, mehr flötige Prinzipal und die eher romantische Gamba, die keine Ambitionen zum Sägen hat. Die Mixtur scheint ziemlich früh zu repetieren und klingt nicht unbedingt nach 1 1/3'.

Für die Obertönigkeit scheint mehr das Brustwerk zuständig zu sein, das von einer Traktur angespielt wird, die jedem Orgelschüler zur Pflicht gemacht werden müsste: extrem sensibel aufgrund der kurzen Wege macht sie jede Schlamperei sofort hörbar und fordert einen sehr gleichmäßigen und lockeren, quasi cembalistischen Anschlag. Der Tremulant, der aufs ganze Werk zu wirken scheint, war hingegen ein Erlebnis der besonderen Art: er rumpelt derart laut, dass man Angst bekommen kann, die ganze Orgel würde wie eine Waschmaschine mit Unwucht zu wandern anfangen. Ob das so beabsichtigt war, ist zu bezweifeln – ich habe jedenfalls vorsichtshalber während der nahezu vier ungestörten Stunden auf seine Verwendung verzichtet, bevor ich mich wieder auf den Weg ins Zentrum und zu meiner Frau gemacht habe.


Zwei schöne Tage auf vier Orgeln in Marburg, während die Gattin in Vorträgen und Workshops sitzt – das ist doch mal ein „Damenprogramm“ der anderen Art, ermöglicht vom Mitforisten jrbecker, dem ich ganz herzlich für seine freundliche Aufnahme und reibungslose Organisation der Zugänge zu den Orgeln danken möchte!

(Zudem hat er für diesen Bericht die Fotos beigesteuert, die sich z.T. in den Einträgen in www.organindex.de finden, z.T. auch während unserer Expedition neu entstanden sind.)


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